Ist die Wissenschaft wirklich in Gefahr?

Das plötz­liche Auf­blühen einer Pro-Wis­sen­schafts­be­wegung: Geht es um eine Ersatz­re­ligion oder um kri­ti­sches Denken?

Zehn­tau­sende Men­schen haben sich am Samstag weltweit an Mär­schen für die Freiheit der Wis­sen­schaft beteiligt (siehe Science March: Spät, aber wichtig[1]). Auch in Deutschland gab es eine eigene Homepage für diese Aktivitäten[2]. Dort wird all­gemein kri­ti­sches Denken pro­pa­giert.

Kri­ti­sches Denken und fun­diertes Urteilen setzt voraus, dass es ver­läss­liche Kri­terien gibt, die es erlauben, die Wer­tigkeit von Infor­ma­tionen ein­zu­ordnen. Die gründ­liche Erfor­schung unserer Welt und die anschlie­ßende Ein­ordnung der Erkennt­nisse, die dabei gewonnen werden, ist die Aufgabe von Wis­sen­schaft. Wenn jedoch wis­sen­schaftlich fun­dierte Tat­sachen geleugnet, rela­ti­viert oder lediglich »alter­na­tiven Fakten« als gleich­wertig gegen­über­ge­stellt werden, um daraus poli­ti­sches Kapital zu schlagen, wird jedem kon­struk­tiven Dialog die Basis ent­zogen. Da aber der kon­struktive Dialog eine ele­mentare Grundlage unserer Demo­kratie ist, betrifft eine solche Ent­wicklung nicht nur Wissenschaftler/​innen, sondern unsere Gesell­schaft als Ganzes.
march​for​science​.de

Zu den Unterstützern[3] der Wis­sen­schafts­märsche gehören Uni­ver­si­täts­lei­tungen und zahl­reiche Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­tionen. In mehr als 10 Städten von Berlin bis zum west­fä­li­schen Espelkamp gab es in Deutschland Stra­ßen­umzüge. Dabei blieb gerade in Deutschland unklar, gegen wen oder was die Freunde der Wis­sen­schaft dazu noch im Schul­ter­schluss mit der Politik auf die Straße gegangen sind. So erklärte Berlins Regie­render Bür­ger­meister Michael Müller, Berlin habe »eine ganz besondere Ver­pflichtung, für die Freiheit ein­zu­stehen«.

Zudem bekräf­tigte Müller, der Ber­liner Senat soli­da­ri­siere sich mit »ver­folgten Wis­sen­schaft­le­rinnen und Wis­sen­schaftlern und mit aka­de­mi­schen Insti­tu­tionen, die in ihrer Existenz bedroht sind«. Nun wäre eine solche unbü­ro­kra­tische Unter­stützung für ver­folgte Wis­sen­schaftler bei­spiels­weise aus der Türkei und Kur­distan von­seiten Berlins sicher wün­schenswert. Nur wären dazu ganz kon­krete Initia­tiven nötig, Schau­fens­ter­reden hin­gegen bringen den Betrof­fenen wenig.

Wenn nun Müller wei­terhin erklärte: »Deshalb stellen wir uns ent­schlossen gegen die­je­nigen, die die Freiheit der Wis­sen­schaft aus­höhlen und Unwahr­heiten zu alter­na­tiven Fakten erklären«, dann wagt er sich auf ein Feld, auf dem er nur ver­lieren kann. Hier soll ein auto­ri­tärer Wis­sen­schafts­be­griff hoch­ge­halten werden und es wird igno­riert, dass eine Kritik daran auch von linken Bewe­gungen kam und nun auch schon einige Jahr­zehnte alt ist.


Wis­sen­schaft als Ersatz­re­ligion?

Als Haupt­grund für das plötz­liche Auf­blühen einer Pro-Wis­sen­schafts­be­wegung wird die Wahl von Trump in den USA und die in der dor­tigen Admi­nis­tration laut wer­denden Zweifel an den wis­sen­schaft­lichen Erkennt­nissen des Kli­ma­wandels genannt. Nun stehen hinter dem Streit um die Inter­pre­ta­tionen der bis­he­rigen wis­sen­schaft­lichen Erkennt­nisse zum Kli­ma­wandel aber zwei Modelle der Kapi­talak­ku­mu­lation.

Eines sug­ge­riert, es könne im Grunde mit Kohle, Öl und Gas so wei­ter­gehen wie bisher. Diese Ver­treter des fos­silen Kapi­ta­lismus wollen wis­sen­schaft­liche Erkennt­nisse über die Folgen des Kli­ma­wandels mög­lichst in Zweifel ziehen. Dagegen sind die wach­senden Ver­treter eines soge­nannten grünen Kapi­ta­lismus, die in Deutschland Ein­fluss haben, bestrebt, die Folgen eines »Weiter so« mit dem fos­silen Kapi­ta­lismus als besonders desaströs dar­zu­stellen.

Da wird gleich sug­ge­riert, als stünde die Bewohn­barkeit der Erde auf dem Spiel, wenn nicht alle die angeblich so klaren Rezepte befolgten, die die Kli­ma­for­schung bereithält. Unter­schlagen wird dabei, dass die Wis­sen­schaft kein Rezept­block ist. Noch vor einigen Jahren hätte jeder ernst zuneh­mende Kli­ma­for­scher ehrlich bekannt, sie können zwar nach­weisen, dass Men­schen das Klima beein­flussen. Doch weil die infrage kom­menden Fak­toren viel zu kom­pli­ziert seien, sei es kaum möglich, Kli­masze­narien für einen län­geren Zeitraum zu erstellen.

Allein ein Faktor, wie der Golf­strom und was mit ihm bei einer wei­teren Erwärmung pas­sieren könnte, wurde als Bei­spiel für diese Schwie­rig­keiten ange­führt. So könnte ein Ver­siegen des Golf­stroms aus­gelöst durch die Erwärmung zu einem mas­siven Tem­pe­ra­tur­rückgang in Europa führen. Ähn­liche Effekte könnten durch das Frei­werden von Methan­gasen etc. ein­treten.

Doch heute wird über die Schwie­rig­keiten, wis­sen­schaft­liche Pro­gnose und Sze­narien zu erstellen, nur noch selten geredet. Je mehr die Feinde einer angeblich freien Wis­sen­schaften benannt werden, desto mehr scheint die Wis­sen­schaft in die Rolle einer Ersatz­re­ligion zu geraten, die gar nicht mehr hin­ter­fragt wird.


Herr­schaft und Wis­sen­schaft

His­to­risch gesehen, waren sowohl die mar­xis­ti­schen als auch die anar­chis­ti­schen For­ma­tionen der Arbei­ter­be­wegung sehr wis­sen­schafts­freundlich. So gehörte in der Sozi­al­de­mo­kratie vor ca. 110 Jahren eine Fülle von wis­sen­schaft­lichen Trak­taten, Bro­schüren und Büchern zum Sor­timent des Verlags- und Lite­ra­tur­wesens. Füh­rende Sozi­al­de­mo­kraten bemühten sich, den Arbeitern wis­sen­schaft­liche Grund­kennt­nisse nahe­zu­bringen. Da waren die Schriften von Darwin ebenso gefragt wie die von Ernst Haeckel.

Der anar­chis­tische Teil der Arbei­ter­be­wegung ließ sich bei der Wis­sen­schafts­freund­lichkeit von den Sozi­al­de­mo­kraten nicht über­treffen. Anar­chisten wie Proudhon oder Kro­potkin waren besonders bemüht, Erkennt­nisse der Wis­sen­schaft in ihren Kreisen populär zu machen. Tat­sächlich stand ein eman­zi­pa­to­ri­sches Grund­an­liegen dahinter. Die Arbei­ter­massen sollten sich nicht mehr von Eso­terik und Religion ein­fangen lassen.

Mit der Wis­sen­schaft wurde eine Sicht auf die Welt pro­pa­giert, die auf Natur­ge­setzen, auf Argu­menten und Fakten und nicht auf Glauben und Aber­glauben beruhte. Schließlich stand auch die Über­zeugung Pate, dass die Wis­sen­schaft ein Instrument sein könnte, mit dem sich die Lohn­ab­hän­gigen ihre Welt erkenn- und erklärbar machen können. Das aber ist die Vor­aus­setzung, um die Welt zu ver­ändern.

Vor allem in der Früh­phase der Arbei­ter­be­wegung fehlte noch das Bewusstsein dafür, dass auch bestimmte Erkennt­nisse der Wis­sen­schaft zu Dogmen werden können, die kri­ti­sches Denken und Eman­zi­pation eher behindern als fördern. In dieser Funktion wurde Wis­sen­schaft dann durchaus zu einer Art Ersatz­re­ligion, jeden­falls zu einen Herr­schafts­in­strument.

Es gibt eine lange und fruchtbare Tra­dition einer linken Wis­sen­schafts­kritik, die man bei Theo­re­tikern der Kri­ti­schen Theorie ebenso findet, wie im Struk­tu­ra­lismus. Der Name des fran­zö­si­schen Sozio­logen Michel Fou­cault steht für eine besondere Spielart der Wissenschaftskritik[4]. Vor allem der nun wieder pro­pa­gierte Wahr­heits­an­spruch der Wis­sen­schaft wurde damals massiv in Frage gestellt.

Der Vorwurf der alter­na­tiven Fakten

Wenn nun in manchen Erklä­rungen rund um die Märsche der Wis­sen­schaft alter­native Fakten so knapp abge­watscht werden, sollte nicht ver­gessen werden, dass lange vor Trump und seiner Berater die Post­mo­derne daran ihre Freude gehabt hätte. In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, als sich die Linke mehr­heitlich in eine Alter­na­tiv­be­wegung trans­for­miert hatte, hatte prak­tisch jede dieser alter­na­tiven Zusam­men­hänge zu diesem und jenen ihre alte­ra­tiven Fakten.

Die gesamte Szene war geprägt durch eine teil­weise fast schon Hass zu nen­nenden Abneigung gegen die Welt der Wis­sen­schaft, ihren Gesetzen und Wahr­heiten. Dagegen pro­pa­gierte die Alter­na­tivwelt das Primat ihrer eigenen Erfah­rungen und ver­breitete in der bis Mitte der 1980er Jahren nicht ein­fluss­losen Alter­na­tiv­presse und Alter­na­tiv­dru­cke­reien jede Menge alter­native Fakten.

Es wäre eigentlich ein red­liches Unter­fangen daran zu erinnern und diese Phase nicht einfach aus­zu­blenden. Zumindest in der Taz wurde kürzlich in einem Beitrag sehr anschaulich und mit vielen Fakten daran erinnert, dass das Copy­right für den Lügen­pres­se­be­griff in den 1970er Jahre eben­falls bei der Alternativbewegung[5], die taz ja gerade auch deshalb grün­deten, um ein Medien für die unter­drückten Nach­richten zu haben.

In dem Beitrag wurde auch deutlich, dass Vor­würfe der dama­ligen Alter­na­tiv­be­wegung kei­neswegs aus der Luft gegriffen waren sondern ihr Rea­li­täts­gehalt in den dama­ligen poli­ti­schen Ver­hält­nissen zu finden ist. Schwie­riger ist die Beur­teilung der Wis­sen­schafts­kritik. Aber auch dabei sollte nicht über­sehen werden, dass es auch dazu führte, dass Groß­tech­no­logien wie die AKW-Wirt­schaft damit grund­sätzlich hin­ter­fragt werden konnten.

Denn eine völlig unkri­tische AKW-Beju­belung gehörte in den 1970er Jahren noch zum Konsens großer Teile von Politik, Gewerk­schaften und Wis­sen­schaft. Es war eine neue Generation von Wis­sen­schaftlern, die sich mit der Pro­pa­gierung von mög­lichst vielen und allen zugäng­lichen Bec­querels-Mess­ge­räten von einen Wis­sen­schaftsbild ver­ab­schiedete, dass im Grunde reli­gi­ons­ähnlich funk­tio­nierte und unhin­ter­fragte Wis­sen­schafts­ko­ry­phäen die Rolle von Priestern spielen.

Was kann eman­zi­pa­to­rische Wis­sen­schaft heute sein?

Eine Rückkehr zu einem solchen Wis­sen­schaftsbild wäre kei­neswegs eman­zi­pa­to­risch. Sie würde vielmehr einem tech­ni­zis­ti­schen Weltbild Vor­schub leisten, in dem nicht mehr um Politik gestritten wird. Statt essen soll mit dem Verweis auf Wis­sen­schaft und Natur­ge­setze eine kom­pli­zierte Welt wieder beherrschbar gemacht werden. Nur sollten nicht mehr Poli­tiker sondern Wis­sen­schaftler für die Ordnung der Dinge zuständig sein.

Das Genethische Netzwerk[6] ver­teilte auf den Mär­schen Flyer[7], auf denen diese Errun­gen­schaften einer Wis­sen­schafts­kritik auf­ge­griffen wurden und ein neues Wis­sen­schaftsbild gefordert wurde.

Nur um bei der Frage der Kli­ma­ver­än­derung zu bleiben. Sicher könnte da die Wis­sen­schaft eine Rolle spielten, bei der Beur­teilung der ver­schie­denen Effekte. Doch die Dis­kussion über den Umgang und die gesell­schaft­lichen und poli­tische Kon­se­quenzen einer Kli­ma­ver­än­derung sind keine Fragen der Wis­sen­schaft. Es sind gesell­schaft­liche Fragen und sie gehören auch genau dorthin.

Es wäre eigentlich an der Zeit, die Errun­gen­schaft der modernen Technik gerade auf dem Gebiet der Kom­mu­ni­kation zu nutzen, um die große Debatte zu führen, wie wir mit den Ver­än­de­rungen umgehen, die als Kli­ma­ver­än­de­rungen beschrieben werden. Dabei sollten wir uns zunächst von den leicht apo­ka­lyp­ti­schen Unter­tönen frei­machen, die diese Debatte längst hat. Nein, es ist nicht aus­ge­macht, dass hier nur über Ver­zichts­dis­kurse geredet wird.

Es könnte auch darüber dis­ku­tiert werden, ob wir im 21. Jahr­hundert nicht Getreide anbauen können, das auf die neuen Kli­ma­be­din­gungen besonders gut anspricht. Ob wir nicht die neuen Kli­ma­be­din­gungen über­haupt zur Grundlage nehmen für ein schönes Leben auf der Erde. Erzeugung von Regen­ge­bieten würden ebenso dazu gehören, wie andere Wet­ter­phä­nomene. Die Frage wäre, ist ein solches Sze­nario aktuell oder nur kurz- oder mit­tel­fristig über­haupt vor­stellbar oder fallen sie unter die Rubrik Klima Dys­topien?

Peter Nowak
https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​I​s​t​-​d​i​e​-​W​i​s​s​e​n​s​c​h​a​f​t​-​w​i​r​k​l​i​c​h​-​i​n​-​G​e​f​a​h​r​-​3​6​9​1​7​9​7​.​h​t​m​l​?​v​i​e​w​=​print
URL dieses Artikels:
http://​www​.heise​.de/​-​3​6​91797

Links in diesem Artikel:
[1] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​S​c​i​e​n​c​e​-​M​a​r​c​h​-​S​p​a​e​t​-​a​b​e​r​-​w​i​c​h​t​i​g​-​3​6​9​1​2​6​2​.html
[2] http://​march​for​science​.de/
[3] http://​march​for​science​.de/​u​n​t​e​r​s​t​u​e​tzer/
[4] http://​www​.wis​sen​schafts​kritik​.de/​m​i​c​h​e​l​-​f​o​u​c​ault/
[5] http://​www​.taz​.de/​!​5​3​9​6695/
[6] http://​gen​-ethi​sches​-netzwerk​.de
[7] http://​gen​-ethi​sches​-netzwerk​.de/​f​i​l​e​s​/​S​c​i​e​n​c​e​_​M​a​r​c​h​_​F​l​y​e​r.pdf