„Die Anonymität brechen“

Ver­storbene ohne Ange­hörige werden häufig anonym bestattet. Kulturanthropolog*in Francis Seeck fordert in einem Buch auch für diese Men­schen ein „Recht auf Trauer“

Francis Seeck ist Kulturanthropolog*in und Antidiskriminierungstrainer*in in Berlin. Das Buch: „Recht auf Trauer – Bestat­tungen aus macht­kri­ti­scher Per­spektive“, Edition Assem­blage, 9,80 Euro.

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Trauer

Über die gesell­schaft­liche Ungleichheit in Deutschland ist schon viel geschrieben worden. Doch das Buch, das die Ber­liner Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Francis Seeck her­aus­ge­geben hat, ist eine Pio­nier­arbeit. Auf gut 100 Seiten beschäftigt sie sich damit, wie ein­kom­mensarme Men­schen oft in einem namen­losen Grab bestattet werden. Dadurch werde ihren Freund_​innen und Ange­hö­rigen das Recht auf Trauer genommen. Recht auf Trauer, das ist auch der Titel des Buches. Darin beschreibt Seeck ihren sub­jek­tiven Zugang zum Thema: Vom Tod ihres Vaters erfuhr sie, als ihr das Bezirksamt Berlin-Neu­kölln die Rechnung für seine Bestattung schickte, über die sie nicht infor­miert worden war. Aus­gehend von der eigenen Erfahrung schrieb sie ein sehr per­sön­liches Buch, in dem sie den anonym Bestat­teten ihre Namen zurückgibt. Auch Kurz­bio­grafien und Gedichte finden sich darin. Die Autorin berichtet über Wider­stands­stra­tegien, mit denen Freund_​innen und Bekannte gegen die namenlose Beer­digung ihr Recht auf Trauer oft gegen den Willen des Fried­hof­per­sonals durch­setzen. Seeck zeigt, wie auch bei Beer­di­gungen sexis­tische und ras­sis­tische Unter­drü­ckungs­me­cha­nismen greifen. Theo­re­tisch rekur­riert die Autorin auf eine Rede Judith Butlers. Als ihr der Adorno-Preis ver­liehen wurde, sagte die Phi­lo­sophin: »Die Unbe­trau­er­baren ver­sammeln sich gele­gentlich zum öffent­lichen Auf­stand der Trauer, und deshalb lassen sich in vielen Ländern Beer­di­gungen und Demons­tra­tionen nur schwer unter­scheiden«.

https://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​6​3​1​/​2​0.htm
aus: analyse und kritik

Peter Nowak

Francis Seeck: Recht auf Trauer. Bestat­tungen aus macht­kri­ti­scher Per­spektive. edition assem­blage, Münster 2017. 112 Seiten, 9,80 EUR.