Die Tragik des Rätekommunisten Willy Huhn

Auf der Suche nach Rosa Luxem­burgs Erbe?

Buch­be­spre­chung

Gester Jochen: Auf der Suche nach Rosas Erbe, Der deutsche Marxist Willy Huhn (1909 – 1970), Die Buch­ma­cherei, Berlin 2017, 627 Seiten, ISBN 978–3- 00–056463-5, 22 Euro

„Mit Willy Huhn ver­lieren seine per­sön­lichen und poli­ti­schen Freunde einen guten Genossen, der als sozia­lis­ti­scher Theoreti ker, Päd­agoge und Publizist eine wert­volle poli­tische Arbeit ge- leistet hat. Willy ver­fügte über eine bemer­kens­werte Denk- und Aus­drucks­kraft, die er mit starkem Willen und der Fähigkeit zu tiefen Emp­fin­dungen verband. Am meisten erstaunte sein en- zyklo­pä­di­sches Wissen, das er sich auto­di­dak­tisch ange­eignet hat.“ Diese Rede wurde von West­ber­liner Jung­so­zia­listen am 24.2.1970 auf der Trau­er­feier für Willy Huhn gehalten. Damit wurde ein Mann ver­ab­schiedet, der mit 61 Jahren nach langer schwerer Krankheit gestorben ist und in seinen letzten Jahren noch einmal Kontakt zur jungen Generation der sich gerade ent­wi­ckelnden außer­par­lamen- tari­schen Bewegung bekommen hat. Es zeugt von der Offenheit und Neu­gierde von Huhn, dass er einer sich gerade ent­wi­ckeln- den Neuen Linken noch etwas von der Geschichte des Räte- kom­mu­nismus ver­mitteln konn- te, einer linken mar­xis­ti­schen Strömung jen­seits von Nomi­nal­so­zia­lismus und Sozi­al­de­mokra- tie. Huhn konnte noch die An- fänge der Dog­ma­ti­sierung der Neuen Linken in ver­schiedene K-Gruppen wahr­nehmen und davor warnen. Lange Zeit war Huhn nur Insidern bekannt. Jetzt hat Jochen Gester, der Gründer des Verlags „Die Buch­mache- rei“, in langer For­schungs­arbeit das Leben des Willy Huhn auf­ge­ar­beitet. Das vor­züglich lekto- rierte Buch gibt einen Über­blick über das unge­wöhn­liche Leben eines Mannes, der schon in frü­hester Jugend mit räte­kom­mu­nis­ti­schen Gedan­kengut in Berührung kam. Der Kampf gegen die Zwil­lings­brüder der sta­li­nisti- schen und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Kon­ter­re­vo­lution bestimmten sein poli­ti­sches Leben, das ihn nicht vor ver­hee­renden poli­ti­schen Fehl­schlüssen bewahrte. In einer biogra schen Skizze zeigt Gester wie der junge Huhn unter seinem tyran­ni­schen Vater gelitten hat, der ihn mehrmals kran­ken­hausreif schlug. Doch mehr noch litt Huhn dar­unter, dass sein Vater und später seine Schwester sein Tagebuch mit den Texten aus früher Jugend an sich nahmen und ver­nich­teten. Huhn empfand das als Dieb­stahl seiner Kindheit. Er rebel­liert in frü­hester Jugend gegen den auto­ri­tären Patri­archen, in dieser Zeit bezog er sich positiv auf den Anar­chismus und erlebte den frühen Tod des Vaters als Befreiung. „Ich habe Prügel bekommen von 2–3 bis 18 Jahren. D.H. bis in die letzte Zeit, viel Prügel, Prügel über Prügel und noch mal Prügel“, schreibt Huhn als er die sozia­lis­tische Jugend­be­wegung ent­deckt.


Willy Huhn: „Der Sozia­lismus – ich gehöre ihm“

Schnell kommt er in Kontakt mit Ein­zel­per­sonen, die jen­seits der SPD und der KPD für eine räte- kom­mu­nis­tische Linie ein­traten. Dar­unter auch SPD-Mit­glieder am linken Rand, die vom Aus­schluss bedroht waren. In der Links­ab­spaltung Sozia­lis­tische Arbeiter Partei (SAP) gehörte Huhn mit seiner kleinen Gruppe zum anti­par­la­men­ta­ri­schen Flügel. „Klas­sen­kampf statt Wahl­kampf“, hieß die Losung von Huhn und seinen Freun­dInnen. Dabei wird deutlich, dass sie, was die Hoch­haltung der reinen Lehre betraf, ihren Kontra- hen­tInnen in nichts nach­standen. Noch wenige Monate vor Macht­an­tritt des Natio­nal­so­zia­lismus stritten sich die unter­schied­lichen Frak­tionen der SAP über die richtige Linie im Umgang mit dieser Bewegung.

Für den deut­schen Endsieg
Im NS-Staat ver­suchte die Gruppe zunächst zu über­wintern, ein Teil ging in den Wider­stand, mehrere seiner Freunde starben in Kon­zen­tra­tions- oder Ver­nich­tungs­lagern. Huhn aber wurde 1941 zum Ver­fechter des deut­schen End­siegs. Gester fand diese Texte im Nachlass und es spricht für ihn, dass er sie eben­falls in das Buch aufnahm. Wir lernen keinen Helden kennen, sondern einen Mann, der neben seiner tref­fenden Kritik an Nomi­nal­so­zia­lismus und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Eta­tismus eben auch im Jahre 1941, als der NS- Régime Europa mit Terror überzog, diese Sätze schrieb: „Wir können uns jeden­falls keine Par- lamen­ta­ri­sierung Deutsch­lands noch die Bal­ka­ni­sierung Mit­tel­eu­ropas wün­schen, solange die übrige Welt impe­ria­lis­tisch ist. Deshalb muss Deutschland siegen“. Huhn war sich nicht nur sicher, dass Deutschland nicht geschlagen werden kann, sondern setzte noch hinzu: „Diese Über­zeugung beruht gerade auf meinen kriegs­wirt­schaft­lichen Studien, und ich glaube von mir sagen zu können, dass ich heute von Kriegs­wirt­schaft ebenso viel ver­stehe wie von der Geschichte“. Damit stellt er sich nun selber kein gutes Zeugnis über die Beur­teilung seiner wis­sen­schaft­lichen Arbeiten aus. Nach 1945 äußerte er stel­len­weise Scham über seine NS-Apo­logie, sprach von Ver­ein­samung ohne den Kontakt mit Genos­sInnen. Nach einen kurzen Inter­mezzo in der Sowje­ti­schen Besat­zungszone, wo er in die KPD und dann in die SED ein­ge­treten war, mit der auto­ri­tären Partei in Kon­flikt geriet, sie­delte er nach West­berlin über, wo er sich zunächst in der SPD und nach seinem Aus­schluss in ver­schie­denen links­so­zia­lis­ti­schen Kleinst­pro­jekten enga­gierte und sich dabei immer schnell auch mit den eigenen Genos­sInnen überwarf. Huhn hat viele Texte pro­du­ziert, vie- le sind in dem Buch das erste Mal ver­öf­fent­licht. Nur ein Teil konnte im Wälzer Platz finden, der Rest ist im PDF-Format auf einer DVD zu nden, die dem Buch bei­liegt. Es sind hellsich- tige Texte dabei über Politik, Wirt­schaft und Kultur. Huhn wurde einer der frühen Kri­tiker der Atom­kraft, nicht nur die Bom­ben­pro­duktion sondern auch die soge­nannte fried­liche Nutzung lehnte er ab. Schon Ende der 1950er Jahre ver­sucht er eine Anti-AKW-Initiative in West­berlin ins Leben zu rufen. Er lebte am Rande des Existenz- minimums und konnte Berlin nur spo­ra­disch ver­lassen, weil er sich regel­mäßig beim Arbeitsamt melden musste, um seine karge Unter­stützung nicht zu ver­lieren.

In der Tra­dition des Natio­nal­kom­mu­nismus
Huhns kri­ti­scher, noch heute aktu­eller Text zu Martin Luther ist eine Aus­nahme. Ansonsten zieht sich durch seine Schriften ein brauner Faden, der davon zeugt, dass er sich mit der Kritik an Natio­na­lismus und Anti­se­mitis- mus kaum beschäftigt hat. Es wird deutlich, dass seine zeit­weilige NS-Apo­logie kein Zufall ist. Später schreibt er mehrmals von Deutschland als eines „total besiegten Volkes“. Da war Huhn bestimmt nicht auf der Suche nach dem Erbe von Rosa Luxemburg, wie der Titel des Buches sug­ge­riert. Die ent­schiedene Anti­na­tio­na­listin hätte sicher daran erinnert, dass die revo­lu­tionäre Arbei­ter­klasse in Deutschland schon im Frühjahr 1919 von den Frei­korps im Bündnis mit der SPD besiegt wurde. Ein eigenes Kapitel widmet Gester Huhns Schriften zum Judentum und Zio­nismus, die man wirklich lieber nicht lesen möchte, wie der isra­el­so­li­da­rische Kom­munist Jochen Bruhn in seiner Aus­ein­an­der­setzung mit Huhn richtig bemerkte. Doch es ist wichtig, dass man sie jetzt lesen kann. Huhn ging sogar soweit, Mit­glieder des Zen­tralrats der Juden mit Schriften gegen Israel und den Zio­nismus zu beläs­tigen. Als sich die israe­lische Regierung Mitte der 1960er gegen den Auf­stieg der NPD wehrte, schrieb Huhn: „Mit welchem Recht fordern denn die Israelis von der Bun- des­re­publik eine Bekämpfung der NPD – die sowieso von allen poli­ti­schen Par­teien abge­lehnt und ange­griffen wird? … Die Israelis sollen erstmal vor ihrer eigenen Tür kehren, ehe sie sich in solche Ange­le­gen­heiten bei uns ein­mi­schen.“ Zuvor hatte er die israe­li­schen Sol­daten mit der SS ver­glichen. Bei solchen Tönen ist es auch nicht ver­wun­derlich, dass Huhn auch zeit­weise für ein Quer­front­blättchen publi­zierte, das nationali- stische Linke ansprach und in anderen Artikeln die NPD lobte. Es ist aber falsch, wenn Bruhn wegen Huhns Natio­na­lismus und Anti­se­mi­tismus gleich seine gesamten räte­kom­mu­nis­ti­schen Inhalte begraben will. Huhn be- zog sich in seiner letzten Schrift, die er 1968 ver­fasst hat, und an die APO gerichtet war, auf die natio­nal­kom­mu­nis­tische Gruppe der frühen 1920er Jahre um Lau­fenberg und Wolffheim und pro­pa­gierte dort: „Eine Linke, die nicht auch die berech­tigten Inter­essen des deut­schen Volkes nach außen hin ver­tritt, und gerade gegen die Sie­ger­mächte von 1945, wird niemals eine Mehrheit des deut­schen Volkes hinter sich haben, die Situation ist heute noch übler als nach dem Ver­sailler Ulti­matum von 1919.“ Hier ist in jedem Wort ein deutsch­na­tio­nales Res­sen­timent zu nden und hier ist Huhn nicht auf der Suche nach Rosas Erbe, sondern auf der Su- che nach dem deut­schen Natio­na­lismus. So stehen wir vor den Schriften eines Mannes, der bei all den vielen erhel­lenden Texten über Sozi­al­de­mo­kratie und Sta­li­nismus vom Natio­nal­kom­mu­nismus nicht loskam. Das macht die eigent­liche Tragik von Willy Huhn aus.

aus: gras­wur­zel­re­vo­lution 423 november 2017
Peter Nowak