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Oktoberrevolution und Stalinismus

Sonntag, 04. März 2018

“Sie haben in der langen Nacht der Stalinschen Despotie die Sprache des revolutionären Marxismus restlos und hoffnungslos verlernt.“

In nicht wenigen Ländern sind sich selbst als KommunistInnen verstehende Menschen mit Stalinporträts zum Gedenken an die Oktoberrevolution auf die Straße gegangen.
Dabei feiern sie den Kopf eines Systems, das fast sämtliche Errungenschaften des Roten Oktober zurückgenommen hat und viele derjenigen, die an der Oktoberrevolution beteiligt waren, einkerkern und ermorden ließ. Der Historiker Christoph Jünke hat kürzlich eine Analogie mit Marxistischen Stalinismuskritiken im 21. Jahrhundert im ISP-Verlag herausgegeben. Dort ist dokumentiert, wie gründlich Marxisten das Phänomen des Stalinismus in den letzten 90 Jahren analysierten. Texte von 15 Autoren werden in dem Band dokumentiert, die sich kritisch mit dem Stalinismus und seinen Wurzeln befassen.
Es ist schade, dass Jünke nicht auch Texte von Frauen wie Agnes Heller, Ruth Fischer oder Angelica Balanoff aufgenommen hat, die in den von Jünke gewählten Bezugsrahmen fallen. In dem Buch sind keine anarchistischen und syndikalistischen Kritiken vertreten, auch räte- und linkskommunistische Beiträge findet man dort nicht. Jünke hat in der Einleitung betont, dass die Zusammenstellung seiner subjektiven Auswahl geschuldet ist. Er habe sich dabei um eine repräsentative Auswahl bemüht, was auch für das von ihm skizzierte marxistische Spektrum zutrifft. „Ausgelassen habe ich vieles, die frühen Kritiken der 1920er Jahre, seien es marxistische Sozialdemokraten wie Otto Bauer, Paul Levi oder linke Kommunisten wie Karl Korsch, Amadeo Bordiga u.v.a.“ Dazu ist anzumerken, dass Jünke die ausgelassenen anarchistischen Kritiken ebenso wenig erwähnt, wie er nicht begründet, warum er auch keine Frauen in dem von ihm ausgewählten Bereich berücksichtigt. Aller Kritik zum Trotz sind die ausgewählten Texte eine beeindruckende Lektion in linker Geschichte und sollten studiert werden.
Der erste Text in der Anthologie stammt von dem führenden bolschewistischen Politiker Christian Rakowski, der 1941 von Stalins Schergen erschossen wurde. Es ist erstaunlich, welche fast machtkritische Einsichten in seinem Text zu finden sind. „Sobald eine Klasse die Macht ergreift, verwandelt sich ein gewisser Teil in Agenten der Macht. Auf diese Weise entsteht die Bürokratie.“ (S.27)
An anderer Stelle kommt Rakowski zu der für ihn niederschmetternden Erkenntnis: „Ich glaube nicht sehr zu übertreiben, wenn ich sage, dass ein Parteigenosse von 1917 sich wohl kaum in der Gestalt eines Parteigenossen von 1928 wiedererkennen würde. Eine tiefe Wandlung hat sich in der Anatomie und der Psychologie der Arbeiterklasse vollzogen.“ Seine intime parteiinterne Kenntnis macht seinen Text interessant. So beschreibt Rakowski, dass die Bolschewiki in der Opposition auch den von Marx als Lumpenproletariat diffamierten Teil der Werktätigen angesprochen hat. Als sie an der Macht waren, haben sich ihre größtenteils zu BürokratInnen mutierten Mitglieder hingegen von diesem Teil der Klasse abgegrenzt. Rakowski prangert auch die Privilegien der Nomenklatura an und verweist darauf, dass die Bolschewiki immer gegen solche Vorteile für die Mächtigen gekämpft hatten. Dieser Text zeigt auch, dass innerhalb der bolschewistischen Partei, 1928 als er verfasst wurde, durchaus noch eine fundamentale Kritik am bürokratischen Kurs möglich war. Klar erkannte der Autor, in welche Richtung der Kurs der Partei geht und beklagte, dass sich die Parteiagenten nicht genieren, „Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Hass auf die Intelligenz usw. für ihre Zwecke einzusetzen“. So hat er schon 1928 präzise die Inhalte stalinistischer Praxis benannt. Mit Victor Serge stellt Jünke auch den Text eines langjährigen Anarchisten vor, der nach der Oktoberrevolution zum Parteigänger der Bolschewiki wurde. Ergänzend dazu könnte man die Kritik der Anarchistin Rirette Maitrejean heranziehen. Sie war seine Genossin in der anarchistischen Zeit und hat seine Wandlung zum Parteigänger der Bolschewiki wie seine Rolle als Antistalinist sehr kritisch kommentiert, wie Lou Marin in seinem 2016 im Verlag Graswurzelrevolution erschienenen Buch „Rirette Maitrejean – Attentatskritikerin, Anarchofeministin, Individualanarchistin“ dokumentiert hat.

Trotzki zwischen Zweckoptimismus und Pessimismus

Trotzki ist gleich mit drei Texten im Band vertreten. War er anfangs noch überzeugt, dass die stalinistische Epoche nur eine Episode in der Parteigeschichichte bleibt, wurde er zunehmend skeptischer und hielt auch ein Scheitern der gesamten Revolution für denkbar. So machte er sich in einem dokumentierten Text kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs Gedanken, was geschehen würde, wenn es in der Folge in den kapitalistischen Ländern zu keiner proletarischen Revolution kommen sollte oder es sich den RevolutionärInnen, worunter Trotzki natürlich KommunistInnen seiner Strömung meint, nicht gelingt, sich zu halten. „Dann wären wir gezwungen einzugestehen, dass der Grund für den bürokratischen Rückfall nicht in der Rückständigkeit des Landes zu suchen ist, auch nicht in der imperialistischen Einkreisung, sondern in der naturgegebenen Unfähigkeit des Proletariats zur herrschenden Klasse zu werden. Dann müssten wir feststellen, dass die jetzige UdSSR in ihren Grundzügen Vorläufer eines neuen Ausbeuterregimes im internationalen Maßstab ist.“ (S.119)
Es ist frappant, dass von den vielen Gruppen, die sich auf Trotzki berufen, auf diese pessimistische Volte kaum eingegangen wird. Bemerkenswert ist, dass Trotzki gar nicht in Erwägung zieht, dass vielleicht das zentralistische Parteimodell in die Niederlage führt, nein, er versteigt sich zu anthropologischen Formeln, wenn er von einer naturgegebenen Unfähigkeit des Proletariats schreibt.
Im letzten Text beschäftigt er sich mit der Frage, wie sich seine AnhängerInnen verhalten sollten, falls sich herausstellt, dass die Sowjetunion einen Teil von Polen besetzt. Er plädierte dafür, trotz Stalin, die Rote Armee zu unterstützen, weil die zumindest gegen die Großgrundbesitzer kämpfen würde. Trotzkis letzter in dem Buch publizierter Text ist wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs verfasst, als der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt viele KommunistInnen nachhaltig ver- stört hat. Er endet phrasenhaft: „Das Proletariat hat eine junge und noch schwache revolutionäre Führung. Aber die Führung der Bourgeoisie verfault bei lebendigem Leib. … Allein diese Tatsache ist Grund genug für unseren unerschütterlichen revolutionären Optimismus.“ (S.142)
Erfreulicherweise wurden auch Texte von heute wenig rezipierten Autoren aufgenommen. So ist der Sozialphilosoph Leo Kofler heute nur noch wenigen bekannt, der sich ebenso wie der in den 1970er populäre Edward P. Thompson mit den Problemen des sozialistischen Humanismus befasst. Der Ökonom und Historiker Roman Rosdolsky beendet seine Stalinkritik mit der treffenden Charakterisierung der nominalsozialistischen Nomenklatura. „Sie haben in der langen Nacht der Stalin’schen Despotie die Sprache des revolutionären Marxismus restlos und hoffnungslos verlernt; sie sind eben nur mehr: Reformisten gewordene Thermidorianer!“ (S.296). Bezüge zur Französischen Revolution finden sich auch bei anderen Autoren des Buches, die Klassi zierung der Bolschewiki als Jakobiner ist durchaus nicht nur negativ gemeint. Rosdolsky wurde nach der Implosion des Nominalsozialismus bestätigt, wo manche wie der ebenfalls im Buch vertretene Ernest Mandel noch auf einen revolutionären Glutkern hofften, der von Stalinismus und Bürokratismus verschüttet war, zeigte sich bald, dass diese Parteien im Innern verfault und unrettbar verloren waren. Wer mehr über den lange vergessenen Roman Rosdolsky, der bedeutende Texte zur Wertkritik veröffentlicht hat, wissen will, sollte zu dem kürzlich im Mandelbaum-Verlag erschienenen Buch „Mit permanenten Grüßen“, greifen, in dem Leben und Werk von Emmy und Roman Rosdolsky dargestellt sind (ISBN 978-3-85476-662-9).

Hoffnung auf interne Reformen schwinden

Bei den jüngeren dokumentierten Texten ist die Hoffnung auf eine Reform des Nominalsozialismus durch einen Sturz der Bürokratie verschwunden. Im Text von Jacek Kuron und Karol Modzelewski kündigt sich ihre spätere Hinwendung zur kapitalistischen Zivilgesellschaft an und im dokumentierten Text von Rudolf Bahro sein später mit esoterischen Elementen durchdrängter Ökologismus, der keine gesellschaftlichen Widersprüche und Klassen mehr kennen wollte. Auch der Philosoph Lucio Colletti endet schließlich als Abgeordneter in der Partei des Rechtspopulisten Berlusconi. Dabei hat er in dem abgedruckten Text „Zur Stalin-Frage“ aus dem Jahr 1970 die gesellschaftlichen Ursachen des Stalinismus gut beleuchtet. „Die sozialdemokratischen Führer, die im Januar 1919 Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet hatten …, haben den ersten Stein zu je- ner Straße gelegt, die Stalin zur Macht verholfen hat. Die übrigen Steine wurden dann durch die revolutionäre Welle gelegt, die auf Europa niederging und Mussolini, Primo de Rivera, Horthy und so viele andere emporhob.“ (S.479)
Diese historischen Tatsachen werden heute bei der Diskussion über die Oktoberrevolution gerne ausgeblendet. Alle, auch die hier nicht erwähnten Texte des Buches, bieten eine Fülle von Assoziationen und Stoff für Debatten. Das Buch kann dazu beitragen, zu verstehen, warum die Hoffnung, die die Oktoberrevolution vor 100 Jahren für viele Menschen in aller Welt hatte, auch für AnarchistInnen wie Alexander Berkman und Emma Goldmann so schnell in das Gegenteil umschlug. Daran hat Bini Adamczak in ihrem kürzlich in der Edition Assemblage erschienenem Buch „Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom möglichen Gelingen der Russischen Revolution“ erinnert. Wer neue Versuche unternimmt, eine Gesellschaft jenseits von kapitalistischer Verwertungslogik, rassistischer und sexistischer Unterdrückung zu schaffen, sollte es lesen.

Christoph Jünke (Hg.): Marxistische Stalinismus-Kritik im 20. Jahrhundert – Eine Anthologie, Neuer ISP- Verlag, Karlsruhe 2017, 616 Seiten,, 29,80 Euro, ISBN 978-3-89900-150-1

märz 2018/427 graswurzelrevolution

Peter Nowak

Jagd auf Roter Oktober

Donnerstag, 09. November 2017

Der Rummel zum Jahrestag ist zu Ende. Jetzt wäre es möglich, über das zu reden, was an der Oktoberrevolution wirklich interessant ist

“Hunderte Aktivisten stürmten den Reichstag von Berlin”[1] und kaum jemand hat davon Notiz genommen. Ach so, es war eine Kunstaktion des Schweizer Künstlers Milo Rau, und der angekündigte Reichstagssturm war eine kleine Kundgebung einige hundert Meter vom Objekt der Begierde weg.

Vom 3. bis 5. November haben einige hundert Künstler und Wissenschaftler in der Berliner Schaubühne getagt[2], die sich gleich als Weltparlament gerieren. Dort war unter anderem ein Politiker der türkischen Regierungspartei AKP vertreten. Aber auch einige zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich gegen den Rassismus und für Tier- und Kinderrechte einsetzten, unterstützten die Aktion.

“Demokratie für Alle” stand auf einigen Plakaten. In Berlin sind solche Manifestationen nicht so selten und damit das ganze etwas gefährlicher aussieht, veranstaltet man sie an einem historischen Tag: 100 Jahre nach den Ereignissen in Russland, die als Oktoberrevolution in die Geschichte eingegangen sind und wegen der unterschiedlichen Kalender eben am 7. November stattgefunden haben.

Nun hätte die Inszenierung von Milo Rau zu jeden anderen Tag vor dem Rasen am Reichstag über die Bühne gehen können. Denn inhaltlich war sie so ziemlich das Gegenteil dessen, was vor 100 Jahren in Russland geschah. Die Parole “Demokratie für Alle” hätten nicht nur die Bolschewiki, sondern auch die Anarchisten und die linken Sozialrevolutionäre vehement kritisiert. Ihre Parole lautete: “Alle Macht den Räten.” Und den vermeintlichen “Reichstagsstürmern 2017″ fiel gar nicht auf, dass sie damit bei allen Parteien im Reichstag offene Türen einreißen.

Wenn manche den Mörder des Roten Oktober hoch leben lassen

Alle “Macht den Räten” hingegen würde kaum eine dieser Parteien unterstützen. Nun war das peinliche Theater nur eines der vielen Nickligkeiten, die Menschen in aller Welt sich rund um den Jahrestag der Oktoberrevolution ausgedacht haben. Die Aktion von Milo Rau war ja noch relativ harmlos und sorgte nur für theoretische Konfusion. Schlimmer ist es schon, wenn sich Menschen, die sich Kommunisten nennen, mit Stalinporträts aufmarschieren und meinen, damit den Roten Oktober zu feiern.

Dabei feiern sie den Kopf eines Systems, das fast sämtliche Errungenschaften des Roten Oktober zurückgenommen hat und die meisten derjenigen, die an der Oktoberrevolution beteiligt waren, einkerkern und ermorden ließ. Der Historiker Christoph Jünke[3] hat kürzlich eine Analogie mit Marxistischen Stalinismuskritiken im 21. Jahrhundert[4] im ISP-Verlag herausgegeben.

Dort ist dokumentiert, wie gründlich Marxisten das Phänomen des Stalinismus in den letzten 90 Jahren analysierten. Damit sind alle jene widerlegt, die Stalinismus und Marxismus gleichsetzen wollen. Blamiert sind aber auch all jene, die selbst beim Jahrestag der Oktoberrevolution nicht auf Stalinbilder verzichten können. Aber warum soll es dem Jahrestag der Oktoberrevolution anders gehen als den deutschen Lutherfeiern, die ebenfalls vor einigen Tagen zu Ende gegangen sind?

Beiden ist gemeinsam, dass fast alles, was da passierte, mit dem historischen Gegenstand wenig zu tun hat und allerlei Unsinn mit historischen Weihen versehen werden. So schlugen Initiativen irgendwelche Thesen an irgendwelchen Türen. Der Inhalt war ziemlich egal, Hauptsache man imitiert das, was Luther gemacht haben soll. Doch selbst dessen Thesenanschlag ist historisch nicht verbürgt[5].

Aber mit solchen unbewiesenen Details hält man sich die wichtigen Fragen vom Leib. Soll die Universität Halle, die in der NS-Zeit nach Luther benannt wurde, nicht umbenannt werden[6]? Denn, wer für die Nazis namenswürdig war, muss es heute keineswegs mehr sein[7].

Auf die Oktoberrevolution bezogen wird auch mit Recht betont, dass der Sturm auf den Winterpalais keine große Sache war. Die Kulturwissenschaftlerin Bini Adamczak[8] hat sogar mal von der “Besetzung eines Weinkellers” gesprochen. Doch eine Konzentration auf solche Ereignisse verkennt die Bedeutung dessen, was vor 100 Jahren in Petersburg geschehen ist. Vielleicht ist es jetzt, wo der Jubiläumstag Vergangenheit ist, einfacher, darüber zu reden.

Von der Pariser Kommune zum Roten Oktober

Der Sturm auf das Winterpalais war nicht die große Massenaktion, aber es war auch kein Putsch, wie es seit 100 Jahren viele Kritiker behaupten. Der 7.November 1917 war lediglich der Höhepunkt einer Entwicklung innerhalb der europäischen Arbeiterbewegung. Gegen den Flügel, der sich ein organisches Verschmelzen in den kapitalistischen Staat vorstellen konnte, stand der linke Flügel, der nur im Bruch mit den Strukturen des bürgerlichen Staates eine Voraussetzung für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg sah.

In der Pariser Kommune setzte sich diese Strömung für kurze Zeit durch und schuf sich Räte. Fortan orientierte sich der linke Flügel der Arbeiterbewegung an dem Modell. Mit Ausbruch des 1. Weltkriegs kam dieser Strömung eine besondere Verantwortung zu. Er lehnte es ab, wie die Rechten in das Kriegsgeschrei einzustimmen. Vielmehr sah er durch den Weltkrieg die Bedingungen für eine Revolution heranreifen.

Die Bolschewiki sahen sich als integraler Teil dieser linken Strömung. Sie hatten nie die Absicht, die Revolution in einem Land zu machen. Sie wollten das Startzeichen für eine globale Revolution geben und sie feierten, als es ihnen gelangt, die Macht länger als die Pariser Kommune zu behalten. Die Bolschewiki verachteten alles Nationale, bekämpften den Antisemitismus und sahen sich an der Spitze einer weltweiten Bewegung der linken Arbeiterbewegung. Land und Frieden war ihre Parole.

Es war also keineswegs die Machtgelüste einer Gruppe von Möchtegerndiktatoren, die für die Oktoberrevolution verantwortlich waren. Es war vielmehr der Versuch der organisierten Arbeiterbewegung, aus den Erfahrungen der Niederlage der Pariser Kommune Konsequenzen zu ziehen. Ähnliche Vorstellungen hatten zu jener Zeit Linke in vielen Ländern der Welt. Die Bolschewiki machten damit ernst, das machte sie auf der ganzen Welt populär.

Sie siegen nicht als nationale Partei, sondern als Teil einer internationalen Arbeiterbewegung. Sie wurden getragen von der Überzeugung großer Teile der lohnarbeitenden Menschen, dass es möglich ist, eine Welt vernünftig zu gestalten. Hierin lag und liegt die Bedeutung der Ereignisse vor 100 Jahren und nicht in dem Sturm auf ein Gebäude.

In Zeiten der gesellschaftlichen und historischen Amnesie haben Geschichtsfälscher leichtes Spiel. So kann in der Taz ein russischer Historiker die Geschichtslüge verbreiten[9], dass die Bolschewiki mit den antisemitischen “Schwarzen Hundertschaften” paktierten und die “Weißen Generäle” den Liberalen nahestanden. In der Realität waren unter den Gegnern die Sowjets fanatische Antisemiten, die mit ihrer Hetze gegen den jüdischen Bolschewismus auch die Nazis beeinflussten.

Revolution gegen das Kapital

Wenn Gramsci den Bolschewiki bescheinigte, die Oktoberrevolution sei eine Revolution gegen das Kapital von Karl Marx, war das ein Lob. Denn er bescheinigte ihnen, dass sie keine Doktrinäre sind, Schriften von Marx nicht als Bibel auffassten und sich im Zweifel an den realen Kämpfen und nicht den Schriften orientierten.

Gleichzeitig waren die Bolschewiki die Partei, die die alte Gesellschaft konsequent ablehnte, die sich nicht in irgendwelche Mitmachmodelle einspannen ließen. So konnte sie zu einem dritten Pool werden, der die Unzufriedenheit vor allem der unteren Schichten der Bevölkerung aufnehmen konnte. Es war gerade die Kompromisslosigkeit gegenüber dem alten System, das die Bolschewiki populär machte. Sie haben nicht die Pariser Kommune imitiert, sondern die Klassenkämpfe in Russland vorbereitet.

Das ist eben der Unterschied zwischen einer Inszenierung und einer Revolution. Die Bolschewiki waren keine Schauspieler, sie haben die Gesellschaft verändert. Das konnten sie nur, weil sie verstanden hatten, was in der russischen Gesellschaft vor 100 Jahren vorgegangen ist. So schreibt[10] Michael Brie vom Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa Luxemburg Stiftung:

Lenin erwies sich 1917 als Stratege auf der Höhe der Zeit. Er konnte das Erbe von fast 25 Jahren Aufbau einer in den Massen Russlands verankerten Arbeiterpartei einbringen. Er hatte im August 1914 als einer der ersten und wenigen den konsequenten Bruch mit aller Politik der sogenannten Vaterlandsverteidigung vollzogen und wie Liebknecht “Krieg dem Kriege” verkündet.

Er hatte sich dialektische Grundlagen einer Politik des Bruchs in Zeiten der Krise angeeignet und beim Studium der Literatur zum Imperialismus die Schwächen dieses Systems gerade in der nationalen Frage klarer erkannt als fast alle anderen. Er formulierte die wirksamsten Losungen zur richtigen Zeit und konnte in harten demokratischen Auseinandersetzungen seine eigene Partei immer wieder überzeugen. Wer linke Strategie in Zeiten der existenziellen Krise erlernen will, muss nicht zuletzt bei Lenin in die Schule gehen.

Michael Brie

Was tun?

Wenn heute Gruppen aus welchen Gründen auch immer die damaligen Kämpfe wiederaufführen, ist es nur eine Farce. Anknüpfen an die Bolschewiki heißt zunächst einmal die aktuellen gesellschaftlichen Zustände zu analysieren und die Bruchpunkte zu erkennen. Anknüpfen an die Bolschewiki heißt auch, die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen und sich nicht an Einzelproblemen zu verzetteln.

Nur zwei aktuelle Punkte: Wenn es nun nach einem Urteil des Bundesverfassungsgericht ein drittes Geschlecht geben muss, so war die Sowjetunion in den ersten Jahren schon mal weiter. Nicht nur die Emanzipation der Frau, sondern auch die Emanzipation von Transmenschen gehörte zu den im Wesentlichen von Alexandra Kollontai vorangetriebenen Reformen.

Daher irrt auch Bini Adamczak, wenn sie in ihrem im Suhrkamp Verlag erschienen Buch Beziehungsweise Revolution[11] die These vertritt: “Während 1917 auf den Staat fokussierte, zielte 1968 auf das Individuum.” 1917 gab es diese Trennung gar nicht. Die Oktoberrevolution war sehr wohl in vieler Hinsicht auch eine sehr individuelle Befreiung für viele Menschen.

Und der große Klimazirkus, der uns zurzeit in Bonn geboten wird, wäre in der Tradition der Bolschewiki keine Einladung zum Mitmachen, sondern für Hohn und Spott. Doch ein Teil der außerparlamentarischen Linken gerieren sich als Klimaaktivisten als die besseren Weltretter. Doch sie folgen der neoromantischen Ökologiebewegung, wie schon die Reste der radikalen Linken in den 1980er Jahren. Der gesamte Klimadiskurs der letzten Jahre ist von den diesen Prämissen bestimmt.

Die Vorstellung, dass der Mensch die Natur verändert wird heute zum Sündenfall erklärt. Deswegen setzen die neuen Romantiker alles dran, den ökologischen Fußabdruck des Menschen immer mehr zu verkleinern. Andere sagen offen, dass sie es am liebsten sehen, wenn der Mensch ganz verschwindet.

Die Bolschewiki standen aber für eine Bewegung, in der sich die Menschen die Natur aneignen und so verändern, dass die Erde kein barbarisches Jammertal mehr ist, in dem man sich von den Launen der Natur beherrschen lässt. Die Emanzipation setzt mit der Erkenntnis an, dass sich der Mensch mittels der Vernunft von den Zwängen der Natur befreit.

Im gesamten Diskurs über den Klimawandel unterwerfen sich die Menschen lustvoll den Launen der Natur. In diesem Sinne währe es eine zeitgemäße Position zum Klimagipfel: “Alle reden vom Wetter. Wir nicht, wir reden von Gesellschaft und wie sie zu einem vernünftigen Ort werden kann.”

Peter Nowak

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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.newsdeutschland.com/n/Politik/75ehjmblk/Hunderte-Aktivisten-st%C3%BCrmen-den-Reichstag-in-Berlin.htm
[2] http://international-institute.de/general-assembly-generalversammlung-assemblee-generale
[3] https://www.fernuni-hagen.de/geschichte/lg2/team/christoph.juenke.shtml
[4] https://www.neuerispverlag.de/verweis.php?nr=167
[5] https://www.welt.de/kultur/history/article12471359/Luther-hat-seine-95-Thesen-nicht-angeschlagen.html
[6] http://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/stura-uni-halle-kritisiert-kult-um-luther-100.html
[7] http://www.stura.uni-halle.de/blog/nicht-unser-held-nicht-unsere-reformation-lutherjahr-kritisieren/
[8] http://www.suhrkamp.de/buecher/beziehungsweise_revolution-bini_adamczak_12721.html
[9] http://www.taz.de/Archiv-Suche/!5457823&s=/
[10] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1037001.unausschlagbar-unannehmbar.html
[11] http://www.suhrkamp.de/buecher/beziehungsweise_revolution-bini_adamczak_12721.html