Mit ‘Marienthal-Studie’ getaggte Artikel

Alltagswiderstand

Samstag, 16. Dezember 2017

Der Sozialwissenschaftler und Erwerbslosenaktivist Harald Rein knüpft mit seinem neuesten Buch »Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen« an die vor allen in englischsprachigen Ländern geführte Debatte über die Poor People’s Movements an. Es sind soziale Bewegungen von Menschen, die weitgehend außerhalb der Lohnarbeitsprozesse stehen und denen auch von linken Sozialwissenschaftler_innen oft politisches Desinteresse unterstellt wird. Letztere beziehen sich dabei auf die Marienthal-Studie von Anfang der 1930er Jahre. Marienthal war ein österreichisches Dorf, in dem nach der Pleite einer großen Textilfabrik ein Großteil der Bewohner_innen erwerbslos wurde. Resignation und Apathie bei vielen von Ihnen waren die Folge. Rein kritisiert, dass die Ergebnisse bis heute unzulässig verallgemeinert werden. Sehr kenntnisreich und detailliert beschreibt er, wie sich Erwerbslose nach der Novemberrevolution von 1918 in Räten organisierten und von den Gewerkschaften selbstbewusst Unterstützung und Solidarität einforderten. Detailliert und ohne antikommunistische Reflexe stellt der Autor auch die Erwerbslosenpolitik der KPD in der Weimarer Republik vor. In den letzten Kapiteln listet er die unterschiedlichen Themenfelder der jüngeren Erwerbslosenbewegung auf. Dabei richtet er den Blick auf den Alltagswiderstand von Erwerbslosen, der sich rund um die Jobcenter abspielt. Zu hoffen ist, dass sich manche durch die Lektüre des Buches zur Nachahmung ermutigt fühlen.

Peter Nowak

Harald Rein: Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen…! Bemerkungen über den Zusammenhang von Alltag und Protest. AG SPAK, Neu-Ulm. 184 Seiten, 14,80 EUR.

ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nrhttps://www.akweb.de/ak_s/ak633/04.htm
. 633 / 12.12.2017

Der Zusammenhang von Alltag und Protest

Samstag, 16. Dezember 2017

Wenn von armen Leuten die Rede ist, schwingt schnell ein Klang von Bedauern und Mitleid mit. Doch, wenn der Sozialwissenschaftler und Erwerbslosenaktivist Harald Rein seinem neuesten Buch den Titel gibt „Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen“ knüpft er an eine Debatte über die Poor Peoples Movements an. Es sind soziale Bewegung von Menschen, die weitgehend außerhalb der Lohnarbeitsprozesse stehen.

In einem eigenen Kapitel setzt sich Rein kritisch mit der auch von linken Wissenschaftler_innen vertretenen Meinung auseinander, dass arme Leute nicht in der Lage sind, sich politisch zu artikulieren. Rein setzt sich auch kritisch mit jener Marienthal-Studie von Anfang der 1930er Jahre auseinander, auf die sich viele linke Wissenschaftler_innen beziehen, wenn sie armen Menschen absprechen, sich selbstständig politisch organisieren zu können. Marienthal war ein österreichisches Dorf, in dem nach der Pleite einer großen Textilfabrik ein Großteil der Bewohner_innen erwerbslos wurde. Resignation und Apathie bei einem Großteil der Bewohner_innen waren die Folge, so das Ergebnis der Studie, das Rein nicht bestreitet. Er kritisiert allerdings, dass sie unzulässig verallgemeinert worden seien. Vor allen in Großstädten und bei jüngeren Menschen hätte Erwerbslosigkeit statt zu Apathie zu Lebensperspektiven jenseits der Lohnarbeit geführt. Sehr kenntnisreich und detailliert beschreibt Rein, wie sich Erwerbslose nach der Novemberrevolution von 1918 in eigenen Räten organisieren und von den Gewerkschaften selbstbewusst Unterstützung und Solidarität forderten. Rein zeigt aber auch auf, dass die Spitzen der Gewerkschaften und der SPD schon früh auf Distanz auf Erwerbslosenorganisationen gingen, die auf ihre Autonomie bestanden. Sehr differenziert beschreibt Rein die Erwerbslosenpolitik der KPD und ihr nahestehender Organisationen in der Weimarer Republik. Er lehnt die häufig von Historiker_innen bemühte These ab, dass die KPD die Erwerbslosen nur instrumentalisiert habe. Der Autor zeigt vielmehr an Hand von Dokumenten auf, dass kommunistische Kommunalpolitiker_innen sehr konkrete Maßnahmen für Erwerbslose erkämpften. Daneben widmet sich Rein der libertären Strömung der Erwerbslosenbewegung, auf die sich auch die autonome Erwerbslosenbewegung der 1980er Jahre berief, in der Rein seit Jahren aktiv ist. Im Unterschied zu den gewerkschaftsnahen Strömungen sehen sie nicht die fehlende Erwerbsarbeit sondern das fehlende finanzielle Einkommen als ihr Hauptproblem. Rein listet die unterschiedlichen Themenfelder der jüngeren Erwerbslosenbewegung auf, die im Spätsommer 2004 im Kampf gegen die Agenda 2010 für einige Wochen noch einmal zu einer Massenbewegung angeschwollen war. Daneben richtet Rein den Blick auf den Alltagswiderstand von Erwerbslosen, der sich rund um die Jobcenter abspielt. Das können kurzeitige Go-Ins ebenso sein wie eine oder Begleitaktionen von Betroffenen.
Es ist zu hoffen, dass sich manche durch die Lektüre des Buches ermutigt vielen, solche Schritte der Selbstermächtigung zu unterstützen. Denn mittlerweile versuchen auch die Rechten um die Armen zu werben und machen Geflüchtete für ihre Situation verantwortlich. Es stimmt schon, wenn Rein feststellt, dass immer noch hauptsächlich von Absturz bedrohte Mittelständler_innen die AfD wählen und viele Arme gar nicht zu den Wahlen geben. Aber es gibt auch die Beobachtung des Erwerbslosenberaters Harald Thome, der beobachtete, wie Menschen, die sich nie für Wahlen interessierten, sich vor der letzten Bundestagswahl als AfD-Unterstützer_innen outeten. Auf die Frage, wieso sie diese im Kern wirtschaftsliberale Partei die Stimme geben wollen, sagten sie nur. Sie erwarten nichts von der AfD aber sie wollen die da Oben ärgern. Eine kämpferische Organisierung von armen Menschen wäre ein sehr konkretes Projekt gegen rechts.

aus: SoZ, Sozialistische Zeitung, Dezember 2017
http://www.sozonline.de/2017/12/artikeluebersicht-dezember-2017/

Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen…!
Bemerkungen über den Zusammenhang von Alltag und Protest
ISBN 978-3-945959-25-1 / 2017 / 184 Seiten / 14,80 Euro

Erwerbslose können kämpfen

Mittwoch, 29. November 2017

Autor Harald Rein sieht entgegen verbreiteter Vorurteile bei Armen Selbstbewusstsein

Wenn von »armen Leuten« die Rede ist, schwingt schnell ein Klang von Bedauern und Mitleid in den Worten mit. Doch wenn der Sozialwissenschaftler und Erwerbslosenaktivist Harald Rein seinem neuesten Buch den Titel »Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen« gibt, knüpft er damit an die Debatte über eine selbstbewusste politische Bewegung an. Er meint Aktivisten, die weitgehend außerhalb der Lohnarbeitsprozesse stehen.

In einem zentralen Kapitel setzt sich Rein kritisch mit der – auch von manchen von linken – Wissenschaftlern vertretenen Meinung auseinander, dass arme Leute nicht in der Lage wären, sich politisch zu artikulieren. Der Autor beschäftigt sich speziell mit der »Marienthal-Studie« von Anfang der 1930er Jahre, auf die sich viele dieser Intellektuellen in ihrer Argumentation berufen.

Marienthal war ein österreichisches Dorf, in dem nach der Schließung einer großen Textilfabrik ein Großteil der Bewohner erwerbslos wurde. Der Jobverlust führte laut der Studie bei einem Großteil der Bewohner zu Resignation und Apathie. Ein Ergebnis, das Rein auch nicht bestreitet. Er kritisiert allerdings, dass die Befunde unzulässig verallgemeinert worden seien.

Vor allen in Großstädten und bei jüngeren Menschen hätte Erwerbslosigkeit laut dem Sozialwissenschaftler auch zu Lebensperspektiven jenseits der Lohnarbeit geführt. Kenntnisreich beschreibt Rein etwa, wie sich Erwerbslose nach der Novemberrevolution von 1918 in eigenen Räten organisiert und von den Gewerkschaften selbstbewusst Unterstützung eingefordert hatten. Rein zeigt zeitgleich aber auch auf, wie die Spitzen der Gewerkschaften und SPD schon früh auf Distanz zu Erwerbslosenorganisationen gegangen sind, weil diese ihre Autonomie nicht aufgeben wollten.

Der Aktivist geht ebenfalls auf die Erwerbslosenpolitik der KPD und ihr nahestehender Organisationen in der Weimarer Republik ein. Er lehnt die häufig von Historikern bemühte These ab, dass die KPD die Erwerbslosen nur für ihre politischen Zwecke instrumentalisiert habe. Rein zeigt an Hand von Dokumenten viel mehr auf, dass kommunistische Kommunalpolitiker sehr konkrete Maßnahmen für Erwerbslose erkämpft hatten.

Der Sozialwissenschaftler widmet sich in seinem Buch detailliert der libertären Strömung der Erwerbslosenbewegung, auf die sich die autonome Erwerbslosenbewegung der 1980er Jahre berief. Im Unterschied zu den gewerkschaftsnahen Strömungen sehen diese nicht die fehlende Erwerbsarbeit, sondern das fehlende finanzielle Einkommen als Hauptproblem.

In einem Überblick listet Rein auch die unterschiedlichen Themenfelder der jüngeren Erwerbslosenbewegung auf, die 2004 im Kampf gegen die Agenda 2010 für einige Wochen sogar noch einmal zu einer Massenbewegung angeschwollen war.

Letztlich richtet der Autor den Blick auf den aktuellen Alltagswiderstand von Erwerbslosen, der sich rund um die Jobcenter abspielt. Dieser könne kurzeitige »Hausbesuche« wie auch die Begleitung von Betroffenen umfassen. Es wäre zu hoffen, dass sich manche durch die Lektüre des Buches ermutigt fühlen, solche Schritte der Selbstermächtigung zu unterstützen.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1071608.erwerbslose-koennen-kaempfen.html

Peter Nowak

Harald Rein:
Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen…!
Bemerkungen über den Zusammenhang von Alltag und Protest

http://www.agspak-buecher.de/Harald-Rein-Wenn-arme-Leute-sich-nicht-mehr-fuegen
ISBN 978-3-945959-25-1 / 2017 / 184 Seiten / 14,80 Euro