Ortsnah Exil gefunden

SZE­NE­LADEN: Miet­vertrag unter­schrieben, bereit für den Umzug: Hans-Georg Lin­denau bleibt mit dem M99-Laden in Kreuzberg

HG/M99.Exil“ steht auf einem selbst­ge­malten Schild in einem Fenster der Laden­räume in der Falcken­stein­straße 46. Mitten im Kreuz­berger Event­gebiet in unmit­tel­barer Nähe zur Ober­baum­brücke erhält der „Gemischt­wa­ren­laden mit Revo­lu­ti­ons­bedarf “ sein neues Domizil. Am Mittwoch wurde der Miet­vertrag abge­schlossen. Mehr als 30 Jahre hat der nach einem Sturz auf einen Roll­stuhl ange­wiesene Hans-Georg Lin-
denau seinen Sze­ne­laden mit dem Sor­timent aus Büchern, Auf­klebern und poli­tisch kor­rekten Klei­dungs­stücken in der Man­teuf­fel­straße 99 betrieben. Lin­denau, der seine Kun­dInnen auch schon mal zur Assistenz beim Laden­dienst auf­for­derte, ist in der linken Szene über Deutschland hinaus bekannt. Für Anar­chis­tInnen und junge Antifas aus ganz Europa gehörte ein Besuch des M99 zum festen Bestandteil eines Berlin-Trips. Auch von Ber­liner Akti­vis­tInnen wurde der Laden geschätzt, weil er die Spal­tungs­ten­denzen in der radi­kalen Linken igno­rierte. So hatte Lin­denau lange die pro­non­ciert isra­el­so­li­da­rische Zeit­schrift Bahamas genauso wie die radikal-nti­zio­ni­ische Publi­kation Intifada im Sor­timent. Lin­denau ver­traute auf die mün­digen Kun­dInnen,
die keine Bevor­mundung brauchen. So argu­men­tierte er auch gegen den poli­ti­schen Staats­schutz, der bei mehr als 50 Razzien im Laden immer wieder Schriften aus der auto­nomen Szene beschlag­nahmte. Doch in den letzten Jahren war es zunehmend die Gen­tri­fi­zierung, die Lin­denau Pro­bleme bereitete. Dass das Haus mit dem M99-Laden gleich sieben Mal den Besitzer wech­selte, hat wohl auch mit den unkon­ven­tio­nellen Mitteln zu tun, mit denen Lin­denau gegen eine dro­hende Ver­treibung kämpfte. So trennte sich bereits in den 1990er Jahren ein Arzt wieder von der Kreuz­berger Immo­bilie, nachdem Lin­denau mit Unter­stüt­ze­rInnen vor dessen Praxis in einer Bran­den­burger Klein­stadt auf­tauchte. Hat Lin­denau mit dem Um-
zug nun doch gegen die Gen­tri­zi­fi­zierung ver­loren, fragen sich manche in der Ber­liner Szene. Für Lin­denaus Anwälte Burk­hardt Dräger, Ben­jamin Raabe und Christoph Müller hin­gegen hat mit dem Orts­wechsel ein lang­jäh­riger Mie­te­rIn­nen­kampf, der bereits mehrere Gerichte beschäf­tigte, ein posi­tives Ende gefunden. Sie sehen es als
beson­deren Erfolg, dass Lin­denau in Kreuzberg bleiben kann. Möglich wurde das, weil die Stiftung Umver­teilen mit Lin­denau den Miet­vertrag abschloss. Magnus Hengge von der Nach­bar­schafts­in­itiative Bizim Kiez ver­weist auf den großen öffent­lichen Druck, mit dem im August 2016 eine Zwangs­räumung vom in seinem Laden lebenden Lin­denau ver­hindert werden konnte. Dem auf Assistenz ange­wie­senen Lin­denau sei es nun auch in seinem neuen Domizil möglich, „sein ein­zig­ar­tiges Lebens­konzept des durch Kunden betreuten Wohn­ladens“ fort­zu­setzen. Laut Hengge hat Bizim Kiez Lin­denau nicht nur beim Kampf gegen die Räumung unter­stützt. Die Initiative orga­ni­sierte auch Nach­bar­schafts­hilfe bei der roll­stuhl­ge­rechten Ein­richtung der
neuen Laden­wohnung. Bis spä­testens zum 30. Juni soll der Umzug abge­schlossen sein.

aus: DIE TAGES­ZEITUNG FREITAG, 26. MAI 2017

Peter Nowak

Kundgebung für revolutionären Gemischtladen

Betreiber kämpft, um Räumung zu verhindern / Stadtteilinitiative organisiert Lichterumzug gegen Verdrängung

Nicht nur in Köln mel­deten sich am 11. 11. um 11.11 Uhr die Jecken zu Wort. Auch in der der Kreuz­berger Man­teuf­fel­straße 99 hatte der Betreiber des dor­tigen »Gemischt­wa­ren­ladens mit Revo­lu­ti­ons­bedarf« zu einer Kund­gebung mit när­ri­schen Kar­ne­vals­reden ein­ge­laden. Seit über einem Jahr kämpft Hans Georg Lin­denau unter­stützt von Stadt­teil­in­itia­tiven gegen seine Räumung.

The­ma­ti­siert werden sollte am Frei­tag­vor­mittag die nach Ansicht von Hans Georg Lin­denau »ver­rückte Rechts­spre­chung«, mit der in der letzten Zeit Räu­mungen von Mietern legi­ti­miert werden. So hätten die Richter des Ber­liner Land­ge­richts in ihrem Räu­mungs­urteil bestritten, das Lin­denau in seiner Laden­wohnung im Par­terre des Hauses lebt. »Dabei bekomme ich seit Jahren regel­mäßig die Post und auch die Wahl­be­nach­rich­ti­gungen an diese Adresse«, erklärt Lin­denau.

Als wei­teres Bei­spiel für eine »ver­rückte« Rechts­spre­chung führt der quer­schnitt­ge­lähmte Mann auf, dass das Gericht in dem Urteil bestritten hat, dass er auf einen Roll­stuhl ange­wiesen sei. Bisher ist die Räumung seines Geschäfts aus­ge­setzt, zumindest bis mit einem psych­ia­tri­schen Gut­achten die Folgen eines Ver­lustes seiner Laden­wohnung für seine psy­chische Gesundheit geklärt wurde. Lin­denau machte auf der Kund­gebung noch einmal deutlich, dass er bei einer Räumung sein Lebens- und Arbeits­umfeld ver­lieren würde.

Neben den Gerichts­be­schlüssen the­ma­ti­sierte Lin­denau weitere »ver­rückte« Tat­sachen. So habe der Haus­ei­gen­tümer in der Man­teuf­fel­straße mehrere Feri­en­woh­nungen ein­ge­richtet, obwohl doch eine Ver­ordnung diese Umwandlung von Miet­woh­nungen ver­hindern soll.

Doch der Kreuz­berger Aktivist kämpft nicht nur gegen seine dro­hende Ver­treibung. In Bei­trägen wurde an den Nach­bar­schafts­laden in der Neu­köllner Frie­del­straße 54 erinnert, der bis März 2017 einen Räu­mungs­auf­schub bekommen hat. Bei einer Per­for­mance, bei der Lin­denau einen Poli­zeihelm trug und jeden Satz mit einem Helau beendete, war die Teil­neh­merzahl aller­dings wohl wegen des win­ter­lichen Wetters begrenzt. Die Mobi­li­sierung gegen Lin­denaus dro­hende Zwangs­räumung sollte am Frei­tag­abend weiter besprochen werden. Nach Redak­ti­ons­schluss dieser Seite hatte die Kreuz­berger Nach­bar­schafts­in­itiative Bizim Kiez zum Lich­ter­umzug gegen Baufilz auf­ge­rufen. Neben dem Ver­drän­gungs­druck sollte dort auch die Bebau­ungs­pläne der Cur­v­ry­brache am Spreeufer the­ma­ti­siert werden. Miet­woh­nungen zu bezahl­baren Preisen sind dort nicht vor­ge­sehen.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​3​1​8​8​0​.​k​u​n​d​g​e​b​u​n​g​-​f​u​e​r​-​r​e​v​o​l​u​t​i​o​n​a​e​r​e​n​-​g​e​m​i​s​c​h​t​l​a​d​e​n​.html

Aufschub für Neuköllner Kiezladen

Gerichts­ver­handlung endet mit Ver­gleich: Nun wollen Nutzer des Kiez­ladens F54 in der Frie­del­straße dis­ku­tieren, wie sie mit der Ent­scheidung umgehen.

Bis Ende März muss der Kiez­laden F54 in der Neu­köllner Frie­del­straße 54 keine Räumung befürchten. Das sieht ein Ver­gleich vor, den das Amts­ge­richt Neu­kölln am Don­nerstag im Räu­mungs­prozess gegen den Laden vor­ge­schlagen hat. Die Anwäl­tInnen des luxem­bur­gi­schen Eigen­tümers Pinehall s.a.r.l. und des Vereins der Laden­be­trei­be­rInnen Akazie haben ihm bereits zuge­stimmt.

Aller­dings kann der Ver­gleich innerhalb von 14 Tagen wider­rufen werden. „Dann ver­kündet das Gericht das Urteil, und das wäre bei einem Gewer­be­miet­vertrag die sofortige Räumung“, sagte der Ber­liner Rechts­anwalt Ben­jamin Hersch, der den Verein ver­tritt, der taz. Dass die Pinehall s.a.r.l. nicht einmal einen Brief­kasten besitze und auch noch nicht als Eigen­tü­merin der Frie­del­straße 54 im Grundbuch ein­ge­tragen sei, sei kein Hin­de­rungs­grund für eine Räumung, betonte der Jurist. Die Firma habe sich die Räu­mungs­titel gegen den Laden vom Vor­be­sitzer Citec über­tragen lassen.

Wir werden intensiv dis­ku­tieren, wie wir mit dem Ver­gleich umgehen“, erklärt Ver­eins­mit­glied Martin Sander. Doch selbst wenn die mehr als 15 Initia­tiven und zahl­reichen Ein­zel­per­sonen, die den Nach­bar­schafts­laden betreiben, dem Ver­gleich zustimmen, ist für Sander die Zwangs­räumung nur auf­ge­schoben. „Über eine Räumung wird nicht in den Gerichts­sälen, sondern in den Stadt­teilen ent­schieden“, gibt er sich selbst­be­wusst.

Sander ver­weist darauf, dass in der Ver­gan­genheit soli­da­rische Nach­ba­rInnen Räu­mungen ver­hindert hatten. Etwa 60 Unter­stüt­ze­rInnen hatten sich auch am Don­ners­tag­morgen vor dem Amts­ge­richt für Kiez­laden demons­triert. Dar­unter war auch Hans Georg Lin­denau, dessen „Gemischt­waren mit Revo­lu­ti­ons­bedarf M99“ in Kreuzberg eben­falls räu­mungs­be­droht ist. Lin­denau verwies darauf, dass auch ihm weiter die kalte Ver­treibung drohe, weil ihm von Eigen­tümer ver­biete, eine Gastherme zum Heizen im Laden anzu­bringen.

Die Unter­stützung an einen reg­ne­ri­schen Herbst­morgen unter der Woche hat uns Mut gemacht“, sagte Sander. Auf einem Unter­stüt­ze­rIn­nen­treffen am 25. Oktober soll über weitere Aktionen beraten. Im Mit­tel­punkt steht die für den 19. November geplante Kiezdemo. „Wir müssen wieder die Eigen­tums­frage stellen. Es kann nicht sein, dass Firmen, die nicht einmal einen Brief­kasten haben, ent­scheiden, wo wir leben“, so Sander.

https://​www​.taz​.de/​R​a​e​u​m​u​n​g​-​n​i​c​h​t​-​v​o​r​-​E​n​d​e​-​M​a​e​r​z​/​!​5​3​4​7535/

Peter Nowak

M99 vor Räumung

REVOLUTIONSBEDARF Linker Laden soll im September geräumt werden. Besitzer HG bleibt hartnäckig

Am 22. Sep­tember soll die Laden­wohnung von Hans Georg Lin­denau (HG) in der Man­teuf­fel­straße 99 zwangs­ge­räumt werden.
Der alte Räu­mungs­termin am 9. August war aus­ge­setzt worden, nachdem sich die Anwälte von HG und dem Haus­ei­gen­tümer
auf einen frei­wil­ligen Auszug bis zum 20. Sep­tember geeinigt hatten. Doch HG will sich daran nur halten, wenn er den Verkauf seines Waren­sor­ti­ments in einem anderen Laden in Kreuzberg fort­setzen kann. Der aber wurde bislang nicht gefunden. In Teilen der linken Szene war die Ver­ein­barung als „schlechter Deal“ kri­ti­siert worden, der den Wider­stand demo­bi­li­siert habe.
David Schuster vom Ber­liner Bündnis „Zwangs­räumung ver­hindern“ schließt sich der Kritik nicht an. „Wenn die eigene Existenz
auf dem Spiel steht, würde wahr­scheinlich jeder nach dem Strohhalm der Ver­län­gerung greifen, sagte er der taz. Das Bündnis unter­stützt die Kund­ge­bungen, die jeden Don­nerstag vor dem M99 statt­finden und mobi­li­siert für den 22. Sep­tember zur Ver­hin­derung der Räumung. Der neue Termin ist der Jah­restag des Todes von Klaus-Jürgen Rattay, der am 22. Sep­tember 1981 bei der Räumung besetzter Häuser von einem Was­ser­werfer über­rollt wurde. Eine Hoffnung bleibt HG noch: Seine Anwälte wollen einen gericht­lichen Räu­mungs­schutz auf Grundlage eines Attests des Kli­nikums Neu­kölln bean­tragen, das HG eine psy­chische Gefährdung durch die Räumung dia­gnos­ti­ziert. „Einen alten Baum kann man nicht ver­pflanzen“, lautet das pas­sende Motto eines von Kurt Jotter ent­wor­fenen neuen Plakats. Der Mit­be­gründer der Polit­kunst­gruppe „Büro für unge­wöhn­liche Maß­nahmen“, die die West­ber­liner Pro­test­kultur der 1980er Jahre revo­lu­tio­nierte, unter­stützt Miet­eIn­nen­pro­teste mit künst­le­ri­schen Inter­ven­tionen.

aus Taz 18.8.2016

Peter Nowak

Nicht freiwillig

Die Räumung des Sze­ne­ladens M99 in Kreuzberg ist ver­schoben

Der »M99 – Laden für Revo­lu­ti­ons­bedarf« sollte diese Woche geräumt werden. Nach einer Ver­ein­barung mit dem Ver­mieter wurde der Räu­mungs­titel nicht voll­zogen. Es gibt eine Gna­den­frist bis Mitte Sep­tember.

Für Dienstag war in Berlin-Kreuzberg die Zwangs­räumung der Laden­wohnung des auf den Roll­stuhl ange­wie­senen Hans-Georg »HG« Lin­denau ange­kündigt, doch die Räumung fand nicht statt. Wochenlang hatten das Bündnis »Zwangs­räumung ver­hindern« und die Stadt­tei­li­ni­aitive »Bizim Kiez« zu einer Blo­ckade mobi­li­siert, um die Räumung des weit über Berlin hinaus bekannten Ladens »für Revo­lu­ti­ons­bedarf« zu ver­hindern. Das M99 ist nicht nur Ein­kom­mens­quelle, sondern auch Unter­kunft seines Betreibers. Mitt­ler­weile ist es selbst in Rei­se­führern auf­ge­führt. Der Laden und sein Betreiber stehen wie kaum etwas anderes für das rebel­lische Kreuzberg der acht­ziger Jahre. Unter­stützung bekam Lin­denau aber auch von jün­geren Nachbarn. In Kreuzberg ist die Furcht vor der Ver­drängung von Men­schen mit geringem Ein­kommen groß. »Wenn selbst ein so bekannter Laden wie das M99 nicht bleiben kann, droht uns allen die Ver­drängung«, sagt eine Nach­barin der Jungle World. Umge­kehrt zeige erfolg­reicher Wider­stand gegen eine geplante Räumung, dass diese Ent­wicklung ver­hindert werden kann.

Will bleiben: Hans-Georg »HG« Lindenau in seinem Laden, der ihm auch als Wohnung dient
Will bleiben: Hans-Georg »HG« Lin­denau in seinem Laden, der ihm auch als Wohnung dient (Foto: Pa / dpa / Wolfram Kastl)

Nun wurde die für Dienstag anbe­raumte Räumung kurz­fristig aus­ge­setzt, doch von einem Erfolg kann noch nicht die Rede sein. Nach dem Willen des Haus­ei­gen­tümers, der den Räu­mungs­titel auf­recht­erhält, soll Lin­denau bis zum 20. Sep­tember frei­willig aus­ziehen. »Auf­ge­schoben ist nicht auf­ge­hoben«, heißt es denn auch in einer Erklärung, die die Stadt­teil­in­itiative »Bizim Kiez« in Zusam­men­arbeit mit Lin­denau ver­fasst hat. In dem Text wird betont, wie schwer der Druck gewesen sei, der auf Lin­denau durch die dro­hende Räumung lastete. »Er hat seinen Anwalt den Deal in kür­zester Zeit aus­handeln lassen, mit dem Motiv, die Zwangs­räumung über den 9. August hinaus zu ver­schieben«, heißt es in der Erklärung. Jede weitere Ver­zö­gerung der Räumung eröffne neue Mög­lich­keiten, sie zu ver­hindern. »So sehen auch wir das, weil wir sechs Wochen mehr Zeit haben, um weiter zu mobi­li­sieren« – für Aktionen und für weitere Ver­hand­lungen.

Doch bei einem Teil von Lin­denaus Unter­stützern sorgten die Umstände der Einigung in letzter Minute für Irri­ta­tionen und Kritik. Schon wenige Stunden nach der Bekanntgabe wurde ihm auf dem Inter­net­portal Indy­media vor­ge­worfen, einen schlechten Deal mit dem Eigen­tümer gemacht zu haben. Manche erklärten, sie seien von Lin­denau ent­täuscht, und drohten, die Soli­da­ri­täts­arbeit ein­zu­stellen.

Für Davis Schuster ist das unver­ständlich. »Wir finden, dass Betroffene immer selbst über ihre Räu­mungs­an­ge­le­gen­heiten ent­scheiden sollten«, sagte das Mit­glied des Ber­liner Bünd­nisses »Zwangs­räumung ver­hindern« der Jungle World. Schuster betonte, dass weiter die Räumung drohe und Lin­denau daher auch in Zukunft Soli­da­rität brauche. Die Aus­setzung der Räumung sei auch eine Folge des Drucks von stadt­po­li­ti­schen Initia­tiven. Tat­sächlich ist es in letzter Zeit nicht nur im Fall von M99 gelungen, in großen Mie­ter­au­s­ein­an­der­set­zungen wenigstens Teil­erfolge zu erzielen. So war die Wiener Immo­bi­li­en­ge­sell­schaft Citec bereit, mit den Mietern des Haues Frie­del­straße 54 in Berlin-Neu­kölln über einen Verkauf des Gebäudes zu ver­handeln, nachdem die Mieter ihren Protest sogar in die öster­rei­chische Haupt­stadt getragen und das Kauf­an­gebot per­sönlich über­bracht hatten. Doch nach mehr­wö­chigen Ver­hand­lungen wurden die Haus­be­wohner per E-Mail darüber infor­miert, dass nicht sie, sondern eine andere Immo­bi­li­en­firma den Zuschlag bekommen hätten. Beim ehemals besetzten Haus Rigaer Straße 94 brachte eine Gerichts­ent­scheidung, die die mit einem großen Poli­zei­auf­gebot durch­ge­setzte Teil­räumung für rechts­widrig erklärte, zumindest kurz­fristig Ent­spannung. Da aber neben den Mie­ter­pro­testen weitere starke soziale Bewe­gungen fehlen, sind bisher immer nur tem­poräre Erfolge erreicht worden.

Lin­denau sieht für seinen Laden M99 zwei mög­liche Sze­narien, wie er der Jungle World sagte. »Ent­weder jemand ermög­licht mir, dass ich in einem anderen Laden den Verkauf fort­setzen kann. Dann würde ich das M99 ver­lassen.« Doch das sei unwahr­scheinlich. Wenn er keinen gleich­wer­tigen Ersatz in Kreuzberg finde, werde er den Laden »am 20. Sep­tember nicht frei­willig ver­lassen«. Dann könnte der Räu­mungs­countdown von Neuem beginnen.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​3​2​/​5​4​6​3​4​.html

Peter Nowak

Agenda des Protests

M99 Aktionen sollen Zwangs­räumung ver­hindern

Am 9. August soll der Gemischt­wa­ren­laden mit Revo­lu­ti­ons­bedarf (M99) in der Man­teuf­fel­straße geräumt werden. Damit würde der Laden­be­treiber Hans Georg Lin­denau, der auf einen Roll­stuhl ange­wiesen ist, auch seine Wohnung ver­lieren. In den nächsten Tagen wollen seine Unter­stüt­ze­rInnen mit Aktionen und Kund­ge­bungen gegen die Räumung mobi­li­sieren. Am Mitt­woch­abend trafen sich etwa 100 Unter­stüt­ze­rInnen auf Ein­ladung des Bünd­nisses „Zwangs­räumung ver­hindern“ im Ber­liner S0 36, um die Pro­tes­tagenda zu koor­di­nieren. Am 7. August soll eine Kiez­de­mons­tration um 16 Uhr am Hein­rich­platz beginnen, um den Betreiber Lin­denau, der auch HG genannt wird, zu unter­stützen. Im Stadtteil haben sich zahl­reiche Läden und Pro­jekte für seinen Ver­bleib ein­ge­setzt. Auch die Stadt­teil­in­itia­tiven Bizim Kiez und Kotti und Co. unter­stützen ihn. Zur Demons­tration haben sich auch Unter­stüt­ze­rInnen aus anderen Städten und aus dem Ausland ange­kündigt. Eine Arbeits­gruppe
möchte Schlaf­plätze für die aus­wär­tigen Unter­stüt­ze­rInnen orga­ni­sieren. Am 9. August sollen sich ab 8 Uhr die Men­schen rund um das M99 ver­sammeln. „Wir wollen so viele sein, dass für die Gerichts­voll­zie­herin, die die Räumung voll­strecken will, kein
Durch­kommen mehr ist und sie unver­rich­teter Dinge wieder abziehen muss“, sagte ein Unter­stützer von HG. Auf diese Weise konnten in der Ver­gan­genheit mehrere Zwangs­räu­mungen zumindest auf­ge­schoben werden. Sollte die Räumung nicht ver­hindert werden können, will Hans Georg Lin­denau in einen Hun­ger­streik treten und gemeinsam mit Unter­stüt­ze­rInnen
den Verkauf seiner Waren mittels eines Con­tainers orga­ni­sieren.

aus: TAZ, 29. JU LI 2016

Peter Nowak
■■Mehr Infos: http://​berlin​.zwangs​rae​u​mung​ver​hindern​.org/​2​0​1​6​/​0​7​/​2​1​/​m​9​9​-​t​e​r​mine/

Noch gibt es Revolutionsbedarf

VER­DRÄNGUNG Nun ist es amtlich: Der Laden M99 in der Man­teuf­fel­straße in Kreuzberg soll geräumt werden. Sein Betreiber, HG, hofft auf breite Unter­stützung aus dem Kiez

Am 9. August 2016 wird um 9 Uhr eine Gerichts­voll­zie­herin die Laden­räume des Kreuz­berger Gemischt­wa­ren­ladens mit Revo­lu­ti­ons­bedarf (M99) in der Man­teuf­fel­straße 99 mit Poli­zei­un­ter­stützung räumen. Das ist der Inhalt eines Schreibens, das dem Laden­be­treiber Hans-Georg Lin­denau, auch als HG bekannt, am ver­gan­genen Wochenende zuge­stellt wurde. Magnus Hengge von der Bizim-Initiative hatte in den letzten Monaten ver­sucht, die Räumung durch einen Dialog mit Behörden und Eigen­tümern abzu­wenden.
„Es gab einige positive Signale, daher ist die Fest­legung des Termins doch über­ra­schend“, sagt er. Im März war ein von der Bezirks­bür­ger­meis­terin Monika Herrmann mode­rierter runder Tisch gescheitert, weil die Eigen­tümer den Räu­mungs­titel nicht zurück­nehmen wollten. Im Mai ver­fassten Nach­ba­rInnen dann einen Aufruf für den Ver­bleib des M99 im Kiez. Die Initiative Bizim Kiez, die sich im letzten Jahr gegen die Ver­drängung von Mie­te­rInnen und Pro­jekten aus dem Kiez gegründet hat, warnte davor, dass mit dem M99 ein wei­teres Stück des rebel­li­schen Kreuzberg ver­schwinden würde. Sie erin­nerte auch daran, dass HG, der den Laden seit 1988 betreibt und nach einem Unfall auf den Roll­stuhl ange­wiesen ist, mit der Räumung auch seine Wohnung ver­lieren würde. HG denkt auch jetzt nicht ans Auf­geben. „Ich hoffe bis zur letzten Minute, dass die Räumung ver­hindert wird, und werde den Laden nicht frei­willig räumen“, erklärte er der taz. Unter dem Motto „Besuchen Sie den M99, solange es ihn noch gibt“ wird in meh­reren Sprachen dafür mobi­li­siert, HG durch einen Einkauf, aber auch durch Soli­da­ri­täts­ak­tionen zu unter­stützen. Der Laden ist auch über die Lan­des­grenzen
hinaus bekannt und wird in alter­na­tiven Rei­se­bü­chern über Kreuzberg auf­ge­führt.


Mobi­li­sie­rungen im Vorfeld

Im Internet wird unter dem Motto „HG und M99 bleiben“ seit Wochen für den Tag X, den Räu­mungs­termin, mobi­li­siert. Was dann genau geplant ist, werde man jetzt dis­ku­tieren, erklärte Hengge. Auch das Bündnis Zwangs­räumung ver­hindern bereitet sich auf die Räumung
vor. Die Pla­nungen für Aktionen im Vorfeld sind da schon kon­kreter. Seit Ende Juni ver­an­staltet HG don­nerstags zwi­schen 18 und 22 Uhr vor dem Laden eine Pro­test­kund­gebung, zu der von Ver­treibung bedrohte Mie­te­rInnen und Pro­jekte ein­ge­laden sind. Bisher war die Resonanz aber gering. Um das Problem der Woh­nungs­lo­sigkeit auch in eine Gegend zu bringen, in der die Dichte der Immo­bi­li­en­firmen
besonders hoch ist, wird gemeinsam mit Obdach­losen eine Schlafdemo am Kur­fürs­tendamm vor­be­reitet. Auch für die Zeit nach einer Räumung hat HG bereits Pläne. „Der Verkauf soll dann in einen Con­tainer verlegt werden „Dafür brauche ich ein Grund­stück mit Dixi-Klo,
Wasser- und Strom­an­schluss in Kreuzberg“, erhofft sich HG Unter­stützung durch alter­native Pro­jekte und Bezirks­po­litik.

aus Taz vom 28.06.2016

http://​www​.taz​.de/​!​5​3​1​3428/

Peter Nowak

Akut von Räumung bedroht

PROTEST Vor dem Gemischtwarenladen M99 finden jetzt donnerstags Stadtteilversammlungen statt

Ab 2. Juni soll es bis Anfang Oktober jeden Don­nerstag von 18 bis 22 Uhr vor dem Gemischt­wa­ren­laden mit Revo­lu­ti­ons­bedarf
in der Man­teuf­fel­straße 99 eine Stadt­teil­ver­sammlung geben. „Es geht darum, dass sich die Nach­bar­schaft ken­nen­lernt, ver­netzt und gemeinsam überlegt, wie sie sich gegen die Gen­tri­fi­zierung wehrt“, erklärt M99-Betreiber Hans Georg Lin­denau gegenüber der taz. Damit knüpfen er und seine Unter­stüt­ze­rInnen an die Bizim-Kiez­be­wegung an, die im letzten Jahr über mehrere Monate im Wran­gelkiez wöchentlich eine große Zahl von Men­schen gegen Gen­tri­fi­zierung auf die Straße gebracht hat. Aus­löser war damals die Kün­digung eines Gemü­se­ladens. Doch bald berich­teten Mie­te­rInnen und Gewer­be­trei­bende aus der Nach­bar­schaft über Miet­erhö­hungen und Kün­di­gungen. In meh­reren Fällen konnte eine Ver­treibung erfolg­reich ver­hindert werden. Lin­denau hat durch die Bizim-Bewegung Unter­stützung erfahren. Seine Laden­wohnung ist akut räu­mungs­be­droht. Kürzlich hatte das Ber­liner Land­ge­richt ent­schieden, dass auch ein von Lin­denau genutzter Kel­lerraum, der bei der letzten Kün­digung ver­gessen worden war, geräumt werden kann. Damit ist der Eigen­tümer im Besitz eines Räu­mungs­titels für die kom­plette Laden­wohnung des auf einen Roll­stuhl ange­wie­senen Mannes. Er befürchtet, dass die Vor­be­rei­tungen seiner Zwangs­räumung schon laufen. „In der letzten Nacht leuchtete die Polizei längere Zeit die gesamte
Haus­fassade ab“, berichtet er.

Erin­nerung an Ohnesorg
Die wöchent­lichen Pro­test­kund­ge­bungen bekämen nach einer Räumung eine neue Bedeutung. „Ich bleibe vor dem Haus und
signa­li­siere poten­zi­ellen Nach­mie­te­rInnen, dass ich die Räume zurückwill.“ Den Termin für den Kiezwi­der­stand hat Lin­denau bewusst
auf den 49. Jah­restag der Erschießung von Benno Ohnesorg gelegt. Sein Tod wurde damals zum Aus­löser einer starken außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewegung.
aus Taz 2.6.2015

Peter Nowak

Es gibt noch Revolutionsbedarf

PROTEST Die dro­hende Zwangs­räumung des Geschäfts M99 könnte noch ver­hindert werden
Die dro­hende Zwangs­räumung des in der linken Szene über Berlin hinaus bekannten Gemischt­wa­ren­ladens mit Revo­lu­ti­ons­bedarf
M99 könnte doch noch ver­hindert werden. Der Laden­be­treiber Hans Georg Lin­denau (HG) hat in einem neuen Angebot an die Eigen­tümer zuge­si­chert, dass er die Räume in der ersten Etage aufgibt. Dafür fordert er für die Räume im Erd­ge­schoss und Keller der Man­teuf­fel­straße
99 einen neuen Miet­vertrag. Die Eigen­tü­me­rInnen wollten sich gegenüber der taz nicht zu dem Angebot äußern. Gegenüber Lin­denaus Anwalt hatten sie erklärt, die Räumung nicht mit­hilfe der Polizei durch­setzen zu wollen. Strittig dürfte vor allem Lin­denaus For­derung sein, dass die Ver­ein­barung keinen Termin für ein end­gül­tiges Ver­lassen der Räume ent­halten soll. Die Eigen­tü­me­rInnen hatten vor­ge­schlagen, dass Lin­denau die Laden­räume noch bis zum 31. 12. 2016 nutzen kann und anschließend sämt­liche Räume ver­lassen
soll. „Ich sehe keine Mög­lich­keiten, an einem anderen Ort den Laden fort­zu­setzen“, begründet Lin­denau gegenüber der taz seine Wei­gerung, ein kon­kretes Datum für einen end­gül­tigen Auszug zu akzep­tieren. Zudem will er nicht auf die For­derung der Eigen­tü­me­rInnen ein­gehen, auf weitere poli­tische Akti­vi­täten gegen seine dro­hende Räumung zu ver­zichten. Mitte April hatte er eine
Kund­gebung vor dem Büro des Haus­ei­gen­tümers ange­meldet. Dabei wurde auch der Aufruf „99 für M99“ über­geben. Dort hatten sich 99 Nach­ba­rInnen für einen Erhalt des Ladens ein­ge­setzt. Dabei wurde auch Kritik an der Gen­tri­fi­zierung Kreuz­bergs deutlich. „Wir haben oft
gehört, dass sich die Men­schen im Stadtteil nicht mehr sicher fühlen, wenn selbst ein so bekannter Laden wie der M99, der schließlich in meh­reren Kreuzberg-Rei­se­bü­chern auf­ge­führt ist, von der Räumung bedroht ist“, erklärte David Schuster vom Bündnis „Zwangs­räumung ver­hindern“ gegenüber der taz. Das Bündnis gehört zu einem losen Bündnis ver­schie­dener Mie­te­rInnen-und Nach­bar­schafts­i­n­i­ta­tiven,
die sich für den Erhaltdes Ladens ein­setzen. Dass zwi­schen Lin­denau und den Haus­ei­gen­tü­me­rInnen weiter ver­handelt wird, sieht Schuster als einen Erfolg der Mobi­li­sie­rungen der letzten Wochen. Ende Februar war ein vom Bezirksamt Kreuzberg ein­be­ru­fener
Runder Tisch noch ohne Einigung aus­ein­an­der­ge­gangen. Nicht nur Schuster vom Zwangs­räu­mungs­bündnis sah damit alle Mög­lich­keiten einer Einigung beendet. Auch die Bezirks­bür­ger­meis­terin von Fried­richshain Kreuzberg Monika Herrmann (Grüne), die den Runden
Tisch leitete, erklärte: „Beim zweiten Treffen wollte der Anwalt des Besitzers nur noch über den Aus­zugs­termin und nicht über den Auszug reden. Da war nichts zu ver­handeln.“ Dass Lin­denau einen Ersatz­laden in Kreuzberg findet, hält Herrmann ange­sichts der Mie­ten­ent­wicklung für unmöglich. Lin­denau selbst hat derzeit gar keine Zeit, an einen Auszug zu denken. Sein Laden läuft im Vorfeld des 1. Mai besonders gut.
aus Taz: 27.4.2016
Peter Nowak

Rettung gescheitert

M99 Anwalt besteht auf Räumung des Ladens mit Revo­lu­ti­ons­bedarf
Der Runde Tisch zum Erhalt des Gemischt­wa­ren­ladens mit Revo­lu­ti­ons­bedarf M99 ist gescheitert. Der Eigen­tümer der Man­teuf­fel­straße 99 war nicht erschienen, sein Anwalt beharrte auf der Räumung. „Dass er damit die Lebens­grundlage des roll­stuhl­ab­hän­gigen Laden­be­treibers Hans Georg Lin­denau zer­stört und ihn auch obdachlos macht, scheint ihn nicht zu inter­es­sieren“, kri­ti­siert Sarah
Schuster vom Bündnis „Zwangs­räumung ver­hindern“. Es unter­stützt Lin­denau gegen die dro­hende Zwangs­räumung. Der Runde Tisch sollte eine weitere Eska­lation ver­hindern. Beim ersten Treffen am 16. Februar war der Eigen­tümer noch anwesend (taz berichtete). Nachdem das zweite Treffen keine Einigung gebracht hat und auch kein wei­terer Termin mehr ver­einbart wurde, sieht das Zwangs­räu­mungs­bündnis nun akute Räu­mungs­gefahr. Lin­denau hofft aller­dings noch, sich mit dem Eigen­tümer zu einigen. „Die Ver­hand­lungen finden jetzt außerhalb des Runden Tisches statt“, sagte er der taz. Er wolle eine Blei­be­per­spektive bis min­destens Mitte
2017 ver­ein­baren. Damit würde er Zeit gewinnen, eine Alter­native für seine Laden­wohnung zu suchen. Der Eigen­tümer und sein Anwalt waren für die taz für eine Stel­lung­nahme nicht zu erreichen.
aus taz vom 11.03.2016
Peter Nowak

»Berufsausübungsverbot«

Seit knapp 30 Jahren gibt es den »M99 – Gemischt­wa­ren­handel für Revo­lu­ti­ons­bedarf« in der Man­teuf­fel­staße 99 in Berlin-Kreuzberg, dem nun die Zwangs­räumung droht. Der Betreiber Hans-Georg Lin­denau wohnt auch dort. Der gebürtige Franke ist quer­schnitts­ge­lähmt. Er hat mit der Jungle World gesprochen.

Ist die Laden­be­zeichnung ein Wer­begag für die linke Szene?

Schon Ende der acht­ziger Jahre habe ich mich von den als Zensur emp­fun­denen Dogmen der linken Info­la­den­szene ver­ab­schiedet. Der Name spielt darauf an, dass ich am Jah­restag der Revo­lution von 1848 geboren bin, und ich auch heute noch Revo­lu­ti­ons­bedarf habe, ohne einer im Detail fest­ge­legten Linie zu folgen.

Kürzlich hat Berlins Innen­se­nator Frank Henkel (CDU) die Räumung Ihres Ladens bis Ende Februar als Schlag gegen die autonome Szene bezeichnet. Fühlen Sie sich geehrt?

Mich erinnert diese Hetze im Wahl­kampf an die Situation 1984. Damals wurde so die Räumung des »Kunst- und Kul­tur­cen­trums Kreuzberg« (Kuckuck) vor­be­reitet, in dem ich aktiv war. Im M99 habe ich diese Arbeit fort­ge­setzt. Wenn ich einen Räu­mungs­termin bekomme, wünsche ich mir eine Demons­tration zur Anhalter Straße 7, wo das Kuckuckshaus noch ohne Fassade und Vor­platz steht.

Bereiten Sie sich auf die dro­hende Zwangs­räumung vor?

Ich will keine Zwangs­räumung ver­hindern, sondern kämpfe dafür, in meinen Laden und in meiner Wohnung bleiben zu können. Daher fordere ich einen Runden Tisch mit Politik und Haus­ei­gen­tümern, wie vom ehe­ma­ligen Kreuz­berger Bür­ger­meister Franz Schulz zugesagt.

Gäbe es nach einer Räumung für Sie eine Alter­native?

Ich hätte in meiner sozialen Umgebung Kreuz­bergs keine Chance, meine seit 1990 roll­stuhl­ab­hän­gig­keits­ge­lebte Wohnen-und-Arbeiten-Sym­biose mit seit Jahr­zehnten auf mich per­sönlich abge­stimmter, besuchs­fre­quen­tierter Anwe­sen­heits­as­sistenz fort­zu­setzen. Beim Verlust meiner Laden­wohnung würde ich mich psy­chisch in die iso­lierte Roll­stuhl­klasse mit Berufs­aus­übungs­verbot zurück­ver­setzt fühlen.

Bekommen Sie Soli­da­rität?

Am 9. Januar gab es die erste Soli­da­ri­täts­de­mons­tration durch Kreuzberg. Die Initia­tiven Bizim und »Zwangs­räumung ver­hindern« haben mir ermög­licht, ein Soli­da­ri­täts­plakat unter dem Motto »M99 Him­mel­fahrt« zu erar­beiten. Damit sollen Spenden ein­ge­nommen werden, weil ich schon heute durch die dro­hende Räumung hohe Kosten habe.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​0​4​/​5​3​3​9​8​.html

Small Talk von Peter Nowak

Kiezlegende droht der Rauswurf

In Kreuzberg regt sich Wider­stand gegen die Kün­digung des »Gemischt­wa­ren­ladens für Revo­lu­ti­ons­bedarf«

Seit 1985 ver­kauft Hans-Georg Lin­denau in der Man­teuf­fel­straße seine »Revo­lu­ti­ons­ar­tikel«. Doch am 31. Dezember soll Schluss sein. Dagegen orga­ni­siert sich Wider­stand.

Schwarzrote Fahnen flattern neben einem Stapel Anti­fa­auf­kleber. In Regalen finden sich Plakate und Flug­blätter zu ver­schie­denen Themen der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken. Im »Gemischt­wa­ren­handel für Revo­lu­ti­ons­bedarf« in der Man­teuf­fel­straße 99 kann man den Geist des rebel­li­schen Kreuzberg der späten 80er Jahre noch spüren.

Doch zum 31. Dezember soll damit Schluss sein. An diesen Tag soll Laden­in­haber Hans Georg Lin­denau, den alle nur HG nennen, die Räume besenrein an die Idema Immo­bilien- und Ver­wal­tungs­ge­sell­schaft über­geben, die das Haus vor einigen Jahren erworben hat. Es ist der achte Haus­ei­gen­tümer, seit Lin­denau vor 30 Jahren den Laden eröffnet hat. Damals waren in Kreuzberg zahl­reiche Häuser besetzt. Der Stadtteil an der Mauer wurde bei Linken, Alter­na­tiven und Aus­steigern beliebt. Sie waren die ersten Kunden und Nutzer des Ladens.

In den letzten Jahr­zehnten hat sich Kreuzberg rasant ver­ändert. Doch der M99 ist bis heute Anlauf­punkt für Men­schen aus aller Welt, die noch etwas vom Flair des alten Kreuzberg mit­be­kommen wollen. In den nächsten Tagen ist die Gele­genheit dazu besonders günstig. Denn Lin­denau und seine Unter­stützer bereiten den Wider­stand gegen die Zwangs­räumung vor. »Ich gehe hier nicht frei­willig raus«, erklärt HG, der bei einer Räumung nicht nur den Laden, sondern auch seine Wohnung ver­lieren würde, die er nach einer Quer­schnitts­lähmung in den hin­teren Räumen roll­stuhl­ge­recht ein­ge­richtet hat.

An der Kam­pagne gegen die Räumung betei­ligen sich viele Kunden. Das ist im Sinne von Lin­denau, der sich nie als Geschäftsmann gesehen hat. »Von Anfang an haben Men­schen, die im M99 Auf­kleber, Info­ma­terial und die ange­sagten linken T-Shirts und Kapu­zen­pollover erworben haben, geholfen, den Betrieb auf­recht­zu­er­halten«, benennt HG das Konzept.

Jetzt tragen die Unter­stützer dazu bei, dass im ganzen Stadtteil Plakate mit dem Motto »Bizim M99« (Wir sind alle M99) zu sehen sind. Die Parole ist an die Kam­pagne »Bizim Bakkal« ange­lehnt, mit der sich vor einigen Monaten Nachbarn für den Erhalt eines gekün­digten Gemü­se­ladens in der Kreuz­berger Wran­gel­straße enga­gierten (»nd« berichtete). Die Kün­digung wurde zurück­ge­nommen.

Mitt­ler­weile kämpft die Bizim-Initiative gegen die Ver­drängung von Mietern und kleinen Läden in ganz Kreuzberg. Sie enga­giert sich auch für den Erhalt des M99. »HG ist kein pro­fit­ori­en­tierter Geschäftsmann, sondern sieht sich und seine Arbeit als einen Teil der Kultur von unten. Deshalb gibt es auch eine Freebox – hier kann jeder geben und nehmen, was er kann und möchte«, begründete eine Akti­vistin der Bizim-Bewegung das Enga­gement für den Erhalt des Ladens. Der sei ein Anlauf­punkt für die Nach­bar­schaft, die nicht zu der kauf­kräf­tigen Ziel­gruppe der neuen Läden gehört, die sich auch in Kreuzberg aus­breiten, betont sie.

Unter dem Motto »HG/M99 bleibt« soll am 9. Januar für den Erhalt des Ladens demons­triert werden. Beginn ist um 14 Uhr am Hein­rich­platz.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​9​6​3​4​5​.​k​i​e​z​l​e​g​e​n​d​e​-​d​r​o​h​t​-​d​e​r​-​r​a​u​s​w​u​r​f​.html

Von Peter Nowak

Mit einen Mietwal gegen Miethaie

Vor einigen Monaten sorgte die Bizim-Bakkal-Bewegung im Kreuz­berger Wran­gelkiez für großes mediales Interesse. Nachdem bekannt geworden war, dass ein Gemü­se­laden in der Wran­gel­straße 77 gekündigt wurde, mobi­li­sierten Nach­ba­rInnen über Internet den Protest und gingen jeden Mittwoch auf die Straße (Mie­te­rEcho Online berichtete). In den letzten Wochen war es um die Bizim-Bakkal-Bewegung still geworden. Doch am 11.11. meldete sie sich mit einem Lich­ter­umzug zurück.
Ca. 400 Mie­te­rInnen trafen sich vor dem Gemü­se­laden, dessen Zukunft noch immer ungewiss ist. Die Wran­gelstr. 77 GmbH hat zwar die Kün­digung zurück­ge­nommen, doch ein neuer Miet­vertrag ist bis heute nicht unter­schrieben. Daher ist auch völlig unklar, welche Miet­erhö­hungen auf die Laden­in­ha­be­rInnen zukommen könnten. In einer kurzen Rede wurde nicht nur ein lang­fris­tiger Miet­vertrag für den Gemü­se­laden sondern von der Politik auch ein bes­serer Schutz des Klein­ge­werbes im Stadtteil gefordert.
Nur wenige Meter ent­fernt befindet sich die Wran­gel­straße 66. Die Mie­te­rInnen hatten Ende Juli, als die Bizim-Bewegung auf den Höhe­punkt war, die Mit­teilung erhalten, dass ihre Woh­nungen in Eigen­tums­woh­nungen umge­wandelt werden sollen und es bereits einen Kauf­in­ter­es­santen, die mit Sitz in Luxemburg, gebe. Die Mie­te­rInnen wurden auf­ge­fordert, innerhalb von zwei Monaten mit­zu­teilen, ob sie ihr gesetz­liches Vor­ver­kaufs­recht ausüben wollten. Doch sie orga­ni­sierten sich und wurden Teil der Bizim-Bewegung. Bezirks­po­li­ti­ke­rInnen haben sich ein­ge­schaltet und ange­kündigt, dass im Milieu­schutz­gebiet die Umwandlung in Eigen­tums­woh­nungen nicht infrage komme. Doch die Mie­te­rInnen fordern nun kon­krete Taten. Der Bezirk solle von seinem Vor­ver­kaufs­recht Gebrauch machen und das Haus einer öffent­lichen Trä­ger­schaft über­tragen, lautet die For­derung einer Mie­terin. Das wäre ein Signal über die Wran­gel­straße 66 hinaus, dass die Inves­to­ren­pläne auch von der Bezirks­po­litik behindert werden können.

Pro­test­lieder statt Rede
Weiter ging es dann in die Man­teuf­fel­straße 99. Dort betreibt Hans Georg Lin­denau seit mehr als zwei Jahr­zehnten seinen „Gemischt­laden mit Revo­lu­ti­ons­bedarf“, den sich der auf einen Roll­stuhl ange­wiesene Laden­be­sitzer nach seinen Bedürf­nissen ein­ge­richtet hat. Seit Jahren haben ver­schiedene Inves­to­rInnen das als Haus Pro­fit­quelle ent­deckt. Doch sie haben es schnell wieder ver­kauft, als sie mit­be­kamen, dass Lin­denau und viele Mie­te­rInnen des Hauses ihrer dro­hende Ver­treibung nicht einfach hin­nehmen wollten. Jetzt aber soll Lin­denau zum Jah­resende den Laden ver­lassen. Die Haus­ver­waltung IDEMA GmbH hat viele der ursprüng­lichen Mie­te­rInnen des Hauses gekündigt. Manche sind schon aus­ge­zogen. Lin­denau gab statt einer Rede einige Pro­test­lieder zum Besten und machte deutlich, dass er den Laden nicht frei­willig räumen wird. Der Lich­ter­umzug endete mit einem Konzert vor der Zeug­hof­straße 20, das von einem Münchner Rechts­anwalt erworben wurde. Anfangs gab er sich bewusst mie­te­rIn­nen­freundlich und kün­digte eine soziale Modern­sierung an. Daher waren die Bewoh­ne­rInnen besonders empört, als sie im Dezember 2014 mit einer Moder­ni­sie­rungs­an­kün­digung kon­fron­tiert wurden, nach der sich die Mieten mehr als ver­drei­fachen sollen. Schi­kanen setzten ein und zwi­schen­zeitlich sei die Heizung abge­stellt worden, berich­teten Bewohner/​innen auf der Kund­gebung. Auf der Route berich­teten weitere Mie­te­rInnen aus der Nach­bar­schaft von geplanten Luxus­mo­der­ni­sie­rungen. Sie wären zunächst unschlüssig gewesen, ob sie den Wider­stand auf­nehmen sollen. Doch die Existenz der Bizim-Bewegung habe ihnen Mut gemacht, berichtete eine Bewoh­nerin der Mus­kauer Straße. Tat­sächlich hat der Lich­ter­umzug deutlich gemacht, dass es der Bizim-Bewegung um mehr als den Erhalt eines Gemü­se­ladens geht. Ein Mas­kottchen hat sie bereits. An der Spitze des Zuges wurde ein beleuch­teter Wal getragen. Der hat keine Angst vor dem Miethai, dem nehmen wir jetzt immer mit zu unseren Aktionen, erklärten die Trä­ge­rInnen das Symbol.
http://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​-​o​n​l​i​n​e​/​l​a​t​e​r​n​e​n​u​m​z​u​g​-​b​i​z​i​m​.html
Peter Nowak