Mit ‘Luther Blissett’ getaggte Artikel

Ist die Zerstörung alter Kulturdenkmäler ein Verbrechen?

Mittwoch, 28. September 2016

Die Frage müsste lauten, warum werden nicht soziale Sicherheit, Bildung und Kultur zum Weltkulturerbe erklärt?

“Malischer Kulturschänder verurteilt”, titelte[1] die bürgerliche FAZ und die TAZ, das schon längst dem Teenageralter entwachsende Blatt der Bürgerkinder, hat fast den gleichlautenden Aufmacher “Haft für den Kulturschänder”[2]. Beide Autoren betonen gleichermaßen, dass der malische Tuarag-Aktivist Ahmad al Faqi al-Mahdi noch recht glimpflich davon gekommen ist, weil er für seinen Anteil an der Zerstörung von Mausoleen in Timbuktu (siehe Islamistischer Bilderstürmer vor Gericht[3]) nur neun Jahre Haft bekommen hat. Wäre er nicht voll geständig gewesen und hätte er sich für die Zerstörungen nicht entschuldigt, wäre die Strafe sicher härter ausgefallen.

Nun scheint mit dem Urteil niemand ein Problem zu haben. Schließlich gehört der Angeklagte zu den Tuareg-Aktivisten, die zeitweise mit den Islamisten verbündet waren und in den von ihnen eroberten Gebieten eine Terrorherrschaft errichteten[4]. Tatsächlich gäbe es viele Gründe, den Islamisten und ihren Verbündeten den Prozess zu machen.

Dazu zählt ihr Terror durch eine brutale Scharia-Auslegung, die Verfolgung von Frauen, die sich nicht von den Islamisten unterdrücken lassen wollten, Grausamkeiten gegen Andersdenkende. Doch statt den Angriff auf Würde und Rechte der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, wird vom Internationalen Strafgerichtshof die Zerstörung alter Gemäuer als Kriegsverbrechen verurteilt.

Ein katholischer Heiliger als Kriegsverbrecher?

Dabei gehörte die Zerstörung von Kirchen und Gebäuden und Orten, die zu heiligen Städten erklärt worden waren, jahrtausendelang zur Praxis jeder Armee, die ein Gebiet besetzt hat. Es war in der Regel eine Machtdemonstration und sollte die Unterlegenen demoralisieren. Als sich in Europa das Christentum ausbreitete, war die Zerstörung von Heiligtümern der zu Heiden erklärten Indigenen ein wichtiger Bestandteil der Expansion.

Bonifatius soll einen für die Bewohner einer germanischen Provinz heiligen Baum gefällt haben, um ihnen zu demonstrieren, dass dort nicht der Donnergott wohnt, der Blitz und Verderben über die Menschen bringt. Bonifatius wird von Katholiken bis heute verehrt[5]. Teile seiner Reliquien werden noch immer im Dom zu Fulda von Gläubigen angebetet. Verehren sie damit einen Verbrecher, sogar einen Kriegsverbrecher?

Nach dem Urteil des Internationalen Strafgerichtshof könnte seine Tat so klassifiziert werden. Schließlich ließ Bonifatius den “heiligen Baum” fällen, um die bisherige Kultur und Religion der Indigenen nachhaltig zu erschüttern. Das waren aber gängige Methoden aller Propheten, die eine neue Religion etablieren wollten. Dazu mussten erst die alten Glaubenssysteme und ihre heiligen Orte entweiht werden.

Daneben wurden solche Zerstörungen seit jeher in eroberten Gebieten durchgeführt. Das galt bei Kriegen in Europa, mehr noch aber in den von den Europäern eroberten Gebieten auf den afrikanischen, amerikanischen und asiatischen Kontinenten. Die noch heute heuchlerisch als Entdecker gefeierten Eroberer wären nach dem Urteil aus Den Haag alle Kriegsverbrecher.

Zerstörung von Kulturdenkmälern kann auch Befreiung zum Motiv haben

Doch gab es auch ein anderes Motiv der Zerstörung von alten Kulturdenkmälern. Bei Revolutionen kann damit der Sturz der alten, verhassten Ordnung symbolisiert werden. In der kurzen Zeit der Macht der Wiedertäufer in Münster, die in dem historischen Roman Q[6] des Künstlerkollektivs Luther Blissett als eine Mischung aus religiösem Wahn und Diktatur des frühbürgerlichen Proletariats beschrieben wird, war der Abriss des monumentalen Doms ein demonstratives Zeichen dafür, dass die alten Mächte verloren haben.

Es dauerte allerdings nur wenige Monate und die alten Herrscher eroberten die Stadt zurück und ließen den Dom noch monumentaler wieder aufbauen. Auch später zerstörten aufbegehrende Menschen Kulturstätten, Kirchen und Schlösser der alten Mächte, um damit deutlich zu machen, dass diese auch architektonisch ihren Einfluss verloren haben. Das war zum Beispiel während der spanischen Revolution der Fall, als vor allem die Landbevölkerung den verhassten Klerus und die Feudalgesellschaft damit bestrafen wollte, indem viele Klöster, Schlösser und Kirchen zerstört wurden.

Der Roman Ästhetik des Widerstands[7] von Peter Weiss beginnt mit einem langen Kapitel, in dem sich drei deutsche Antifaschisten vor dem in Berlin ausgestellten Pergamonaltar[8] über die Rolle von Kunst unterhalten.

Sie interpretieren die Motive des Altars als antike Klassenkämpfe und sehen in ihm ein Denkmal der Inspiration für ihre Kämpfe, das sie bewahren wollen. An einer Stelle kommt die alte Mutter eines der drei Antifaschisten kurz zu Wort, die einwirft, dass die Unterdrückten diese alten Steine weniger kulturphilosophisch betrachten würden. Für sie wären sie eher gute Barrikaden bei den Revolten. Auch für den Hausgebrauch könnten sie verwendet werden.

Weltkulturerbe ist eher ein Programm zur Förderung des Tourismus

So berichten immer wieder Archäologen, dass Dorfbewohner in Peru und Mexiko Steine für den Hausbau aus Stätten mitnehmen würden, die zum Weltkulturerbe erklärt worden sind. Kritiker sehen im Weltkulturstatus vor allem eine Förderung für zahlungskräftige Touristen, die sich an den alten Kulturen erfreuen wollen. Für die Bewohner der Umgebung habe das nicht immer positive Folgen.

Wenn nun der Internationale Gerichtshof sein Urteil damit begründet, dass die Denkmäler für die Bewohner von Timbuktu einen “hohen symbolischen und moralischen Wert” haben, sind sicher die Ausrichter der Tourismusprogramme auch gemeint. Die meisten Menschen in dieser Umgebung aber profitieren davon nicht, dass alte Gemäuer zu Kulturdenkmälern erklärt werden. Was sie brauchen, ist eine soziale Versorgung, Bildung und Gesundheit.

Solche Forderungen wurden immer wieder von einer starken sozialen Bewegung in Mali gestellt, was in dem Film Bamako[9] von Abderrahmane Sissako[10] deutlich wird, der ein fiktives Sozialforum in Malis Hauptstadt zum Thema hat.

Dort werden viele drängende Probleme der malischen Bevölkerung angesprochen: Armut, Unterernährung, Perspektivlosigkeit und die Migration vieler junger Menschen. Der Schutz von alten Gemäuern gehört nicht dazu.

So sollte doch die Frage gestellt, warum nicht das Zur-Verfügung-Stellen sozialer Versorgungssysteme, von Bildung und Gesundheit zum Weltkulturerbe erklärt wird und alle die Kräfte in Politik und Wirtschaft, die dafür verantwortlich sind, dass dies nicht gewährleistet wird, juristisch zur Verantwortung gezogen werden?

http://www.heise.de/tp/artikel/49/49549/1.html

Peter Nowak

Anhang

Links

[0]

https://www.flickr.com/photos/magharebia/8456723770/in/album-72157627453032919/

[1]

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/afrika/malischer-kulturschaender-in-den-haag-verurteilt-14455909.html

[2]

http://www.taz.de/!5339596/

[3]

http://www.heise.de/tp/artikel/49/49217/

[4]

http://www.heise.de/tp/artikel/49/49217/

[5]

http://www.bistum-fulda.de/bistum_fulda/bistum/bistumsheilige/heiliger_bonifatius.php

[6]

http://www.assoziation-a.de/buch/186

[7]

http://www.suhrkamp.de/buecher/die_aesthetik_des_widerstands-peter_weiss_45688.html

[8]

http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/antikensammlung/sammeln-forschen/3d-modell-des-pergamonaltars.html

[9]

http://www.archipel33.fr/site/index.php?option=com_content&task=view&id=287&Itemid=2&lang=fr

[10]

http://www.imdb.com/name/nm0803066

Wu Ming: 54

Montag, 09. November 2015

Das Jahr 1954: Die McCarthy-Ära neigt sich ihrem Ende entgegen. Der Kalte Krieg steuert auf einen neuen Höhepunkt zu. Dem AutorInnenkollektiv «Wu Ming» ist mit dem Roman «54» ein grosser Wurf gelungen, ein faszinierendes Zeitgemälde voll überraschender Wendungen, in dem Geschichte neu entdeckt und neu erfunden wird.

Vom Tellerwäscher zum Hollywood-Star, der Schauspieler Cary Grant hat diesen Mythos gelebt. Weil er aus ärmlichen Verhältnissen kam, war Grant der Held der italienischen Arbeiterkneipen in den ersten Nachkriegsjahren. Diese Welt lässt das Kollektiv «Wu Ming» lebendig werden. Hinter diesem Namen verbergen sich künstlerisch und literarisch tätige AktivistInnen der ausserparlamentarischen italienischen Linken. 1994 trat das Kollektiv unter dem Label «Luther Blissett» auf und nutzte das damals noch neue Internet für die Kommunikationsguerilla.

Mit dem Roman «Q» verabschiedete sich die KünstlerInnengruppe «Luther Blissett». Wenig später konstituierte sich das Kollektiv «Wu Ming», was aus dem chinesischen übersetzt «Ohne Namen» heisst. Die Praxis linker KünstlerInnen, ihre Namen hinter einem Kollektivbegriff zu verbergen, ist alt. Schon in der frühen Sowjetunion wollten KünstlerInnen völlig in einem Kollektiv aufgehen und lehnten die Nennung der eigenen Namen als bürgerlich ab. Diese Praxis wurde während den gesellschaftlichen Aufbrüchen von 1968 wieder aufgegriffen. In Frankreich etwa wollten bekannte FilmemacherInnen wie Chris Marker zeitweise nicht mehr unter ihren Namen, sondern nur noch als Kollektiv «Vertow» Filme drehen. «Luther Blissett» dürfte allerdings auch vom zapatistischen Aufstand beeinflusst worden sein. Damals verbarg Subcommandante Marcos sein Gesicht hinter einer Skimütze und beschwor das Kollektiv statt den Personenkult. All diese Bezüge dürften dem Kollektiv «Wu Ming» bekannt sein, das mit «54» einen hochkomplexen Kriminalroman mit vielen realen und historischen Bezügen verfasst hat.

Linker, aber kein politisch korrekter Krimi

Die häufig gestellte Frage, ob es einen spannenden linken Kriminalroman überhaupt geben kann, beantworten die AutorInnen mit einem klaren Ja. Es gelingt ihnen in «54» eine Spannung aufzubauen und bis zum Schluss zu halten. Einige Episoden bieten Stoff für einen Thriller. Schiessereien mit vielen Toten und einem Überlebenden gibt es dort ebenso wie viele derbe Witze, denn «Wu Ming» hat zwar einen linken, aber keinen politisch korrekten Krimi geschrieben, schliesslich spielt die Handlung auch nicht in einem sozialen Zentrum der Gegenwart, das Buch führt uns vielmehr ins Jahr 1954 nach Bologna und dort in die Bar Aurora, den Treffpunkt der italienischen KommunistInnen mit oder ohne Parteibüchlein. Ort und Jahr sind bewusst gewählt. Stalin ist tot, aber die Geheimrede, auf der sein Nachfolger Chruschtschow mit dem Stalinismus abrechnete und die kommunistische Weltbewegung nachhaltig erschütterte, war noch nicht gehalten. In Guatemala sorgte das Militär dafür, dass das Land mit Hilfe der CIA wieder zur Filiale der «United Fruit Company» wird, wie bereits seit Jahrzehnten. Der demokratisch gewählte Präsident Arbenz, der kein Kommunist war, aber linke GewerkschafterInnen in die Regierung holte, wurde blutig gestürzt.

Doch die BesucherInnen der roten Bar, die für viele auch eine verlängerte Wohnküche war, interessierte Weltpolitik nur sehr eingeschränkt und komplizierte theoretische Debatten fanden kein Interesse. Stalin war für die meisten irgendwie noch ein guter Mann und die USA galten als Verbündete der FaschistInnen, die dafür gesorgt hatten, dass in Italien nach Ende des Mussolini-Regimes die starke PartisanInnenbewegung entwaffnet und in die Opposition gezwungen wurde. Man tröstete sich damit, dass die kommunistische Bewegung wenigstens nicht in den Untergrund oder ins Exil musste, wie etwa in Griechenland. Geteilte Meinungen hatte man in der Aurora-Bar über Tito, der schliesslich von Stalin aus der kommunistischen Bewegung ausgeschlossen worden war. War er nun ein Verbündeter der Imperialisten, wie besonders Starrköpfige die Propaganda aus Moskau nachbeteten? Warum aber blieb der Vater des Barmanns Robespierre, einer der zentralen Helden von «54», in Jugoslawien, wo er schnell zwischen alle Fronten geriet? Er hatte im Partisanenkampf mit titoistischen GenossInnen kooperiert, die er nicht auf Knopfdruck zu FeindInnen erklärte und mit denen er den Sozialismus in Jugoslawien aufbauen wollte. Doch auch dort wollte er sich das kritische Denken nicht verbieten lassen und wurde zur verfolgten Persona Non Grata, der in einer alten verfallenen Hütte Zuflucht suchen musste. In dieser Situation besuchte ihn sein Sohn Robespierre auf abenteuerliche Weise. Dieser Reise und seine spektakulären Begleitumstände, wozu auch gehörte, dass Robespierre Cary Grant, der ebenfalls in einer geheimen Mission in Jugoslawien weilte, das Leben rettete, machen neben vielen Verwicklungen und Nebensträngen den Grossteil der Handlung des Buches aus.

Kommunistisches Milieu des Nachkriegsjahrzehntes

Das ist spannend erzählt, was schliesslich einen guten Krimi ausmacht. Das besondere von «54» aber ist der Einblick ins Milieu italienischer KommunistInnen der Nachkriegsjahre, das es heute so nicht mehr gibt. Gelegentlich träumte man in der Aurora-Bar noch davon, die versteckten Waffen aus den Tagen des Partisanenkampfes doch noch aus dem Versteck hervorzuholen und auch in Italien eine Revolution zu beginnen. Schliesslich trägt die Bar die Morgenröte im Namen, und damit war nicht nur die Tageszeit gemeint, in der die letzten BesucherInnen den Heimweg antreten mussten. Wenn in dem Buch in mehreren Absätzen beschrieben wird, wie das Stammpublikum der Bar über die Frage stritt, ob nun ein Fernsehgerät angeschafft werden sollte und der Parteisekretär, auf dem auch bei dieser Frage viele schauten, diese Frage zum individuelles Problem erklärte, in das sich die Partei nicht einmischte, dann führt das Buch mitten hinein in das Leben italienischer Militanter. Zwischen den Kapiteln gibt es immer wieder Seiten, auf denen die Schlagzeilen über italienische und weltpolitische Ereignisse im Jahre 1954 aufgeführt sind. Die von der Polizei aufgelöste Gewerkschaftsdemo in Bologna steht neben den US-Putsch in Guatemala. Und ganz zum Schluss kommt noch ein junger Rechtsanwalts ins Spiel, der gerade einen Aufstand in seinen Land angeführt und verloren hatte und nach Mexiko geflohen war. Der Mann schüttelte den alten italienischen Partisanen die Hand und stellte sich als Castro Ruz vor.

Der Verlag Assoziation A hat angekündigt, weitere Bücher des «Wu Ming»-Kollektivs ins Deutsche übersetzen zu lassen. Nach «54» zu urteilen, wird es ein hochpolitisches Lesevergnügen.

Wu-Ming: 54. Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold übersetzt, erschienen beim Verlag Assoziation A, Berlin. 528 Seiten. 24,80 Euro.

http://www.vorwaerts.ch/

Peter Nowak