Rote Fahnen auf Palästen

Peter Haumer erinnert an ein öster­rei­chi­sches Revo­lu­ti­ons­ka­pitel

Der bevor­ste­hende 100. Jah­restag der Novem­ber­re­vo­lution in Deutschland sollte nicht ver­drängen, dass 1918/19 auch andernorts eine eman­zi­pative Alter­native zur bür­ger­lichen Gesell­schaft auf der Tages­ordnung stand. Auch in Öster­reich wehten rote Fahnen über Adels­pa­lästen. Ende 1918 brach als Folge des Ersten Welt­kriegs die K.u.K.-Monarchie »ras­selnd zusammen«, wie Peter Haumer schreibt. Am Tag der Aus­rufung der Republik Öster­reich demons­trierten Tau­sende Arbeiter für eine sozia­lis­tische Republik. »Sie hatten ganz kon­krete Vor­stel­lungen, wie dies zu bewerk­stel­ligen sei: Selbst­or­ga­ni­sation in Form der Räte­be­wegung.« Mit seiner »Geschichte der F.R.S.I.« ent­reißt Haumer die Föde­ration Revo­lu­tio­närer Sozia­listen der Ver­ges­senheit, in die sie mit der Kri­mi­na­li­sierung und Ver­folgung ihrer Akteure nach der Zer­schlagung der Revo­lution geriet. Ihr Kampf um eine neue Gesell­schaft wurde zunächst von den Aus­tro­fa­schisten und nach dem »Anschluss« an das »Deutsche Reich« von den Nazis aus dem öffent­lichen Bewusstsein getilgt. Insofern ist dieses Buch eine ver­dienst­volle, not­wendige Pio­nier­arbeit.

Der Autor bietet Ein­blicke in die Vor­ge­schichte der Revo­lution, stellt Akteure vor, skiz­ziert die Ereig­nisse und benennt die Gründe für die Nie­derlage. Er beschreibt, wie schon 1915 linke Sozi­al­de­mo­kraten gegen die Burg­frie­dens­po­litik ihrer Par­tei­führung oppo­nierten. In ihrem macht­vollen Janu­ar­streik 1918 pro­tes­tierten Arbei­te­rinnen und Arbeiter wich­tiger öster­rei­chi­scher Rüs­tungs­be­triebe gegen die sinnlose Fort­setzung des Krieges und grün­deten Räte, die Grundlage für die F.R.S.I. Haumer ver­weist auf den Ein­fluss der rus­si­schen Okto­ber­re­vo­lution von 1917 auf auch Anar­chisten und Anar­cho­syn­di­ka­listen. Nach dem Janu­ar­aus­stand fielen die Linken wieder in gegen­seitige Schuld­vor­würfe zurück, bis im Laufe des Jahres 1918 die revo­lu­tionäre Welle erneut an Schwung gewann und For­de­rungen nach einem sofor­tigen Frieden ohne Anne­xionen arti­ku­liert wurden. Am 3. November 1918 gründete sich die Kom­mu­nis­tische Partei Deutsch-Öster­reich, Wochen vor der deut­schen KP. Doch nicht sie, sondern die F.R.S.I. war zunächst die trei­bende Kraft der Revo­lution in Öster­reich. Schon mit dem Begriff Föde­ration wird deutlich, dass es sich um einen dezen­tralen Zusam­men­schluss linker Gruppen han­delte, die für eine sozia­lis­tische Zukunft kämpften.

Julius Dickmann, einer der wich­tigen Ver­treter des Räte­ge­dankens in Öster­reich, beschrieb die Dif­fe­renzen zur KPÖ: »Auch wir sind Anhänger der kom­mu­nis­ti­schen Gedanken. Auch wir ori­en­tieren uns an der Rus­si­schen Revo­lution, aber wir lehnen es ab, den rus­si­schen Kom­mu­nismus fix und fertig auf unsere Ver­hält­nisse zu über­tragen.«

Haumer zeigt, wie eng das Schicksal der Revo­lution in Öster­reich mit der baye­ri­schen und unga­ri­schen Räte­re­publik ver­knüpft war. Deren blutige Zer­schlagung stärkte auch die reak­tio­nären Kräfte in Öster­reich, wor­aufhin die Mehrheit der F.R.S.I. im Mai 1919 die Fusion mit der KPÖ beschloss. Manche ihrer Akti­visten wie Julius Dickmann blieben jedoch par­teilos. Fast erblindet wurde der Räte­kom­munist 1942 von den Nazis ermordet.

Peter Haumer: Geschichte der F.R.S.I. Die Föde­ration Revo­lu­tio­närer Sozia­listen »Inter­na­tionale« und die öster­rei­chische Revo­lution 1918/19., Man­delbaum, 260 S., br., 17 €.

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Peter Nowak

Zwei Bücher über die radikale Linke in Berlin Jagd auf Linke als Krimi

Zwei neue Bücher befassen sich mit radi­kalen Linken in Berlin. Viele Fragen bleiben jedoch offen.

»Dies ist die Geschichte von Oliver Rast. Sie handelt von einem Mann, der einmal ein Juso war.« So stellt der Jour­nalist Frank Brunner die Haupt­figur seines kürzlich im Lübbe-Verlag erschie­nenen Buches »Mit aller Härte. Wie ­Polizei und Staats­schutz Links­ra­dikale jagen« vor. Gestützt auf Poli­zei­akten, Pro­zess­be­richte, Inter­views und per­sön­liche Recherche schildert er darin die jah­re­lange Jagd von Staats­schützern und Polizei auf eine kleine Gruppe radi­kaler Linker. Oliver Rast ist nicht etwa ein an der Jagd betei­ligter Poli­tiker oder Ermitt­lungs­be­amter. Der ehe­malige Juso radi­ka­li­sierte sich, betä­tigte sich im Stu­die­ren­den­par­lament der FU Berlin und wurde schließlich in einem ­Indi­zi­en­prozess wegen eines Brand­an­schlags und Mit­glied­schaft in der »Mili­tanten Gruppe«, einem klan­des­tinen Zirkel der radi­kalen Linken, zu ­einer mehr­jäh­rigen Haft­strafe ver­ur­teilt.

Rast äußerte sich im Prozess nie zu diesem Vorwurf. Nun ist er der Held eines Buches, das linke Geschichte als Kri­mi­nalfall auch Lesern schmackhaft zu machen ver­sucht, die unter­halten werden wollen.

»Ich wollte ein Buch, in dem ohne Dis­kre­di­tie­rungen klan­destine Militanz the­ma­ti­siert wird. Das ist absolut gelungen«, sagte Rast der Jungle World. Es sei ihm darum gegangen, mili­tante Gruppen nach dem Ende der Revo­lu­tio­nären Zellen und der RAF in den Fokus zu rücken. »In der Post-RAF-Ära hat sich im mili­tanten Sektor der radi­kalen Linken mehr getan, als man heute viel­leicht ver­mutet«, so Rast.

Hier zeigen sich aber auch die Grenzen eines solchen Pro­jekts. So hat Brunner auch Bernhard Falk besucht, der sich zunächst für RAF-Gefangene ein­setzte, als Mit­glied der Anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Zellen die Liebe zum Islam ent­deckte und sich derzeit in der Gefan­ge­nen­hilfe für inhaf­tierte Sala­fisten enga­giert. Im Buch prä­sen­tiert sich Falk wei­terhin als über­zeugter Antiimpe­rialist – unter der grünen Fahne des Pro­pheten. Da ergäben sich viele Fragen, auch zur Haltung der mili­tanten Linken zu Islam und Isla­mismus lange vor den Anschlägen vom 11. Sep­tember 2001. Doch solche Fragen stellt Brunner kaum. Das wird deutlich, wenn er Rast fragt, ob der Weg zur von Rast mit­ge­grün­deten Gefan­ge­nen­ge­werk­schaft Refor­mismus sei. Der über­reicht ihm mit den Worten »Beant­wortet das Ihre Fragen?« die Kopie des von Ulrike Meinhof 1974 ver­fassten »Pro­vi­so­ri­schen Kampf­pro­gramms für den Kampf um die poli­ti­schen Rechte der gefan­genen Arbeiter«. Damit endet das Buch.

Viele Fragen hatte dagegen der in Wien lebende Jour­nalist Samuel Stuhl­pfarrer. Er hat im Man­delbaum-Verlag unter dem Titel »Kommen. Gehen. Bleiben« Gespräche mit Andrej Holm ver­öf­fent­licht. Holm war 2007 mit Rast ver­haftet worden und hatte im vorigen Jahr Schlag­zeilen gemacht. Der Sozi­al­wis­sen­schaftler mit dem Schwer­punkt Woh­nungs­po­litik war zum Staats­se­kretär für Wohnen in Berlin ernannt worden, doch bald domi­nierte seine fünf­mo­natige Tätigkeit für das Minis­terium für Staats­si­cherheit in der DDR die ­Bericht­erstattung. Schließlich trat er zurück. In Stuhl­pfarrers Buch schildert Holm seine poli­tische Sozia­li­sation in einem kom­mu­nis­ti­schen Elternhaus und seine langsame Ent­fremdung vom SED-Régime. Erfreulich ist auch, dass er an den weit­gehend ver­ges­senen außer­par­la­men­ta­ri­schen Wider­stand im Berlin der frü­heren neun­ziger Jahre erinnert, in den er invol­viert war.

Doch auch Holm und sein Inter­viewer erzählen nicht die ganze Geschichte. Kein Wort etwa über die Zeit­schrift Radikal, die der offi­zielle Grund für Holms flä­chen­de­ckende Über­wa­chung war. Dafür folgt am Ende ein klares Bekenntnis zur Ver­fassung und zur Hoffnung auf Reformen. Diese können Holm zufolge aber eher von der außer­par­la­men­ta­ri­schen als der par­la­men­ta­ri­schen Linken ange­stoßen werden.

Die Bücher machen auch deutlich, dass Holm und Rast – 2007 for­derte eine Soli­da­ri­täts­kam­pagne ihre Frei­lassung – sich heut­zutage nichts mehr zu sagen haben. In Brunners Buch wird Holm fast nur negativ erwähnt. Auch in der Linken gibt es Indi­zi­en­pro­zesse mit zwei­fel­hafter Beweis­führung.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​0​1​/​j​a​g​d​-​a​u​f​-​l​i​n​k​e​-​a​l​s​-​krimi

Peter Nowak

„Es kommt darauf an, dass die Masse sich selbst begreifen lernt“.


Peter Haumer: Julius Dickmann, » … dass die Masse sich selbst begreifen lernt«. Poli­tische Bio­graphie und aus­ge­wählte Schriften, Man­delbaum-Verlag Wien, 2016, 358 Seiten, 19,80 Euro

„Um mich mache Dir keine großen Sorgen, ich bin abge­härtet gegen Unan­nehm­lich­keiten des Lebens (S.149)“, schreibt Julius Dickmann aus Wien auf einer Post­karte an seine Nichte Anne Fried in den USA. Es ist sein letztes Lebens­zeichen. Kurze Zeit später wird er mit Tau­senden jüdi­schen Männern von Wien in die NS-Ver­nich­tungs­lager depor­tiert, wo er 1942 im Alter von 48 Jahren ermordet wurde.
“Doch Julius Dickmann hat viele Mar­kie­rungen auf seinen Lebensweg hin­ter­lassen, die – mühsam zu finden und zu rekon­stru­ieren – es doch ermög­lichen sollten, ihn der Ver­ges­senheit ein klein wenig zu ent­reißen“, (S.13), schreibt de Wiener His­to­riker Peter Haumer. Er hat im Man­delbaum Verlag in der Reihe kritik & utopie ein Buch her­aus­ge­geben, das das Leben von Julius Dickmann rekon­struiert. Im ersten Kapitel fasst Haumer Dick­manns poli­tische Vita so zusammen: “Er war Sozi­al­de­mokrat und die Sozi­al­de­mo­kratie schweren Herzens hinter sich lassen müssen…. Später war er revo­lu­tio­närer Sozialist, Inter­na­tio­nalist, gänzlich der Räteidee ver­pflichtet. Er wurde wieder bes­seren Wissens Par­tei­kom­munist, in der Erwartung, der Errichtung der Räte­herr­schaft dadurch um ent­schei­dende Schritte näher­zu­kommen. Als er die Feh­ler­haf­tigkeit dieser Anschauung erkannte, wurde er zum dis­si­denten Mar­xisten“ (S. 12). Hierin liegt auch ein Grund, warum im Par­tei­archiv der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Öster­reich (KPÖ) keine Spuren von Dickmann zu finden sind, was sein fast völ­liges Ver­gessen auch erklärbar macht. Ihm geht es wie vielen dis­si­denten Kom­mu­nis­tinnen und Kom­mu­nisten.
Haumer zeigt auf, wie der aus dem jüdi­schen Klein­bür­gertum stam­mende Dickmann, der sich selber als Atheist ver­stand, durch die revo­lu­tionäre Welle der Jahre 1917/18 wie viele andere mit der revo­lu­tio­nären Arbei­ter­be­wegung in Berührung kam. Seine Schriften aus der Zeit waren im poli­ti­schen Hand­ge­menge geschrieben und wollten unmit­telbare poli­tische Wirkung ent­falten. So hieß in einer von Dickmann ver­fassten Flug­schrift vom Neujahr 1919 „Wir kommen einigen! Auf den Trümmern Öster­reichs, dieses Kerkers der Nationen, in welchen die sozi­al­de­mo­kra­tische Inter­na­tionale zuerst gesprengt wurde, an dem sich die Fackel des Welt­kriegs ent­zündete und das nun zum stän­digen Schau­platz blu­tiger natio­naler Kriege zu werden droht, muss der neue Bund der Arbeiter aller Nationen zuerst eine greifbare Gestalt erhalten“ (S. 41). Haumer beschreibt, wie sich nach der Gründung der Kom­mu­nis­ti­schen Partei ver­schiedene linke Gruppen in poli­tische Kämpfe ver­strickten, was für Dickmann eine ernüch­ternde Erfahrung war, die ihm zunächst zum Kri­tiker in den eigenen Reihen und später zum kom­mu­nis­ti­schen Dis­si­denten machte. Bald standen Dickmann die Medien der kom­mu­nis­ti­schen Partei nicht mehr zur Ver­fügung. So ver­öf­fent­lichte er unter dem Pseudonym Ernst Jung mehrere Bei­träge, die sich kri­tisch mit der kom­mu­nis­ti­schen Bewegung aus­ein­an­der­setzten, in der Freien Tribüne, dem Organ der jüdisch-zio­nis­ti­schen Arbei­ter­partei Poale Zion. “Unter dem Titel „Zur Krise des Kom­mu­nismus in Deutschland“ befasste er sich mit den ersten Spal­tungen der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Deutsch­lands im Jahr 1920. Er ver­folgt die Dif­fe­renzen bis in die Zeit des ersten Welt­kriegs zurück, als sich die Spar­ta­kus­gruppe und die Gruppe Inter­na­tionale Kom­mu­nisten, die beide in Oppo­sition zur Burg­frie­dens­po­litik der SPD-Führung standen, von­ein­ander ent­fremdet hätten. Die Tage der Revo­lution schufen vor­über­gehend eine neue Einigkeit. Doch die Dif­fe­renzen waren auch beim Grün­dungs­par­teitag der KPD nicht über­wunden. „Aber mit dem Nie­dergang der Novem­ber­re­vo­lution zeigte es sich sehr bald, wie schwach noch die Grund­lagen der kom­mu­nis­ti­schen Einheit waren“ (S.254), so die präzise Analyse Dick­manns, die durch zahl­reiche weitere Spal­tungen in der Früh­phase der KPD bestätigt wurde. Sehr klar erkannte er auch: „Die Einheit des deut­schen Kom­mu­nismus kann nur durch aus der prak­ti­schen Bewegung des Pro­le­ta­riats her­vor­gehen“ (S. 260). Eine Erkenntnis die auf die welt­weite kom­mu­nis­tische Bewegung gelten kann.
Dabei wandte sich Dickmann gegen den linken Flügel der KPD, die sich für einen anti­par­la­men­ta­ri­schen Weg ein­setzten. „Ein Par­la­ments­boykott in Deutschland muss die Massen abstoßen, und zwar die rück­stän­digen Arbei­ter­kreise, die von der Aus­sichts­lo­sigkeit des Par­la­men­ta­rismus innerlich noch nicht über­zeugt sind, als auch die fort­schrei­tenden Ele­mente, die sich bei aller Anhäng­lichkeit an die Räte doch sagen müssen, dass man die alte Position nicht preisgibt, bevor die neue noch nicht aus­gebaut ist“ (S. 276), schreibt Dickmann unter dem Pseudonym Ernst Jung in einem Dis­kus­si­ons­beitrag für die Freie Tribüne unter dem Titel „Lenins tak­tische Lehren“, wo er dessen Schrift „Der linke Radi­ka­lismus, die Kin­der­krankheit des Kom­mu­nismus“ ver­tei­digte. Zur spä­teren Ent­wicklung der kom­mu­nis­ti­schen Bewegung und ihrer Sta­li­ni­sierung hat Dickmann nicht publi­ziert. In einen unvoll­ständig erhal­tenen Brief an Lucien Laurat schrieb Dickmann 1927/28: „Ich will mich hüten, zu den Artikeln, die rus­sische Frage betreffend Stellung zu beziehen und Tat­sachen zu beur­teilen, deren Über­prüfung mir nicht möglich sind“ (S. 291). Laurat ist das Pseudonym des öster­rei­chi­schen Kom­mu­nisten Otto Maschl, der in der Sowjet­union lehrte, der sich in den Frak­ti­ons­kämpfen in der KPDSU gegen Stalin stellte und mit wei­teren kom­mu­nis­ti­schen Dis­si­den­tInnen in Frank­reich und Belgien in Kontakt stand. Zu diesen Kreis gehörte auch die Phi­lo­sophin Simone Weil, die zeit­weise von Anar­cho­syn­di­ka­lismus beein­flusst war. Wie wichtig Dickmann dieser Aus­tausch war, zeigte sich schon daran, dass er fran­zö­sisch lernte.
Dick­manns Schriften aus den 1920 und 1930er Jahre wurden nicht mehr auf­gelegt. Im Internet findet man eine Bespre­chung von Dick­manns 1932 her­aus­ge­ge­benen 60seitigen Bro­schüre mit dem Titel „Bei­träge zur Selbst­kritik des Mar­xismus“. Haumer hat sie voll­ständig doku­men­tiert. Bemer­kenswert ist dabei, dass Dickmann bereits 1932 eine These for­mu­lierte, die ange­sichts der Debatte um die Res­sour­cen­knappheit und den Kli­ma­wandel sehr modern klingt: „Der Sozia­lismus wird aber nicht aus einer wei­teren Ent­faltung der Pro­duk­tiv­kräfte her­vor­gehen, deren Wachstum angeblich durch das kapi­ta­lis­tische Eigentum gehemmt wird; er wird sich not­wendig aus dem Schrumpfen der heu­tigen Pro­duk­ti­ons­grund­lagen ergeben, dem die kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft um so rascher ent­ge­gen­treibt, je hem­mungs­loser sie tat­sächlich ihre Pro­duk­ti­ons­mittel ver­schwendet“ (S.349).
Dieser klare Bruch mit dem tra­di­ti­ons­kom­mu­nis­ti­schen Dogma von der immer stärken Ent­faltung der Pro­duk­ti­ons­kräfte als Bedingung für gesell­schaft­liche Fort­schritt, wurde in der zeit­ge­nös­si­schen Debatte von dem Kreis um Simone Weil auf­ge­griffen. In der schon erwähnten Rezension dieser Schrift in der „Zeit­schrift für Sozi­al­for­schung“ schreibt der Rezensent A.F.Westermann (http://​raum​ge​gen​zement​.blog​sport​.de/​2​0​1​2​/​0​2​/​0​5​/​j​u​l​i​u​s​-​d​i​c​k​m​a​n​n​-​d​a​s​-​g​r​u​n​d​g​e​s​e​t​z​-​d​e​r​-​s​o​z​i​a​l​e​n​-​e​n​t​w​i​c​k​l​u​n​g​d​e​r​-​a​r​b​e​i​t​a​b​e​g​r​i​f​f​-​b​e​i​-​m​a​r​x​-​r​e​z​e​n​sion/): „Eine ein­ge­hendere Beur­teilung der D.schen Kritik wäre nur sinnvoll, wenn er seine eigene Wert­theorie dar­ge­stellt hatte. Dies hat er einem der fol­genden Hefte vor­be­halten.“ Dass er diese ange­kün­digten Texte nicht mehr ver­öf­fent­lichen konnte, hatte poli­tische und private Gründe. In Öster­reich ver­schlech­terte sich die Situation für Linke schon lange vor der Besetzung des Landes durch die deutsche Wehr­macht. Bereits unter dem aus­tro­fa­schis­ti­schen Régime von Engelbert Dollfuss wurden Linke ver­folgt. Zudem ver­schlech­terte sich Dick­manns Gesund­heits­zu­stand beträchtlich. „In den letzten 14 Jahren bezog er eine Inva­li­den­rente, weil er ein Invalide, ein Kraft­loser, Schwacher und Hin­fäl­liger war“, schreibt Haumer (S13). So war im Laufe de Jahre seine Schwer­hö­rigkeit zur völ­ligen Taubheit geworden. Doch trotz dieser wid­rigen Bedin­gungen hat Dickmann seine theo­re­tische Arbeit fort­ge­setzt und auch inter­na­tionale Kon­takte inten­si­viert, solange es möglich war. Nach dem Ein­marsch der Wehr­macht wurde Dickmann als Jude stig­ma­ti­siert, verlor seine Wohnung, wurde schließlich depor­tiert und ermordet. Dass er eine wichtige Rolle in der öster­rei­chi­schen Revo­lution 1918/19 spielte und ein Theo­re­tiker des Mar­xismus war, blieb sogar seinen Ver­wandten ver­borgen. Als Haumer für das Buch mit Dick­manns in New York lebender Nichte Kontakt aufnahm, war ihre erste Reaktion. „Warum will der über meinen Onkel schreiben? Was gibt es über den über­haupt zu schreiben?“ (S.7). Haumers Buch beant­wortet diese Frage. Dabei musste der Autor eine Auswahl von Dick­manns Schriften treffen. Es wäre zu wün­schen, wenn in einem wei­teren Band, sämt­liche zugäng­lichen Texte von ihm ver­öf­fent­licht werden könnten. Damit würde eine heute weit­gehend ver­gessene mar­xis­tische Debatte wieder rekon­struiert und es wäre eine späte Ehrung für einen Mann, dessen Maxime auch der Titel des rezen­sierten Buches ist. „Es kommt darauf an, dass die Masse sich selbst begreifen lernt“.

aus: Arbeit – Bewegung – Geschichte Zeit­schrift für his­to­rische Studien
16. Jahrgang – Heft 2017/II
http://​www​.arbei​ter​be​wegung​-jahrbuch​.de/​?​p=633
Peter Nowak

Der grüne Winkel

Mitte April gedachten die wenigen noch über­le­benden eins­tigen Häft­linge der Befreiung des Frau­en­kon­zen­tra­ti­ons­lagers Ravens­brück. Obgleich die bran­den­bur­gische Staats­se­kre­tärin Ulrike Gutheil in ihrer Rede betonte, dass aller Opfer gedacht werde, kamen auch in diesem Jahr die von den Natio­nal­so­zia­listen als Berufs­ver­bre­che­rinnen klas­si­fi­zierten Häft­linge nicht vor.

Die öster­rei­chische Poli­to­login Sylvia Köchl hat mit ihrem Buch »Das Bedürfnis nach gerechter Sühne« erstmals die Wege von acht öster­rei­chi­schen Frauen nach­ge­zeichnet, die, als Die­binnen und Abtrei­be­rinnen ver­ur­teilt, in das KZ Ravens­brück depor­tiert wurden. Köchl enga­giert sich seit langem in der öster­rei­chi­schen Lager­ge­mein­schaft Ravens­brück. Sie musste die Erfahrung machen, dass die Mythen über die Frauen mit den grünen Winkeln auch bei den ehe­ma­ligen poli­ti­schen Gefan­genen und ihren Orga­ni­sa­tionen bis heute tra­diert werden. Köchl widerlegt die Annahme, die soge­nannten kri­mi­nellen Gefan­genen seien zur Spaltung der poli­ti­schen benutzt worden. Sie zeigt, dass einige der »kri­mi­nellen« Frauen tat­sächlich immer wieder ihre tadellose nationale Gesinnung in Ein­gaben betonten und manche auch eng mit der KZ-Leitung koope­rierten. Am Bei­spiel der Lage­räl­testen Marianne Scha­ringer wird hin­gegen das Leben einer Gefan­genen mit der grünen Kenn­zeichnung doku­men­tiert, die sich nicht von den Nazis instru­men­ta­li­sieren ließ und den poli­ti­schen Wider­stand im Lager deckte.

Anschaulich beschreibt Köchl den Kampf der ehemals als Berufs­ver­bre­che­rinnen inhaf­tierten Paula Kolo und Aloisia Oppal um eine Haft­ent­schä­digung, die den beiden Frauen nach 1945 ver­weigert wurde. Oppal wurde sogar die Rente als Witwe ihres aus poli­ti­schen Gründen ermor­deten Mannes vor­ent­halten. Köchl schließt mit dem Appell, endlich den Opfer­für­sor­ge­erlass von 1946 so zu ändern, dass keine der eins­tigen Inhaf­tierten mehr dis­kri­mi­niert wird. Es ist eine späte, aber dringend not­wendige Geste, wie auch das Buch.

Sylvia Köchl: Das Bedürfnis nach­ge­rechter Sühne. Man­delbaum-Verlag, Wien 2017, 360 Seiten, 24,80 Euro

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Peter Nowak

Theorien für die Masse

Julius Dickmann war ein bedeu­tender mar­xis­ti­scher Autor der Zwi­schen­kriegszeit, dessen Schriften nicht mehr zugänglich waren. Peter Haumer hat jetzt die poli­tische Bio­graphie Dick­manns ver­fasst.

»Wer ist Julius Dickmann und warum sollte man ein Buch über ihn schreiben?« Diese Frage bekam Peter Haumer immer wieder zu hören, als er sich mit der Bio­graphie eines ver­ges­senen Theo­re­tikers beschäf­tigte. Bei Haumer, der zu linker Gewerk­schafts­po­litik und Dis­sidenz innerhalb der Arbei­ter­be­wegung in Öster­reich forscht, war die Neugier geweckt. Zunächst stieß er auf die die wenigen theo­re­ti­schen Texte Dick­manns, die noch zugänglich sind. »Zunehmend inter­es­sierten mich seine Gedanken, Ideen und Theorien und schließlich die Person, die dahin­ter­steckte«, beschreibt Haumer die Ent­stehung eines Buches, das ursprünglich gar nicht geplant war. Schließlich machte Haumer eine in New York lebende Nichte Dick­manns aus­findig, die bei der ersten Begegnung fragte: »Was gibt es denn über meinen Onkel über­haupt zu schreiben?« Sie wusste nichts über die poli­ti­schen Akti­vi­täten und Schriften ihres Onkels. Das sta­chelte den Ehrgeiz des Chro­nisten nur noch mehr an. »War der poli­tische Mensch hinter dem Namen Julius Dickmann tat­sächlich im Nichts ver­schwunden?!«

Haumer gibt nun im Wiener Man­delbaum-Verlag ein Buch heraus, das die poli­ti­schen Schriften von Dickmann wieder zugänglich macht und die Bio­graphie eines Men­schen rekon­struiert, der sich innerhalb des revo­lu­tio­nären Flügels der öster­rei­chi­schen Arbei­ter­be­wegung enga­gierte. Er gehört zu den vielen, die am Ende des Ersten Welt­kriegs hofften, die alte kapi­ta­lis­tische Welt werde gestürzt. Die Okto­ber­re­vo­lution war für ihn dabei ebenso eine Etappe wie die unga­rische Räte­re­publik und die Streiks und Auf­stände in Öster­reich. Dickmann war ein Ver­treter des Räte­ge­dankens und setzte auf die Selbst­or­ga­ni­sation der Lohn­ar­beiter. »Dass die Masse sich selbst begreifen lernt«, dieser Gedanke, der dem Buch als Unter­titel dient, war für Dickmann ein zen­traler Aspekt für die Beur­teilung aller poli­ti­schen und gewerk­schaft­lichen Akti­vi­täten. Von ihm stammt der schöne Satz: »Die Theo­re­tiker haben bis jetzt die Masse ver­schieden inter­pre­tiert, es kommt aber darauf an, dass diese sich selbst begreifen lernt.« Mit dieser Abwandlung des bekannten Marx­schen Satzes über Feu­erbach wolle er seine »bescheidene Arbeit gerecht­fertigt« wissen. »Vom theo­re­ti­schen. Streit ver­wirrt, stelle ich mir hier die Aufgabe, mit dem bisschen Wissen aus­ge­rüstet, welches ein Pro­le­tarier in seinen kargen Mus­se­stunden erwerben kann, zur Selbst­ver­stän­digung über die Kämpfe und Wünsche der Zeit zu gelangen.«

Für kurze Zeit war er Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Öster­reichs, die er wieder verließ, als sich abzeichnete, dass es mehr um die Macht als um die Selbsteman­zi­pation der Arbei­tenden ging. An seinen in dem Buch doku­men­tierten Texten kann man auch den Lern- und Erkennt­nis­prozess von Dickmann ver­folgen. Da finden sich die in den Jahren 1918/19 ver­fassten Artikel, mit denen er unmit­telbar poli­tisch wirken wollte. Damals war er noch vom bal­digen Erfolg der sozia­lis­ti­schen Revo­lution über­zeugt. In den Schriften jener akti­vis­ti­schen Periode setzte er sich für die Stärkung des Räte­ge­dankens ein und kon­zen­trierte sich auf Fragen der prak­ti­schen Umsetzung. So stellte er sich im Mai 1919 eine Frage, die damals auch die links­so­zi­al­de­mo­kra­tische USPD in Deutschland stark beschäf­tigte: Kann es noch Platz für ein bür­ger­liches Par­lament geben oder muss alle Macht den Räten zufallen? Dick­manns prag­ma­tische Antwort lautete: »Der Schreiber ist selbst ein über­zeugter Anhänger dieser Losung. Aber es kann sich natürlich in dieser Frage nicht um die äußere Form handeln, in welcher die Räte zur Macht gelangen. Ent­scheidend ist der tat­säch­liche Besitz der Macht­mittel im Staat. Gelingt es den Arbei­ter­räten, sich die Ver­fü­gungs­gewalt über diese Macht dauernd zu sichern, so kommt es sehr wenig darauf an, ob für eine gewisse Über­gangszeit neben dem Kon­gress der Arbei­terräte die Natio­nal­ver­sammlung als gesetz­ge­bende Kör­per­schaft noch bestehen bleibt.« Als der revo­lu­tionäre Auf­bruch zer­schlagen wurde, setzte sich Dickmann mit den Ursachen der Nie­derlage aus­ein­ander.

Im Dezember 1919 war er noch über­zeugt, dass die Nie­derlage nur vor­über­gehend sein werde. »Die kom­mende Revo­lution darf nicht mehr ein träges Pro­le­tariat vor­finden, das zwi­schen Par­lament und Räte­system, Dik­tatur oder Demo­kratie unent­schlossen schwankt, und die Erleuchtung von einer Füh­rer­clique emp­fängt, die selbst in sich gespalten, die Unei­nigkeit in die Massen trägt«, schreibt er im Dezember 1919 in dem pro­gram­ma­ti­schen Text »Zwi­schen zwei Revo­lu­tionen«. Doch schon 1920 schlägt Dickmann in seiner Schrift »Zur Krise des Kom­mu­nismus« wesentlich kri­ti­schere Töne an.

»In Deutschland lastet die fünf­zig­jährige sozi­al­de­mo­kra­tische Tra­dition wie ein Alp auf den Pro­le­ta­riern. Dieser Alp konnte nicht in wenigen Wochen abge­tragen werden.« Damit setzte Dick­manns Kritik auch bei jener Tra­dition an, die die kom­mu­nis­ti­schen Par­teien in ihrer Mehrheit bald über­nehmen sollten. Dickmann, den seine Schwer­hö­rigkeit, die bald zur Taubheit führte, zunehmend belastete, suchte die Ursachen für die Nie­derlage der revo­lu­tio­nären Bewegung in prak­ti­schen und theo­re­ti­schen Defi­ziten der eigenen Seite. Mit seinen 1932 ver­fassten Schriften »Das Grund­gesetz der sozialen Ent­wicklung« und »Der Arbeits­be­griff bei Marx« wollte Dickmann »Bei­träge zur Selbst­kritik des Mar­xismus« leisten. Diese Texte fanden unter linken Theo­re­tikern Auf­merk­samkeit und wurden 1932 in der Zeitung für Sozi­al­for­schung besprochen. Diese Rezension ist lange Zeit eine der wenigen Spuren von Dick­manns theo­re­ti­schem Wirken gewesen, die auch Haumers Interesse ent­fachte.

In seinem Buch sind die beiden Texte erneut abge­druckt, die eine erstaun­liche Aktua­lität haben. Dort hat Dickmann schon Fragen ange­sprochen, die für die Debatten um die End­lichkeit der Res­sourcen und den Umgang mit der Umwelt inter­es­sante Gesichts­punkte bei­steuern können. Er verwarf die These von Marx, dass der Kon­flikt zwi­schen den Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nissen und der Pro­duk­ti­ons­weise den Übergang von der Feu­dal­ge­sell­schaft zum Kapi­ta­lismus bestimmt hat. »Der wirk­liche Wider­spruch, der jede öko­no­mische Umwälzung her­bei­führte, bestand immer nur zwi­schen der unge­hemmten Ent­faltung der Pro­duk­tiv­kräfte und der Natur­schranke ihrer Anwen­dungs­basis.« Diese Schriften fanden in den frühen drei­ßiger Jahren auch unter Theo­re­ti­ke­rinnen und Theo­re­tikern der fran­zö­si­schen Linken Auf­merk­samkeit. Dickmann schrieb regel­mäßig Bei­träge für die Zeit­schrift La Cri­tique Sociale, zu deren Umfeld auch die Phi­lo­sophin Simone Weil gehörte, die sich in Briefen mehrmals auf Dick­manns Texte bezog. Wie wichtig ihm der Aus­tausch war, zeigte sich schon daran, dass der damals voll­ständig gehörlose Dickmann mit Hilfe seiner Nichte Fran­zö­sisch lernte. In Öster­reich wurden zu dieser Zeit bereits Kom­mu­nisten, Sozia­listen und Gewerk­schafter ver­folgt. Nach dem geschei­terten Wiener Arbei­ter­auf­stand vom Februar 1934, den Dickmann sehr kri­tisch beur­teilte, hatte der Aus­tro­fa­schismus die letzten Reste der bür­ger­lichen Demo­kratie beseitigt. Die NS-Bewegung als dessen Kon­kurrenz von rechts wurde auch für Dickmann zur töd­lichen Gefahr. Als Linker und Jude war er gleich doppelt bedroht. Warum aber verließ er Wien nicht? »Die Ver­ei­nigten Staaten«, ver­mutet Haumer, »hätten ihm wegen seiner Taubheit kein Visum gegeben. Und wovon sollte er als tauber und poli­tisch aus­ge­grenzter Emi­grant leben können? In Wien bekam er wenigstens eine Inva­li­den­rente.«

Auf 22 Seiten sind die kurzen Texte abge­druckt, die Dickmann zwi­schen den 10. Juli 1939 und dem 11. November 1941 an seine Nichte schrieb; sie hatte sich mit wei­teren Fami­li­en­an­ge­hö­rigen in die USA retten können. Sie sind Zeugnis der zuneh­menden Ent­rechtung, aber auch des Lebens­mutes von Dickmann. »Um mich mache Dir keine großen Sorgen. Ich bin abge­härtet gegen Unan­nehm­lich­keiten des Lebens«, heißt es in dem letzten doku­men­tierten Brief. Zwi­schen dem 9. April und dem 5. Juni 1942 gingen vom Wiener Anspang-Bahnhof vier Depor­ta­ti­onszüge mit über 4 000 jüdi­schen Männern, Frauen und Kindern ab. Sie endeten im Ver­nich­tungs­lager Belzec. Hier ver­liert sich die Spur von Dickmann. Haumer hat mit seiner Wie­der­ent­de­ckung von Dickmann einen wich­tigen Beitrag geleistet, ihn und seine Schriften dem Ver­gessen zu ent­reißen.

Peter Haumer: Julius Dickmann, » … dass die Masse sich selbst begreifen lernt«. Poli­tische Bio­graphie und aus­ge­wählte Schriften, Man­delbaum-Verlag Wien, 2016, 358 Seiten, 19,80 Euro

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Peter Nowak

Autonome Theorien – Theorien der Autonomen?

Sie gelten als der mili­tante Flügel sozialer Bewe­gungen und als Sub­kultur. Es exis­tiert aber auch eine lebendige Theo­rie­pro­duktion, die mehr bietet als die blosse Befür­wortung von Militanz. In Robert Foltins Buch werden jene Theorien vor­ge­stellt, die in auto­nomen Szenen dis­ku­tiert werden und am Bei­spiel kon­kreter sozialer Kämpfe wird das Span­nungs­ver­hältnis von selbst­be­züg­licher Sub­kultur und Mas­sen­wirk­samkeit ebenso ange­sprochen wie jenes von Spon­ta­nität und Orga­ni­sation.

Die Zeiten sind vorbei, als die Auto­nomen zumindest in den deutsch­spra­chigen Ländern die Medien bestimmten und diverse Polizei- und Ver­fas­sungs­schutz­beamte auf Trapp hielten. Als mili­tanter Arm der sozialen Bewegung ver­schie­dener Länder wurden sie besonders vor bestimmten Gross­de­mons­tra­tionen zum Popanz auf­gebaut. Doch in der letzten Zeit ist es ruhig um die Auto­nomen geworden. Selbst die revo­lu­tio­nären 1. Mai-Demons­tra­tionen in Berlin, die als letztes auto­nomes Gross­ereignis gelten, sind in der letzten Zeit scheinbar befriedet. Zumindest ist das die Ein­stellung der meisten Medi­en­be­ob­ach­te­rInnen. Sie haben Autonome fast aus­schliesslich mit Stras­sen­mi­litanz gleich­ge­setzt. Poli­tische Inhalte, gar Theorien der auto­nomen Bewegung, waren für einen Grossteil der Medi­en­ver­tre­te­rInnen nie von Interesse. Das konnte auch im Vorfeld der revo­lu­tio­nären 1. Mai-Demons­tra­tionen in Berlin immer gut beob­achtet werden. Bei den immer sehr gut besuchten Pres­se­kon­fe­renzen bemühten sich die an der Demo betei­ligten Orga­ni­sa­tionen immer wieder poli­tische Inhalte zu ver­mitteln, die Jour­na­lis­tInnen inter­es­sierte jedoch nur die Frage, ob und wann es wieder zur Randale kommt.

Zwi­schen Sub­kultur und Revo­lution

Der Wiener Jour­nalist und lang­jährige poli­tische Aktivist Robert Foltin hin­gegen beschäftigt sich in dem im Man­delbaum-Verlag her­aus­ge­ge­benen Buch nun im Schnell­durchgang mit den Theorien der Auto­nomen. Bereits im Vorwort beschreibt Foltin in der ersten Person das Theo­riefeld in dem es im Buch geht. «In der Zeit, in der ich poli­ti­siert wurde, ab Mitte der 70er Jahre, ging das Inter­mezzo der neo­leni­nis­ti­schen Dominanz der links­ra­di­kalen Szene zu Ende. Unsere Theorie war geprägt von der Abgrenzung zum Mar­xismus-Leni­nismus. Wir bewegten uns in einer Sub­kultur, als Mar­ken­zeichen trugen wir damals lange Haare und kifften, wollten aber ebenso eine soziale und poli­tische Revo­lution. Wir inter­es­sierten uns für den Femi­nismus und die Schwulen-/Les­ben­be­wegung und kri­ti­sierten den Fetisch Pro­le­tariat». In den fol­genden Kapiteln widmete sich Foltin in Kurzform den ver­schie­denen his­to­ri­schen und theo­re­ti­schen Strängen, die auf die autonome Theo­rie­pro­duktion auf unter­schied­liche Weise Ein­fluss hatte. Der Anar­chismus in den ver­schie­denen Fas­sungen spielt dabei natürlich eine ent­schei­dende Rolle, aber auch der Ope­raismus und der Räte­kom­mu­nismus hatten einen wich­tigen Ein­fluss auf die autonome Theo­rie­pro­duktion. So erinnert der his­to­risch bewan­derte Foltin an die kurze Geschichte der «Kom­mu­nis­ti­schen Arbei­ter­partei Deutschland» (KAPD) in den frühen Jahren der Wei­marer Republik, die eine Art autonome Fraktion der kom­mu­nis­ti­schen Bewegung gewesen war und zeit­weise sogar die KPD an Mit­gliedern über­flü­gelte. Dass kom­mu­nis­tische Theorien durchaus auch Ein­fluss in der auto­nomen Bewegung hatten, schrieb der anar­chis­tische Autor Horst Sto­wasser bereits 2007: «Inhaltich ver­tritt die autonome Bewegung ein Gemisch aus alt-kom­mu­nis­ti­schen Avant­gar­de­an­spruch und einem anarcho-spon­ta­nis­ti­schen Kult der direkten Aktion».

Autonome und Kom­mu­nismus

Foltins Ver­dienst ist es, dass er in seinem Buch den Anteil vor allem dis­si­denter kom­mu­nis­ti­scher Theorien für die autonome Bewegung sehr aus­führlich darlegt. Er tritt damit der häu­figen Vor­stellung ent­gegen, dass die Auto­nomen nur eine besondere Spielart des Anar­chismus sind und waren. Foltin erinnert aus­führlich an ope­rais­tische Ansätze, aber auch an die breite Rezeption, die his­to­rische Schriften wie «Die andere Arbei­ter­be­wegung» hatten, die von Karl Heinz Roth und Eli­sabeth Behrens 1974 her­aus­ge­geben wurde. Foltin kom­men­tiert die Schrift so: «Die andere Arbei­ter­be­wegung ist trotz vieler Schwächen ein Mei­len­stein in der Geschichts­schreibung der auto­nomen Kämpfe und wurde in den 70er Jahren viel dis­ku­tiert. Die Beschreibung ist zwar etwas sche­ma­tisch – auf der einen Seite stehen die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Fach­ar­bei­te­rInnen und als Kon­trast dazu die rebel­li­schen unteren Seg­mente der Klasse». Foltin ver­sucht die Thesen des Buches auf die Früh­phase der Weimar Republik anzu­wenden, indem er schreibt, dass die zweite Welle der Kämpfe 1920 und 1921 von dieser anderen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung getragen wurden, während die erste Welle von den in Räte­be­we­gungen orga­ni­sierten Fach­bar­bie­te­rInnen domi­niert wurde.

Doch His­to­riker der Räte­be­wegung wie Axel Weipert und Rolf Hoff­rogge wider­sprechen dieser Sicht und sehen in den his­to­ri­schen Quellen keinen Unter­schied zwi­schen den Trägern der ersten und zweiten Revo­lu­ti­ons­phase. Die Theorien der anderen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung könnten gerade in einer Zeit wieder eine grössere Rolle spielen, in der es Streiks auch in Bereichen gibt, die von den grossen Gewerk­schaften nicht erreicht werden. Zunehmend sind es gerade die Expo­nen­tInnen dieser anderen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung, die heute Arbeits­kämpfe führen.

Die Auto­nomen heute

Foltin geht auch auf die kleinen Erfolge von Basis­ge­werk­schaften wie der «Freien Arbeiter Union» (FAU) ein, die durchaus zum auto­nomen Poli­tikfeld gehört. Der Femi­nismus und der Anti­ras­sismus kommen in Foltins Buch vor, doch es wird nicht recht der Stel­lenwert ersichtlich, den diese Ansätze in der auto­nomen Theorie und Praxis hatten. Foltin geht auch kri­tisch auf den Anti­im­pe­ria­lismus ein, ver­wirft ihn aber nicht rundweg. Viel schärfere Kritik erfahren die soge­nannten anti­deut­schen Poli­tik­an­sätze, die von Foltin aller­dings auch nicht einer dif­fe­ren­zierten Betrachtung unter­zogen worden sind. In dem letzten Kapitel geht Foltin auf das Konzept der Mul­titude ein, dass vor rund 15 Jahren von Antonio Negri ver­fasst und in der auto­nomen Bewegung intensiv dis­ku­tiert wurde. Doch mitt­ler­weile muss man auch fragen, welchen Ein­fluss die Mul­titude-Rezeption auf die kon­krete poli­tische Praxis der auto­nomen Bewegung hatte. Darauf geht Foltin leider nicht aus­führ­licher ein. So bleibt man trotz der vielen inter­es­santen Anre­gungen in dem Buch, am Schluss doch etwas ratlos nach dem letzten Kapitel zurück. Dort wird kurz auf die Syriza in Grie­chenland und die «Inter­ven­tio­nis­tische Linke» (IL) und das Ums-Ganze-Bündnis in Deutschland ein­ge­gangen. Diese beiden linken Bünd­nis­kon­stel­la­tionen gehören zur post­au­to­nomen Linken. Viele ihre Gründer und Mit­glieder gehörten in den 80er Jahren zur auto­nomen Bewegung und betei­ligten sich in den 90er Jahren an den Debatten über eine Zukunft jen­seits der auto­nomen Event- und Jugend­kultur. Hier hätte man sich in dem Buch einige wei­ter­füh­rende Gedanken gewünscht. Ein guter Abschluss des Buches wären etwa einige pro­vo­kative Thesen zur Frage, ob die autonome Bewegung noch eine Zukunft hat, gewesen.

«Autonome Theorien – Theorien der Auto­nomen?» von Foltin Robert. Erschienen 2015 im Man­delbaum Verlag, Wien.

aus Vorwärts/​Schweiz 27/28 2015, 23.10. 2015

http://​www​.vor​waerts​.ch

Peter Nowak

Kapital & Scheiterhaufen

Peter Nowak* über Fede­ricis Versuch zur Aktua­lität der Hexen­ver­folgung
Die US-Pro­fes­sorin Silvia Federici, in den 1970ern Mit­grün­derin des Inter­na­tional Feminist Collective und eine der Initia­to­rInnen der For­derung nach einem »Lohn für Haus­arbeit«, wurde in Deutschland durch das 2012 erschienene Buch „Auf­stand aus der Küche. Repro­duk­ti­ons­arbeit im glo­balen Kapi­ta­lismus und die unvoll­endete femi­nis­tische Revo­lution“ (Edition Assem­blage) bekannter. Dort sind mehrere Auf­sätze doku­men­tiert, in denen die kapi­ta­lis­tische Krise von einem femi­nis­ti­schen Stand­punkt ana­ly­siert, dem Zusam­menhang von Repro­duk­tions- und Pro­duk­ti­ons­arbeit nachgeht und Über­le­gungen zu einer femi­nis­ti­schen Öko­nomie der Gemein­güter (Commons) anstellt. Fast zeit­gleich mit diesem Sam­melband hat der Wiener Man­delbaum-Verlag in seiner Reihe „Kritik & Utopie“ einen ursprünglich bereits 2004 erschie­nenen geschichts­wis­sen­schaft­lichen Grund­la­gentext von Federici über­setzt und einem deutsch­spra­chigen Publikum zugänglich gemacht, der als Ergänzung zu den o.g. genannten klas­si­schen Themen der femi­nis­ti­schen »Haus­ar­beits­de­batte« gelesen werden kann.
„Caliban und die Hexe“ zeichnet die Ent­rechtung der Frauen am Übergang vom Feu­da­lismus zum Kapi­ta­lismus nach und ver­bindet diese Ent­wicklung mit der zeit­gleichen Trennung der Bäue­rinnen und Bauern von ihrem Land. Über­setzt wurde das Buch von Max Hen­ninger, der auch „Auf­stand aus der Küche“ ins Deutsche über­tragen hat. Als koor­di­nie­render Redakteur der Web­seite Sozial​.Geschichte​.Online ist er auch Experte für soziale Bewe­gungen und damit als Über­setzer von Fede­ricis Texten insofern besonders geeignet, als Federici mehrfach betont, dass sie mit ihren wis­sen­schaft­lichen Arbeiten aktu­ellen sozialen Kämpfen ein theo­re­ti­sches Fun­dament liefern will.
Die Autorin nennt in der Ein­leitung zwei Motive, dieses Buch zu schreiben: „Erstens ist es der Wunsch, die Ent­wicklung des Kapi­ta­lismus aus femi­nis­ti­scher Per­spektive neu zu reflek­tieren, aller­dings unter Ver­meidung der Beschrän­kungen einer Frau­en­geschichte, die sich von der Geschichte des männ­lichen Teils der Arbei­ter­klasse absetzt“ (S. 12). Als zweite Moti­vation benennt sie „die welt­weite, mit der glo­balen Aus­breitung kapi­ta­lis­ti­scher Ver­hält­nisse ein­her­ge­hende Wie­derkehr einer Reihe von Erschei­nungen, die gemeinhin mit der Genese des Kapi­ta­lismus in Ver­bindung gebracht werden“ (S.12). Denn die blutige Hexen­ver­folgung gehöre nicht der Ver­gan­genheit an, wie Federici u.a. mit Verweis darauf, dass in Afrika und Asien Hexen­ver­fol­gungen zunehmen, zeigen möchte. Sie sieht dabei einen Zusam­menhang mit den von Weltbank und IWF for­cierten Angriffen auf die Sub­sis­tenz­wirt­schaften auf diesen Kon­ti­nenten.
Schon im Titel wird auf William Shake­speares Thea­ter­stück »Der Sturm« Bezug genommen, das genau in der Über­gangszeit vom Feu­da­lismus zum Kapi­ta­lismus geschrieben wurde. Federici liefert eine besondere Lesart dieses Textes, zu dessen Schlüs­sel­fi­guren Caliban, der Sklave des Zau­berers Prospero, gehört: „In meiner Inter­pre­tation steht Caliban jedoch nicht für den anti­ko­lo­nialen Rebellen, dessen Kampf in der zeit­ge­nös­si­schen kari­bi­schen Lite­ratur nach­hallt, sondern er ist Symbol des Welt­pro­le­ta­riats, genauer: des pro­le­ta­ri­schen Körpers als Terrain und Mittel des Wider­stands gegen die Logik des Kapi­ta­lismus« (S. 12).
Kapi­ta­lismus als Kon­ter­re­vo­lution
Wie Federici bedient sich auch das Autorenduo Rediker/​Linebaugh ope­rais­ti­scher Para­meter bei ihrer Betrachtung der Geschichte. Im Gegensatz zum tra­di­tio­nellen Mar­xismus lehnen alle drei eine his­to­rische Zwangs­läu­figkeit ab, die vom Feu­da­lismus über den Kapi­ta­lismus zum Sozia­lismus führen soll, und sprechen im Gegensatz zu Marx dem Kapi­ta­lismus in keiner Phase eman­zi­pa­to­rische Poten­tiale zu. „Der Kapi­ta­lismus war eine Kon­ter­re­vo­lution, die die aus den anti­feu­dalen Kämpfen her­vor­ge­gan­genen Mög­lich­keiten zer­störte“ (S. 26), schreibt Federici. Sie bezieht sich dabei auf die euro­pa­weiten Kämpfe von Bauern, Land­ar­beitern und städ­ti­schen Armen, die im 15. und 16. Jahr­hundert in Europa wir­kungs­mächtig waren. Für das Ter­ri­torium des heu­tigen Deutsch­lands zählen dazu etwa die Bau­ern­kriege und ihre Nach­fol­ge­auf­stände, die bis zu der kurzen Herr­schaft der Wie­der­täufer in Münster reichen. Federici weist mit Recht auf die euro­pa­weite Dimension dieser Kämpfe hin und zeigt auch, dass sich bekannte Intel­lek­tuelle und Künstler ihrer Zeit mit den Auf­stän­di­schen soli­da­ri­sieren. Wenn sie in diesen Bewe­gungen, wie auch in den Ket­zer­be­we­gungen des euro­päi­schen Mit­tel­alters, unbe­dingt eman­zi­pative Momente ent­decken will, wirkt das aller­dings manchmal etwas bemüht. Allzu wohl­wol­lende Les­arten ver­sieht sie oft selbst mit Fra­ge­zeichen. Schließlich ist die Quel­lenlage schlecht, und oft sind Berichte über diese Bewe­gungen nur von ihren Ver­folgern über­liefert.
Hexen­ver­folgung als Teil des Kampfes gegen die Arbei­te­rIn­nen­be­wegung
Das bezieht sich auch auf die Hexen­ver­folgung, die in den letzten beiden Kapiteln aus­führlich dar­ge­stellt wird. Dabei kri­ti­siert sie die Gleich­gül­tigkeit und Ignoranz dieser „großen Hexenjagd“ (S.201) gegenüber auch bei mar­xis­ti­schen His­to­rikern und bei Marx selbst: „Marxens Analyse der ursprüng­lichen Akku­mu­lation erwähnt auch die ‚Große Hexenjagd‘ des 16. und 17. Jahr­hun­derts nicht, obgleich diese staatlich geför­derte Ter­ror­kam­pagne für die Nie­derlage der Bauern von zen­traler Bedeutung war, da sie die Ver­treibung der Bauern von den vormals gemein­schaftlich genutzten Län­de­reien erleich­terte“ (S. 78).
Die Autorin begründet die These haupt­sächlich damit, dass die Frauen zu den Haupt­trä­ge­rinnen des Wider­standes gegen die Ein­he­gungen gehörten. Mit der Hexen­ver­folgung sei dieser Wider­stand wesentlich geschwächt worden.
Für Federici gehören die Hexen­ver­fol­gungen zur Geschichte der Ver­folgung der Arbei­ter­be­wegung, denn es seien schließlich in der Regel Frauen aus der Unter­klasse, die als Hexen ver­folgt worden seien. „Die Hexen­ver­fol­gungen ver­tieften die Spaltung zwi­schen Männern und Frauen. Sie lehrten Männer, die Macht der Frauen zu fürchten, und sie zer­störten ein ganzes Uni­versum von Prak­tiken, Glau­bens­vor­stel­lungen und sozialen Sub­jekten, deren Existenz mit der kapi­ta­lis­ti­schen Arbeits­dis­ziplin unver­einbar war“ (S. 203). An anderer Stelle schreibt die Autorin: „Die Hexen­ver­fol­gungen dienten auch dem Aufbau einer patri­ar­chalen Ordnung, unter der die Körper der Frauen, ihre Arbeit und ihre repro­duk­tiven Ver­mögen unter staat­liche Kon­trolle gestellt und in öko­no­mische Res­sourcen ver­wandelt wurden“ (S. 209 f). Hier beschreibt Federici über Folgen der Hexen­ver­folgung. Bei ihr wird darauf aber eine Intention, als ob es gesell­schaft­liche Kräfte gegeben habe, die die Hexen­ver­folgung ziel­be­wusst ein­ge­setzt hätten, um den Wider­stand gegen den Kapi­ta­lismus zu schwächen. Den Beweis dafür bleibt Federici aber schuldig. Gut heraus gear­beitet hat sie aller­dings, wie wider­ständige Frauen auch dann noch zu Hexen erklärt wurden, als sie nicht mehr am Schei­ter­haufen endeten.
Das Feindbild Hexe habe sich auch nach dem Ende der großen Ver­fol­gungen gehalten. Federici ver­weist hier auf die het­ze­rische Dar­stellung von poli­tisch aktiven Frauen in der Pariser Commune, die an das Bild der Hexe erinnern. „1871 griff das Pariser Bür­gertum instinktiv darauf zurück, um die weib­lichen Kom­mu­nard­innen zu dämo­ni­sieren und ihnen vor­zu­werfen, sie wollten Paris in Brand stecken“ (S. 251). Man könnte dieses Bei­spiel durch die Dar­stellung poli­tisch aktiver Frauen in der baye­ri­schen Räte­re­publik ergänzen, auf die der Autor Klaus The­weleit in dem Buch »Män­ner­phan­tasien« hin­ge­wiesen hat.
Angriff auf die Sub­sistenz
Federici beschäftigt sich in einem Kapitel aus­führlich mit der Politik der Ein­hegung und Ein­zäunung von Äckern und Wei­deland. Diese gewaltsame Trennung der Men­schen vom Land, wo sie Nahrung anbauen und eine Sub­sis­tenz­wirt­schaft betreiben konnten, war bekanntlich eine Vor­aus­setzung dafür, die Men­schen in den Stand der »doppelt freien Lohn­arbeit« (Marx) zu setzen, die in den Manu­fak­turen und Fabriken ver­richtet werden musste. Marx fasste diesen Prozess der Trennung der Arbeiter von ihren Pro­duk­ti­ons­mitteln in den Begriff der ursprüng­lichen Akku­mu­lation. Doch für Federici geht Marx hier nicht weit genug. “Marx ana­ly­sierte die ursprüng­liche Akku­mu­lation aller­dings fast aus­schließlich vom Stand­punkt des Indus­trie­pro­le­ta­riats aus“ (S. 77). Dagegen würde er die Ver­än­de­rungen in der Repro­duktion der Arbeits­kraft und der Stellung der Frau kaum erwähnen. Hier setzt Federici an, wenn sie betont, dass die ursprüng­liche Akku­mu­lation „nicht allein in der Kon­zen­tration von Kapital und für die Aus­beutung ver­füg­barer ver­füg­baren Arbeitern“ (S. 78) bestehe. Für sie gehört die „Akku­mu­lation von Unter­schieden und Spal­tungen zwi­schen der Arbei­ter­klasse“ (S. 78) dazu. Sie benennt hierbei Hier­ar­chi­sie­rungen, die auf Geschlecht, Rasse und Alter beruhen. Die Autorin unter­stellt, dass (nur) ein hete­ro­nor­ma­tives Geschlech­ter­ver­hältnis und eine ent­spre­chend hete­ro­se­xuelle fami­liäre Arbeits­teilung funk­tional für die Auf­recht­erhaltung kapi­ta­lis­ti­scher Pro­duktion seien. Zudem wirft sie vielen Mar­xisten vor, „die kapi­ta­lis­tische Akku­mu­lation mit der Befreiung des Arbeiters oder Ein­fügung ist richtig [der] Arbei­terin gleich­zu­setzen“ (S.78) und betont dagegen, dass der Kapi­ta­lismus „bru­talere und lis­tigere Formen der Ver­sklavung“ (S. 78) habe. Hier sind kri­tische Nach­fragen ange­bracht. Wo haben welche Mar­xisten dem Kapi­ta­lismus pau­schal das Ver­dienst der Befreiung der Arbeiter zuge­rechnet? Bei Marx selbst ist der doppelt freie Arbeiter aus­drücklich kein befreites Subjekt. Es geht bei Marx immer um eine Unter­scheidung der Hin­sichten: Freiheit von was und Freiheit zu was? Wenn Federici zudem vom Kapi­ta­lismus als einer beson­deren Form der Ver­sklavung spricht, geht der spe­zi­fische Unter­schied zwi­schen einer Skla­ven­hal­ter­ge­sell­schaft, in der gerade keine Lohn­arbeit in großem Maße vor­handen ist, und der kapi­ta­lis­ti­schen Aus­beutung ver­loren. Das sind nur zwei von vielen inhalt­lichen Fragen, die sich nach der Lektüre von Fede­ricis Versuch über die Ent­stehung des Kapi­ta­lismus stellen. Was bleibt, ist ein brillant geschrie­benes, anre­gendes, mit vielen zeit­ge­nös­si­schen Motiven Bildern, Flug­schriften und Kari­ka­turen ver­se­henes Buch, das zur kri­ti­schen Debatte anregt, auch und gerade, wenn man ihre Argu­mente nicht teilt .
http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​ress/
Peter Nowak
Silvia Federici: »Caliban und die Hexe – Frauen, der Körper und die ursprüng­liche Akku­mu­lation«, über­setzt von Max Hen­ninger, her­aus­ge­geben von Martin Birkner, 315 Seiten, Man­delbaum Verlag, Wien 2012, 24,90 Euro, ISBN 978–3-85476–615-5