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Jagd auf Roter Oktober

Donnerstag, 09. November 2017

Der Rummel zum Jahrestag ist zu Ende. Jetzt wäre es möglich, über das zu reden, was an der Oktoberrevolution wirklich interessant ist

“Hunderte Aktivisten stürmten den Reichstag von Berlin”[1] und kaum jemand hat davon Notiz genommen. Ach so, es war eine Kunstaktion des Schweizer Künstlers Milo Rau, und der angekündigte Reichstagssturm war eine kleine Kundgebung einige hundert Meter vom Objekt der Begierde weg.

Vom 3. bis 5. November haben einige hundert Künstler und Wissenschaftler in der Berliner Schaubühne getagt[2], die sich gleich als Weltparlament gerieren. Dort war unter anderem ein Politiker der türkischen Regierungspartei AKP vertreten. Aber auch einige zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich gegen den Rassismus und für Tier- und Kinderrechte einsetzten, unterstützten die Aktion.

“Demokratie für Alle” stand auf einigen Plakaten. In Berlin sind solche Manifestationen nicht so selten und damit das ganze etwas gefährlicher aussieht, veranstaltet man sie an einem historischen Tag: 100 Jahre nach den Ereignissen in Russland, die als Oktoberrevolution in die Geschichte eingegangen sind und wegen der unterschiedlichen Kalender eben am 7. November stattgefunden haben.

Nun hätte die Inszenierung von Milo Rau zu jeden anderen Tag vor dem Rasen am Reichstag über die Bühne gehen können. Denn inhaltlich war sie so ziemlich das Gegenteil dessen, was vor 100 Jahren in Russland geschah. Die Parole “Demokratie für Alle” hätten nicht nur die Bolschewiki, sondern auch die Anarchisten und die linken Sozialrevolutionäre vehement kritisiert. Ihre Parole lautete: “Alle Macht den Räten.” Und den vermeintlichen “Reichstagsstürmern 2017″ fiel gar nicht auf, dass sie damit bei allen Parteien im Reichstag offene Türen einreißen.

Wenn manche den Mörder des Roten Oktober hoch leben lassen

Alle “Macht den Räten” hingegen würde kaum eine dieser Parteien unterstützen. Nun war das peinliche Theater nur eines der vielen Nickligkeiten, die Menschen in aller Welt sich rund um den Jahrestag der Oktoberrevolution ausgedacht haben. Die Aktion von Milo Rau war ja noch relativ harmlos und sorgte nur für theoretische Konfusion. Schlimmer ist es schon, wenn sich Menschen, die sich Kommunisten nennen, mit Stalinporträts aufmarschieren und meinen, damit den Roten Oktober zu feiern.

Dabei feiern sie den Kopf eines Systems, das fast sämtliche Errungenschaften des Roten Oktober zurückgenommen hat und die meisten derjenigen, die an der Oktoberrevolution beteiligt waren, einkerkern und ermorden ließ. Der Historiker Christoph Jünke[3] hat kürzlich eine Analogie mit Marxistischen Stalinismuskritiken im 21. Jahrhundert[4] im ISP-Verlag herausgegeben.

Dort ist dokumentiert, wie gründlich Marxisten das Phänomen des Stalinismus in den letzten 90 Jahren analysierten. Damit sind alle jene widerlegt, die Stalinismus und Marxismus gleichsetzen wollen. Blamiert sind aber auch all jene, die selbst beim Jahrestag der Oktoberrevolution nicht auf Stalinbilder verzichten können. Aber warum soll es dem Jahrestag der Oktoberrevolution anders gehen als den deutschen Lutherfeiern, die ebenfalls vor einigen Tagen zu Ende gegangen sind?

Beiden ist gemeinsam, dass fast alles, was da passierte, mit dem historischen Gegenstand wenig zu tun hat und allerlei Unsinn mit historischen Weihen versehen werden. So schlugen Initiativen irgendwelche Thesen an irgendwelchen Türen. Der Inhalt war ziemlich egal, Hauptsache man imitiert das, was Luther gemacht haben soll. Doch selbst dessen Thesenanschlag ist historisch nicht verbürgt[5].

Aber mit solchen unbewiesenen Details hält man sich die wichtigen Fragen vom Leib. Soll die Universität Halle, die in der NS-Zeit nach Luther benannt wurde, nicht umbenannt werden[6]? Denn, wer für die Nazis namenswürdig war, muss es heute keineswegs mehr sein[7].

Auf die Oktoberrevolution bezogen wird auch mit Recht betont, dass der Sturm auf den Winterpalais keine große Sache war. Die Kulturwissenschaftlerin Bini Adamczak[8] hat sogar mal von der “Besetzung eines Weinkellers” gesprochen. Doch eine Konzentration auf solche Ereignisse verkennt die Bedeutung dessen, was vor 100 Jahren in Petersburg geschehen ist. Vielleicht ist es jetzt, wo der Jubiläumstag Vergangenheit ist, einfacher, darüber zu reden.

Von der Pariser Kommune zum Roten Oktober

Der Sturm auf das Winterpalais war nicht die große Massenaktion, aber es war auch kein Putsch, wie es seit 100 Jahren viele Kritiker behaupten. Der 7.November 1917 war lediglich der Höhepunkt einer Entwicklung innerhalb der europäischen Arbeiterbewegung. Gegen den Flügel, der sich ein organisches Verschmelzen in den kapitalistischen Staat vorstellen konnte, stand der linke Flügel, der nur im Bruch mit den Strukturen des bürgerlichen Staates eine Voraussetzung für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg sah.

In der Pariser Kommune setzte sich diese Strömung für kurze Zeit durch und schuf sich Räte. Fortan orientierte sich der linke Flügel der Arbeiterbewegung an dem Modell. Mit Ausbruch des 1. Weltkriegs kam dieser Strömung eine besondere Verantwortung zu. Er lehnte es ab, wie die Rechten in das Kriegsgeschrei einzustimmen. Vielmehr sah er durch den Weltkrieg die Bedingungen für eine Revolution heranreifen.

Die Bolschewiki sahen sich als integraler Teil dieser linken Strömung. Sie hatten nie die Absicht, die Revolution in einem Land zu machen. Sie wollten das Startzeichen für eine globale Revolution geben und sie feierten, als es ihnen gelangt, die Macht länger als die Pariser Kommune zu behalten. Die Bolschewiki verachteten alles Nationale, bekämpften den Antisemitismus und sahen sich an der Spitze einer weltweiten Bewegung der linken Arbeiterbewegung. Land und Frieden war ihre Parole.

Es war also keineswegs die Machtgelüste einer Gruppe von Möchtegerndiktatoren, die für die Oktoberrevolution verantwortlich waren. Es war vielmehr der Versuch der organisierten Arbeiterbewegung, aus den Erfahrungen der Niederlage der Pariser Kommune Konsequenzen zu ziehen. Ähnliche Vorstellungen hatten zu jener Zeit Linke in vielen Ländern der Welt. Die Bolschewiki machten damit ernst, das machte sie auf der ganzen Welt populär.

Sie siegen nicht als nationale Partei, sondern als Teil einer internationalen Arbeiterbewegung. Sie wurden getragen von der Überzeugung großer Teile der lohnarbeitenden Menschen, dass es möglich ist, eine Welt vernünftig zu gestalten. Hierin lag und liegt die Bedeutung der Ereignisse vor 100 Jahren und nicht in dem Sturm auf ein Gebäude.

In Zeiten der gesellschaftlichen und historischen Amnesie haben Geschichtsfälscher leichtes Spiel. So kann in der Taz ein russischer Historiker die Geschichtslüge verbreiten[9], dass die Bolschewiki mit den antisemitischen “Schwarzen Hundertschaften” paktierten und die “Weißen Generäle” den Liberalen nahestanden. In der Realität waren unter den Gegnern die Sowjets fanatische Antisemiten, die mit ihrer Hetze gegen den jüdischen Bolschewismus auch die Nazis beeinflussten.

Revolution gegen das Kapital

Wenn Gramsci den Bolschewiki bescheinigte, die Oktoberrevolution sei eine Revolution gegen das Kapital von Karl Marx, war das ein Lob. Denn er bescheinigte ihnen, dass sie keine Doktrinäre sind, Schriften von Marx nicht als Bibel auffassten und sich im Zweifel an den realen Kämpfen und nicht den Schriften orientierten.

Gleichzeitig waren die Bolschewiki die Partei, die die alte Gesellschaft konsequent ablehnte, die sich nicht in irgendwelche Mitmachmodelle einspannen ließen. So konnte sie zu einem dritten Pool werden, der die Unzufriedenheit vor allem der unteren Schichten der Bevölkerung aufnehmen konnte. Es war gerade die Kompromisslosigkeit gegenüber dem alten System, das die Bolschewiki populär machte. Sie haben nicht die Pariser Kommune imitiert, sondern die Klassenkämpfe in Russland vorbereitet.

Das ist eben der Unterschied zwischen einer Inszenierung und einer Revolution. Die Bolschewiki waren keine Schauspieler, sie haben die Gesellschaft verändert. Das konnten sie nur, weil sie verstanden hatten, was in der russischen Gesellschaft vor 100 Jahren vorgegangen ist. So schreibt[10] Michael Brie vom Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa Luxemburg Stiftung:

Lenin erwies sich 1917 als Stratege auf der Höhe der Zeit. Er konnte das Erbe von fast 25 Jahren Aufbau einer in den Massen Russlands verankerten Arbeiterpartei einbringen. Er hatte im August 1914 als einer der ersten und wenigen den konsequenten Bruch mit aller Politik der sogenannten Vaterlandsverteidigung vollzogen und wie Liebknecht “Krieg dem Kriege” verkündet.

Er hatte sich dialektische Grundlagen einer Politik des Bruchs in Zeiten der Krise angeeignet und beim Studium der Literatur zum Imperialismus die Schwächen dieses Systems gerade in der nationalen Frage klarer erkannt als fast alle anderen. Er formulierte die wirksamsten Losungen zur richtigen Zeit und konnte in harten demokratischen Auseinandersetzungen seine eigene Partei immer wieder überzeugen. Wer linke Strategie in Zeiten der existenziellen Krise erlernen will, muss nicht zuletzt bei Lenin in die Schule gehen.

Michael Brie

Was tun?

Wenn heute Gruppen aus welchen Gründen auch immer die damaligen Kämpfe wiederaufführen, ist es nur eine Farce. Anknüpfen an die Bolschewiki heißt zunächst einmal die aktuellen gesellschaftlichen Zustände zu analysieren und die Bruchpunkte zu erkennen. Anknüpfen an die Bolschewiki heißt auch, die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen und sich nicht an Einzelproblemen zu verzetteln.

Nur zwei aktuelle Punkte: Wenn es nun nach einem Urteil des Bundesverfassungsgericht ein drittes Geschlecht geben muss, so war die Sowjetunion in den ersten Jahren schon mal weiter. Nicht nur die Emanzipation der Frau, sondern auch die Emanzipation von Transmenschen gehörte zu den im Wesentlichen von Alexandra Kollontai vorangetriebenen Reformen.

Daher irrt auch Bini Adamczak, wenn sie in ihrem im Suhrkamp Verlag erschienen Buch Beziehungsweise Revolution[11] die These vertritt: “Während 1917 auf den Staat fokussierte, zielte 1968 auf das Individuum.” 1917 gab es diese Trennung gar nicht. Die Oktoberrevolution war sehr wohl in vieler Hinsicht auch eine sehr individuelle Befreiung für viele Menschen.

Und der große Klimazirkus, der uns zurzeit in Bonn geboten wird, wäre in der Tradition der Bolschewiki keine Einladung zum Mitmachen, sondern für Hohn und Spott. Doch ein Teil der außerparlamentarischen Linken gerieren sich als Klimaaktivisten als die besseren Weltretter. Doch sie folgen der neoromantischen Ökologiebewegung, wie schon die Reste der radikalen Linken in den 1980er Jahren. Der gesamte Klimadiskurs der letzten Jahre ist von den diesen Prämissen bestimmt.

Die Vorstellung, dass der Mensch die Natur verändert wird heute zum Sündenfall erklärt. Deswegen setzen die neuen Romantiker alles dran, den ökologischen Fußabdruck des Menschen immer mehr zu verkleinern. Andere sagen offen, dass sie es am liebsten sehen, wenn der Mensch ganz verschwindet.

Die Bolschewiki standen aber für eine Bewegung, in der sich die Menschen die Natur aneignen und so verändern, dass die Erde kein barbarisches Jammertal mehr ist, in dem man sich von den Launen der Natur beherrschen lässt. Die Emanzipation setzt mit der Erkenntnis an, dass sich der Mensch mittels der Vernunft von den Zwängen der Natur befreit.

Im gesamten Diskurs über den Klimawandel unterwerfen sich die Menschen lustvoll den Launen der Natur. In diesem Sinne währe es eine zeitgemäße Position zum Klimagipfel: “Alle reden vom Wetter. Wir nicht, wir reden von Gesellschaft und wie sie zu einem vernünftigen Ort werden kann.”

Peter Nowak

https://www.heise.de/tp/features/Jagd-auf-Roter-Oktober-3885179.html
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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.newsdeutschland.com/n/Politik/75ehjmblk/Hunderte-Aktivisten-st%C3%BCrmen-den-Reichstag-in-Berlin.htm
[2] http://international-institute.de/general-assembly-generalversammlung-assemblee-generale
[3] https://www.fernuni-hagen.de/geschichte/lg2/team/christoph.juenke.shtml
[4] https://www.neuerispverlag.de/verweis.php?nr=167
[5] https://www.welt.de/kultur/history/article12471359/Luther-hat-seine-95-Thesen-nicht-angeschlagen.html
[6] http://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/stura-uni-halle-kritisiert-kult-um-luther-100.html
[7] http://www.stura.uni-halle.de/blog/nicht-unser-held-nicht-unsere-reformation-lutherjahr-kritisieren/
[8] http://www.suhrkamp.de/buecher/beziehungsweise_revolution-bini_adamczak_12721.html
[9] http://www.taz.de/Archiv-Suche/!5457823&s=/
[10] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1037001.unausschlagbar-unannehmbar.html
[11] http://www.suhrkamp.de/buecher/beziehungsweise_revolution-bini_adamczak_12721.html

Wurden der Banken- und Finanzsektor zum Sündenbock?

Freitag, 27. Dezember 2013

Links

[1]

http://www.amazon.de/dp/3896916270/ref=nosim?tag=telepolis0b-21

[2]

http://www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/mitarbeiter/altvater/index.html

[3]

http://www.guenther-sandleben.de

[4]

http://www.amazon.de/dp/978-3899001419/ref=nosim?tag=telepolis0b-21

[5]

http://www.memo.uni-bremen.de/

[6]

http://www.marx-gesellschaft.de/MG-TagungenText.htm

[7]

http://www.oekonomiekritik.de/

[8]

http://www.krisis.org/

[9]

http://www.heise.de/tp/artikel/40/40282/1.html

[10]

http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/HilferdingRudolf/

Form oder Förmchen?

Freitag, 01. März 2013

Ein neuer Sammelband lotet Erfahrungen, Möglichkeiten und Grenzen von Arbeiterselbstverwaltung aus –
Fabrikbesetzungen und Arbeiterkontrolle, in vielen Ländern der Welt spielen diese Kampfformen auch heute eine wichtige Rolle. Erinnert sei an die Kachelfabrik Zanon und das Textilwerk Bruckmann in Argentinien. Aber auch in Venezuela fand die Bewegung der besetzten Fabriken bei einem Teil der Internationalismusbe-wegung eine starke Beachtung, vor allem bei jenen, die ihren Fokus weniger auf Chavez und die Regierung als auf die Selbstorganisation der Bevölkerung richteten. Der Soziologe und Politikwissenschaftler Dario Azzellini war einer der wenigen deutschsprachigen Autoren, die mit Büchern und dem Film „5 Fabriken“ Feldforschung auf dem Gebiet der betrieblichen Selbstorganisation in Venezuela betrieben.
Jetzt hat Azzellini das Thema ausgeweitet und gemeinsam mit dem US-Gewerkschaftsforscher Immanuel Ness einen voluminösen Band vorgelegt, an dem niemand vorbeikommt, der sich mit der Geschichte von Fabrikräten und Selbstverwaltung auseinandersetzt. Mit dem titelgebenden Zitat von Marx, einem Kommentar zur „Pariser Commune“, wird dabei ein weiter Bogen gespannt. Auf 540 Seiten wird, oft mit theoretischem Hintergrund und trotzdem auch für Nichtakademiker verständlich, die Geschichte der Arbeiterselbstverwaltung dargestellt. Erfreulich, dass das Buch seit Dezember 2012 in deutscher Sprache erhältlich ist. Die Erstausgabe ist 2011 unter dem Titel „Ours to master and to own, Workers Control from the Commune to the present bei Haymarket Books, Chicago, Illinois erschienen. Schließlich kommt auch hierzulande die Frage der Selbstverwaltung in der Fabrik immer mal wieder auf die Tagesordnung. Meistens geht es dabei allerdings um den Erhalt bankrotter Betriebe. Erinnert sei nur an die kurze Phase, als die Beschäftigten einer thüringischen Fahrradfabrik in Selbstverwaltung Fahrräder, die berühmten Strike-Bikes, herstellten. Solche Fälle erfahren schnell viel Aufmerksamkeit auch von Menschen, die sich sonst nicht be-sonders für Fabrikkämpfe interessieren. Das Buch kann jedoch durchaus auch Bil-dungslücken beim interessierten Fachpublikum schließen, insofern es theoretische Exkurse und geschichtliche Rückblicke auf Erfahrungen mit Arbeiter-selbstverwaltung in einer internationalen Perspektive gibt. So finden sich neben bekannteren Beispielen aus der Zeit des spanischen Bürgerkriegs, den Räten der Novemberrevolution in Deutschland oder den Experimenten mit „Arbeiterautonomie“ im Heißen Herbst Italiens etwa auch Beiträge zur Transformation der algerischen Arbeiterselbstverwaltung in Richtung „Staatsbürokratismus“, zur Arbeiterkontrolle in Java, zum jugoslawischen ‚Modell’ oder zum Kampf um Arbeitermacht in Polen, zur Bedeutung der Arbeiterräte in der portugiesischen Nelkenrevolution oder zu Fabrikbesetzungen im Großbritannien der 70er Jahre.
Gleich in der Einleitung geben die beiden Herausgeber eine Begründung, warum es bisher relativ wenig Literatur zu diesem Thema gab: “Die Gewerkschaften, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegründet wurden und innerhalb der staatlichen Strukturen agierten, beanspruchen ein Monopol auf die Geschichte der Arbeiterbewegung. Sie hatten kein Interesse daran, an unabhängige Arbeitskämpfe zu erinnern und sie zu fördern, da deren bloße Existenz die traditionellen gewerkschaftlichen Strukturen und ihre gesellschaftliche Rolle in Frage stellt. Die meisten linken sozialistischen und kommunistischen Parteien haben Arbeiterkontrolle ebenfalls nicht unterstützt, da diese der zentralen Rolle widersprach, die die Parteien für sich beanspruchen“ (S. 9f.).
Diese Frontstellung gegen den größten Teil der Gewerkschaften und etatistische linke Parteien bestätigen die 23 Autoren in den folgenden Kapiteln dann im Detail, indem sie konkrete historische Ereignisse untersuchen, in denen Fabrikräte in Konflikt mit einer Linken geraten sind, die selbstorganisierte Strukturen entweder vereinnahmte oder unterdrückte. So schreibt der US-Wissenschaftler Victor Wallis zur Situation der in Russland nach der Februarrevolution besetzten Fabriken: „Die bolschewistische Führung behandelte sie nicht als Modell für den Übergang zum Sozialismus. Während Lenin Gehorsam einforderte, drängte er auf den Einsatz früherer Kapitalisten in zentralen Leitungspositionen“ (S. 24). Neben dem russischen Beispiel untersucht Wallis die kurze Geschichte der Arbeiterräte in Italien 1920, in Spanien 1936 und in Chile in der Regierungszeit der Unidad Popular zwischen 1970 und 1973.
Aus trotzkistischer Perspektive liefert der britische Gewerkschaftsaktivist Donny Gluckstein einen Überblick über die Geschichte der europäischen Rätebewegung von der Pariser Kommune bis zur Gegenwart. Er stellt sich die Frage, warum nach 1945 die Rätebewegung keine Rolle (mehr) spielte. Verantwortlich dafür macht er die Zerschlagung der Arbeiterbewegung im Nationalsozialismus und im italienischen Faschismus, den Terror gegen selbstorganisierte Bewegungen im Stalinismus sowie die Orientierung der meisten Kommunistischen Parteien auf ein klassenübergreifendes Bündnis im Rahmen der Volksfrontpolitik in der Phase zwischen Mitte der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts und Ende des zweiten Weltkriegs (ich habe das etwas präzisiert, weil die Volksfrontpolitik erst Mitte der 30 Jahre begann..
In eine ähnliche Richtung geht der Beitrag der US-Gewerkschaftsaktivistin und -Forscherin Sheila Cohen, die die Arbeiterräte als Mittel revolutionärer Transformation (S. 66) bezeichnet. Ihrem mehr agitatorischen Beitrag schließt sich eine theoretische Auseinandersetzung des mexikanischen Soziologen Alberto Bonnet an, der sich mit den Rätevorstellungen dissidenter Kommunisten beschäftigt, die im Zuge der Stalinisierung der Kommunistischen Weltbewegung in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts marginalisiert, aus den Kommunistischen Parteien ausgeschlossen und schließlich weitgehend vergessen wurden. Dieses Vorgehen begann nicht erst mit dem Stalinismus. So erinnert Bonnet daran, dass Rosa Luxemburg wegen ihres Eintretens für einen Massenstreik von führenden Sozialdemokraten ihrer Zeit schon um 1905 als Anarchistin bezeichnet wurde (S. 92). Fast aktuell hören sich die Zitate an, die Bonnet in Schriften des Linkskommunisten Karl Korsch ausgräbt. Dieser befasste sich schon in seiner 1919 verfassten Schrift „Was ist Sozialisierung?“ mit dem Unterschied zwischen Verstaatlichung und Vergesellschaftung. Dabei mache Korsch „schon seine Präferenz der Sozialisierung als direkte Aktion und seine Zurückhaltung gegenüber der Vergesellschaftung als Staatsakt deutlich“ (S. 98). Auch einem sehr modern klingenden Problem habe sich Korsch schon 1919 gewidmet: „Korsch ging in diesen Schriften von 1919 noch davon aus, dass die zentrale Herausforderung der Sozialisierung in den Interessengegensätzen zwischen Produzenten und Konsumenten liege, und suchte nach einer Synthese, die sie aussöhnen könnte“ (S. 98).
Die von Korsch aufgeworfenen Fragen sind auch hier und heute noch oder wieder aktuell, ganz im Sinne der Herausgeber, die ausdrücklich kein rein historisches Buch schreiben wollten. „Wie sehen die Dynamiken der Arbeiterkontrolle im neoliberalen Zeitalter aus, und wie unterscheiden sie sich von denen des Fordismus? Deutet die in den Jahren 2000 bis 2010 angewachsene Welle von direkten Aktionen auf einen nachhaltigen Umschwung hin zu Arbeiteraufständen und -aktionen, die auf einem gewachsenen Klassenbewusstsein beruhen? Sind die Aussichten der Konzerne, sich der Arbeiterselbstverwaltung widersetzen zu können, im Kontext der neoliberalen Wirtschaftskrise geschrumpft?“ (S. 16) Darauf gibt es nicht die eine Antwort, aber Hinweise und Fingerzeige in fast allen der 22 Beiträge, gerade auch bei einer historisch vergleichenden Lektüre.
Besonders anschaulich ist Elaine Bernards Schilderung der Besetzung einer kanadischen Telefongesellschaft durch die Beschäftigten im Jahr 1981. Es wird verständlich, wie sich eine Bewegung konstituiert, die den Widerstand von Konsumenten gegen hohe Telefonpreise mit den Forderungen der Beschäftigten verbindet und damit eine Allianz schmiedet, die für einige Tage tatsächlich eine Gegenmacht ausübt. Nachdem die zuständige Gewerkschaft sich hinter die Besetzung stellte, schlugen die Medien Alarm: „Jetzt, wo der Präzedenzfall der Unterstützung für die Übernahme des Eigentums gesetzt worden ist, können wir in Zukunft nicht sehen, dass Docker die Hafenkais übernehmen? Dass Busfahrer die Busse an sich reißen? Dass Kassierer die Banken an sich reißen? All das könnte auf gleiche Weise gerechtfertigt werden“ (S. 436), wird die Province zitiert. Dieser Warnruf einer führenden kanadischen Tageszeitung wurde auch von Wirtschaft und Politik geteilt. Mit Hilfe einer juristischen Klage gelang es, den Streik zu beenden, bevor sich auch Beschäftigte diese Fragen praktisch stellen konnten. Weil die Gewerkschaft mit massiven Schadensersatzforderungen und Strafen rechnen musste, wurde die Besetzung der Telefongesellschaft nach wenigen Tagen beendet. „Für eine kurze Zeitspanne, bevor die Gewerkschaft sich den Gerichten beugte, gab es die Chance sich vorzustellen, wie es laufen könnte, wenn nicht nur die Telefonarbeiter die Telefongesellschaft leiten würde, sondern auch die Docker die Hafenkais, die Busfahrer die Busse und die Kassierer die Banken übernehmen würden“ (S. 442), wandelt die Autorin, Direktorin des Harvard Trade Union Program, den Warnruf der Rechten in eine linke Utopie um. Doch wie in den meisten anderen im Buch behandelten Beispielen intervenierten Staatsapparate, und die Ausweitung der Besetzung scheiterte. In einem Kapitel werden zwei Aufsätze über Selbstverwaltungsmodelle in nominalsozialistischen Gesellschaften analysiert.Goran Music widmet sich den jugoslawischen Modell und kommt zu dem Schluss: „Es ist der jugoslawischen Arbeiterklasse nie gelungen, die institutionellen Möglichkeiten der Selbstverwaltung auszunützen, um sie von ei-nem Instrument der herrschenden Bürokratie zu einem authentischen Motor demokratischer Kontrolle von unten zu machen (S. 236). Weniger bekannt ist die von Zbigniew Marcin Kowalewski lange Geschichte des Kampfes um Arbeiter-kontrolle in Polen, die in den frühen 80er Jahren Einfluss auf den linken Flügel der Solidarnosc hatte, bevor sich diese Gewerkschaft mehrheitlich an Kapitalismus, Kirche und Marktwirtschaft ausrichtete.

Auch die Ergebnisse der im letzten Teil („Arbeiterkontrolle 1990–2010“) aufgeführten Beispiele von Arbeiterkontrolle in Westbengalen und einigen Länder Lateinamerikas bleiben widersprüchlich. Einerseits haben einige linksreformistische Regierungen die Möglichkeiten einer Übernahme der Fabriken vereinfacht. Andererseits werden am Beispiel der besetzten und selbstverwalteten Fabriken in Argentinien und Brasilien die Grenzen der Arbeiterkontrolle im Kapitalismus aufgezeigt.
„Nur ein sozialistischer Ansatz kann diese Fabriken in den Stand versetzen, ihr wahres Potential zu entfalten. Die gegenteilige Option, sie dem Einfluss der kapitalistischen Tendenzen zu überlassen, würde sie zwangsläufig einen der kapitalistischen Wege einschlagen lassen“. Dieser Hinweis von Marina Kabat in ihrem Beitrag über die Rolle der besetzten Betriebe in der argentinischen Krise (S. 476) ist sehr wichtig, weil er deutlich macht, dass bei der Debatte über Fabrikräte und Selbstverwaltung die Frage nach der Macht im Staat nicht vergessen werden darf . Hier wird aber auch deutlich, dass Arbeiterkontrolle und Besetzungen von Fabriken nur im Kontext einer gesamtgesellschaftlichen Umwälzung mehr sein können als bloße Mitverwaltung im Kapitalismus – und so schließt sich auch der Bogen zur Pariser Commune und dem Titel des Buchs.
Diesem Buch ist eine breite LeserInnenschaft, vor allem auch aus dem gewerkschaftlichen Spektrum, zu wünschen. Die Fülle der zusammengetragenen Informationen aus mehr als 100 Jahren Geschichte von Arbeiter- und Fabrikräten ist ein wichtiges Stück Geschichte einer anderen, vergessenen Arbeiterbewegung. Erst, wenn wir sie uns wieder aneignen, können wir entscheiden, was heute, im Zeitalter von Internet und Mikroelektronik, Verschwinden des „fordistischen Arbeiters“ und der zunehmenden Bedeutung des Reproduktions- und Dienstleistungssektors noch brauchbar und weiterzuentwickeln ist. Ein gutes Forum dafür ist die Internetplattform Workerscontrol (http://www.workerscontrol.net/de), die von den Herausgebern des Buches und mehreren der Autorinnen und Autoren im letzten Jahr gegründet worden ist.

Dario Azzellini / Immanuel Ness (Hg.): “Die endlich entdeckte politische Form. Fabrikräte und Selbstverwaltung von der russischen Revolution bis heute”, Neuer ISP Verlag, Karlsruhe 2012, 540 Seiten, 29,80 Euro, ISBN 978-3-89 900-138-9

aus:
express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit
http://www.labournet.de/express/
Peter Nowak