Die Angst wegschmeißen“

Labournet​.tv erinnert in ihrem jüngsten Film an den Zyklus der Arbeitskämpfe in der norditalienischen Logistikbranche.

Seit 2011 kämpfen in Italien meist migran­tische Arbei­te­rInnen in der Logis­tik­branche für reguläre Arbeits­be­din­gungen. In vielen großen Unter­nehmen ist es ihnen gelungen, durch ent­schlos­senes Vor­gehen die Ein­haltung der natio­nalen Stan­dards zu erzwingen und sich gegen die Vor­ar­bei­te­rInnen, die Leih­ar­beits­firmen, die Polizei, die großen Gewerk­schaften und die großen Medien durch­zu­setzen. Sie waren auch deshalb erfolg­reich, weil sie auf die eigene Kraft ver­trauten und auch in scheinbar aus­sichts­losen Situa­tionen die Kon­fron­tation mit den Bossen nicht scheuten. Durch ihre ent­schlossene Haltung erreichten sie es, dass sich große Teile der radi­kalen Linken aus Mailand und anderen nord­ita­lie­ni­schen Städten mit ihnen soli­da­ri­sieren und ihre Aktionen unter­stützen. Der Arbeits­kampf hat die bisher recht­losen Arbei­te­rInnen mobi­li­siert. Eine zen­trale Rolle dabei spielt die Basis­ge­werk­schaft Sin­dicato Inter­ca­teo­riale Cobas (S.I. Cobas).

Vor zwei Jahren hatte unsere Gewerk­schaft in Rom drei Mit­glieder. Heute sind es drei­tausend“, erklärt Karim Fac­chino. Er ist Lager­ar­beiter und Mit­glied der ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft S.I. Cobas. Der rasante Mit­glie­der­zu­wachs der Basis­ge­werk­schaft ist auch eine Folge der Selbst­or­ga­ni­sation der Beschäf­tigten. „Wir haben keine bezahlten Funk­tionäre, nur einen Koor­di­nator, doch sein Platz ist nicht am Schreib­tisch eines Büros, sondern auf der Straße und vor der Fabrik“, betont Fac­chino. Er war im Mai 2014 Teil­nehmer einer Dele­gation ita­lie­ni­scher Gewerk­schaf­te­rInnen und Unter­stüt­ze­rInnen aus der außer­par­la­men­ta­ri­schen ita­lie­ni­schen Linken, die hier­zu­lande über den erbittert geführten Arbeits­kampf infor­mierte, der fast vier Jahre andauerte. Zwei Monate vorher hatte eine Dele­gation von S.I. Cobas auf einem Treffen euro­päi­scher Basis­ge­werk­schaf­te­rInnen über den Kampf der Logis­tik­ar­bei­te­rInnen in Italien berichtet. Bei dem kleinen Team von labournet​.tv hatte er dort deren Interesse geweckt. Die Video­ak­ti­vis­tInnen fuhren mehrmals nach Nord­italien, führten zahl­reiche Inter­views mit den Beschäf­tigten und stellten sich auch die Frage, wie es dazu kam, dass sie so lange und kom­pro­misslos ihren Arbeits­kampf führten. So ist ein Film ent­standen, der zeigt, wie Men­schen sich ver­ändern, wenn sie zu kämpfen beginnen. „Wir haben die Angst weg­ge­schmissen“, erklärte ein Beschäf­tigter, der dem Film den Titel gab.„Die Angst weg­schmeißen – Die Bewegung der Logis­tik­ar­bei­te­rInnen in Italien“ liefert Doku­mente eines Arbeits­kampfs in Nord­italien, der bisher in Deutschland kaum bekannt war.„Mafia ver­schwinde“, rufen die Jugend­lichen und schwenken Fahnen der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion und der Gewerk­schaft S.I. Cobas. Es ist eine Szene des mehr­jäh­rigen Arbeits­kampfes. Eine Stärke des Films besteht darin, dass die unter­schied­lichen Betei­ligten am Arbeits­kampf zu Wort kommen. Junge Männer aus Nord­afrika, die durch den Arbeits­kampf erstmals für ihre Rechte kämpften, berichten mit Stolz in der Stimme, dass sie diese Erfahrung für ihr Leben geprägt habe. Nüch­terner for­mu­lieren mehrere Frauen, wie der Streik ihr Leben ver­ändert hat. Sie sind nicht mehr bereit, die Ver­hält­nisse einfach hin­zu­nehmen, sondern erwehren sich auch der patri­ar­chalen Zustände, denen sie aus­ge­setzt sind. Im Film kommt immer wieder die Rolle der Gewerk­schaft S.I. Cobas zur Sprache, ohne die der Kampf nie hätte begonnen werden können. „Hier sind die Erfah­rungen von lang­jäh­rigen linken Akti­visten und die Wut der Logis­tik­ar­beiter zusam­men­ge­kommen,“ for­mu­lierte es eine am Streik betei­ligte Kollegin.Der lang­jährige S.I. Cobas-Aktivist Roberto Luzzi spricht im Film auch über die Grenzen der gewerk­schaft­lichen Kämpfe. „Hier können wohl Erfah­rungen gesammelt werden, aber für eine Ver­än­derung der Gesell­schaft sind auch poli­tische Orga­ni­sa­tionen not­wendig“, erklärte er. Besonders die Jugend, die in ihren Leben oft noch keine Arbeits­kämpfe ken­nen­ge­lernt habe, mache durch die Betei­ligung am Arbeits­kampf die Erfahrung, dass die kämp­fende Arbei­ter­be­wegung noch exis­tiert, betont Luzzi. Die Kol­le­gInnen mussten Ende August auch wieder die Erfahrung machen, dass die Kapi­tal­seite ent­schlossen ist, die Errun­gen­schaften rück­gängig zu machen. Mehrere der Beschäf­tigten, die im Film Inter­views gegeben haben, wurden ent­lassen, einem migran­ti­schen Gewerk­schafter droht die Abschiebung.Der Film ist von einer Grund­sym­pathie für die Strei­kenden geprägt und am Ende denkt man an den Amazon-Streik. Roberto Luzzi war Ende März und Anfang April 2015 für einige Tage in Deutschland und berichtete über den Arbeits­kampf in Italien. Dabei besuchte er auch strei­kende Amazon-Kol­le­gInnen in Leipzig. Bei vielen von ihnen setzt sich nach den mona­te­langen Kämpfen die Erkenntnis durch, dass ein Arbeits­kampf gegen einen mul­ti­na­tio­nalen Konzern wie Amazon nur durch die trans­na­tionale Soli­da­rität der Beschäf­tigten gewonnen werden kann. Der Film kann dadurch, dass er einen bisher weit­gehend unbe­kannten Arbeits­kampf in der euro­päi­schen Nach­bar­schaft bekannt macht, dazu einen wich­tigen Beitrag leisten. Er könnte auch Argu­mente für die Kol­le­gInnen liefern, die auch für undo­ku­men­tierte Beschäf­tigte das Recht auf Mit­glied­schaft in einer DGB-Gewerk­schaft durch­setzen wollen. Bei S.I. Cobas ist diese Praxis selbst­ver­ständlich. Dem Film1 ist eine weitere Ver­breitung zu wün­schen.

[1] Der Film kann kos­tenlos her­un­ter­ge­laden werden auf der Online­plattform de​.labournet​.tv/​v​i​d​e​o​/​6​7​9​6​/​d​i​e​-​a​n​g​s​t​-​w​e​g​s​c​h​m​e​issen

Erschienen in: Direkte Aktion 231 – Sept/​Okt 2015

https://​www​.direkteaktion​.org/​2​3​1​/​d​i​e​-​a​n​g​s​t​-​w​e​g​s​c​h​m​e​issen

Peter Nowak

Welthandeln

Zur län­der­über­grei­fenden Soli­da­rität im Amazon-Streik

Roberto Luzzi bekam am 30. März viel Applaus im Streikzelt der Amazon-Beschäf­tigten in Leipzig. Er hat im Rahmen einer Dele­gation der ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft SI Cobas den Strei­kenden einen Soli­da­ri­täts­besuch abge­stattet und soli­da­rische Grüße über­bracht. Bei einer Ver­an­staltung und einen Workshop in Berlin berich­teten die SI-Cobas-Gewerk­schaf­te­rInnen, wie sie in den letzten Monaten im ita­lie­ni­schen Logis­tik­be­reich erfolg­reich Beschäf­tigte orga­ni­sieren und Tarif­ver­schläge abschließen konnten, die für die Beschäf­tigten Lohn­er­hö­hungen und eine Ver­min­derung der Arbeits­hetze bedeu­teten. Die großen ita­lie­ni­schen Gewerk­schafts­ver­bände haben an die Logis­tik­un­ter­nehmer einen Brief geschrieben, in dem sie sich beschwerten, dass sie mit der kleinen Basis­ge­werk­schaft bessere Tarif­ver­träge als mit ihnen abschließt. „Die haben nicht begriffen, dass diese Ver­träge kein Geschenk der Unter­nehmen sondern ein Ergebnis der kämp­fe­ri­schen Gewerk­schafts­po­litik ist“, meint Luzzi.

So haben die Strei­kenden im ita­lie­ni­schen Logis­tik­be­reich die Tore der Unter­nehmen blo­ckier. Weder Per­sonen noch LKW kamen rein oder aus. Der Waren­verkehr stockte. Die Gewerk­schaf­te­rInnen wissen, dass sie damit die Logis­tik­un­ter­nehmen am neur­al­gi­schen Punkt treffen. Wenn es bei den Waren­aus­lie­fe­rungen Ver­zö­ge­rungen gibt, ver­lieren die Unter­nehmen große Summen. Des­wegen sorgen Unter­nehmen wie Amazon vor. Es hat bereits vor Monaten eine Filiale im pol­ni­schen Poznan errichtet, um die Waren von dort aus­zu­liefern, wenn in Deutschland gestreikt wird.

Dieser schnelle Wechsel ist in der Logis­tik­branche auch deshalb besonders einfach, weil in der Branche kein auf­wen­diger Maschi­nenpark verlegt werden muss. Die Gewerk­schaf­te­rInnen betonten auf den Workshop in Berlin, dass damit auch eine län­der­über­grei­fende Streik­so­li­da­rität in der Branche erleichtet werden könnte. Schließlich habe das Stand­ort­denken bei Lohn­ab­hän­gigen der for­dis­ti­schen Schwer­industrie eine reale Grundlage auch in dem Maschi­nenpark, der nicht so leicht zu ersetzen oder aus­zu­lagern ist. Dieses Stand­ort­denken erschwerte aber län­der­über­grei­fende Kämpfe. Wie die SI-Cobas-Gewerk­schaf­te­rInnen bemühen sich auch die Gruppen der Ama­zon­streik­so­li­da­rität, die sich in ver­schie­denen Städten gegründet haben, um eine Aus­weitung dieser Soli­da­rität über Lan­des­grenzen hinweg. Einige ermu­ti­gende Bei­spiele der letzten Monate wurden genannt. So streikten vor Weih­nachten 2014 auch in Frank­reich Amazon-Beschäf­tigte und bezogen sich auf den Arbeits­kampf in Deutschland. Auch im Amazon-Werk in Poznan wächst die Unzu­frie­denheit der Beschäf­tigten. In einem Bericht eines der Beschäf­tigten, der kürzlich auf Deutsch über­setzt wurde, heißt es über die Stimmung Ende 2014 in dem Werk:

Im Dezember drang die Unzu­frie­denheit der Leih­ar­beiter bei Amazon an die Öffent­lichkeit: Sie fingen an, sich wegen nicht pünktlich gezahlter Löhne, Unre­gel­mä­ßig­keiten bei der Berechnung der Löhne und über­füllter Kan­tinen an die lokalen Medien zu wenden.“ Mitt­ler­weile sind zahl­reiche Amazon-Beschäftige von Poznan in die kämp­fe­rische Basis­ge­werk­schaft Workers Initiative ein­ge­treten. Viel­leicht wird beim nächsten Amazon-Streik tat­sächlich ein Alp­traum für die Manager war. und die Arbeits­kämpfe und nicht nur das Kapital können keine Lan­des­grenzen mehr.

Her­aus­for­derung der Amazon-Streik­so­li­da­rität

Inzwi­schen sind ca. 150 Amazon-Beschäf­tigte in Poznan in einer Betriebs­gruppe der Ini­ci­jatywa Pra­cow­nicza (IP) orga­ni­siert. Sie ist 2004 als Alter­native zu den büro­kra­ti­sierten, mit den ver­schie­denen Regie­rungs­par­teien ver­wo­benen Gewerk­schaften in Polen ent­standen. Die IP ver­steht sich als Basis­ge­werk­schaft in anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­scher und syn­di­ka­lis­ti­scher Tra­dition. Ihre Haupt­prin­zipien sind die Unab­hän­gigkeit vom Kapital und eine kon­se­quente inner­ge­werk­schaft­liche Demo­kratie. In Poznan hat sie IP eine Petition gegen die per­ma­nente Stei­gerung der Pro­duk­ti­ons­normen im Ama­zonwerk lan­ciert und am 15. Mai 400 Unter­schriften dazu prä­sen­tiert. Der Kampf gegen die Stei­gerung der Arbeits­normen und der Arbeits­hetze ist aktuell das zen­trale Kampffeld der IP bei Amazon-Poznan. Am 23. Mai betei­ligten sich an einer IP-Demons­tration in War­schau auch gewerk­schaftlich aktive Amazon-Beschäf­tigte aus Deutsch­landl.

Die Her­stellung solcher Kon­takte ist auch eine Her­aus­for­derung für die Amazon-Streik­so­li­da­rität, die sich in ver­schie­denen Städten gegründet hat. Schwer­punkte sind Leipzig, Frankfurt/​Main und Berlin. Es gab mitt­ler­weile zwei bun­des­weite Treffen, eins in Leipzig und eins in Frankfurt/​Main. Dabei gab es auch Dis­kus­sionen, ob diese Streik­so­li­da­rität über die Unter­stützung verdi.-Aktivitäten hinaus eigene Akzente setzen soll. Die Kon­takte mit Kol­le­gInnen von SI Cobas aus Italien oder der Workers Initiative aus Polen sind ein solcher eigen­stän­diger Akzent. Beide Basis­ge­werk­schaften gehören nicht zu den Bünd­nis­part­ne­rInnen des DGB und seiner Ein­zel­ge­werk­schaften. Die Verdi-Gewerk­schaf­terin Mechthild Middeke sprach im Interview mit dem Express 3−4÷2015 über die Kon­takte des DGB und seiner pol­ni­schen Part­ner­ge­werk­schaften in Poznan. Daher wäre der Kontakt zu Gewerk­schaften wie SI Cobas und IP ein wich­tiger Part der Amazon-Soli­da­rität. Im Anschluss an die Blockupy-Pro­teste am 18. März in Frankfurt/​Main und im Rahmen des Blockupy-Nach­be­rei­tungs­treffens im Mai 2015 in Berlin gab es ein eigenes Treffen für die Koor­di­nierung der trans­na­tio­nalen Betriebs- und Streik­so­li­da­rität. In den nächten Monaten sollen die Kon­takte inten­si­viert werden.

http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​ress/

aus: express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit

4÷5−2015

Peter Nowak

Keine Geschenke

Deutschland: Bei Amazon wurde wieder gestreikt

An meh­reren deut­schen Stand­orten des Online-Handlers Amazon wurde im März wieder gestreikt. Wie schon in den Wochen vor Weih­nachten sah die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di auch vor dem Oster­ge­schäft eine gute Gele­genheit, um den Druck auf den Konzern zu erhöhen. Die Beschäf­tigten kämpfen für einen Tarif­vertrag nach den Bestim­mungen des Online­handels. Amazon ori­en­tiert sich bisher am Logis­tik­ta­rif­vertrag, der für die Mitarbeiter_​innen mit gerin­gerem Lohn ver­bunden ist.

Der neue Streik­zyklus bei Amazon begann am 13. März als sich Amazon auf der Buch­messe in Leipzig als erfolg­reicher Global Player prä­sen­tieren wollte. Mit diesem Streik­auftakt bekam der Arbeits­kampf eine maximale Auf­merk­samkeit. Im Anschluss wurde auch an den Amazon-Stand­orten Bad Hersfeld in Ost­hessen und Graben in Bayern gestreikt. Das Amazon-Management reagierte mit der lapi­daren Erklärung, alle Auf­träge würden ter­min­ge­recht erfüllt. Aller­dings wird dabei nicht erwähnt, dass Amazon sowohl vor dem Weih­nachts- wie dem Oster­ge­schäft zusätz­liche Beschäf­tigte ein­ge­stellt hat, um die Streik­folgen auf­zu­fangen. Zudem hat Amazon im letzten Jahr in Polen zwei neue Nie­der­las­sungen eröffnet, um den Ver­sand­handel von dort abzu­wi­ckeln, wenn in Deutschland gestreikt wird.

Während diese Zusam­men­hänge in einen Großteil der Medien nicht ver­mittelt wurden, bieb die Erklärung des Manage­ments, es gäbe keine Behin­de­rungen beim Ver­sand­handel. So ver­stärkt sich in der Öffent­lichkeit der Ein­druck, Ver.di kann gegen einen global agie­renden Konzern wie Amazon nicht gewinnen. Dass die Bilanz von ver.di nach den beiden Streik­runden nicht optimal ist, bestä­tigte auch verdi-Sekre­tärin Mechthild Middeke im Interview mit der „Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit“ express: „Der wirt­schaft­liche Druck ist da, wenn auch nicht in aus­rei­chender Dimension“. Einen zen­tralen Grund sieht sie in den vielen befris­teten Arbeits­ver­hält­nissen. „Nicht alle, doch einige Befristete hatten auch während der vor­weih­nacht­lichen Streiks mit­ge­macht und die sind nun einfach nicht mehr da.“

Was den Amazon-Streik von anderen Arbeits­kämpfen her­aushebt, sind kon­ti­nu­ierlich arbei­tende außer­be­trieb­liche Soli­da­ri­täts­gruppen. Die Initiative dazu ging im letzten Jahr von Stu­die­renden in Leipzig aus. Mitt­ler­weile sind auch in Berlin, Hamburg und Frankfurt/​Main ört­liche Soli­da­ri­täts­gruppen ent­standen. Es gab bereits zwei bun­des­weite Treffen der Amazon-Soli­da­rität. Beschäf­tigte und Soli­da­ri­täts­gruppen trugen am 18.3. in Frankfurt/​Main ein Trans­parent mit der Auf­schrift „Amazon Strikers meet Blockupy“ was deutlich macht, dass die Koope­ration nicht nur vor dem Werks­toren statt­findet. Diese Soli­da­ri­täts­gruppen ver­suchen auch ver­schiedene Arbeits­kämpfe zu koor­di­nieren. So betei­ligten sich die strei­kenden Amazon-Beschäf­tigten in Leipzig am 30. März an einer Demons­tration von Kita-Mit­ar­bei­ter_innen, die an diesem Tag eben­falls für bessere Arbeits­be­din­gungen auf die Straße gegangen sind. An diesen Tag nahm auch eine Dele­gation der kämp­fe­ri­schen ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft SI Cobas an der Demons­tration in Leipzig teil. Die Gewerk­schaft hat in Italien in den letzen Jahren einige Erfolge bei der Orga­ni­sierung von Beschäf­tigten in der Online­handels- und Logis­tik­branche zu ver­zeichnen. Der Mai­länder SI-Cobas-Gewerk­schafter Roberto Luzzi betonte bei einer Ver­an­staltung in Berlin die Bedeutung einer trans­na­tio­nalen Koope­ration im Arbeits­kampf. Die Not­wen­digkeit ergäbe sich schon aus der Tat­sache, dass der Ver­sand­handel in kurzer Zeit in ein anderes Land, bei­spiels­weise von Leipzig nach Poznan, ver­lagert werden kann. Ein solcher schneller Wechsel ist in dieser Branche auch deshalb so einfach, weil es dort keine Hochöfen oder kom­plexe Maschi­nen­parks gibt, die nicht so einfach verlegt werden können. Würde damit nicht auch die mate­rielle Grundlage für das Stand­ort­denken bei großen Teilen der Beleg­schaft weg­fallen, das trans­na­tionale Arbeits­kämpfe massiv erschwert, diese Frage stellten sich Teilnehmer_​innen Ver­an­staltung in Berlin. Schließlich hat dieses Stand­ort­denken seine mate­rielle Grundlage oft in der Über­zeugung, dass der „eigene“ Betrieb nicht so leicht ver­lagert werden kann.

Wenn Arbeits­kämpfe gegen einen Konzern wie Amazon nicht in einem Land gewonnen werden können, ist ein Agieren über Län­der­grenzen exis­ten­tiell. Einige Bei­spiele wurden in Berlin genannt. So streikten kurz vor Weih­nachten 2014 Amazon- Beschäf­tigte in Frank­reich und bezogen sich dabei auf die Arbeits­kämpfe in Deutschland. Auch im Amazon-Werk in Poznan ist bei der Beleg­schaft der Unmut über die Arbeits­be­din­gungen gewachsen.

https://​www​.akweb​.de/

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Peter Nowak

Solidarität in Logistik und Onlinehandel

Italienische Arbeiter zu Besuch beim Amazon-Streik

bekam am 30. März viel Applaus im Streikzelt der Amazon-Beschäf­tigten in Leipzig. Er hat im Rahmen einer Dele­gation der ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft SI Cobas den Strei­kenden einen Soli­da­ri­täts­besuch abge­stattet und Grüße über­bracht. Bei einer Ver­an­staltung und einem Workshop in Berlin berich­teten die SI-Cobas-Gewerk­schafter, wie sie in den letzten Monaten im ita­lie­ni­schen Logis­tik­be­reich erfolg­reich Beschäf­tigte orga­ni­sieren und Tarif­ver­schläge abschließen konnten, die ihnen Lohn­er­hö­hungen und weniger Arbeits­hetze garan­tieren.

Die großen ita­lie­ni­schen Gewerk­schafts­ver­bände haben sich in einem Brief an die Logis­tik­un­ter­nehmer beschwert, dass diese mit der kleinen Basis­ge­werk­schaft bessere Tarif­ver­träge als mit ihnen abschließen. »Die haben nicht begriffen, dass diese Ver­träge kein Geschenk der Unter­nehmen sondern ein Ergebnis der kämp­fe­ri­schen Gewerk­schafts­po­litik ist«, meint Luzzi. Dass sich die Amazon-Beschäf­tigten und die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di mit ihren Arbeits­kampf gegen ihre Ein­stufung als Logis­tiker wehren und für den einen Tarif­vertrag nach den deutlich bes­seren Kon­di­tionen des Einzel- und Ver­sand­handels kämpfen, ver­stehen die ita­lie­ni­schen Kol­legen. »Über die Fein­heiten des deut­schen Tarif­rechts wissen die Amazon-Kol­legen am besten Bescheid. Doch wichtig ist uns, die spe­zi­fi­schen Kampf­be­din­gungen her­aus­zu­ar­beiten, der in der Logistik und im Online­handel unab­hängig von der tarif­lichen Ein­ordnung gilt«, erklären sie auf dem Workshop.

So haben die Strei­kenden im ita­lie­ni­schen Logis­tik­be­reich in den letzten Monaten die Tore der Unter­nehmen blo­ckiert und sie damit an einem neur­al­gi­schen Punkt getroffen. Wenn es Ver­zö­ge­rungen bei der Waren­aus­lie­ferung gibt, drohen hohe Ver­luste.

Amazon hatte seine Filiale im pol­ni­schen Poznan errichtet, um die Waren von dort aus­zu­liefern, wenn in Deutschland gestreikt wird. Die Gewerk­schafter betonten in Berlin, dass das Fehlen eines großen Maschi­nen­parks in dieser Branche eine län­der­über­grei­fende Soli­da­rität erleichtern könnte. Schließlich habe das Stand­ort­denken bei Beschäf­tigten der for­dis­ti­schen Schwer­industrie, das län­der­über­grei­fende Kämpfe erschwert, ihre Grundlage eben in dem Maschi­nenpark, der nicht so leicht zu ersetzen oder aus­zu­lagern ist. Doch wie sieht es mit der län­der­über­grei­fenden Soli­da­rität bei Amazon aus? Ermu­ti­gende Bei­spiele wurden auf der Ver­an­staltung genannt. So streikten vor Weih­nachten 2014 auch in Frank­reich Amazon-Beschäf­tigte und bezogen sich auf den Arbeits­kampf in Deutschland. Auch im Standort Poznan wächst die Unzu­frie­denheit. Ein Beschäf­tigter beschrieb die Stimmung im Werk Ende 2014 so: »Im Dezember drang die Unzu­frie­denheit der Leih­ar­beiter bei Amazon an die Öffent­lichkeit: Sie fingen an, sich wegen nicht pünktlich gezahlter Löhne, Unre­gel­mä­ßig­keiten bei der Berechnung der Löhne und über­füllter Kan­tinen an die lokalen Medien zu wenden.« Mitt­ler­weile sind zahl­reiche Beschäftige von Poznan in die kämp­fe­rische Basis­ge­werk­schaft Workers Initiative ein­ge­treten.

Peter Nowak

»Wie eine Festung«

Im Tarif­kon­flikt mit dem Online-Ver­sand­händler Amazon ver­suchte die Gewerk­schaft Verdi im Oster­ge­schäft den Druck zu erhöhen und rief an meh­reren Stand­orten zum Streik auf. Die Jungle World sprach mit Roberto Luzzi. Er ist Aktivist der ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft SI Cobas, die Arbeits­kämpfe in der Logis­tik­branche orga­ni­siert. Mit einer SI-Cobas-Dele­gation besuchte er am 31. März die strei­kenden Amazon-Arbeiter in Leipzig.

Wie war Ihr Ein­druck vom Arbeits­kampf?

Es ist sehr positiv, dass in Deutschland die Orga­ni­sierung der Amazon-Mit­ar­beiter gelungen ist und sie mehrmals in den Streik getreten sind. In Italien ist uns das bisher nicht gelungen.

Was sind dort die Pro­bleme?

Die meisten Amazon-Beschäf­tigten in Italien haben extrem befristete Ver­träge, was eine Orga­ni­sierung sehr schwer macht. Zudem ist das größte ita­lie­nische Amazon-Werk in Pia­cenza wie eine Festung aus­gebaut, so dass wir nicht mit den Beschäf­tigten sprechen können.

Haben Sie in Leipzig auch kri­tische Ein­drücke gesammelt?

Mir ist negativ auf­ge­fallen, dass bei der Streik­ver­sammlung nur Gewerk­schafts­funk­tionäre und nicht die Beschäf­tigten zu Wort kamen. Zudem gab es keine Ver­suche, die Beschäf­tigten, die sich nicht am Streik betei­ligten, am Betreten des Werkes zu hindern. Auch LKW konnten während des Streiks unge­hindert auf das Gelände fahren und es ver­lassen. Es gab weder Blo­ckaden noch Ver­suche, mit Flug­blättern für den Streik zu werben.

Konnten Sie Kon­takte mit den Kol­legen knüpfen?

Wir haben auf der Streik­ver­sammlung über die Basis­ge­werk­schaft SI Cobas und die Arbeits­kämpfe in der ita­lie­ni­schen Logis­tik­branche infor­miert und eine mit viel Applaus bedachte Soli­da­ri­täts­er­klärung ver­lesen.

Könnten sich die trans­na­tio­nalen Kon­takte ver­ste­tigen?

Bei kon­kreten Streik­ak­tionen ist es einfach, Soli­da­rität aus­zu­drücken und mit den Kol­legen in Kontakt zu kommen. Viel schwie­riger sind offi­zielle Ver­bin­dungen zwi­schen den Gewerk­schaften. Das liegt daran, dass die DGB-Gewerk­schaften nur Kon­takte zu den großen offi­zi­ellen Gewerk­schafts­bünden in Italien unter­halten. Mit ­denen ist eine Zusam­men­arbeit bei der Firma DHL möglich. Doch in der Regel bekämpfen sie die Basis­ge­werk­schaft SI Cobas in der Logis­tik­branche und haben sich sogar in einem Brief an die Logis­tik­un­ter­nehmen beschwert, dass sie mit uns einen bes­seren Tarif­vertrag als mit ihnen abge­schlossen haben. Dabei ist dieser Erfolg das Ergebnis unserer kämp­fe­ri­schen Gewerk­schafts­po­litik

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​1​5​/​5​1​7​5​1​.html

Peter Nowak

Amazonstreik – keine Chancen für die Gewerkschaften?