Annne Reiches persönliche Spurensuche

Ein Leben nach den Barrikaden

„Doch ich will diesen Weg zu Ende geh‘n
und ich weiß, wir werden die Sonne seh‘n!
Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten.“

Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten“ ist eines der per­sön­lichsten Lieder von Rio Reiser, dem Sänger der anar­chis­ti­schen West­ber­liner Rockband Ton Steine Scherben. Die Strophe könnte das Motto von Anne Reiches Bio­graphie sein,…

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Stammheimer Todesnacht: Es bleiben zahlreiche Widersprüche

Kann der Tatort »Der rote Schatten« die Dis­kussion um die Todes­um­stände der RAF-Gefan­genen neu beleben?

Der Tatort-Krimi Der rote Schatten[1], der am letzten Sonntag aus­ge­strahlt wurde, hat ein Ver­dienst. Er lenkt noch einmal die Auf­merk­samkeit auf die Tat­sache, dass zahl­reiche Wider­sprüche zur offi­zi­ellen Version der Todes­um­stände der RAF-Gefan­genen am 18.Oktober 1977 in dem Iso­la­ti­ons­trakt von Stammheim unauf­ge­klärt sind.

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Baader oder Bachmann

Der Versuch, die RAF mit der Pegida-Bewegung oder dem heu­tigen Jiha­dismus zu ver­gleichen, muss zwangs­läufig die glo­balen poli­ti­schen Umstände igno­rieren.

Oliver Tolmein hat recht, wenn er in seinem Disko-Beitrag in der vorigen Jungle World (8/2015) schreibt, es sei vor­her­sehbar gewesen, dass der jiha­dis­tische Terror der ver­gan­genen Monate mit den Aktionen der Roten Armee Fraktion (RAF) und der Revo­lu­tio­nären Zellen (RZ) ver­glichen werden würde. Es gibt schließlich kaum ein poli­ti­sches Ereignis, das nicht in irgend­einer Weise vor allem mit der RAF ver­glichen wird. Selbst ein schlauer Kopf wie Michael Brumlik stellte in einer Kolumne der Taz vom 3. Februar ernsthaft die Frage: »Was haben Pegida, die AfD und die RAF mit­ein­ander gemeinsam?« Auf die Antwort muss man erstmal kommen: »Wie bei der AfD zeigte sich auch bei der RAF die heim­liche Liebe des deut­schen Bür­gertums zu poli­ti­schen Despe­rados. Was Andreas Baader für Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin war, war für Gauland und Petry der nicht nur wegen Koka­in­be­sitzes ver­ur­teilte Bachmann: Aus­druck der vor sich selbst ver­bor­genen geheimen Lust zuzu­schlagen«, erklärt Brumlik, nachdem sich AfD-Poli­tiker vor einigen Wochen mit dem Pegida-Begründer getroffen hatten – bevor letz­terer als Hitler-Imi­tator und Vul­gär­rassist geoutet wurde.

Warum fällt Michael Brumlik bei der Koope­ration von AfD-Rechts­außen mit dem Kopf einer völ­ki­schen Bewegung nicht die offene Sym­pathie ein, die Ende der sech­ziger Jahre rechte Unions- und FDP-Par­la­men­tarier, nicht wenige noch mit NS-Ver­gan­genheit, der »Aktion Wider­stand« ent­ge­gen­brachten, einer offen nazis­ti­schen Bewegung gegen die Ost­ver­träge, die mit Parolen wie »Brandt an die Wand« am ein­zigen NS-Wider­stands­kämpfer im Amt des Bun­des­kanzlers nach­träglich noch die Todes­strafe voll­strecken wollte?

Er hätte auch eine rechts-rechte Koope­ration jün­geren Datums zum Ver­gleich her­an­ziehen können. Bei­spiels­weise die Mobi­li­sierung gegen die Aus­stellung über die Ver­brechen der Wehr­macht, die von NS-Vete­ranen über diverse Neo­na­zi­gruppen bis zum Stahl­helm­flügel der Union reichte. Doch aus­ge­rechnet den deplat­zierten Ver­gleich der AfD-Pegida-Koope­ration mit der RAF wählt Brumlik. Dabei müsste der in der deut­schen Geschichte bewan­derte Publizist wissen, dass die Pegida-Auf­märsche eher Wider­gänger jener deut­schen Zusam­men­rot­tungen sind, die in Berlin und anderen Städten mit Nazi­pa­rolen gegen die Außer­par­la­men­ta­rische Oppo­sition (Apo) auf die Straße gegangen sind.

Andreas Baader und Ulrike Meinhof waren Teil dieses gesell­schaft­lichen Auf­bruchs, der nicht erst 1966 mit der Apo begonnen hatte, wie sich an den Bio­gra­phien dieser zwei Prot­ago­nisten zeigen lässt. Ulrike Meinhof war seit den fünf­ziger Jahren Teil der Oppo­sition gegen den Ade­nauer-Staat. Andreas Baader betei­ligte sich an den Münchner Jugend­un­ruhen im Juni 1962, die als Schwa­binger Kra­walle in die bun­des­deutsche Pro­test­ge­schichte ein­gingen. Sie gehörten zu den Vor­zeichen einer großen Bewegung gegen jene deut­schen Ver­hält­nisse, zu denen das Schweigen über die NS-Ver­brechen und die Mit­tä­ter­schaft der großen Mehrheit der Bevöl­kerung in Deutschland ebenso gehörte wie der Hass auf fast alle, die sich nicht willig in die deutsche Volks­ge­mein­schaft ein­fügten. Auch die bewaff­neten For­ma­tionen wie RZ und RAF waren Teil dieses gesell­schaft­lichen Auf­bruchs gegen die deut­schen Ver­hält­nisse. Es waren Intel­lek­tuelle wie Klaus Wagenbach und Peter Brückner, die wie viele andere immer wieder darauf hin­ge­wiesen haben und des­wegen im Deut­schen Herbst 1977 von kon­ser­va­tiven Medien und Poli­tikern als Ter­ror­sym­pa­thi­santen dif­fa­miert und an den Pranger gestellt wurden.

Die Medien des Springer-Verlags waren dabei Vor­reiter. Wenn man den Artikel von Richard Her­zinger in der Welt liest, hat man den Ein­druck, der Autor würde am liebsten die alten Schlachten fort­setzen. Noch einmal gießt er Hohn und Spott aus über »Antje Vollmer und andere wohl­mei­nende Mora­listen«, die für sich in Anspruch nehmen, »gegen Ende der Acht­zi­ger­jahre einen Dialog zwi­schen RAF-Häft­lingen und Reprä­sen­tanten des Staates« ein­ge­leitet zu haben. Die Kon­ser­va­tiven wollen auch nach so langer Zeit noch einmal klar­stellen, dass es der starke Staat mit Iso­la­ti­onshaft, Sym­pa­thi­san­ten­hetze und Kill­fahndung war, der den bewaff­neten Kampf besiegte, und nicht grüne Zivi­li­sa­ti­ons­be­mü­hungen. Dass dieser Kampf Teil eines gesamt­ge­sell­schaft­lichen Auf­bruchs war, wagt heute selbst in der staats­fernen außer­par­la­men­ta­ri­schen Öffent­lichkeit kaum jemand mehr zu denken. Dabei sollte spä­testens, wenn im Jiha­dismus ein später Wie­der­gänger der RAF gesehen wird, daran erinnert werden, dass auch die RAF Teil des welt­weiten Auf­bruchs linker Bewe­gungen war, die sich theo­re­tisch und prak­tisch gegen einen ver­bü­ro­kra­ti­sierten Nomi­nal­so­zia­lismus richtete, wie er im soge­nannten Ost­block zu besich­tigen war.

Aus­gehend von Kuba und dem ame­ri­ka­ni­schen Kon­tinent brei­teten sich in den späten sech­ziger und frühen sieb­ziger Jahren Stadt­gue­ril­la­be­we­gungen weltweit aus. Sie ver­warfen die Volks­front­stra­tegien und andere Hin­ter­las­sen­schaften aus dem Plunder des Sta­li­nismus. Eine kom­mu­nis­tische Welt­ge­sell­schaft war ihr Ziel. Das ist ein Unter­schied ums Ganze zu den Vor­stel­lungen sämt­licher jiha­dis­ti­scher Ter­ror­gruppen. Oliver Tolmein ist daher zuzu­stimmen, wenn er fest­stellt, dass Che Guevara kein Vor­läufer Ussama bin Ladens war. Man könnte sogar zuspitzen: Che Guevara war im his­to­ri­schen Welt­maßstab das Gegenteil des Jiha­dismus. Er stand für das Projekt einer klas­sen­losen Gesell­schaft. Der Jiha­dismus hin­gegen teilt die Men­schen in Gläubige und Nicht­gläubige ein, erhebt die Ungleichheit zum Pro­gramm und steht für eine religiös begründete Ter­ror­herr­schaft.

Die Stadt­gue­ril­la­be­wegung hatte den Anspruch, Kom­mu­nismus wieder zum Projekt der Befreiung zu machen, nachdem er von den Sta­li­nisten und ihren Nach­lass­ver­waltern zur Legi­ti­mation für neue auto­ritäre Herr­schaft geworden war. Weil nach der Implosion des Nomi­nal­so­zia­lismus auch alle oppo­si­tio­nellen sozia­lis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gungen in eine Krise gerieten und oft von der Bild­fläche ver­schwanden, sind vielen Men­schen die Unter­schiede heute gar nicht mehr bekannt. Diese Nie­derlage fast sämt­licher Bewe­gungen, die auf eine Alter­native zum Kapi­ta­lismus hin­ar­bei­teten und ihn nicht einfach nur refor­mieren wollten, bezeichnete der Schrift­steller Ronald M. Scher­nikau auf dem letzten DDR-Schrift­stel­ler­kon­gress 1990 als den Sieg der Kon­ter­re­vo­lution. Es war ein Sieg im Welt­maßstab und der Jiha­dismus ist eine seiner Folgen. Leo Trotzki hat schon in den drei­ßiger Jahren sinn­gemäß for­mu­liert, dass der Faschismus die Strafe dafür sei, dass die Revo­lution nicht zum Erfolg geführt wurde. Heute könnte man for­mu­lieren, dass in unserer Zeit die Erfolge des Jiha­dismus auch eine Kon­se­quenz der Nie­derlage des neuen revo­lu­tio­nären Auf­bruchs Ende der sech­ziger Jahre sind. Reak­tionäre Bewe­gungen, die sich auf Religion und Tra­dition berufen, fanden dar­aufhin weltweit ver­mehrt Zustimmung. Dem Jiha­dismus ist die Ideo­logie der totalen Ungleichheit, die Frau­en­ver­achtung, der Anti­se­mi­tismus und der Hass auf alles gesell­schaftlich Abwei­chende sind ihm ein­ge­schrieben und insofern kann er durchaus mit den faschis­ti­schen Bewe­gungen der zwan­ziger Jahre ver­glichen werden.

Alle Ver­suche, nun eine Ver­bindung zwi­schen der RAF und den Jiha­disten her­zu­stellen, sind hin­gegen nur die neueste Auflage der Extre­mis­mus­theorie, die die bür­ger­liche Gesell­schaft, die in der »Mitte« ver­ortet wird, als den Hort der Ver­nunft und Freiheit hin­stellen will. So soll die Erin­nerung daran aus­ge­löscht werden, dass sich der gesell­schaft­liche Auf­bruch der sech­ziger Jahre gegen die kon­kreten Aus­for­mungen dieser bür­ger­lichen Gesell­schaft richtete. Dazu gehörte der Viet­nam­krieg ebenso wie die ver­schie­denen Mili­tär­in­ter­ven­tionen auf dem ame­ri­ka­ni­schen und dem afri­ka­ni­schen Kon­tinent. Erst auf dieser Grundlage kann – und muss – über die grund­le­genden poli­ti­schen Fehl­ein­schät­zungen gesprochen werden, die auch bei den Grup­pie­rungen anzu­treffen waren, die für diesen gesell­schaft­lichen Auf­bruch standen. Neben einer ver­kürzten Kapi­ta­lis­mus­kritik gehörten unter anderem Per­so­nenkult und auto­ritäre Struk­turen dazu. Und bei meh­reren poli­ti­schen Aktionen schlug der Anti­zio­nismus in blanken Anti­se­mi­tismus um, wie bei der Flug­zeug­ent­führung in Entebbe.

Eine RZ-Gruppe schrieb 1992 in einer selbst­kri­ti­schen Erklärung: »Der linke Anti­zio­nismus ist kei­neswegs so unschuldig, wie er sich gibt.« Auch einige damalige Gefangene aus dem »anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Wider­stand«, so wurde das Umfeld von RAF und RZ bezeichnet, dis­ku­tierten Anfang der neun­ziger Jahre mit Ingrid Strobl über regres­siven Anti­zio­nismus und Anti­se­mi­tismus in der Zeit­schrift Konkret. Doch bei dieser voll­kommen berech­tigten Kritik sollte nicht unter­schlagen werden, dass sich die Stadt­gue­ril­la­gruppen mit ihrem Anti­zio­nismus nicht wesentlich von den meisten anderen poli­ti­schen Bewe­gungen ihrer Zeit unter­schieden. Eine Schnitt­menge mit dem heu­tigen Jiha­dismus hatten sie nicht. Durch eine solche Aussage würde der eli­mi­na­to­rische Anti­se­mi­tismus der heu­tigen Isla­misten rela­ti­viert. Ihnen geht es wie den Nazis grund­sätzlich um die Tötung von Juden, weil sie Juden sind. Den Linken fast aller Frak­tionen hin­gegen ist vor­zu­werfen, dass sie sich mit dem Anti­se­mi­tismus kaum oder gar nicht aus­ein­an­der­setzten.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​0​9​/​5​1​5​1​8​.html

Peter Nowak