Mit ‘Promedia Verlag’ getaggte Artikel

Falsche Ängste? Matthias Martin Becker kritisiert den Digitalisierungsdiskurs

Donnerstag, 06. Juli 2017

Die Angst geht um bei vielen Lohnabhängigen: Werden bald nicht mehr VorarbeiterInnen, sondern Algorithmen das Arbeitstempo bestimmen? Nehmen uns die Maschinen gar die Arbeit weg? Nicht mehr nur die Vorstellung von Fabriken ohne ArbeiterInnen findet sich in der Diskussion. Jetzt sollen selbst in Sektoren, in denen die menschliche Arbeitskraft bisher als unverzichtbar galt, Roboter Einzug halten. Dazu gehört vor allem die Pflege – aber auch JournalistInnen könnten durch Maschinen ersetzt werden. Der Wissenschaftsjournalist Matthias Martin Becker hat sich in seinem kürzlich im Promedia-Verlag erschienenen Buch »Automatisierung und Ausbeutung« der Frage gewidmet, was aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus wird. Dass er darauf keine einfache Antwort gibt, spricht für den Autor. Gegen das weitverbreitete Halbwissen über die Rolle der Automatisierung setzt er Fakten und beginnt mit einem historischen Exkurs ins 18. Jahrhundert: »Der erste Schachcomputer der Welt wurde im Jahr 1770 der Kaiserin Marie Theresia und ihrem Gefolge in Wien vorgeführt. Das Gerät bestand aus einer hölzernen Kommode und einer überlebensgroßen Puppe, in ein orientalisches Gewand gekleidet und mit Turban. Der Holzkasten diente der Puppe als Tisch. Mit einem ihrer mechanischen Arme bewegte sie Schachfiguren vor sich« (S. 67). Doch der Clou kommt nur wenige Zeilen später. »Diese Mechanik war zum größten Teil Attrappe, bis auf den Teil, der zur Steuerung des beweglichen Arms der Puppe diente. Denn bedient wurde der erste Schachcomputer von einem menschlichen Spieler, der sich im Innern des Kastens verbarg« (ebd.). Er wurde Schachtürke genannt. Der Name hat sich bis heute in der Literatur erhalten. Prominent findet er sich zum Beispiel auch in Walter Benjamins erster These seiner Schrift »Über den Begriff der Geschichte«. Becker hat die mehr als 250 Jahre alte Apparatur, die ein längst vergessener erfunden hat, so akribisch beschrieben, weil er damit zum Kern seiner Argumentation kommt, die sich durch das Buch zieht. »Wolfgang Kempelers ›Schachtürke‹ ist nach wie vor der gängige Typ des Arbeitsautomaten. Im Inneren der Maschinen stecken Menschen, bildlich gesprochen. Sie bedienen und reparieren die Automaten. Sie verbessern ihre Fehler und gleichen ihre Unzulänglichkeiten aus. Sie schreiben die Programme, mehr oder weniger gut« (S. 69). Becker zeigt an aktuellen Beispielen auf, dass in der Automatisierungstechnik bis heute die menschliche Arbeitskraft eine wichtige Rolle spielt, dies in der Öffentlichkeit aber häufig nicht wahrgenommen wird. So beschreibt er, wie ein kleiner weißer Roboter namens NAO die Jugendlichen in den Schulen beeindruckt, weil er auf Tastendruck Ja-Nein-Fragen beantworten und sogar Witze machen kann, wenn sich das junge Publikum zu langweilen beginnt. So soll demonstriert werden, dass Roboter bald beim empathiebasierten Lernen eingesetzt werden können. Das würde einem Einsatz in Schulen, in Kindergärten, aber auch im Carebereich den Weg ebnen. Aber Becker hat auch hier den menschlichen Faktor im Blick. »Wer die Präsentation zu Gänze verfolgt, erfährt, dass im Nebenraum eine Wissenschaftlerin sitzt und anhand von Kameraaufnahmen entscheidet, wann ein Scherz angebracht ist.« (S. 70)

Kein Roboter hinter der Theke
Becker spricht von einer Hochstapelei, die sich durch die Geschichte der Forschung zur Künstlichen Intelligenz und der Robotik zieht, und bringt dafür viele Beispiele aus Geschichte und Gegenwart. So wurde auf der Hannover-Messe im Jahr 2006 ein Roboterarm vorgestellt, der ein Weizenbier in ein Glas kippt. Die Öffentlichkeit und auch viele JournalistInnen waren begeistert. Werden wir bald von Maschinen in der Stammkneipe bedient? Becker gibt Entwarnung: »Wer genauer hinschaut, sieht, dass das Weizenbierglas durch eine Halterung in eine leicht schräge Lage gebracht wird. Die Steuerung führt die Bewegung des Roboterarms aus, ohne die Position des Glases zu berücksichtigen.« (S. 75) Becker führt dieses Beispiel an, um deutlich zu machen, dass für einen Roboter Tätigkeiten wie das Einfüllen eines Glases mit großen Problemen verbunden sind, wenn sie nicht unter Laborbedingungen verrichtet werden sollen. Nun geht es Becker keineswegs darum, die wissenschaftlichen Fortschritte zu bestreiten, die die Arbeitswelt umkrempeln. Doch die menschliche Arbeitskraft wird deswegen nicht überflüssig – und nicht die Algorithmen, sondern das Kapital bestimmen, in welche Richtung die Entwicklung vorangetrieben wird. Damit liefert er einen wichtigen Beitrag zu einer rationalen, nüchternen Debatte über die Digitalisierung und ihre Folgen. Denn die Angst, künftig mit Robotern und Algorithmen um den Arbeitsplatz konkurrieren zu müssen, führt dazu, dass sich viele Lohnabhängige kaum organisieren und für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. So hat eine falsche Angst vor der Digitalisierung ganz konkrete Konsequenzen für die Lohnabhängigen, die der Kapitalseite nützen. Solche Befürchtungen gibt es keineswegs nur in der IT-Branche. Der langjährige Bochumer Opel-Betriebsrat Wolfgang Schaumberg berichtete auf einer Veranstaltung im Berliner FAU-Lokal am 21. Mai 2017, dass die Angst vor der Digitalisierung ihrer Arbeitswelt in der Belegschaft gewachsen ist. Die Positionen der DGB-Gewerkschaften sind da oft keine Unterstützung für die Beschäftigten. Mit ironischem Unterton kommentiert Becker ein Statement des IG-Metall-Vorsitzenden Jörg Hoffmann, der 2015 auf der Fachtagung »Die neuen Roboter kommen« erklärte, dass der Mensch nicht in eine Nebenrolle gedrängt werden dürfe. »Den Menschen in den Mittelpunkt stellen, wer wollte da widersprechen? Wegen der weiterhin bestehenden Unzulänglichkeiten der Robotik und Automatisierung werden LohnarbeiterInnen wohl oder übel die Hauptrolle
spielen müssen. Die Frage ist, wie diese Rolle auszusehen hat«, kontert Becker. Auf die gewerkschaftlichen Debatten zur Digitalisierung, die sich nicht in den Äußerungen Hoffmanns erschöpfen, geht Becker in dem Buch nicht explizit ein. Allerdings gibt es Anstöße für einen linken Umgang mit der Digitalisierung.


Was wäre so schlimm, wenn Roboter die Arbeit übernehmen würden?

Damit kommen wir zu einem Aspekt, der Beckers Buch aus der Flut der Literatur zur Digitalisierung heraushebt. Er fragt, was denn so schlimm daran wäre, wenn uns Maschinen die Lohnarbeit abnehmen würden. Vor allem ungesunde, langweilige, nervtötende Tätigkeiten könnten wir, so Becker, doch gerne den Robotern überlassen. Im letzten Kapitel, das mit dem programmatischen Titel »Feierabend« überschrieben ist, kommt Becker auf diese Utopie zu sprechen. Er stellt noch einmal klar, dass er keine »sentimentale Bindung an heute archaische Arbeitsformen« (S. 205) hat. Etwas umständlich und mit Verweis auf den marxistischen Arbeitssoziologen Harry Bravermann sieht auch Becker die Notwendigkeit, »dass die Umformung der Arbeitsprozesse auf traditioneller Basis in solche, die auf wissenschaftlicher Grundlage aufbauen, nicht nur unvermeidlich, sondern sogar für den Fortschritt der Menschen und ihrer Befreiung von Hunger und anderen Formen des Elends notwendig ist« (S. 205). Die Frage, welche Konsequenzen sich daraus für gewerkschaftliche Strategien ergeben, ist nicht Beckers Thema. Doch er liefert Anregungen, um solche Fragen weiter zu diskutieren. Vielleicht könnte ja eine Alternative zum Kapitalismus unter größeren Teilen der Bevölkerung wieder attraktiver werden, wenn damit geworben wird, dass es ein Grund der Freude und nicht der Angst sein könnte, wenn die Maschinen den Menschen die Lohnarbeit wegnehmen.

Peter Nowak
Matthias Martin Becker: »Automatisierung und Ausbeutung. Was wird
aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus?«, Promedia 2017, 240 S., 19,90
Euro, ISBN: 978-3-85371- 418-8

http://mediashop.at/buecher/automatisierung-und-ausbeutung-2/

aus: express Nr. 06/2017
im Netz unter: www.express-afp.info

siehe auch ak-Redaktion zu dem Buch:
http://peter-nowak-journalist.de/tag/automatisierung-und-ausbeutung/

Automatisierung

Montag, 26. Juni 2017

Der Wissenschaftsjournalist Matthias Becker widmet sich in seinem Buch »Automatisierung und Ausbeutung« der Frage, was aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus wird. Dabei macht er einen Exkurs in die Geschichte zum ersten Schachcomputer der Welt, der 1770 in Wien präsentiert wurde. Doch bedient wurde die vielbestaunte Apparatur von einem menschlichen Spieler, der sich im Innern des Kastens verbarg. Becker spricht von einer Hochstapelei, die sich durch die Geschichte der Erforschung künstlicher Intelligenz und der Robotik bis zur Gegenwart ziehe, und bringt dafür Beispiele bis in die Gegenwart. So wurde 2006 auf der Hannover-Messe ein Roboterarm vorgestellt, der ein Weizenbier einschenkt. Die Öffentlichkeit und auch viele Journalist_innen waren beeindruckt. »Wer genauer hinschaut, sieht, dass das Weizenbierglas durch eine Halterung in eine leicht schräge Lage gebracht wird. Die Steuerung führt die Bewegung des Roboterarms aus, ohne die Position des Glases zu berücksichtigen«. Nun geht es Becker keineswegs darum, wissenschaftliche Fortschritte zu bestreiten, die die Arbeitswelt umkrempeln. Doch betont er, dass die menschliche Arbeitskraft dadurch keineswegs überflüssig wird. Nicht die Algorithmen, sondern das Kapital bestimmt, in welche Richtung die Entwicklung geht. Dass Becker die Frage stellt, was denn so schlimm wäre, wenn uns Maschinen nervtötende Tätigkeiten abnehmen würden, hebt sein Buch positiv aus der Bücherflut zur Digitalisierung hervor.

Matthias Martin Becker : Automatisierung und Ausbeutung. Was wird aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus? Promedia Verlag, Wien 2017. 240 Seiten, 19,90 EUR.

aus
ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 628 / 20.6.2017

https://www.akweb.de/ak_s/ak628/07.htm
Peter Nowak

Martin Matthias Becker: Mythos Vorbeugung

Freitag, 09. Januar 2015

Warum Gesundheit sich nicht verordnen lässt und Ungleichheit krank macht.
Wien: Promedia, 2014. 224 Seiten, 17,90 Euro

Esse viel frisches Obst und Gemüse! Vermeide fetthaltige Nahrung und Süßigkeiten! Mit solchen Aufforderungen sind wir heute ständig konfrontiert. Auf dem ersten Blick scheinen diese Ratschläge sehr vernünftig. Wer wollte bestreiten, dass ein frischer Apfel bekömmlicher ist als ein überzuckerter Powerdrink? Der Medizinjournalist Martin Matthias Becker beginnt sein Buch Mythos Vorbeugung deshalb ebenfalls mit einem Ratschlag: «Lieber nicht rauchen! Oder wenigstens weniger. Steigt auf eure Fahrräder, es wird euch nicht schaden! Wahrscheinlich.»

Auf den folgenden 220 Seiten des gut lesbaren Buches begründet Becker dann kenntnisreich, dass auch eine gesunde Ernährungs- und Lebensweise keine Garantie für ein Leben ohne Krankheiten ist. Dieser Eindruck wird aber bei vielen Kampagnen für eine gesunde Lebensweise erzeugt, und das hat Konsequenzen. Wenn Krankheiten vor allem als Folge der eigenen Lebensführung und Ernährung dargestellt werden, wird Krankheit schnell zum individuellen Versagen.

Im Zeitalter leerer Kassen wird den Patienten noch vorgeworfen, die sozialen Sicherungssysteme durch ihre ungesunde Lebensweise zu belasten. Dabei zeigt Becker in seinem Buch immer wieder auf, dass Gesundheit und Krankheit durchaus eine Klassenfrage ist: «Eine herausragende Rolle für Gesundheit und Krankheit spielt die gesellschaftliche Position», schreibt er mit Verweis auf engagierte Mediziner und Sozialpolitiker wie den ehemalige Präsidenten der Berliner Ärztekammer, Ellis Huber. Der hat schon in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf den Zusammenhang von Armut und Gesundheit hingewiesen.

«Wenn Sie sich in die U1 setzen und in Richtung Krumme Lanke fahren, dann verlieren Sie an jeder Station zwei Monate Lebenserwartung», zitiert Becker Ellis Huber über einen Streifzug durch das Westberlin der frühen 80er Jahre. Zwischenzeitlich hat sich die Linienführung der U-Bahn in Berlin geändert, nicht aber das Gefälle in der Lebenserwartung zwischen bürgerlichen und proletarischen Stadtteilen. Noch deutlicher ist die Differenz bei der Lebenserwartung in London. «In der britischen Hauptstadt beträgt der Unterschied zwischen den wohlhabenden und den ärmsten Bezirken 17 Jahre», schreibt Becker.

Becker weist an vielen Einzelbeispielen nach, dass die Ungleichheit für viele gesundheitliche Probleme in der Gesellschaft verantwortlich ist. Dabei geht es nicht nur um das Erleiden von Mangelsituationen. Auch Stress und Arbeitshetze sind krankmachende Faktoren. Eine politisch gewollte Überwindung ungleicher Verhältnisse wäre demnach die beste Vorbeugung.

Auch diese Erkenntnis ist keineswegs neu, wie Becker am Beispiel des jungen Mediziners und Sozialpolitikers Rudolf Virchow zeigt. Als Teil einer Expertenkommission besuchte dieser im Frühjahr 1848 das von einer schweren Epidemie betroffene Oberschlesien und fand dort Menschen in unbeschreiblicher Armut und katastrophalen hygienischen Verhältnissen vor. Virchow merkte schnell, dass er sich mit seinen sozialen Bestrebungen in der preußischen Feudalgesellschaft viele Feinde machte, und konzentrierte sich ganz auf seine medizinische Arbeit, für die er heute bekannt ist.

Becker zeigt auf, dass gerade im Zuge der jüngsten Weltwirtschaftskrise in Ländern wie Griechenland und Spanien Krankheiten, die bisher als beherrschbar galten, wieder eine tödliche Gefahr, vor allem für arme Menschen, werden.

Beckers Buch gut lesbares und dennoch informatives Buch ist auch eine Streitschrift für eine egalitäre Gesellschaft – gegen die Privatisierungstendenzen, die auch im deutschen Gesundheitswesen unübersehbar sind.

http://www.sozonline.de/2015/01/martin-matthias-becker-mythos-vorbeugung/

Peter Nowak

Steigt auf die Fahrräder!

Donnerstag, 27. November 2014

REZENSION

Esst viel frisches Obst und Gemüse! Vermeide fetthaltige Nahrung und Süßigkeiten! Auf dem ersten Blick scheinen diese Ratschläge sehr vernünftig zu sein. Wer wollte bestreiten, dass ein frischer Apfel bekömmlicher ist als ein überzuckerter Powerdrink. Daher beginnt der Medizinjournalist Matthias Martin Becker sein Buch »Mythos Vorbeugung« ebenfalls mit einem Ratschlag: »Lieber nicht rauchen! Oder wenigstens weniger. Steigt auf Eure Fahrräder, es wird Euch nicht schaden! Wahrscheinlich«.

Becker begründet kenntnisreich, dass auch eine gesunde Ernährungs- und Lebensweise keine Garantie für ein Leben ohne Krankheiten ist. Dieser Eindruck werde aber bei vielen Kampagnen erzeugt. Krankheit wird so zum individuellen Versagen. Den Patienten wird vorgeworfen, die sozialen Sicherungssysteme durch ihre ungesunde Lebensweise zu belasten. Dabei zeigt Becker in seinem Buch immer wieder auf, dass Gesundheit und Krankheit durchaus eine Klassenfrage ist. Engagierte Mediziner und Sozialpolitiker wie der ehemalige Präsident der Berliner Ärztekammer Ellis Huber verwiesen bereits in den 80er Jahren auf den Zusammenhang von Armut und Gesundheit. »Wenn Sie sich in die U1 setzen und in Richtung Krumme Lanke fahren, dann sie verlieren sie an jeder Station zwei Monate Lebenserwartung«, zitiert Becker Huber über einen Streifzug durch das Westberlin der frühen 80er Jahre. Zwischenzeitlich hat sich die Linienführung der U-Bahn in Berlin geändert, nicht aber das Gesundheitsgefälle zwischen bürgerlichen und proletarischen Stadtteilen. Noch deutlicher ist die Differenz bei der Lebenserwartung in London. »In der britischen Hauptstadt beträgt der Unterschied zwischen den wohlhabenden und den ärmsten Bezirken 17 Jahre«, schreibt Becker.

Für die meisten gesundheitlichen Probleme in der Gesellschaft sei eher die Ungleichheit verantwortlich. Sie zu überwinden, sei demnach die beste Vorbeugung. Auch diese Erkenntnis ist keineswegs neu, wie Becker am Beispiel des Mediziners und Sozialpolitikers Rudolf Virchow zeigt. Als Teil einer Expertenkommission besuchte er 1848 das von einer schweren Epidemie betroffene Oberschlesien und fand dort Menschen in unbeschreiblicher Armut und katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Virchow merkte schnell, dass er sich mit sozialen Bestrebungen in der preußischen Feudalgesellschaft Feinde machte und konzentrierte sich ganz auf seine medizinische Arbeit. Becker zeigt auf, dass gerade im Zuge der Krise in Ländern wie Griechenland und Spanien Krankheiten, die bisher als beherrschbar galten, wieder eine tödliche Gefahr vor allem für arme Menschen werden. Sein gut lesbares, informatives Buch ist auch eine Streitschrift gegen die Privatisierungstendenzen im Gesundheitswesen.

Martin Matthias Becker: Mythos Vorbeugung, Wien 2014. Promedia Verlag, 224 Seiten, 17,90 €.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/953722.steigt-auf-die-fahrraeder.html

Peter Nowak

Es begann mit einer Schocktherapie

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Hannes Hofbauer stellte in Berlin sein Buch über die realexistierende Diktatur des Kapitals vor

Der staatseigene schwedische Vattenfallkonzern verklagt die Bundesregierung auf einen Schadenersatz von über vier Milliarden Euro, weil sich durch den Atomausstieg seine Gewinnerwartungen verringerten. Die Schadenersatzklage fällt in eine Zeit, in der das geplante transatlantische Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU für Proteste sorgt. Am 11. Oktober gab es einen internationalen Aktionstag gegen dieses Abkommen, das als Sonderrecht für Konzerne wahrgenommen wird. Die Proteste wachsen. Doch hierzulande wird wenig darüber diskutiert, dass die Bundesrepublik ein Vorreiter von Investitionsschutzabkommen war und 1959 mit Pakistan sogar die weltweit erste Vereinbarung dieser Art geschlossen hat. Inzwischen hat Deutschland insgesamt mehr als 140 derartige Verträge signiert, oft mit Ländern des Südens. Eine Bewegung gegen das TTIP, die sich nicht für deutsche Standortinteressen einspannen lassen will, müsste alle diese Abkommen infrage stellen, auch dann, wenn deutsche Konzerne davon profitieren.

Das am vergangenen Mittwoch in Berlin von Hannes Hofbauer vorgestellte Buch signalisiert schon im Titel »Die Diktatur des Kapitals«, dass es hier nicht um Machtansprüche unterschiedlicher Staaten und Nationen geht. Abkommen wie das TTIP interpretiert der österreichische Publizist als Ausdruck eines internationalen Kräfteverhältnisses, bei dem die Arbeiterbewegung massiv an Einfluss eingebüßt hat. Hofbauer sieht die Zäsur in den Ereignissen Ende der 198er Jahre, die in der Auflösung der Sowjetunion und des Warschauer Pakts kulminierten. »Mit ihm öffnet sich für das westliche Investoren eine in weiten Teilen bisher verschlossene zweite Welt, ein scheinbar unbegrenzter Markt für Absatz und Arbeitskraft.« Hofbauer betont, dass nicht das Ende der unflexiblen Planwirtschaften das Problem seien, sondern das Fehlen einer sozialistischen Alternative sowohl zum Nominalsozialismus als auch zum realexistierenden Kapitalismus. Detailliert beschreibt er die kapitalistische Landnahme in Osteuropa. In den frühen 1990er Jahren wurde die Region ein Experimentierfeld für einen unverhüllten Neoliberalismus.

Am Anfang stand eine Hyperinflation, die Hofbauer als Enteignung der Besitzlosen klassifiziert. In kurzer Zeit waren oft langjährige Ersparnisse von Millionen Menschen fast wertlos. Im Anschluss folgte in vielen Ländern eine Politik der Deindustrialisierung, mit der mögliche Konkurrenten für Westkonzerne ausgeschaltet wurden. Dafür war auf dem Gebiet der ehemaligen DDR die Treuhand zuständig, in anderen Ländern operierten ähnliche Behörden. Das ehemals einen eigenen Wirtschaftsraum bildende Osteuropa sollte »fit« für den Weltmarkt gemacht werden. Hofbauer schildert die verhängnisvollen Folgen für die betroffenen Länder: hohe Erwerbslosigkeit, massive Verarmung breiter Bevölkerungsschichten und Zerrüttung gesellschaftlicher Grundlagen. Die kanadische Autorin Naomi Klein hat diesen Prozess als Schocktherapie beschrieben. Darauf bezieht sich auch Hofbauer, der aber merkwürdigerweise ihr grundlegendes Buch im Literaturanhang nicht erwähnt.

Anschaulich und überzeugend wird dargestellt, wie der totalen Umkrempelung aller Verhältnisse in den osteuropäischen Ländern in den frühen 1990er Jahren eine Pilotfunktion bei der Ausrichtung der globalen Märkte nach neoliberalen Interessen zukam. In der wesentlich von Deutschland ausgehenden Austeritätspolitik mit ihren katastrophalen Folgen für die Menschen in Griechenland und anderen Ländern an der europäischen Peripherie sieht Hofbauer die Fortsetzung jener Politik. Er zeigt, wie die wirtschaftsnahe Bertelsmann Stiftung mit einem in der Öffentlichkeit breit beworbenen Forderungskatalog Stimmung für »Reformen« zugunsten des Kapitalis machte. Die Agenda 2010 könne als Blaupause dieses wirtschaftlichen Forderungskatalogs gelesen werden, der wiederum von Weltbank- und IWF für Osteuropa kopiert wurde.

Im letzten Kapitel zeigt Hofbauer faktenreich die gesellschaftlichen Konsequenzen der kapitalistischen Landnahme auch in Bereichen auf, in denen man solche nicht vermutet. So zeigt er die Folgen der in vielen Ländern existierenden Bestrebungen auf, nur noch bargeldlosen Zahlungsverkehr zuzulassen. Die Verlierer würden kleine Länden, Imbisse und Kleinunternehmen sein, die sich das teure technische Equipment für eine entsprechende Umstellung nicht leisten können.

Hofbauer hat ein dramatisches Kapitel Kapitalgeschichte verfasst. Er liefert allen, die sich gegen das TTIP und andere Freihandelsabkommen engagieren, eine gute Einführung in die Funktionsweise des Kapitalismus unserer Tage. Deutlich wird, dass Abkommen wie TTIP Resultat egoistischen kapitalistischen Verwertungsinteresses sind und nicht, wie oft behauptet, der Allgemeinheit dienen.

http://www.neues-deutschland.de/artikel/950209.es-begann-mit-einer-schocktherapie.html

Peter Nowak

Hannes Hofbauer: Die Diktatur des Kapitals. Souveränitätsverlust im postdemokratischen Zeitalter. Promedia, Wien 2014. 240 S., br., 14,90 €.

Linke und Gewalt

Dienstag, 14. Oktober 2014

Wie hält es die Linke mit der Gewalt? Einen guten Überblick über die Debatten der letzten 150 Jahre liefert ein Dokumentenband des in Wien lebenden Politologen Felix Wemheuer. Im Vorwort skizziert Wemheuer die Bandbreite der in den 20 Dokumenten erörterten Fragen: »Kann auf Gewalt beruhende Herrschaft mit friedlichen Mitteln gestürzt werden, oder ist Gegengewalt notwendig? Wenn ja, welche Ziele sind in Bezug auf die Ziele zu rechtfertigen und welche nicht? Wie verändert die Gewaltausübung den Revolutionär? Kann man überhaupt verhindern, dass man seinen Gegnern immer ähnlicher wird?« Themen der fünf Kapitel sind: Krieg und bewaffnete Revolution; individueller Terror, »Tyrannenmord« und gesellschaftliche Veränderung; Roter Terror und die Verteidigung der Revolution; Gewalt im antikolonialen Kampf; Stadtguerilla. Dokumentiert sind Texte von Lenin, Mao Zedong, Regis Debray, Pierre Ramus, Johann Most, Rosa Luxemburg, Wera Figner, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Karl Kautsky, Leo Trotzki, Isaac Steinberg, Enrico Malatesta, Martin Luther King, Frantz Fanon und Eldrige Cleaver. Im letzten Kapitel ist einem Grundlagentext der RAF eine vehemente Kritik von Oskar Negt gegenübergestellt. Ein Interview mit dem französischen Philosophen Jean-Paul Sartre nach seinen Besuch bei Andreas Baader im Hochsicherheitsgefängnis Stammheim und ein Interview mit Aktivistinnen der feministischen Guerilla Rote Zora schließen den Band ab.

http://www.akweb.de/ak_s/ak598/08.htm

Peter Nowak

Felix Wemheuer (Hg.): Linke und Gewalt. Pazifismus, Tyrannenmord, Befreiungskampf. Promedia Verlag, Wien 2014. 173 Seiten, 12,90 EUR.