Die Suche nach einem Kinderreim

Die israe­lische Fil­me­ma­cherin Tali Tiller macht sich auf den Weg, um in Polen über das Leben ihrer ver­stor­benen Groß­mutter zu recher­chieren. „My Two Polish Loves“ heißt ihr Film

„Niemand ist vor­bei­kommen“, sagt Magda Wystub. Die junge Frau mit den kurzen Haaren steht mit ihrer Freundin Tali Tiller vor einem völlig zuge­wach­senen Grab auf dem jüdi­schen Friedhof in Łódź. Dort ist Tillers Groß­vater beerdigt. Ein Großteil seiner Ver­wandten sind im Natio­nal­so­zia­lismus ermordet worden, die wenigen Über­le­benden sind später aus­ge­wandert. So war niemand mehr da, der sich um das Grab küm­merte. Tali Tiller, die aus Israel stammt, hat es gemeinsam mit ihrer pol­ni­schen Lebens­part­nerin Magda Wystub wieder ent­deckt, als sich die beiden Frauen auf die Suche nach den Spuren von Silvia Grossmann Tillers Leben in Łódź gemacht hatten. Silvia Grossmann Tiller, die 2014 starb, ist Talis Groß­mutter. Erst in den letzten Jahren
ihres Lebens hatte sie von der Ver­folgung im Natio­nal­sozia- lismus berichtet. Ihr hat die Enkelin ihren Film „My Two Polish Loves“ gewidmet. Die erste pol­nische Liebe ist ihre Groß­mutter gewesen, die zweite pol­nische Liebe ist ihre Freundin Magda.

Wo einst das Ghetto war
Mit einer Mappe, in der sich Fotos und Texte befinden, machen sich die beiden Frauen auf die Suche und stellen oft fest, dass heute kaum noch etwas an die große jüdische Gemeinde in Łódź erinnert. Wo einst das Ghetto war, befindet sich jetzt eine viel fre­quen­tierte Straßen- kreuzung. Pas­san­tInnen hetzen vorbei und achten nicht auf die beiden Frauen, die das Foto einer Brücke in der Hand halten, die beide Seiten des Ghettos ver­bunden hat. Dort steht der Groß­vater von Tiller an einer Treppe. Gefunden hat es Tiller im Museum der Ghet­to­kämpfer im Kibbuz Lohamei Hagetaot. Besonders traurig ist die Regis­seurin, dass sie das Haus ihrer Groß­mutter trotz akri­bi­scher Suche nicht findet.
Immer wieder sind im Film kurze Sequenzen aus Inter­views ein­ge­spielt, die Tiller mit ihrer Groß­mutter führte. Dort schildert sie, wie sie den Arbeits­zwang der SS miss­achtete, um bei ihrer tod­kranken Schwester zu bleiben, die in ihren Armen starb. Sie meint, es sei ein Wunder, dass sie nicht von der SS ent­deckt wurde, die das Haus durch­suchte, aber das Zimmer ausließ, in dem sie sich befand. „My Two Polish Loves“ ist kein trau­riger Film. Man sieht die beiden Frauen bei der Vor­be­reitung ihrer Erkun­dungen, sie recher­chieren im Internet und ver­gleichen Stadtpläne.Magda Wystub erinnert sich noch genau an die Stra­ßen­namen im Polen ihrer Kindheit. Bedeutsame wie die „Straße der Opfer des Faschismus“ oder „Straße der Toten von Auschwitz“ seien ihr in Erin­nerung geblieben. Am Ende sind beide Frauen erfolg­reich bei der Suche nach einem Kin­derreim, den Tali Tiller von ihrer Groß­mutter gehört hat und der ihr nicht aus dem Kopf gegangen ist. Tali Tiller und Magda Wystub haben einen sehr per­sön­lichen Film gemacht über die Zeit, in der die letzten Holo­caust-Über­le­benden sterben. Der Film zeigt, wie ihre Erin­nerung bewahrt werden kann.

„My Two Polish Loves“ (OmU). Regie: Tali Tiller. D 2016, 51 Min., in Eng­lisch, Pol­nisch und Hebräisch mit deut­schen Unter­titeln
Das Licht­blickkino in der Kas­ta­ni­en­allee 77 zeigt den Film am 29. und 30. 1. um 17 Uhr


aus: Taz Berlin kultur, 24.1.2018

Peter Nowak

Spuren der Shoah

»My Two Polish Loves« im Licht­blick-Kino

Auf einer viel befahren Stra­ßen­kreuzung in der Innen­stadt von Łódź steht eine junge Frau, die sich suchend umschaut. In der Hand hält sie einen Ordner mit Fotos. Es sind Doku­mente über das jüdische Ghetto, das sich einst an dieser Stelle befunden hat. Heute erinnert nichts mehr daran. Die junge Frau ist Tall Tiller. Die Israelin, die seit meh­reren Jahren in Berlin lebt, hat sich mit ihrer pol­ni­schen Part­nerin Magda Wystub auf die Suche nach der Geschichte ihrer Vor­fahren begeben. Davon erzählt ihr knapp ein­stün­diger Film »My Two Polish Loves«. 

Den Anstoß für die Reise gab die 2014 gestorbene Groß­mutter der Regis­seurin. Erst in den letzten Jahren ihres Lebens erzählte die Holo­caust-Über­le­bende ihre Geschichte der Ver­folgung. Sie war mit ihrer Familie im Ghetto von Łódź ein­ge­sperrt. Die SS depor­tierte später einen Großteil der Bewoh­ne­rInnen in die Ver­nich­tungs­lager. Silvia Grossmann Tiller war eine der wenigen aus ihrer Familie, die überlebt hat. Im Film hört man sie von einem Wunder sprechen, das zu ihrer Rettung geführt habe. So berichtet sie, wie sie sich ent­schieden hatte, nicht zur Arbeit zu gehen und bei der schwer kranken Stief­mutter zu bleiben, die dann in ihren Armen starb. Dabei hörte sie, wie die SS das Gebäude betrat, in dem sich die Frauen ver­steckt hielten. Doch bevor die SS-Männer die obere Etage erreichten, brachen sie die Suche ab. Wäre Silvia gefunden worden, hätte man sie wohl sofort erschossen. 

Wir hören die Stimme der Groß­mutter in Tall Tillers Film mehrmals. Wir sehen auch ein Foto des Groß­vaters an einer der Brücken, die die beiden Teile des Ghettos ver­banden. Gefunden hat die Regis­seurin es im Museum der Ghet­to­kämpfer in Tel Aviv. 

»Das Haus meiner Oma zu finden, war für mich das Wich­tigste«, sagte Tall Tiller gegenüber der »Jüdi­schen All­ge­meinen Zeitung«. Aber die Suche blieb erfolglos. »Es gibt das Haus nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich heute ein öffent­licher Park.« Das Haus ihres Groß­vaters aber, der eben­falls über­lebte, hat sie gefunden – und bedauert, ihn zu Leb­zeiten nicht kon­kreter über sein Leben im Ghetto befragt zu haben. Gefunden hat sie auch sein Grab auf einem total über­wu­cherten Friedhof – nebst einer Gedenk­kerze, die nie ange­zündet wurde. »Niemand ist vor­bei­ge­kommen«, sagt Magda Wystub. Es ist einer der trau­rigsten Momente im Film. Er zeigt, welche Folgen die Shoah auch für die Über­le­benden hatte. Es war niemand mehr da, der später ihre Gräber besuchen konnte. 

Und doch ist »My Two Polish Loves« kein trau­riger Film. In meh­reren Szenen sieht man Tiller und Wystub bei der Vor­be­reitung ihrer Erkun­di­gungen oder bei der Aus­wertung in einem Restaurant. Auf der Suche nach einem Raum von Tillers Groß­mutter, der der Enkelin nicht aus dem Kopf geht, fragen sie Pas­san­tInnen, die aber nur mit den Schultern zucken. Am Ende kann ein Jugend­licher das Rätsel auf­klären. 

Tall Tiller hat einen sehr per­sön­lichen Film gemacht über die Zeit, in der die letzten Holo­caust-Über­le­benden sterben. Die Erin­nerung an sie aber, das zeigt der Film, bleibt lebendig. 

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​7​5​5​9​5​.​s​p​u​r​e​n​-​d​e​r​-​s​h​o​a​h​.html

Vor­führung am 10.1., 19 Uhr, im Licht­blick-Kino (Kas­ta­ni­en­allee 77, Prenz­lauer Berg). Im Anschluss gibt es ein Gespräch mit der Regis­seurin.

Peter Nowak