Ein Stressfaktor weniger

Der Online-Ter­min­ka­lender für linke Sub­kultur wird nach 20 Jahren ein­ge­stellt

Wir müssen euch leider mit­teilen, dass wir unser Projekt Online-Stress­faktor beenden werden“, heißt es neu­er­dings auf der Start­seite des Ber­liner „Ter­min­ka­lenders für linke Sub­kultur und Politik“. Seit Juli 1998 konnte man sich dort über linke Ver­an­stal­tungen, Demons­tra­tionen, Filme und Kon­zerte infor­mieren. In der linken Szene herrscht Betrof­fenheit über das Ende des viel genutzten Online-Kalenders nach fast 20 Jahren. In der Erklärung der unbe­kannten Online-Redaktion wird das linke Kon­sum­ver­halten als Haupt­grund für die Aufgabe genannt. „Es fiel uns schon in den letzten Jahren immer schwerer, die Masse an Ter­minen ver­ar­beiten zu können. Die Erwar­tungs­haltung und die Ungeduld vieler Nut­ze­rInnen hat uns zusätzlich unter Druck gesetzt und viel Zeit, Arbeit und Energie gekostet“, geißeln sie Nutzer, die in dem Kalender eine Dienst­leistung sahen, ohne zu regis­trieren, dass dahinter viel Arbeit steckt. Schließlich mussten die gemailten Ter­min­an­kün­di­gungen oft redi­giert und kor­ri­giert werden. Trotzdem hagelte es schnell Kritik, wenn die Termine nicht sofort online standen. Als Ersatz emp­fiehlt die Redaktion nun ihrer Ziel­gruppe, Termine künftig auf die euro­päische Online­plattform Radar (https://radar.squat. net/­de/stress­faktor-update) ein­zu­stellen. Im Unter­schied zum Stress­faktor müssen sich poli­tische Initia­tiven dort anmelden und können dann ihre Texte selber ein­tragen. Die Stress­faktor-Redaktion sieht das Konzept skep­tisch und befürchtet eine Unüber­sicht­lichkeit und poli­tische Belie­bigkeit. In der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken Berlins hoffen manche, dass sich doch noch eine neue Gruppe findet, die das alte Konzept wei­ter­führt. Aller­dings wären da auch tech­nische Pro­bleme zu lösen. Wahr­scheinlich werden auch viele wieder auf die Print­ausgabe des Stress­faktor zurück­greifen, die von einer sepa­raten Redaktion weiter her­aus­ge­geben wird. Da- mit hätte sich gegen den Trend die Print­ausgabe gegen die Online­ausgabe durch­ge­setzt.

aus Taz vom 10.4.2018

Peter Nowak