Gelbe Westen auch in Berlin?

Soli­da­ri­siert man sich mit einem Symbol oder mit kon­kreten All­tags­kämpfen?

Am gest­rigen Don­nerstag ging es am Pariser Platz zwi­schen fran­zö­si­scher Bot­schaft und Aka­demie der Künste zumindest nach Worten »revo­lu­tionär« zu. Knapp 120 Men­schen haben sich mit dem Protest der Gelben Westen in Frank­reich soli­da­ri­siert [1]. Eine kleine Abordnung von ihnen war aus Frank­reich nach Berlin gekommen.

Gekommen waren ansonsten Mit­glieder und Unter­stützer ver­schie­dener linker Gruppen aus Berlin, die Samm­lungs­be­wegung Auf­stehen war mit einem Trans­parent ver­treten. Für die Anti­fa­gruppe NEA [2] hat Martin Peters einen Beitrag mit viel Selbst­kritik auch an die eigene Szene vor­ge­tragen. So monierte er, dass ein großer Teil der Antifa-Linken die Bewegung der Gelben Westen (häufig auch: Gelb­westen) vor­schnell unter der Rubrik Quer­front nach Rechts abschieben würde und sich damit indirekt zum linken Fei­gen­blatt der Macron-Fraktion des Kapitals machen würde.

Dabei ver­schwieg Peters nicht, dass es in der Bewegung der Gelben Westen Rechte gibt. Aufgabe einer linken Bewegung sei es dann aber, die Kräfte in der Bewegung zu unter­stützen, die sich gegen die rechten Ten­denzen dort stellten. Dazu gehörten auch die Mit­glieder der Dele­gation, die am Don­nerstag nach Berlin gekommen war.

Bewegung nicht rechts liegen lassen

In einem Taz-Interview [3] hatte Peters diese Position prä­zi­siert:

taz: Bislang haben in Deutschland vor allem Rechte ver­sucht, auf den Gelb­westen-Zug auf­zu­springen. Die wollen Sie aber nicht auf Ihrer Demo haben?

Nein, unsere Moti­vation ist auch eine anti­fa­schis­tische. Das Motto lautet: Gegen Sozi­al­abbau und Ras­sismus. Wir wider­sprechen der Ver­ein­nahmung von rechts und einer Ver­bindung mit dem Protest gegen den UN-Migra­ti­onspakt. Dass bislang eher Rechte auf­ge­sprungen sind, spiegelt die Schwäche der Linken wider: Es fehlt eben an breiten Sozi­al­pro­testen. Und während »Unteilbar« ein Moment war, ist etwa Pegida dau­erhaft präsent und kann ent­spre­chend schnell mobi­li­sieren.


taz: Hat die deutsche Linke den fran­zö­si­schen Protest bislang unter­schätzt und sich zu sehr auf die pro­ble­ma­ti­schen Ele­mente der Bewegung fokus­siert?

Ich würde sagen: ja. Es fehlt ihr inzwi­schen die Übung im Umgang mit Mas­sen­be­we­gungen. Viele sind es nur noch gewohnt, dane­ben­zu­stellen und zu kri­ti­sieren. In den linken Fil­ter­blasen war schnell der Vorwurf eines Quer­front­pro­tests ver­breitet. Aber die Kern­for­de­rungen der Gelb­westen sind sozialer Natur und eben nicht der Migra­ti­onspakt. Wir wollen deutlich machen, dass sich fran­zö­sische Linke zum Großteil für eine soli­da­risch-kri­tische Inter­vention aus­sprechen und gegen Nazis zur Wehr setzen. Einen extrem rechten Sprecher hat die Bewegung schon geschasst – der ver­sucht jetzt sein Glück als »Gelbe Zitronen«.

Martin Peters, lang­jäh­riger Ber­liner Antifa-Aktivist in der Taz

Welches Volk ist gemeint?

Tat­sächlich haben Linke bei den Mon­tags­de­mons­tra­tionen gegen die Ein­führung von Hartz-IV im Sommer 2004 den Rechten, die sich dort auch tum­melten, Paroli geboten. In vielen Städten war das damals gelungen und so konnten die Rechten der dama­ligen Bewegung nicht ihren Stempel auf­drücken. Peters zeigte an einem Bei­spiel auch die Schwie­rig­keiten einer solchen Inter­vention. So lautete damals eine zen­trale Parole »Weg mit Hartz IV – das Volk sind wir«.

Für viele Linke ist das gut begründet ein mit rechtem Gedan­kengut kon­ter­mi­nierter Begriff. Doch wie geht man mit Men­schen um, die die dahin­ter­ste­henden Debatten nicht kennen? Ver­suche ich erst einmal raus­zu­finden, was sie denn meinen, wenn sie von »Volk reden?

Nur dann ist eine Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebene möglich. Aller­dings sollte dabei klar sein, dass Linke nicht mit Volks­be­griffen han­tieren, sondern Men­schen dabei unter­stützen soll, zu erkennen, dass sie mit dem Begriff selbst einer Ideo­logie auf­sitzen – bei­spiels­weise der Ideo­logie, Krupp und Krause oder Peter Hartz und eine Hartz IV-Emp­fän­gerin säßen im selben Boot.

Die deut­schen Zustände bekämpfen – aber wie?

Nach Peters sprach eine ira­nische Migrantin, die in Berlin lebt, über die sozialen Pro­teste in ihrem Land und über die Situation. Die beste Soli­da­rität, die von Berlin für soziale Bewe­gungen in anderen Ländern geleistet werden könne, sei der Kampf gegen die deut­schen Zustände. Damit erwies sie sich als gute Marx-Ken­nerin, der schon 1843 den Deut­schen Zuständen den Krieg erklärt hatte [4].

Heute ist damit auf öko­no­mi­schen Gebiet ein Kampf gegen das weit­gehend von Deutschland durch­ge­setzte Aus­teri­täts­regime gemeint, dass in vielen Ländern Europas für Ver­armung sorgt. Werden sich die nun gegrün­deten Gelben Westen Berlins diesen Kampf annehmen? Dann könnte das Symbol »Gelbe Westen« nur der Aus­gangs­punkt sein. Schließlich ist es ein leerer Signi­fikant. Die Träger können sehr Ver­schie­denes damit aus­drücken.

Ob es im nächsten Jahr die Bewegung in Frank­reich noch geben wird, ist ungewiss. Aber es wird weiter soziale Kämpfe geben, mit und ohne gelbe Westen. Wenn die Initia­toren der Gelben Westen Berlin dafür sen­si­bi­li­sieren würden, hätten sie sich Ver­dienste erworben. Da wären aber einige kri­tische Fragen zu stellen. Warum gelang es nicht, einen Akti­onstag der Soli­da­rität mit den oft migran­ti­schen Logis­tik­ar­beitern und ihren Streik­zyklen [5] in Nord­italien in Deutschland und anderen euro­päi­schen Ländern zu eta­blieren? Ver­suche mit Aktionen vor ver­schie­denen IKEA-Zen­tralen gab es [6].

Um in der Gegenwart zu bleiben: Wo bleibt die trans­na­tionale McDonald-Kam­pagne aus Soli­da­rität mit den Arbeits­kämpfen bei einer McDonald-Filiale im Norden von Mar­seille [7]?

Michel Poit­tevin ist aktiv in der fran­zö­si­schen Basis­ge­werk­schaft Soli­daires – SUD [8], die den Arbeits­kampf bei McDonald in Mar­seille unter­stützt:

Ihre Gewerk­schaft unter­stützt einen Arbeits­kampf bei McDonald in Mar­seille [9]. Ist es nicht schwierig, gerade dort Beschäf­tigte zu orga­ni­sieren?

M.P.: 2012 gab es die erste Aus­ein­an­der­setzung in der McDonald-Filiale in McDonald de Saint-Bart­h­elemy. Die Beschäf­tigten konnten so ein 13-Monasts­gehalt und andere Ver­bes­se­rungen durch­setzen. Die erkämpften Rechte wurden infrage gestellt, als in der Filiale der Besitzer wech­selte. Dabei muss man wissen, dass McDonald ein Fran­chise-Modell ein­ge­führt hat. Die Fran­chise­nehmer zahlen an McDonald Miete und eine Umsatz­be­tei­ligung. Mit dem Fran­chise­modell sollen die erkämpfen Arbei­ter­rechte zurück­ge­rollt werden. Bei McDonald in Bart­h­elemy ent­wi­ckelte sich daraus 2017 ein mona­te­langer Streik. Er wurde nicht nur in ganz Frank­reich bekannt. Sogar im Ausland wurde darüber berichtet. Sogar in großen US-Zei­tungen gab es Artikel.
Wie reagierte Ihre Gewerk­schaft darauf?

M.P.: Wir machten diese besonders bra­chiale Form von Union-Busting öffentlich. So orga­ni­sierten wir eine Ver­sammlung, in der wir die Gewalt gegen Gewerk­schaftler bekannt machten. Als klar wurde, dass wir uns davon nicht ein­schüchtern ließen, hörten die Dro­hungen auf.

Aus­schnitte aus einem län­geren Interview mit Michel Poit­tevin

Auch hier stellt sich die Frage, warum kann nicht mit trans­na­tio­nalen McDonald-Akti­ons­tagen eine Soli­da­ri­täts­front auf­gebaut werden? Am 17.Januar 2019 wird vor dem Ber­liner Arbeits­ge­richt über die Beru­fungs­ver­handlung eines der rumä­ni­schen Bau­ar­beiter ver­handelt, der bei der Mall of Berlin [10] um seinen Lohn geprellt wurde [11].

Der Kon­flikt dauert mitt­ler­weile 4 Jahre und die um ihren Lohn geprellten Bau­ar­beiter hatten auf dem Rechtsweg Klagen gewonnen, aber kein Geld bekommen, weil die ver­ur­teilten Sub­un­ter­nehmen insolvent waren.

Warum sollten die Gelben Westen Berlin nicht an einen Samstag vor der Mall of Berlin, einer Nobel-Mall an expo­nierter Stelle, daran erinnern? Sie liegt nur wenige 100 Meter weg vom Kund­ge­bungs­platz der Gelb­westen am ver­gan­genen Don­nerstag. Ein Mann mit gelber Weste schloss sein Fahrrad ab und betrat die Mall. War das jetzt ein Versuch, nach der Kund­gebung den sozialen Protest an den pas­senden Ort zu tragen und die dortige weih­nacht­liche »Süßer die Kassen nie klingeln«-Stimmung etwas zu trüben? Nein, es han­delte sich um einen Kunden in wet­ter­ge­rechter Bekleidung.

Peter Nowak

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[1] https://​www​.facebook​.com/​G​e​l​b​w​e​s​t​e​n​G​e​g​e​n​S​o​z​i​a​l​a​b​b​a​u​u​n​d​R​a​s​s​ismus
[2] http://​antifa​-nordost​.org/
[3] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​5​6689/
[4] https://​www​.ca​-ira​.net/​v​e​r​l​a​g​/​l​e​s​e​p​r​o​b​e​n​/​i​s​f​-​f​l​u​g​s​c​h​r​i​f​t​e​n​_lp1/
[5] http://​www​.labournet​.de/​c​a​t​e​g​o​r​y​/​i​n​t​e​r​n​a​t​i​o​n​a​l​e​s​/​i​t​a​l​i​e​n​/​a​r​b​e​i​t​s​k​a​e​m​p​f​e​-​i​t​a​lien/
[6] http://​www​.labournet​.de/​i​n​t​e​r​n​a​t​i​o​n​a​l​e​s​/​i​t​a​l​i​e​n​/​a​r​b​e​i​t​s​k​a​e​m​p​f​e​-​i​t​a​l​i​e​n​/​i​t​-​a​k​-​l​o​g​i​s​t​i​k​/​a​k​t​i​o​n​s​t​a​g​-​g​e​g​e​n​-​ikea/
[7] https://​soli​daires​.org/​D​e​-​M​a​r​s​e​i​l​l​e​-​a​-​P​a​r​i​s​-​t​o​u​s​-​m​o​b​i​l​i​s​e​s​-​c​o​n​t​r​e​-​l​-​e​x​p​l​o​i​t​a​t​i​o​n​-​c​h​e​z​-​Macdo
[8] https://​soli​daires​.org/
[9] https://​berlin​.fau​.org/​t​e​r​m​i​n​e​/​a​r​b​e​i​t​s​k​a​e​m​p​f​e​-​b​e​i​-​m​c​d​o​n​a​l​d​-​s​-​i​n​-​m​a​r​s​eille
[10] https://​www​.mal​l​of​berlin​.de/
[11] https://​berlin​.fau​.org/​t​e​r​m​i​n​e​/​g​e​r​i​c​h​t​s​t​e​r​m​i​n​-​e​i​n​e​s​-​b​a​u​a​r​b​e​i​t​e​r​s​-​d​e​r​-​m​a​l​l​-​o​f​-​shame

Düstere Aussichten für linke AktivistInnen

Vor dem Hin­ter­grund des ver­schärften Demons­tra­ti­ons­rechts befürchten Linke, dass der Staat auch 2018 hart gegen sie vor­gehen wird

»2017 war kein gutes Jahr für die Grund­rechte, und es gibt keine Anzeichen, dass es im neuen Jahr besser wird«, erklärte die Bun­des­tags­ab­ge­ordnete der Links­partei Martina Renner bei der Podi­ums­dis­kussion »Soli­da­risch gegen Über­wa­chung und Repression«, die am ver­gan­genen Samstag in Berlin stattfand. Ein breites Bündnis aus Anti­fa­gruppen, kur­di­schen Akti­vis­tInnen, bür­ger­recht­lichen Initia­tiven und der LINKEN hatte zu der Ver­an­staltung ein­ge­laden.

Die Refe­ren­tInnen der Dis­kus­si­ons­runde infor­mierten die rund 250 Zuhö­re­rInnen über die unter­schied­lichen Repres­si­ons­fälle der letzten Monate. Der Göt­tinger Rechts­anwalt Sven Adam, der Betroffene des Ver­bots­ver­fahrens der Inter­net­plattform Links­unten ver­tritt, kri­ti­sierte die begrenzte Soli­da­ri­sierung mit der Plattform. Obwohl es Demons­tra­tionen linker Gruppen in ver­schie­denen Städten gab, sei eine Kam­pagne, die das bür­ger­recht­liche Spektrum ein­be­ziehe, aus­ge­blieben. Dabei werde die Dimension des Indy­media-Para­grafen noch gar nicht begriffen. »Hier wurde nicht nur eine linke Struktur in Freiburg ange­griffen, der Angriff richtet sich gegen Ver­suche, Nach­rich­ten­dienste jen­seits von Facebook auf­zu­bauen«, so Adam. Zudem verwies er darauf, dass aus den Ver­fahren bereits Kosten von 50 000 bis 60 000 Euro ange­fallen seien. Dabei seien die Schäden, die den Betrof­fenen durch die Razzien und die Beschlag­nahme von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­räten ent­standen sind, noch gar nicht berück­sichtigt. Adam pro­ble­ma­ti­sierte auch die Rolle des Ver­fas­sungs­schutzes in dem Ver­fahren. Der habe mit seinen Berichten über gefähr­liche Per­sonen die Grundlage für die Razzien geliefert.

Über man­gelnde Soli­da­rität klagte auch Ben­jamin Derin. Der wis­sen­schaft­liche Mit­ar­beiter der Freien Uni­ver­sität Berlin im Bereich Straf­recht und Kri­mi­no­logie vertrat das bür­ger­recht­liche Spektrum. Er monierte, dass beim geschei­terten Versuch, Mit­ar­bei­te­rInnen von netz​po​litik​.org wegen der Ver­öf­fent­li­chung von als geheim ein­ge­stuften Doku­menten wegen Lan­des­verrats anzu­klagen, die Unter­stützung der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken gering gewesen sei. Die Soli­da­ri­täts­arbeit sei 2015 weit­gehend von bür­ger­recht­lichen Gruppen getragen worden. Einen Grund dafür ver­mutete Derin in dem weit­ge­henden Des­in­teresse der radi­kalen Linken an Fragen des Straf­rechts, wenn sie nicht selber davon betroffen sind. Dabei zeigen die hohen Haft­strafen gegen ver­meint­liche Straf­täter der G20-Pro­zesse, dass hier die Instru­men­tarien genutzt werden, die vorher ohne große Pro­teste geschaffen wurden. Dazu gehört das wenige Wochen vor dem G20-Gipfel beschlossene Gesetz zur »Stärkung des Schutzes von Voll­stre­ckungs­be­amten und Ret­tungs­kräften«, welches das Demons­tra­ti­ons­recht enorm ver­schärfte.

Auch die kur­dische Bewegung ist in Deutschland zuneh­menden Repres­salien aus­ge­setzt, berichtete ein Mit­glied des kur­di­schen Zen­trums für Öffent­lichkeit. Erst am 12. Januar hatte die Polizei die Räum­lich­keiten des Kur­disch-Deut­schen Zen­trums in Hamburg nach Fahnen und Trans­pa­renten des in der Türkei inhaf­tierten PKK-Gründers Öcalan durch­sucht. Die Auf­lagen bei kur­di­schen Festen und Ver­an­stal­tungen seien in der letzten Zeit rigider geworden. So dürfe kein Essen ver­kauft werden, und selbst das kos­tenlose Ver­teilen von Wasser sei per Auflage ver­boten worden.

Im Anschluss an die Ver­an­staltung kri­ti­sierte ein Teil­nehmer, dass eine Abge­ordnete der Links­partei, die in Berlin mit­re­giert, zur Dis­kussion ein­ge­laden worden sei. Ein Mit­glied der mit­ver­an­stal­tenden North East Antifa (NEA) ent­gegnete, dass man der mas­siven Welle der Repression nur gemeinsam ent­ge­gen­treten könne. Aus dem Publikum kam dann der Vor­schlag, das Bündnis auf Repression und Über­wa­chung am Arbeits­platz und die Ver­schärfung der Gewerk­schafts­rechte aus­zu­weiten.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​7​6​4​4​8​.​d​u​e​s​t​e​r​e​-​a​u​s​s​i​c​h​t​e​n​-​f​u​e​r​-​l​i​n​k​e​-​a​k​t​i​v​i​s​t​i​n​n​e​n​.html
Peter Nowak

Mutter nimmt Fahndung selbst in die Hand

Nach mutmaßlich rassistischem Vorfall Aufruf zu Demo

»Bot­schafter für eine Welt ohne Vor­ur­teile« lautet die Devise des Ber­liner Vereins Global New Generation. Er widmet sich der päd­ago­gi­schen und kul­tu­rellen Arbeit im Geiste des Anti­ras­sismus. Gegründet wurde er von der Musik­pro­du­zentin Sonja Prinz. Sie ist eine der Initia­to­rinnen einer Demons­tration, die unter dem Motto »Gemeinsam gegen Ras­sismus« am kom­menden Samstag um 14 Uhr an der Stra­ßen­bahn­hal­te­stelle in der Huse­mann­straße in Prenz­lauer Berg beginnen soll.

An dieser Stelle soll der 17-jährige afro-deutsche Sohn von Sonja Prinz in den frühen Mor­gen­stunden des 26. November von vier Männern zusam­men­ge­schlagen worden sein. Zuvor sollen sie ihm und seinen beiden Begleitern den Weg ver­sperrt haben. Einer der Männer habe den Hitler-Gruß gezeigt, hieß es (»nd« berichtete). Die Gruppe soll erst von ihrem Opfer abge­lassen haben, nachdem Pas­santen auf­merksam wurden. Der 17-Jährige wurde am nächsten Tag von der Mutter ins Kran­kenhaus gebracht, weil er über starke Schmerzen klagte. Wegen einer schweren Schul­ter­ver­letzung war er in sta­tio­närer Behandlung. Der Betroffene kann sich weder an den Überfall noch an die Stunden danach erinnern. Ob der Gedächt­nis­verlust des Jugend­lichen eine Folge des Schocks oder Symptom der Kopf­ver­letzung ist, wird noch unter­sucht.

Die beiden Begleiter des Opfers konnten jedoch detail­lierte Beschrei­bungen der Schläger liefern. Dar­unter habe sich ein Mann befunden, der ihnen durch seine Kör­per­größe auf­ge­fallen war, was sie auch dem LKA mit­teilten. Das hat laut Sonja Prinz aber kein Phan­tombild erstellt, um nach den Tätern zu fahnden. Auch habe die Polizei nicht nach wei­teren Zeugen des Über­falls gesucht. Im Poli­zei­be­richt vom 29. November heißt es: »Gestern Abend wurden bei einem Poli­zei­ab­schnitt mehrere Straf­taten ange­zeigt, die sich bereits am ver­gan­genen Samstag in Prenz­lauer Berg ereignet haben sollen«. Michael Merkle von der Pres­se­stelle der Ber­liner Polizei bestä­tigte dem »nd« den Eingang der Anzeige, wollte sich aber zu Details der Ermitt­lungen nicht äußern.

Sonja Prinz hat mit einigen Freunden die Fahndung nach den Schlägern nun in die eigenen Hände genommen. Dabei wird sie von der North East Antifa (NEA) unter­stützt. Sie haben die Täter­be­schreibung ins Netz gestellt und wollen auch die Demons­tration nutzen, um weitere Tat­zeugen zu Aus­sagen zu moti­vieren. Prinz will auch danach nicht locker lassen: »Ich möchte, dass die Männer, die meinen 17-jäh­rigen Sohn auf Grund seiner Haut­farbe zusam­men­ge­schlagen und ins Kran­kenhaus getreten haben, bestraft werden.«

Peter Nowak

Prenzlauer Berg sucht rassistische Schläger

GEWALT Angehörige suchen per Demo vier Männer, die Jugendlichen wegen Hautfarbe verprügelt haben

Weil die Mutter eines Gewalt­opfers mit den Ermitt­lungen der Polizei nicht zufrieden ist, ruft sie auf ihrer Web­seite zur Mit­hilfe bei der Suche nach den Tätern auf. „Ich möchte, dass die Männer, die meinen 17-jäh­rigen Sohn wegen seiner Haut­farbe zusam­men­ge­schlagen und ins Kran­kenhaus getreten haben, bestraft werden“, sagte Sonja Prinz der taz. Der Vorfall, um den es geht, ereignete sich in den frühen
Mor­gen­stunden des 26. November an der Tram­station Huse­mann­straße (M10) in Prenz­lauer Berg. Nach Dar­stellung von Prinz wurde dort ihrem dun­kel­häu­tigen Sohn, der mit einem Freund und einer Freundin unterwegs war, von vier Männern der Weg ver­sperrt. „Sie fragten,
was die Jungen mit dem Mädchen hier machten und dass sie sie, wenn sie Gen­tlemen seien, nach Hause bringen sollten“, erzählt die Mutter. Dann habe einer der vier Männer mit den Worten „So ver­ab­schiedet man sich in Deutschland“ den Hit­lergruß gezeigt. Dagegen habe ihr Sohn pro­tes­tiert. Ein Mann aus der Gruppe habe ihn dann zwi­schen par­kenden Autos zu Boden geworfen, worauf ihn die anderen Männer schlugen und traten. Erst als zwei Rad­fah­re­rInnen vor­bei­kamen, sei die Gruppe geflüchtet. Der Jugend­liche wurde mit erlet­zungen am Schlüs­selbein sta­tionär im Kran­kenhaus behandelt. Wegen großer Gedächt­nis­lücken konnte er kei­nerlei Angaben zur Situation machen. Die beiden anderen Jugend­lichen haben bei der Polizei aus­gesagt und die Täter beschrieben. Ein Sprecher der Polizei bestä­tigte den Eingang der Anzeige, konnte aber über die Art der Ermitt­lungen keine wei­teren Angaben machen. Sonja Prinz kri­ti­siert,
die auf­neh­mende Poli­zistin habe in der Anzeige geschrieben, ihr Sohn habe zuerst geschlagen, nachdem der Mann den Hit­lergruß zeigte.
„Diese Angabe, durch die das Opfer zum Beschul­digten wird, ist durch die Aus­sagen der Zeu­gInnen nicht gedeckt“, so Prinz zur taz. Sie hat auf ihrer Homepage www​.new​-generation​-berlin​.de zur Mit­hilfe bei der Suche der Täter auf­ge­rufen. Dort werden die Männer im Alter zwi­schen 25 und 35 Jahre sehr genau beschrieben, so soll ein Mann auf­fällig groß sein. Die Suche nach den Tätern soll auch eine Kund­gebung unter­stützen, die am Samstag um 14 Uhr direkt am Tatort an der Tram­station Huse­mann­straße ange­meldet wurde.Organisiert wird sie von Freun­dInnen des Opfers gemeinsam mit der North East Antifa (NEA).

aus Taz vom 8.12.2016
Peter Nowak

Hooligans im Edelkiez

RASSISMUS 150 Menschen erinnern an Übergriff von Dynamo-Hools auf Fest im Mauerpark

„Das Problem heißt Ras­sismus“, stand auf dem Trans­parent, das am Sams­tag­nach­mittag am Eingang des Mau­er­parks in Prenz­lauer Berg hing. Davor hatten sich etwa 150 Men­schen ver­sammelt, dar­unter auch Mit­glieder des Kame­runer Vereins in Berlin. Deren Grillfest war Anfang Sep­tember von etwa 200 Fans des BFC Dynamo, der im Jahn­stadion gegen den Ham­burger
SV spielte, ange­griffen worden (taz berichtete). Mehrere Men­schen wurden ver­letzt, ein Mann musste mit Gesichts­ver­let­zungen
zehn Tage sta­tionär im Kran­kenhaus behandelt werden. Patrice Alain Zombou wurde bei dem Angriff von einer Flasche am Kopf getroffen. Am Samstag berichtete er über die Panik, die bei den Gästen des Fests – dar­unter viele Frauen und Kinder – aus­brach, als sie von dem ras­sis­tische Paro­len­grö­lenden Mob atta­ckiert wurden. „Ich bin 22 Jahre in Deutschland und hätte nicht für möglich gehalten, dass ich mitten in Berlin ange­griffen werde und dass mich die Polizei nicht schützen kann“, erklärte Zombou. Die Opfer­be­ra­tungs­stelle Reach Out hatte die Kund­gebung gemeinsam mit Anti­fa­gruppen vor­be­reitet. „Wir müssen
nicht auf Orte in Ost­deutschland zeigen, wenn es um rechte Über­griffe geht. Sie pas­sieren auch im angeblich so bunten
Prenz­lauer Berg“, erklärte eine Spre­cherin der (NEA).

Rechtes Duell am 2. Oktober

Anti­fa­gruppen wollen auch am kom­menden Sonntag rund um das Jahn­stadion präsent sein. Dann spielen dort mit BFC Dynamo
gegen Loko­motive Leipzig zwei Vereine mit einer rechten Fan­szene.

aus Taz vom 26.9.2016

Peter Nowak