Leben und leben lassen

Wieder einmal sorgt eine Preisverleihung an den Philosophen Peter Singer für heftige Diskussionen. Jetzt gehen auch einige seiner Anhänger auf Distanz

Es ist unge­wöhnlich, dass eine Aus­zeichnung nach einer lebenden Person benannt wird. Noch unge­wöhn­licher ist es, wenn diese Person den nach ihr benannten Preis selbst erhält. Doch genau das wird heute um 18 Uhr in der Ber­liner Urania geschehen: Der aus­tra­lische Phi­losoph und Bio­ethiker Peter Singer wird in der Urania den mit 10.000 Euro dotierten »Peter-Singer-Preis für Stra­tegien zur Tier­leid­min­derung« [1] ent­ge­gen­nehmen. Mode­ra­torin des Festakts ist die ame­ri­ka­nische »Kar­nismus-Kri­ti­kerin« Melanie Joy [2]. Europa-Par­la­men­tarier Stefan Bernhard Eck wird dar­legen, weshalb er sich in Brüssel für eine andere Tier­po­litik auf der Grundlage des Ethik­kon­zepts von Peter Singer stark macht.

Die Lau­datio auf den Preis­träger sollte der deutsche Phi­losoph Michael Schmidt-Salomon [3] halten. Doch wenige Tage vor der Preis­ver­leihung sagte [4] der Vor­sit­zende der Giordano Bruno Stiftung seine Teil­nahme an der Preis­ver­leihung ab. Als Grund führt er ein Interview [5] an, dass Singer kürzlich der Neuen Züricher Zeitung gegeben hat. (Der Phi­losoph Georg Meggle in Tele­polis über Peter Singer:Schwie­rig­keiten der Medien mit der Phi­lo­sophie. [6])
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»Ein Embryo hat kein Recht auf Leben«

Dort geht es um genau die Themen, die in Deutschland und in vielen anderen Ländern oft zu Pro­testen führen, wenn Singer irgendwo auf­tritt oder einen Preis erhält. Des­wegen wird er auch gerne mit den Adjek­tiven umstritten [7] oder renom­miert ver­sehen. Beide Adjektive sagen aber wenig über den Gegen­stand der Kon­tro­verse aus.

Gegen die aktuelle Preis­ver­leihung ruft in Ber­linein Bündnis »Kein Forum für Peter Singer« [8] zu Pro­testen vor der Urania auf. Dass dort Singer als Eutha­nasie-Befür­worter bezeichnet wird, irri­tiert aus zwei Gründen. Zunächst ist schon der Begriff Eutha­nasie ein Euphe­mismus, heißt er doch über­setzt schöner Tod. Unter diesem Begriff wurden im NS Tau­sende Men­schen ermordet, die als unwertes Leben bezeichnet wurden. Es ist fraglich, ob die Kri­tiker sich einen Gefallen tun, wenn sie Singer, der eine phi­lo­so­phische Position ein­nimmt, zum Eutha­na­sie­be­für­worter stempeln. Warum kann Singer nicht kri­ti­siert werden, ohne ihn gleich in die Nähe von Mas­sen­mördern zu rücken?

Doch diese Über­spitzung hat im Umgang mit Singer Tra­dition. Immer, wenn eine neue Preis­ver­leihung an Singer ansteht, wird er ent­weder als der große Humanist oder als Todes­phi­losoph [9] titu­liert. Dass Kritik an seiner Podien berechtigt ist, zeigt sich schließlich an dem Interview in der NZZ, das Schmidt-Salomon zum Rückzug von der Lau­datio ani­mierte. In dem Pro­test­aufruf wird auf zwei Zitate von Singer ver­wiesen, die er sinn­gemäß in dem NZZ-Interview wie­derholt bzw. radi­ka­li­siert hat.

»Würden behin­derte Neu­ge­bo­renen bis zu einem gewissen Zeit­punkt nach der Geburt nicht als Wesen betrachtet, die ein Recht auf Leben haben, dann wären die Eltern in der Lage (…), auf viel brei­terer Wis­sens­grundlage (…), ihre Ent­scheidung zu treffen«, wird aus Singers Best­seller »Prak­tische Ethik« [10] zitiert. Im NZZ-Interview radi­ka­li­siert Singer diese Auf­fassung. Ein »Früh­ge­bo­renes im Alter von 23 Wochen« habe »keinen anderen mora­li­schen Status als ein Kind mit 25 Wochen in der Gebär­mutter«.

Schmidt-Salomon wies darauf hin, dass Singer in einem phi­lo­so­phi­schen Disput 1993 noch erklärt habe, dass nur die Geburt »als Grenze sichtbar und selbst­ver­ständlich genug« sei, »um ein sozial aner­kanntes Lebens­recht zu mar­kieren. Würde die Vor­stellung in das öffent­liche Denken ein­gehen, »dass ein Kind mit dem Augen­blick der Geburt nicht zugleich auch ein Lebens­recht besitzt, sinke mög­li­cher­weise die Achtung vor kind­lichem Leben im all­ge­meinen«, schreibt Singer in seinem Buch »Muss dieses Kind am Leben bleiben«.

Schmidt Salomon fasst das Motto seiner Orga­ni­sation so zusammen: »Lebens­recht für Alle. Lebens­pflicht für Nie­manden« [11]. Damit soll deutlich gemacht werden, dass es ein indi­vi­du­elles Recht auf Ster­be­hilfe gib

»Leidensverlängerung ist heute ein Multi-Milliardengeschäft«

In Deutschland wehrt sich ein Bündnis öffent­lich­keits­wirksam gegen Ver­schär­fungen bei der Ster­be­hilfe, Michael Schmidt-Salomon über Ster­be­hilfe

Die Todes­strafe ist in Belgien schon lange abge­schafft. Doch manche Lang­zeit­straf­ge­fangene scheinen den Tod einer langen Gefäng­nis­strafe vor­zu­ziehen. 15 Straf­ge­fangene haben in Belgien einen Antrag gestellt, unter fach­kun­diger Begleitung in einem Kran­kenhaus ihr Leben beenden zu können.

Den Anfang machte Frank Van den Belegen. Der wegen Ver­ge­wal­tigung und Mord zu einer lebens­langen Haft­strafe ver­ur­teilte Mann hat juris­tisch dafür gekämpft, sterben zu dürfen. Jetzt hatte er Erfolg[1]. Zu den Kri­tikern dieser Ent­scheidung zählte auch die Ange­hö­rigen der von Van den Belegen ermor­deten Frau, die fordern, er solle bis zum Lebensende hinter Gittern ver­bringen und könnte sich daher nicht einfach zum Sterben ent­schließen.

Es gibt ein Leben vor dem Tod

Andere Kri­tiker der libe­ralen Ster­be­hil­fe­re­gelung sehen sich durch die starke Häufung des Ster­be­wun­sches bei Lang­zeit­häft­lingen in ihrer Auf­fassung bestätigt, dass es für uner­träglich gehaltene Lebens­um­stände sind, die bei vielen Men­schen den Wunsch zum Sterben beflügeln. Dass müssen durchaus nicht nur Gefäng­nisse sein. Auch eine schlechte soziale Lage, Alters­armut, das Gefühl über­flüssig zu sein, kann den Ster­be­wunsch befördern.

Das Bündnis »Mein Ende gehört mir«[2] wendet sich gegen eine weitere Ver­schärfung des Ster­be­wun­sches und setzt dabei auf Werbung, über die man spricht. So finden sich seit einigen Wochen in vielen deut­schen Groß­städten nicht nur an den Lit­faß­säulen, sondern auch auf große Rekla­me­tafeln, die auf LKWs mon­tiert waren, Poster mit der Auf­schrift »Mein Ende gehört mir«. Daneben haben sich zahl­reiche Pro­mi­nente foto­gra­fieren lassen.

»So wie es ein Recht auf Erste Hilfe gibt, sollte es auch ein Recht auf Letzte Hilfe geben«

Michael Schmidt-Salomon[3] ist Vor­stands­mit­glied der Giordano Bruno Stiftung[4], die die Kam­pagne »Mein Ende gehört mir« seit langem unter­stützt.

Unter dem Motto »Mein Ende gehört mir« haben Sie eine öffent­liche Pla­kat­kam­pagne gestartet. Was ist das Ziel?

Michael Schmidt-Salomon: Wir wollen ver­hindern, dass die Selbst­be­stim­mungs­rechte der Pati­en­tinnen und Pati­enten am Lebensende ein­ge­schränkt werden. Denn bislang sind ärzt­liche Frei­tod­be­glei­tungen in Deutschland straf­rechtlich nicht ver­boten. Ein solches Verbot ein­zu­führen, ist Aus­druck eines illi­be­ralen Denkens, das schwerst­leis­tenden Men­schen die Chance raubt, ihr Leben so zu beenden, wie sie es wün­schen.

Wir sind über­zeugt: So wie es ein Recht auf Erste Hilfe gibt, das dafür sorgt, dass unser Leben im Notfall gerettet wird, sollte es auch ein Recht auf Letzte Hilfe geben, das garan­tiert, dass wir unser Leben in Würde beschließen können. Die Umsetzung eines solchen Rechts ver­langt nicht nur eine Ver­bes­serung der pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­schen Ver­sorgung, sondern auch die Mög­lichkeit, mit Unter­stützung eines Arztes eigen­ver­ant­wortlich aus dem Leben zu scheiden, wenn das Leiden uner­träglich wird.

Sollten Ärzte nicht Leben erhalten, statt beim Sterben zu helfen?

Michael Schmidt-Salomon: Ärzte sollten sich dem Pati­en­ten­willen ver­pflichtet fühlen – nicht einem reli­giösen, medi­zin­tech­no­kra­ti­schen oder von öko­no­mi­schen Inter­essen gespeisten Dogma der unbe­dingten Lebens­ver­län­gerung. In der Regel gehen Pati­enten zum Arzt, weil sie mög­lichst lange und mög­lichst gut wei­ter­leben wollen. Doch es gibt Bedin­gungen, unter denen selbst die beste Pal­lia­tiv­me­dizin nicht ver­hindern kann, dass das Leben zu einer Qual wird. Ein guter Arzt sollte den Ster­be­wunsch seiner frei­ver­ant­wortlich han­delnden Pati­enten ebenso respek­tieren wie deren Willen zum Leben.

Was aber ist, wenn der Patient nicht frei­ver­ant­wortlich ent­scheidet, wenn sein Ster­be­wunsch auf eine psy­chische Störung zurück­zu­führen ist?

Michael Schmidt-Salomon: In einem solchen Fall wäre eine Frei­tod­be­gleitung schon unter gel­tendem Recht unzu­lässig. Ein schwerst­de­pres­siver Mensch braucht keine Hilfe zum Sterben, sondern Hilfe zum Leben. Aller­dings ist diese Hilfe sehr viel leichter möglich, wenn ärzt­liche Frei­tod­be­glei­tungen akzep­tiert werden.

Warum?

Michael Schmidt-Salomon: Weil man mit Ster­be­wil­ligen nur dann ein offenes Gespräch führen kann, wenn der Suizid nicht prin­zi­piell verpönt ist. Wir sollten hier von Erfah­rungen auf anderen Gebieten lernen. Rigorose For­de­rungen wie »Keine Drogen!«, »Kein Sex unter Teen­agern!«, »Keine Abtreibung!«, »Keine Suizide!« sind kon­tra­pro­duktiv. Sie führen im Ergebnis zu mehr Dro­gen­toten, mehr Teenager-Schwan­ger­schaften, mehr Schwan­ger­schafts­ab­brüchen und auch zu mehr Ver­zweif­lungs­sui­ziden.

Sie kri­ti­sieren in Ihrem Aufruf kon­ser­vative Poli­tiker, die die Mög­lichkeit zur Ster­be­hilfe ein­schränken wollen. Aber es gibt auch Stimmen aus der Linken, die vor der Auf­wei­chung der Ster­be­hilfe warnen. Wie reagieren sie darauf?

Michael Schmidt-Salomon: Leider gibt es auch unter Linken einige Men­schen, die den Nazi­ver­gleichen reak­tio­närer Ster­be­hil­fe­gegner wie Robert Spa­emann auf den Leim gehen. Deshalb zur Klar­stellung: Im Natio­nal­so­zia­lismus ging es niemals um »Eutha­nasie«, den »guten, schönen Tod«, sondern um sys­te­ma­ti­schen Mas­senmord an behin­derten und psy­chisch kranken Men­schen! Wer den ver­ne­belnden Sprach­ge­brauch der Nazis über­nimmt, baga­tel­li­siert damit den Mas­senmord und ver­höhnt die Opfer! Zudem belegen zahl­reiche Studien, dass nicht die Gewährung, sondern die Ver­hin­derung der ärzt­lichen Sui­zi­d­as­sistenz die Gefahr erhöht, dass Pati­enten ohne deren Ver­langen getötet werden. Tat­sächlich ist nir­gends die Gefahr größer, fremd­be­stimmt sterben zu müssen, als dort, wo Men­schen nicht selbst­be­stimmt sterben dürfen.

Das »Geschäft mit der Lei­dens­ver­län­gerung« ist sehr viel lukra­tiver als das »Geschäft mit dem Tod«!

Ster­be­hilfe ist vor allem Lebens­hilfe

Aber könnte bei einer ver­ein­fachten Ster­be­hilfe nicht gerade auf ein­kom­mens­schwache Men­schen der Druck wachsen, durch Ster­be­hilfe dazu bei­getragen, dass sie nicht weiter die öffent­lichen Haus­halte belasten?

Michael Schmidt-Salomon: Das wird oft behauptet, die lang­jäh­rigen Erfah­rungen im US-Bun­des­staat Oregon, in der Schweiz und den Bene­lux­ländern zeigen aber, dass es einen der­ar­tigen Effekt nir­gends gegeben hat. Sollte es jemals zu solchen Folgen kommen, müssten wir natürlich ent­schieden gegen­lenken. Gegen­wärtig aber zielt der öko­no­mische Druck exakt in die umge­kehrte Richtung, denn das »Geschäft mit der Lei­dens­ver­län­gerung« ist sehr viel lukra­tiver als das »Geschäft mit dem Tod«!

In dem Buch »Letzte Hilfe«, das ich mit dem Ber­liner Ster­be­helfer Uwe-Christian Arnold geschrieben habe, berichten wir unter anderem von dem Fall einer Pati­entin, die gegen ihren Willen fünf Jahre lang im Wachkoma gehalten wurde. Das brachte allein dem Pfle­geheim einen zusätz­lichen Umsatz von 200.000 Euro. Wenn man nach­forscht, warum einige Gruppen heute so massiv gegen Selbst­be­stim­mungs­rechte am Lebensende ein­treten, stößt man nicht nur auf reli­giöse Motive wie die Vor­stellung, der Mensch dürfe über sein »von Gott geschenktes Leben« nicht ver­fügen, sondern auch auf hand­feste öko­no­mische Inter­essen. »Lei­dens­ver­län­gerung« ist heute ein Multi-Mil­li­ar­den­ge­schäft, das sich keiner der Pro­fi­teure ver­derben lassen möchte. Wir hoffen, dass unser Buch dazu bei­tragen kann, dass die wahren Hin­ter­gründe der Debatte nicht weiter ver­schwiegen werden.

Wäre es nicht sinn­voller, die Welt so zu gestalten, dass sie für alle Men­schen lebenswert ist, als die Ster­be­hilfe zu ver­ein­fachen?

Michael Schmidt-Salomon: Natürlich sollten wir alles dafür tun, dass Men­schen ihre Existenz bis zum Schluss als lebenswert emp­finden können. Doch selbst unter ide­alsten gesell­schaft­lichen Bedin­gungen, von denen wir bekanntlich weit ent­fernt sind, wären wir nicht in der Lage, jeder Person einen wür­de­vollen natür­lichen Tod zu ermög­lichen. Hos­piz­dienste und Pal­lia­tiv­me­di­ziner können vielen Pati­enten helfen, aber längst nicht allen. Dies gilt ins­be­sondere für Pati­enten, die gar nicht befürchten, in abseh­barer Zeit sterben zu müssen, sondern auf unab­sehbare Zeit unter für sie unwür­digen Bedin­gungen wei­ter­leben zu müssen. Es wäre zutiefst inhuman, Men­schen, die auf­grund einer schweren Form von MS oder ALS unbe­dingt sterben wollen, in ihrer Not allein zu lassen.

Dennoch: Würden nicht viele Schwer­kranke durchaus wei­ter­leben wollen, wenn die Pflege und Betreuung besser wäre? Müsste darauf nicht das Augenmerk liegen?

Michael Schmidt-Salomon: Genau darum geht es ja! Es ist bei­leibe kein Zufall, dass aus­ge­rechnet die Länder, die Frei­tod­be­glei­tungen ermög­lichen, über die beste pal­lia­tiv­me­di­zi­nische Ver­sorgung der Welt ver­fügen. Zudem sollte man die posi­tiven Effekte nicht über­sehen, die mit der Mög­lichkeit der ärzt­lichen Frei­tod­be­gleitung ein­her­gehen. Denn die Gewissheit, im Notfall mit Unter­stützung des Arztes das eigene Leid beenden zu können, führt zu einer deut­lichen Ver­bes­serung der Lebens­qua­lität – auch wenn viele Pati­enten diese Hilfe am Ende gar nicht in Anspruch nehmen. Wer sich inten­siver mit dem Thema beschäftigt, der erkennt schnell, dass Ster­be­hilfe vor allem Lebens­hilfe ist.

Wie beur­teilen Sie Ster­be­hilfe-Pro­jekte, wie sie von dem ehe­ma­ligen kon­ser­va­tiven Poli­tiker Roger Kusch vor­an­ge­trieben wurden?

Michael Schmidt-Salomon: Die Idee, den Zeit­punkt einer Frei­tod­be­gleitung von der Höhe der Spende abhängig zu machen, konnte wohl nur einem ehe­ma­ligen CDU-Rechts­außen wie Kusch kommen.

Sollte man dem mit Ver­bots­ge­setzen begegnen?

Michael Schmidt-Salomon: Nein! Ginge es den Poli­tikern wirklich darum, das »Geschäft mit dem Tod« zu unter­binden, würden sie kein Verbot der Frei­tod­be­glei­tungen erwägen, sondern dafür sorgen, dass sie als ärzt­liche Aufgabe aner­kannt und ver­gütet werden. Damit wäre die Gefahr eines »Geschäfts­mo­dells Ster­be­hilfe« gebannt, da kein Mensch Geld für eine Hil­fe­leistung aus­geben würde, die er von seinem Arzt ohne Zusatz­kosten erhält.

Sollte es hin­gegen zu einem Verbot der Sui­zid­bei­hilfe kommen, würden sich begü­terte Men­schen ihren Ster­be­wunsch wei­terhin ver­deckt in Deutschland oder legal in der Schweiz erfüllen können. Die aktu­ellen Ver­bots­be­stre­bungen miss­achten somit nicht nur die indi­vi­du­ellen Selbst­be­stim­mungs­rechte, sondern auch das Prinzip der sozialen Gerech­tigkeit. Wir sollten unbe­dingt ver­hindern, dass die Höhe des Kon­to­stands darüber ent­scheidet, ob ein Mensch selbst­be­stimmt sterben kann oder nicht.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​3​/​4​3​2​1​9​/​1​.html

Interview: Peter Nowak

Anhang

Links

[1]

http://​www​.bbc​.com/​n​e​w​s​/​w​o​r​l​d​-​e​u​r​o​p​e​-​2​9​2​09459

[1]

http://​letzte​-hilfe​.de

[2]

http://​www​.mein​-ende​-gehoert​-mir​.de/

[3]

http://​www​.schmidt​-salomon​.de/​h​o​m​e​p​a​g​e.htm

[4]

http://​www​.giordano​-bruno​-stiftung​.de/

»Letzte Hilfe ist auch ein Recht«

Die Kam­pagne »Mein Ende gehört mir« fordert eine Ent­kri­mi­na­li­sierung der Ster­be­hilfe in Deutschland. Michael Schmidt-Salomon, Vor­stands­mit­glied der Giordano-Bruno-Stiftung, erklärt im Gespräch, warum Ster­be­hilfe als Lebens­hilfe ver­standen werden sollte.

Was ist das Ziel der öffent­lichen Pla­kat­kam­pagne »Mein Ende gehört mir«?

Wir wollen ver­hindern, dass die Selbst­be­stim­mungs­rechte der Pati­en­tinnen und Pati­enten am Lebensende ein­ge­schränkt werden. Denn bislang ist ärzt­liche Frei­tod­be­gleitung in Deutschland straf­rechtlich nicht ver­boten. Ein solches Verbot ein­zu­führen, ist Aus­druck eines illi­be­ralen Denkens, das schwerst­lei­denden Men­schen die Chance nimmt, ihr Leben so zu beenden, wie sie es wün­schen. Wir sind über­zeugt: So wie es ein Recht auf Erste Hilfe gibt, das dafür sorgt, dass unser Leben im Notfall gerettet wird, sollte es auch ein Recht auf Letzte Hilfe geben, das garan­tiert, dass wir unser Leben in Würde beschließen können. Die Umsetzung eines solchen Rechts ver­langt nicht nur eine Ver­bes­serung der pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­schen Ver­sorgung, sondern auch die Mög­lichkeit, mit Unter­stützung eines Arztes eigen­ver­ant­wortlich aus dem Leben zu scheiden, wenn das Leiden uner­träglich wird.

Sollten Ärzte nicht Leben erhalten, statt beim Sterben zu helfen?

Ärzte sollten sich dem Pati­en­ten­willen ver­pflichtet fühlen – nicht einem reli­giösen, medi­zin­tech­no­kra­ti­schen oder von öko­no­mi­schen Inter­essen gespeisten Dogma der unbe­dingten Lebens­ver­län­gerung. In der Regel gehen Pati­enten zum Arzt, weil sie mög­lichst lange und mög­lichst gut wei­ter­leben wollen. Doch es gibt Bedin­gungen, unter denen selbst die beste Pal­lia­tiv­me­dizin nicht ver­hindern kann, dass das Leben zu einer Qual wird. Ein guter Arzt sollte den Ster­be­wunsch seiner frei­ver­ant­wortlich han­delnden Pati­enten ebenso respek­tieren wie deren Willen zum Leben.

Was aber ist, wenn der Patient nicht frei­ver­ant­wortlich ent­scheidet, wenn sein Ster­be­wunsch auf eine psy­chische Störung zurück­zu­führen ist?

In einem solchen Fall wäre eine Frei­tod­be­gleitung schon unter gel­tendem Recht unzu­lässig. Ein schwerst­de­pres­siver Mensch braucht keine Hilfe zum Sterben, sondern Hilfe zum Leben. Aller­dings ist diese Hilfe sehr viel leichter möglich, wenn ärzt­liche Frei­tod­be­glei­tungen akzep­tiert werden.

Warum?

Weil man mit Ster­be­wil­ligen nur dann ein offenes Gespräch führen kann, wenn der Suizid nicht prin­zi­piell verpönt ist. Wir sollten hier von Erfah­rungen auf anderen Gebieten lernen. Rigorose For­de­rungen wie »Keine Drogen!«, »Kein Sex unter Teen­agern!«, »Keine Abtreibung!«, »Keine Suizide!« sind kon­tra­pro­duktiv. Sie führen im Ergebnis zu mehr Dro­gen­toten, mehr Teenager-Schwan­ger­schaften, mehr Schwan­ger­schafts­ab­brüchen und auch zu mehr Ver­zweif­lungs­sui­ziden.

Nicht nur kon­ser­vative Poli­tiker, sondern auch Stimmen aus der Linken warnen vor der Auf­wei­chung der Rege­lungen zur Ster­be­hilfe. Was halten Sie davon?

Auch unter Linken gibt es einige Men­schen, die den Nazi­ver­gleichen reak­tio­närer Ster­be­hil­fe­gegner wie Robert Spa­emann auf den Leim gehen. Deshalb zur Klar­stellung: Im Natio­nal­so­zia­lismus ging es niemals um Eutha­nasie, also den »guten, schönen Tod«, sondern um sys­te­ma­ti­schen Mas­senmord an behin­derten und psy­chisch kranken Men­schen. Wer den ver­ne­belnden Sprach­ge­brauch der Nazis über­nimmt, baga­tel­li­siert damit den Mas­senmord und ver­höhnt die Opfer. Zudem belegen zahl­reiche Studien, dass nicht die Gewährung, sondern die Ver­hin­derung der ärzt­lichen Sui­zi­d­as­sistenz die Gefahr erhöht, dass Pati­enten ohne deren Ver­langen getötet werden. Tat­sächlich ist nir­gends die Gefahr größer, fremd­be­stimmt sterben zu müssen, als dort, wo Men­schen nicht selbst­be­stimmt sterben dürfen.

Aber könnte bei einer ver­ein­fachten Ster­be­hilfe nicht gerade auf arme Men­schen der Druck wachsen, nicht weiter die öffent­lichen Haus­halte zu belasten?

Das wird oft behauptet, die lang­jäh­rigen Erfah­rungen im US-Bun­des­staat Oregon, in der Schweiz und den Benelux-Ländern zeigen aber, dass es einen der­ar­tigen Effekt nir­gends gegeben hat. Gegen­wärtig zielt der öko­no­mische Druck exakt in die umge­kehrte Richtung, denn das Geschäft mit der Lei­dens­ver­län­gerung ist sehr viel lukra­tiver als das Geschäft mit dem Tod! In unserem Buch »Letzte Hilfe« berichten Uwe-Christian Arnold und ich unter anderem von dem Fall einer Pati­entin, die gegen ihren Willen fünf Jahre lang im Wachkoma gehalten wurde. Das brachte dem Pfle­geheim einen zusätz­lichen Umsatz von 200 000 Euro. Wenn man nach­forscht, warum ­einige Gruppen heute so massiv gegen Selbst­be­stim­mungs­rechte am Lebensende ein­treten, stößt man nicht nur auf reli­giöse Motive, sondern auch auf hand­feste öko­no­mische Inter­essen. »Lei­dens­ver­län­gerung« ist heute ein Mul­ti­mil­li­ar­den­ge­schäft, das sich keiner der Pro­fi­teure ver­derben lassen möchte.

Wäre es nicht sinn­voller, die Welt so zu gestalten, dass sie für alle Men­schen lebenswert ist, als die Ster­be­hilfe zu ver­ein­fachen?

Natürlich sollten wir alles dafür tun, dass Men­schen ihre Existenz bis zum Schluss als lebenswert emp­finden können. Doch selbst unter idealen gesell­schaft­lichen Bedin­gungen, von denen wir bekanntlich weit ent­fernt sind, wären wir nicht in der Lage, jeder Person einen wür­de­vollen natür­lichen Tod zu ermög­lichen. Hos­piz­dienste und Pal­lia­tiv­me­di­ziner können vielen Pati­enten helfen, aber längst nicht allen. Dies gilt ins­be­sondere für Pati­enten, die gar nicht befürchten, in abseh­barer Zeit sterben zu müssen, sondern auf unab­sehbare Zeit unter für sie unwür­digen Bedin­gungen wei­ter­leben zu müssen. Es wäre zutiefst inhuman, Men­schen, die auf­grund einer schweren Form von MS oder ALS unbe­dingt sterben wollen, in ihrer Not allein zu lassen.

Dennoch: Würden nicht viele Schwer­kranke durchaus wei­ter­leben wollen, wenn die Pflege und Betreuung besser wäre?

Genau darum geht es ja! Es ist kein Zufall, dass aus­ge­rechnet die Länder, die Frei­tod­be­glei­tungen ermög­lichen, über die beste pal­lia­tiv­me­di­zi­nische Ver­sorgung der Welt ver­fügen. Zudem sollte man die posi­tiven Effekte nicht über­sehen, die mit der Mög­lichkeit der ärzt­lichen Frei­tod­be­gleitung ein­her­gehen. Denn die Gewissheit, im Notfall mit Unter­stützung des Arztes das eigene Leid beenden zu können, führt zu einer deut­lichen Ver­bes­serung der Lebens­qua­lität– auch wenn viele Pati­enten diese Hilfe am Ende gar nicht in Anspruch nehmen. Wer sich inten­siver mit dem Thema beschäftigt, der erkennt schnell, dass Ster­be­hilfe vor allem Lebens­hilfe ist.

Wie beur­teilen Sie Ster­be­hil­fe­pro­jekte, wie sie von dem ehe­ma­ligen kon­ser­va­tiven Poli­tiker Roger Kusch vor­an­ge­trieben wurden?

Die Idee, den Zeit­punkt einer Frei­tod­be­gleitung von der Höhe der Spende abhängig zu machen, konnte wohl nur einem ehe­ma­ligen CDU-Rechts­außen wie Kusch kommen.

Sollte man dem mit Ver­bots­ge­setzen begegnen?

Nein! Ginge es den Poli­tikern wirklich darum, das »Geschäft mit dem Tod« zu unter­binden, würden sie kein Verbot der Frei­tod­be­glei­tungen erwägen, sondern dafür sorgen, dass sie als ärzt­liche Aufgabe aner­kannt und ver­gütet werden. Damit wäre die Gefahr eines »Geschäfts­mo­dells Ster­be­hilfe« gebannt, da kein Mensch Geld für eine Hil­fe­leistung aus­geben würde, die er von seinem Arzt ohne Zusatz­kosten erhält. Sollte es hin­gegen zu einem Verbot der Sui­zid­bei­hilfe kommen, würden sich begü­terte Men­schen ihren Ster­be­wunsch wei­terhin ver­deckt in Deutschland oder legal in der Schweiz erfüllen können. Die aktu­ellen Ver­bots­be­stre­bungen miss­achten somit nicht nur die indi­vi­du­ellen Selbst­be­stim­mungs­rechte, sondern auch das Prinzip der sozialen Gerech­tigkeit. Wir sollten unbe­dingt ver­hindern, dass die Höhe des Kon­to­stands darüber ent­scheidet, ob ein Mensch selbst­be­stimmt sterben kann.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​4​/​4​4​/​5​0​8​1​0​.html

Interview: Peter Nowak