»Wie eine Festung«

Im Tarif­kon­flikt mit dem Online-Ver­sand­händler Amazon ver­suchte die Gewerk­schaft Verdi im Oster­ge­schäft den Druck zu erhöhen und rief an meh­reren Stand­orten zum Streik auf. Die Jungle World sprach mit Roberto Luzzi. Er ist Aktivist der ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft SI Cobas, die Arbeits­kämpfe in der Logis­tik­branche orga­ni­siert. Mit einer SI-Cobas-Dele­gation besuchte er am 31. März die strei­kenden Amazon-Arbeiter in Leipzig.

Wie war Ihr Ein­druck vom Arbeits­kampf?

Es ist sehr positiv, dass in Deutschland die Orga­ni­sierung der Amazon-Mit­ar­beiter gelungen ist und sie mehrmals in den Streik getreten sind. In Italien ist uns das bisher nicht gelungen.

Was sind dort die Pro­bleme?

Die meisten Amazon-Beschäf­tigten in Italien haben extrem befristete Ver­träge, was eine Orga­ni­sierung sehr schwer macht. Zudem ist das größte ita­lie­nische Amazon-Werk in Pia­cenza wie eine Festung aus­gebaut, so dass wir nicht mit den Beschäf­tigten sprechen können.

Haben Sie in Leipzig auch kri­tische Ein­drücke gesammelt?

Mir ist negativ auf­ge­fallen, dass bei der Streik­ver­sammlung nur Gewerk­schafts­funk­tionäre und nicht die Beschäf­tigten zu Wort kamen. Zudem gab es keine Ver­suche, die Beschäf­tigten, die sich nicht am Streik betei­ligten, am Betreten des Werkes zu hindern. Auch LKW konnten während des Streiks unge­hindert auf das Gelände fahren und es ver­lassen. Es gab weder Blo­ckaden noch Ver­suche, mit Flug­blättern für den Streik zu werben.

Konnten Sie Kon­takte mit den Kol­legen knüpfen?

Wir haben auf der Streik­ver­sammlung über die Basis­ge­werk­schaft SI Cobas und die Arbeits­kämpfe in der ita­lie­ni­schen Logis­tik­branche infor­miert und eine mit viel Applaus bedachte Soli­da­ri­täts­er­klärung ver­lesen.

Könnten sich die trans­na­tio­nalen Kon­takte ver­ste­tigen?

Bei kon­kreten Streik­ak­tionen ist es einfach, Soli­da­rität aus­zu­drücken und mit den Kol­legen in Kontakt zu kommen. Viel schwie­riger sind offi­zielle Ver­bin­dungen zwi­schen den Gewerk­schaften. Das liegt daran, dass die DGB-Gewerk­schaften nur Kon­takte zu den großen offi­zi­ellen Gewerk­schafts­bünden in Italien unter­halten. Mit ­denen ist eine Zusam­men­arbeit bei der Firma DHL möglich. Doch in der Regel bekämpfen sie die Basis­ge­werk­schaft SI Cobas in der Logis­tik­branche und haben sich sogar in einem Brief an die Logis­tik­un­ter­nehmen beschwert, dass sie mit uns einen bes­seren Tarif­vertrag als mit ihnen abge­schlossen haben. Dabei ist dieser Erfolg das Ergebnis unserer kämp­fe­ri­schen Gewerk­schafts­po­litik

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​1​5​/​5​1​7​5​1​.html

Peter Nowak

Basis blockiert Bosse

In Italien kämpfen die Logistikarbeiter

«Vor zwei Jahren hatte unsere Gewerk­schaft in Rom drei Mit­glieder. Heute sind es drei­tausend», erklärt Karim Fac­chino. Er ist Lager­ar­beiter und Mit­glied der ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft S.I. Cobas. Eine Dele­gation ita­lie­ni­scher Gewerk­schafter aus der Logis­tik­branche und Unter­stützern aus der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken reiste vorige Woche durch Deutschland. Die Gruppe berichtete bei Ver­an­stal­tungen in Ess­lingen, Köln und Berlin über Arbeits­kämpfe in der ita­lie­ni­schen Logis­tik­branche, die sich schon über vier Jahre hin­ziehen und hier­zu­lande bisher kaum bekannt sind.

Diese Aus­ein­an­der­set­zungen sind auch der Grund für den rasanten Mit­glie­der­zu­wachs der S.I. Cobas, in der sich die Logis­tik­be­schäf­tigten orga­ni­siert haben. «Die Gewerk­schaft hat keine bezahlten Funk­tionäre, nur einen Koor­di­nator, doch sein Platz ist nicht am Schreib­tisch eines Büros sondern auf der Straße und vor der Fabrik», sagt Fac­chino.

Träger der Aus­ein­an­der­set­zungen bei­spiels­weise waren schlecht bezahlte Lager­ar­beiter großer Waren­häuser, die aus vielen euro­päi­schen, ara­bi­schen und nord­afri­ka­ni­schen Staaten ange­worben worden waren. Sie sind oft nicht direkt bei den Waren­häusern sondern bei Sub­un­ter­nehmen ange­stellt. «Die Bosse haben gedacht, wir können uns nicht wehren, doch da haben sie sich getäuscht», so Fac­chino, der in Marokko geboren wurde.

Die Beschäf­tigten fordern die Ver­kürzung der Arbeits­zeiten und höhere Löhne. Ein zen­trales Mittel im Arbeits­kampf waren Blo­ckaden, wenn Waren ange­liefert worden sind. Die Polizei ging oft mit bru­taler Gewalt gegen die Beschäf­tigten vor. Die Bilder von Arbeitern, die von der Polizei blutig geschlagen wurden, sorgten in ganz Italien für Empörung. Dadurch wurde die Unter­stützung für die For­de­rungen der Beschäf­tigten größer. Die Unter­stüt­zer­gruppen nutzten auch Filme und Videos, um den Kampf der Beschäf­tigten bekannt zu machen. «Damit bekamen viele Men­schen, die bisher wenig von dem Arbeits­kampf wussten, eine Ahnung von der Ent­schlos­senheit der Beschäf­tigten, für ihre For­de­rungen zu kämpfen und von der Staats­gewalt, der sie aus­ge­setzt waren, berichte ein Mit­glied der Initiative Clash City Workers. Darin haben sich außer­par­la­men­ta­rische Linke orga­ni­siert, die die Arbeits­kämpfe unter­stützen und die Ver­bindung zwi­schen den Beschäf­tigen, linken Gruppen und sozialen Zentren in Italien auf­recht erhalten.

Die Unter­stüt­zungs­arbeit ist viel­fältig. Öffent­lich­keits­arbeit mit Zei­tungen, Videos und Filmen gehört ebenso dazu wie die Betei­ligung an einer Blo­ckade oder einen Streik­posten. Aber auch die Ver­bindung ver­schie­dener Bewe­gungen ist den Unter­stützern wichtig. So wurde bei einem Streik der Müll­ar­beiter Kontakt zu öko­lo­gi­schen Gruppen her­ge­stellt, die ein neues Recy­cling­konzept ent­wi­ckelt hatten. Ein Ziel der Rund­reise durch Deutschland war für die Dele­gation auch die bessere Koor­di­nation der Arbeits­kämpfe. Sie betei­ligte sich auch an der Pro­test­aktion vor einer IKEA-Filiale in Berlin.

Denn in den letzten Tagen war der Arbeits­kampf des zen­tralen süd­eu­ro­päi­schen IKEA-Logis­tik­zen­trums in Pia­cenza wieder auf­ge­flammt. Nachdem die Geschäfts­führung 70 gewerk­schaft­liche Akti­visten mit Dis­zi­pli­nar­maß­nahmen belegte und 30 Gewerk­schafter entließ, blo­ckierten die Beschäf­tigen mehrere Tage die Zufahrtswege zu dem Werk. Am 9. Mai wurde ein Arbeiter schwer ver­letzt, als ein Auto in die Blo­ckade raste.

Infos und Filme: de​.labournet​.tv

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​3​3​8​7​3​.​b​a​s​i​s​-​b​l​o​c​k​i​e​r​t​-​b​o​s​s​e​.html

Peter Nowak