Selbstmord am Oranienplatz

Flüchtling sprang in den Tod

Am 7. Juli sprang ein Geflüch­teter aus einem Haus in Berlin-Kreuzberg in den Tod. Der Suizid geschah in unmit­tel­barer Nähe des Pro­test­camps am Ora­ni­en­platz. Die Polizei gab die Infor­mation nicht an die Medien weiter.

Am Abend des 7. Juli sprang ein Mann aus der vierten Etage eines Gebäudes am Ora­ni­en­platz in Berlin-Kreuzberg. Als er gegen 19 Uhr gefunden wurde, konnte nur noch sein Tod fest­ge­stellt werden. Erst eine Woche später wurde der Suizid durch eine Pres­se­meldung des »Bünd­nisses gegen Ras­sismus« bekannt. In einer Pres­se­mit­teilung übt es heftige Kritik an Polizei und Medien. »Der Tod des Mannes wurde in keiner Weise von der Presse auf­ge­griffen. Polizei und Medien sehen sich offen­sichtlich nicht ver­an­lasst, über diesen Tod zu berichten.«

Eine Mit­ar­bei­terin der Pres­se­stelle der Ber­liner Polizei bestä­tigte den Selbstmord. Der Mann habe vor seinen Suizid die Kon­takt­stelle für Flücht­linge und Migranten auf­ge­sucht. Dort habe er ange­geben, seit drei Tagen in Deutschland zu sein und aus der Ukraine zu kommen. »Die Iden­tität des Toten ist noch nicht geklärt. Die Ermitt­lungen laufen noch«, erklärt die Mit­ar­bei­terin der Poli­zei­pres­se­stelle. Auch über die Hin­ter­gründe des Selbst­mordes sei noch nichts bekannt. Momentan werde ein bei dem Toten gefun­dener Abschieds­brief aus­ge­wertet.

Die vom Bündnis gegen Ras­sismus ange­deutete Ver­mutung, dass die Nach­richt über den Selbstmord von der Polizei bewusst zurück­ge­halten worden sei, weist die Mit­ar­bei­terin der Pres­se­stelle zurück: »Wir berichten generell über Suizide nur dann, wenn daran ein öffent­liches Interesse besteht. Das ist aber nur selten der Fall«. Diese Regelung solle auch die Pri­vat­sphäre der Betrof­fenen schützen.

Für das Bündnis gegen Ras­sismus ist der Selbstmord mehr als ein indi­vi­du­elles Schicksal. »Der Ora­ni­en­platz ist für uns ein Symbol des Refugee-Wider­stands. Hier stand das Wider­standscamp, das für Geflüchtete aus vielen Städten zum Symbol für den Kampf gegen ras­sis­tische Son­der­ge­setze geworden war«, erklärt einer der Akti­visten. Er erinnert daran, dass immer wieder Geflüchtete in Deutschland Selbstmord begehen, weil sie an den Ver­hält­nissen, unter denen sie hier leben müssen, ver­zweifeln.

Das bestätigt auch Elke Schmidt von der Anti­ras­sis­ti­schen Initiative Berlin (ARI). Sie gehört zu einem kleinen Team, das eine jährlich aktua­li­sierte Doku­men­tation über »Bun­des­deutsche Flücht­lings­po­litik und ihre töd­lichen Folgen« her­ausgibt. Die dort gesam­melten Infor­ma­tionen werden immer akri­bisch auf ihren Wahr­heits­gehalt geprüft. Danach gab es in den ver­gan­genen zwei Jahren allein in Berlin sechs Selbst­morde von Geflüch­teten. Für die Jahre 1993 bis 2014 hat die ARI 179 Suizide von Flücht­lingen doku­men­tiert. »Einige ver­übten Selbstmord aus Angst vor ihrer Abschiebung, andere konnten das Leben in den Flücht­lings­heimen nicht mehr aus­halten, die ihnen von den Aus­län­der­be­hörden zuge­wiesen wurden«, sagt Elke Schmidt.

Noch wesentlich höher ist die Zahl der Selbst­mord­ver­suche. Zwi­schen 1993 und 2014 ver­suchten 1383 Men­schen ihrem Leben ein Ende zu setzen oder ver­übten Selbst­ver­let­zungen. Schmidt sieht in den bun­des­deut­schen Asyl­ge­setzen einen wesent­lichen Grund für diese Ver­zweif­lungs­taten. Erst Ende Juni hatte die Bun­des­re­gierung diese Gesetze erneut ver­schärft.

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Peter Nowak