Löwenzahn statt Wunderbaum

Eva Willig führt regel­mäßig Inter­es­sierte durch die Grün­an­langen von Berlin-Neu­kölln, um ihnen nütz­liche und leckere Pflanzen vor­zu­stellen

In gebückter Haltung pflückt eine Teil­neh­merin eine unscheinbare Pflanze und steckt sie in einen Stoff­beutel. Eine andere Frau blättert in einem Buch, um die Pflanze zu iden­ti­fi­zieren. »Das ist der Schach­telhalm, eine der ältesten Heil­pflanzen, die seit Langem zum Bei­spiel gegen Rheuma und Gicht ange­wendet wird«, erklärt Eva Willig. Die 70-Jährige kennt sich aus in der Ber­liner Kräu­terwelt. Bei der Industrie- und Han­dels­kammer absol­vierte sie eine Prüfung und erhielt eine Erlaubnis für frei ver­käuf­liche Heil­mittel.

Seit mehr als zehn Jahren ver­an­staltet sie von März bis Oktober am jeweils letzten Samstag im Monat kos­tenlose Kräu­ter­spa­zier­gänge in Berlin. Sie finden über­wiegend in Parks und Grün­an­lagen statt, die nicht direkt an viel befah­renen Haupt­straßen liegen, weil sich Staub und andere Ver­un­rei­ni­gungen auch auf Pflanzen ablagern.

Ende Juni ver­sam­melten sich 15 Inter­es­sierte am S-Bahnhof Treptow. Größer sollte die Gruppe nicht werden, betont Willig. Schließlich muss die Kräu­ter­ex­pertin in den zwei Stunden viele Fragen beant­worten. Immer wieder zeigen die Teilnehmer*innen auf eine Pflanze und fragen nach Namen und Anwen­dungs­ge­bieten. »Das Johan­nis­kraut hilft gegen depressive Ver­stim­mungen«, doziert Willig und weist auf eine Pflanze mit gelben Blüten. »Meistens ist es gut ver­träglich. Doch in Ein­zel­fällen kann es Magen-Darm-Beschwerden oder Kopf­schmerzen ver­ur­sachen«, klärt sie über uner­wünschte Neben­wir­kungen auf. 

Dass Pflanzen nicht nur eine hei­lende, sondern auch eine giftige Wirkung haben können, the­ma­ti­siert die Kräu­terfrau eben­falls in ihrem kürzlich im Selbst­verlag ver­öf­fent­lichten Buch »Heil­sames Neu­kölln«. Dort hat sie den Gift­pflanzen ein ganzes Kapitel gewidmet. Das lange Zeit als Heil­pflanze betrachtete Immergrün und die Kleine Wolfs­milch gehören in diese Rubrik. Der in Willigs Kräu­terbuch unter der Rubrik Gift­pflanze auf­ge­führte Wun­derbaum sorgte vor einigen Wochen für Schlag­zeilen. Es wurde berichtet, dass ein Islamist die Samen dieses Strauches, auch Rizinus genannt, bei einem Anschlag nutzen wollte. Auf einer bekannten Neu­köllner Grün­fläche stehen laut Willig gleich acht dieser Pflanzen.

Doch die Mehrzahl der auf­ge­führten Gewächse hat eine hei­lende Wirkung und wird dem Buch­titel gerecht. Eigentlich hätte es auch »Heil­sames Berlin« heißen können, Schließlich wachsen die auf­ge­führten Pflanzen nicht nur in Neu­kölln. Doch Willig hat sich mit dem Buch bewusst auf Neu­kölln kon­zen­triert, weil sie dort seit vielen Jahren lebt und in den 1990er Jahren für die Grünen in der Kom­mu­nal­po­litik aktiv war. Aus der aktiven Par­tei­po­litik hat sie sich längst zurück­ge­zogen. Doch in sozialen Initia­tiven ist sie wei­terhin aktiv. Ihr Anliegen ist es, Gift­pflanzen in Grün­an­langen zu erkennen und sie mög­lichst von dort zu ver­bannen. Statt­dessen sollen essbare und heilsame Gewächse stehen gelassen werden. Schließlich haben dann auch Men­schen mit geringen Ein­kommen die Mög­lichkeit, ihre Nahrung vit­amin­reich zu ergänzen. Willig fällt sofort der Löwenzahn ein. Jeder Teil dieser anspruchs­losen Pflanze kann genutzt werden: »Die Blüten können einen Salat zieren oder zu Sirup gekocht werden. Die Wurzel wurde in der Nach­kriegszeit geröstet und zu Kaffee-Ersatz gemahlen.« Ähnlich verfuhr man mit der Wurzel der Weg­warte, auch als Zichorie bekannt. »Die jungen Blätter des Löwen­zahns können zu Salat, die älteren Blätter wie Spinat ver­ar­beitet werden. Getrocknete Blätter können Teil eines Blut­rei­ni­gungstees sein oder eben­falls als Tee zur Lin­derung rheu­ma­ti­scher Beschwerden bei­tragen«, so Willig. Auch bei vielen anderen Pflanzen kann sie viel­fältige Mög­lich­keiten der Nutzung auf­zählen.

Nach mehr als zwei Stunden ver­ab­schieden sich die Teilnehmer*innen des Kräu­ter­spa­zier­ganges. Die meisten wollen die gesam­melten Pflanzen schnell ver­ar­beiten. Gän­se­blümchen waren diesmal besonders beliebt. Die anspruchslose Pflanze blüht zwi­schen März und November, wirkt ent­zün­dungs­hemmend, regt aber auch Ver­dauung und Stoff­wechsel an. Ihre Blüten wurden mitt­ler­weile von Feinschmecker*innen ent­deckt und dienen in Nobel­re­stau­rants als Zutat teurer Menüs. Eva Willig hin­gegen will mit ihren Kräu­ter­spa­zier­gängen und mit ihrem Buch ein Bewusstsein für eine alte Weisheit schaffen: Gegen fast jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen ist. Selbst in einer Groß­stadt wie Berlin trifft das heute noch zu.

Eva Willig: Heil­sames Neu­kölln. Eigen­verlag Berlin. 175 Seiten, 18 Euro. Bestel­lungen über ewil@​gmx.​de

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​4​6​6​9​.​l​o​e​w​e​n​z​a​h​n​-​s​t​a​t​t​-​w​u​n​d​e​r​b​a​u​m​.html

Peter Nowak

„Beerensträucher statt Giftpflanzen!“

Eva Willig macht Kräu­ter­füh­rungen durch Neu­kölln. Nun hat sie ein Buch ver­öf­fent­licht, das essbare und giftige Wild­ge­wächse des Bezirks beschreibt

Über Groß­stadt­ge­wächse

Das Buch Eva Willig, 70, hat kürzlich im Eigen­verlag das Buch „Heil­sames Neu­kölln“ her­aus­ge­geben. Auf 175 Seiten werden Heil-, Gewürz-, Salat­pflanzen, Getreide, Bäume und Sträucher vor­ge­stellt, die in Neu­kölln wild wachsen, essbar sind und eine heilsame Wirkung haben sollen. Ein Kapitel behandelt Gift­pflanzen. Das Buch kann über ewil@​gmx.​de für18 Euro bestellt werden.
Der Spa­ziergang Von März bis Oktober lädt Eva Willig zu kosten- losen Kräu­ter­spa­zier­gängen in Neu­kölln und den angren­zenden Stadt­teilen ein. Der nächste Spa­ziergang beginnt am Samstag, dem 28. Juli 2018, 16 Uhr in Rudow an der Hal­te­stelle des Busses 271 „Am Großen Rohr­pfuhl“

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