Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn

Schlecht, wenn der Job an die Nieren geht. Und ans Hirn

Die neo­li­berale Radi­ka­li­sierung in der Arbeitswelt, sagt Wolfgang Hien, bürde Körper, Geist und Seele hohe Belas­tungen auf. Die Folge: Arbeits­be­dingte Krank­heiten nehmen zu. „Dieser Ent­wicklung sollte Einhalt geboten werden. Dafür möchte ich meine arbeits- und gesund­heits­wis­sen­schaft­liche Kom­petenz ein­setzen.“ Damit hat Hien, geboren 1949 im Saarland, sein lebens­langes Enga­gement für den Gesund­heits­schutz in der Arbeitswelt recht gut beschrieben. Warum das Thema zu seiner Lebens­aufgabe wurde, kann man in dem langen Gespräch erfahren, das Hien mit dem His­to­riker Peter Birke geführt hat, und woraus „Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn“ besteht. Hien beginnt damit, wie ihn seine Erfah­rungen als Aus­zu­bil­dender beim Che­mie­riesen BASF in Lud­wigs­hafen geprägt haben. Dann klärt er auch die Ver­wirrung auf, die der Unter­titel „68 und das Ringen um eine men­schen­würdige Arbeit“ bei manchen aus­lösen mag. Schließlich schien Hien im BASF-Labor weit weg von den Unis, in denen Stu­die­rende Marx und Adorno zu lesen begannen.
Doch Hien beschreibt ein­prägsam, wie sehr ihn und einige BASF-Kol­legen der gesell­schaft­liche Auf­bruch Ende der 1960er Jahre beein­flusste. Wie er nach einigen Jahren die Fabrik verließ, das Abitur nach­holte und ein Studium begann. Und wie er auch danach den Kampf um den Gesund­heits­schutz in der Che­mie­in­dustrie fort­setzte.
Peter Birke, eine Generation jünger als sein Gesprächs­partner, gelingt es, die Bio­graphie Hiens aus­zu­leuchten und zugleich Ele­mente einer Gegen­ge­schichte der Indus­trie­arbeit in Deutschland auf­zu­zeichnen: Etwa wenn Hien von der Koope­ration zwi­schen Umwelt­in­itia­tiven und kri­ti­schen Gewerk­schaftern erzählt, die es in den 1980er Jahren auch in der Che­mie­branche gab. „Mit­mi­scher“ nannte sich eine der Gruppen im Rhein-Main-Gebiet, in der Hien gemeinsam mit Che­mie­ar­beitern orga­ni­siert war, „Mit­mi­scher“ nannte sich auch eine Betriebs­zeitung, die in einer Auflage von 10 000 Exem­plaren von den 1970er bis in die 1990er Jahre bei BASF Lud­wigs­hafen ver­teilt wurde. Fast in jeder Nummer wurden die Kol­legen über die gif­tigen Sub­stanzen infor­miert, mit denen sie ständig in Berührung kamen.
Der gut besuchte Alter­native Gesund­heitstag 1980 in Berlin gab Hien Inspi­ration für sein Enga­gement, Betriebs­ba­sis­gruppen für Gesundheit auf­zu­bauen. Mit den eso­te­ri­schen Strö­mungen, in die Teile der Gesund­heits­be­wegung später abdrif­teten, hatte er nichts im Sinn. Ihm ging es darum, den Bedin­gungen in der Arbeitswelt den Kampf anzu­sagen, die die Men­schen krank machen. Zu seinen Kon­tra­henten gehörten dabei nicht nur Indus­trie­ver­bände, sondern oft auch Betriebsräte und Gewerk­schaften, die auf Sozi­al­part­ner­schaft setzten. Deshalb war es für viele eine Über­ra­schung, dass Hien 2003 Referent für Gesund­heits­schutz beim DGB-Vor­stand wurde.
Doch schnell geriet er mit seinen Enga­gement für eine Arbeitswelt, in der auch die Lang­samen und chro­nisch Kranken ihren Platz haben sollen, in Kon­flikt mit einer Gewerk­schafts­logik, die Arbeits­plätze vor Gesund­heits­schutz stellt. Hien beschäftigt vielmehr die Frage, wie Lohn­arbeit so gestaltet werden kann, dass auch Alte, Kranke und Schwache darin ihren Platz finden.
In einer Zeit, in der Beschäf­tigte ständig erreichbar und fle­xibel sein sollen, hat diese Fra­ge­stellung nichts von ihrer Dring­lichkeit ver­loren. So ist der Gesprächsband nicht nur Erin­nerung an linke Geschichte, sondern auch ein sehr aktu­elles Buch.

Peter Nowak

Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn – »68»und das Ringen um Men­schen­würde Arbeit, Wolfgang Hien, Peter Birke, VSA-Verlag 2018, 256 Seiten, 22,80 Euro,

aus Wochen­zeitung Freitag, Nr. 43, 25.Oktober 2018,

Kranke Arbeit

Das Urteil gegen Mon­santo und für Dewayne Johnson ging in den ver­gan­genen Tagen um die Welt. Der Haus­meister hatte jah­relang mit gly­pho­sat­hal­tigen Unkraut­ver­nichtern gear­beitet. Heute hat er Krebs. Der Soziologe Wolfgang Hien hat diesem Thema sein Leben gewidmet: Arbeit darf nicht krank machen.

„Kranke Arbeit“ wei­ter­lesen

Umgekehrter 68er

Den gesell­schaft­lichen Auf­bruch vor 50 Jahren erlebte Wolfgang Hien als junger Arbeiter.

»Ich hatte das Gym­nasium nach der siebten Klasse abge­brochen. „Umge­kehrter 68er“ wei­ter­lesen

Analyse der Krisenproteste in Europa

Ein Buch betrachtet Wider­stands­be­we­gungen

Warum gibt es in Europa trotz der großen Krise relativ wenig gemein­samen Wider­stand? Ein kürzlich im Verlag Asso­ziation A erschie­nenes Buch mit dem Titel »Krisen Pro­teste« (312 Seiten, 18 Euro) gibt einige Ant­worten auf diese Frage und zieht eine Zwi­schen­bilanz der Pro­teste, Auf­stände und Streik­be­we­gungen, die es bisher als Reaktion auf die sozialen Ver­wer­fungen gab.

Die Ungleich­zei­tigkeit der Kri­sen­po­litik und der Wahr­nehmung bei den Betrof­fenen erschwert einen gemein­samen Wider­stand. Diese Ent­kop­pelung stellt für die Linken ein großes Problem dar, »das kei­neswegs mit bloßen Appellen und welt­weiten Auf­rufen bewältigt werden kann«, schreiben die Her­aus­geber des Buches, Peter Birke und Max Hen­ninger, in der Ein­leitung. In zwölf Auf­sätzen, die größ­ten­teils auf der Online­plattform Sozial.Geschichte Online ver­öf­fent­licht wurden, werden die aktu­ellen Bewe­gungen in den unter­schied­lichen Ländern auf hohem Niveau ana­ly­siert.

Zur Lage in Grie­chenland gibt es gleich zwei Bei­träge. Während der His­to­riker Karl Heinz Roth die Vor­ge­schichte der Krise rekon­struiert und dabei auf das Interesse des grie­chi­schen Kapitals am Euro eingeht, beschäftigt sich der Soziologe Gregor Kritidis mit der viel­fäl­tigen Wider­stands­be­wegung der letzten Jahre. Er sieht in den Auf­ständen nach der Ermordung eines jugend­lichen Demons­tranten durch die Polizei im Dezember 2008 »die Ster­be­ur­kunde für die alte Ordnung«. Aus­führlich geht er auch auf die Bewegung der Empörten ein, die im Sommer 2011 aus Protest gegen die EU-Spar­diktate öffent­liche Plätze in Grie­chenland besetzten und mit mas­siver Poli­zei­re­pression kon­fron­tiert waren. Ebenso stellt Kritidis die Bewegung zur Schul­den­strei­chung vor, die es seit einem Jahr gibt.

Kirstin Carls zeigt am Bei­spiel Italien auf, wie die tech­no­kra­tische Monti-Regierung in den letzten Monaten Ein­schnitte in die Arbeits-, und Sozi­al­ge­setz­gebung umge­setzt hat, die Ber­lus­conis Regierung nach hef­tigem Wider­stand hatte zurück­ziehen müssen. Das Bündnis The Free Asso­ciation liefert Hin­ter­grund­in­for­ma­tionen über die Pro­teste in Groß­bri­tannien. Zwei spa­nische Akti­visten beschreiben, wie sich ein Teil der Empörten, nachdem sie Zelte auf den öffent­lichen Plätzen auf­ge­geben hatten, auf den Kampf gegen Häu­ser­räumung und die Unter­stützung von Streiks kon­zen­trierten. Das Buch kann nach den Blockupy-Akti­ons­tagen letzte Woche in Frankfurt wichtige Anre­gungen für eine Per­spek­tiv­de­batte der Kri­sen­pro­test­bünd­nisse liefern.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​27787
.analyse-der-krisenproteste-in-europa.html
Peter Nowak