Die Rote Hilfe in der BRD

In den letzten Wochen haben Häft­linge in Bremen und Thü­ringen mit Hun­ger­streiks gegen die aus ihrer Sicht unzu­mut­baren Haft­be­din­gungen pro­tes­tiert. Auch die linke Öffent­lichkeit nahm wenig Notiz davon. Schließlich han­delte es sich nicht um poli­tische Gefangene, die in der Regel Unter­stüt­zer­gruppen haben. Dabei gibt es auch bei sognannten sozialen Gefan­genen eine Tra­dition von Kämpfen um ihre Rechte.Angespornt durch den poli­ti­schen Auf­bruch infolge der 68er Bewegung, als die Zahl der Gefan­genen aus poli­ti­schen Gründen anwuchs, poli­ti­sierten sich auch soziale Gefangene. Sie wollten nicht ein­sehen, dass die poli­ti­schen Gruppen Soli­da­ri­täts­ak­tionen vor den Knästen orga­ni­sierten und dort nur die poli­ti­schen Gefan­genen grüßten. Für die sozialen Gefan­genen, die ebenso sehn­süchtig an den Git­ter­stäben standen und die Nach­richten von draußen anhörten, war das eine Pro­vo­kation. Sie grün­deten in vielen Knästen Gefan­ge­nenräte. Der Mann­heimer Knastrat wurde im Januar 1974 sogar bun­desweit bekannt, als er auf­deckte, wie der 25jährige Häftling Hans Peter Vast in der Nacht zum 27.Dezember 1973 in einer Zelle von Wärtern tot­ge­schlagen wurde. Doch seine Bekanntheit konnte nicht ver­hindern, dass auch der Gefan­ge­nenrat kri­mi­na­li­siert, zer­schlagen und dann ver­gessen wurde.

Der Publizist Friedrich Bur­schel hat die Geschichte rekon­struiert und unter dem Titel Das Prinzip Soli­da­rität im Laika-Verlag ver­öf­fent­licht. In zwei Bänden haben 20 Autoren eine andere Geschichte der linken Bewegung aus den Jahren 1968–1980 geschrieben, die flüssig zu lesen und infor­mativ ist.

Die Autoren haben die unter­schied­lichen Facetten der poli­ti­schen Fun­da­men­tal­op­po­sition und ihrer Soli­da­ri­täts­arbeit unter­sucht, ohne diese zu denun­zieren. Die ver­schie­denen mao­is­ti­schen Gruppen, die in den 70er Jahren neben­ein­ander exis­tierten und gele­gentlich gegen­ein­ander agierten, werden poli­tisch kri­ti­siert. Ihre poli­tische Arbeit wird aber aus ihrer Zeit heraus erklärt. Ebenso gehen ver­schiedene Autoren mit der Soli­da­ri­täts­arbeit der Gefan­genen aus der Rote Armee Fraktion (RAF) und anderen Gue­ril­la­gruppen in den 70er Jahren um. Deren Taktik in der Gefan­ge­nen­arbeit war unter­schiedlich, was sich auch auf die Soli­da­ri­täts­arbeit aus­wirkte.

Michael März zeigt am Bei­spiel des Inter­na­tio­nalen Komitees zur Ver­tei­digung poli­ti­scher Gefan­gener in West­europa auf, wie alle Bemü­hungen um humane Haft­be­din­gungen staat­li­cher­seits unter Ter­ro­ris­mus­ver­dacht gestellt wurde. Eine wahre Fund­gruppe sind die Auf­sätze über die Soli­da­ri­täts­arbeit außerhalb der Groß­städte. So erinnert die AK Hei­mat­ge­schichte an die Unter­stüt­zungs­arbeit mit den Ram­stein 2 in Zwei­brücken. Die Ver­an­stal­tungen und Soli­da­ri­täts­de­mons­tra­tionen mit zwei Mit­gliedern der Black Panther Party, die für ihre Ziele unter US-Sol­daten in Ram­stein werben wollten und kri­mi­na­li­siert wurden, sorgte in der Provinz 1971/72 mona­telang für Aufruhr. Kaum bekannt ist, dass 1976 ein Ver­fahren wegen der Bro­schüre Der Tod der Ulrike Meinhof jah­relang aus­ge­rechnet in der erz­ka­tho­li­schen CDU-Hochburg Fulda in Ost­hessen geführt worden ist.

Der Beitrag von Barbara Sich­termann kri­ti­sierte den Trend in der linken Soli­da­ri­täts­be­wegung der 70er Jahre, Richter, Staats­an­wälte und Jus­tiz­per­sonal in ihren Publi­ka­tionen als Schweine oder andere Tiere zu kari­kieren. Sich­terman erinnert daran, dass die Sprin­ger­presse die Pro­tes­tie­renden in ihren Pres­se­or­ganen ent­mensch­licht hatte, und stellt die Frage, was die Oppo­si­ti­ons­be­wegung dazu brachte, dieses Mittel nun eben­falls gegen die Gegner anzu­wenden. Das Buch macht die linke Theorie und Praxis, die kri­mi­na­li­siert wurde lebendig. Die Autoren lassen sich dabei weder von ideo­lo­gi­schen und geo­gra­fi­schen Grenzen ein­engen, was es zu einer beson­deren Fund­grube macht. Es endet mit einem wütenden Gedicht des Polit­barden Walter Mossmann, dessen Zeilen auch heute noch aktuell sind: «Sehr viel schlimmer als das Fressen, / im Gefängnis ist die Wut, / dass die draußen dich ver­gessen, / wenn sich drinnen nichts mehr tut.»

Das Prinzip Soli­da­rität. Zur Geschichte der Roten Hilfe in der BRD (Hrsg. Bambule). Hamburg: Laika, 2013. 2 Bd., je Band 21 Eur

Die Rote Hilfe in der BRD

von Peter Nowak

Hungern für einen schöneren Knast

In Bremen pro­tes­tieren Gefangene für bessere Haft­be­din­gungen.

Seit mehr als zwei Wochen befinden sich Gefangene der JVA Oslebshausen in Bremen in einem Hun­ger­streik. Die Häft­linge pro­tes­tieren gegen die schlechte Qua­lität des Essens, monieren man­gelnde Bil­dungs­mög­lich­keiten innerhalb der JVA und klagen über das Fehlen sepa­rater Besu­cher­räume und einer Schuld­ner­be­ratung.

Den Gefan­genen geht es darum, unmit­telbare Ver­bes­se­rungen für ihren Gefäng­nis­alltag durch­zu­setzen. Wei­ter­ge­hende poli­tische For­de­rungen erheben sie nicht. Doch in der Öffent­lichkeit wird ihr Protest igno­riert oder abge­lehnt. So erklärte der Sprecher des Bremer Jus­tiz­se­nators, Thomas Ehmke: »Die Haft­be­stim­mungen werden vom Gesetz­geber geregelt und sind keine Ver­hand­lungs­sache zwi­schen Inhaf­tierten und Anstalts­leitung.« In der Taz wird Carsten Bauer, der Direktor der JVA Oslebshausen, mit der Äußerung zitiert: »Ich nehme das nicht ernst.« Seiner Ansicht nach geht es den Inhaf­tierten lediglich »um eine kurz­fristige Auf­merk­samkeit«.

Über die genaue Zahl der Hun­ger­strei­kenden gibt es unter­schied­liche Angaben. Zu Beginn sollen sich elf Häft­linge beteiligt haben. Nach Angaben Bauers haben die meisten Häft­linge den Hun­ger­streik wieder abge­brochen. Auch vom über­wie­genden Teil der linken Szene wird der Protest der Bremer Häft­linge igno­riert. Zu einer Soli­da­ri­täts­kund­gebung vor der JVA Oslebshausen fanden sich am 28. März gerade mal sechs Men­schen ein. Auch Kon­takte mit den Gefan­genen gibt es kaum. Das führt dazu, dass die Erklä­rungen der JVA-Leitung nicht über­prüft werden können. Dabei sind Hun­ger­streiks in deut­schen Gefäng­nissen gar nicht so selten. Erst Mitte März hatten sieben Insassen der Thü­ringer JVA Hohen­leuben im Land­kreis Greiz zu dieser Pro­testform gegriffen. Auch sie for­derten bessere Haft­be­din­gungen. Der Hun­ger­streik wurde nach wenigen Tagen abge­brochen, ohne eine größere Öffent­lichkeit erreicht zu haben.

Die pro­tes­tie­renden Gefan­genen in Bremen und Thü­ringen, die für bessere Haft­be­din­gungen kämpfen, stehen in der Tra­dition eines Kampfes in Gefäng­nissen, der auch in den sieb­ziger und acht­ziger Jahren nicht nur von poli­ti­schen Gefan­genen getragen wurde. Die kürzlich im Laika-Verlag vom Kol­lektiv »Bambule« unter dem Titel » Das Prinzip Soli­da­rität« her­aus­ge­gebene His­to­rio­graphie der linken Soli­da­ri­täts­be­wegung richtet den Blick auch auf wenig bekannte Facetten des Knast­kampfs. Der gesell­schaft­liche Auf­bruch der späten sech­ziger und frühen sieb­ziger Jahre machte auch vor den Gefan­genen nicht halt, wie Friedrich Bur­schel im Buch am Bei­spiel des Frank­furter Gefan­ge­nenrats beschreibt, in dem sich auch Häft­linge ohne poli­ti­schen Hin­ter­grund orga­ni­sierten. Das Ver­hältnis zu den sich poli­tisch ver­ste­henden Gefan­genen war nicht immer unge­trübt. Die »sozialen Gefan­genen« warfen vielen linken Soli­da­ri­täts­gruppen vor, wegen der Kon­zen­tration auf die poli­ti­schen Gefan­genen ihre Si­tuation zu igno­rieren. Der Gefan­ge­nenrat sorgte bun­desweit für Schlag­zeilen, als er auf­deckte, wie Gefäng­nis­wärter am 27. Dezember 1973 den 25jährigen Unter­su­chungs­häftling Hans Peter Vast in der JVA Mannheim so schwer miss­han­delten, dass er in seiner Zelle starb. Die kurz­zeitige Popu­la­rität konnte nicht ver­hindern, dass der Gefan­ge­nenrat kri­mi­na­li­siert und schließlich zer­schlagen wurde. Es ist erfreulich, dass nach fast 40 Jahren an Ver­suche einer auto­nomen Gefan­ge­nen­or­ga­ni­sation erinnert wird. Vor allem, weil sie immer noch aktuell sind, wie die Häft­lings­pro­teste in Bremen und Thü­ringen zeigen.

Der in Berlin wegen angeb­licher Mit­glied­schaft in der »Mili­tanten Gruppe« zu einer Haft­strafe ­ver­ur­teilte Oliver R. bemüht sich um eine gewerk­schaft­liche Orga­ni­sierung der Gefan­genen. Ange­sichts der Aus­weitung der Lohn­arbeit auch in deut­schen Gefäng­nissen könnte dies durchaus aus­sichts­reich sein. Doch Oliver R. warnt auch vor Illu­sionen, wenn er beschreibt, dass der Knast kein bevor­zugtes Terrain für Selbst­or­ga­ni­sation und Eman­zi­pation ist. »Der Rea­lismus nötigt es einem aber regel­recht auf, tief­zu­stapeln und keine allzu großen Erwar­tungen zu hegen«, beendet er seine jüngsten Betrach­tungen aus dem Knast­alltag.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​4​/​1​5​/​4​9​6​6​2​.html

von Peter Nowak

Hilfe für Gefangene

Autoren­kol­lektiv blickt auf Geschichte der Roten Hilfe
Die Geschichte der Roten Hilfe ist auch eine Geschichte der poli­ti­schen Gefan­genen in der BRD seit den 1960er Jahren. Das Kol­lektiv »Bambule« hat dazu ein Buch her­aus­ge­geben.

Am 18. März wird tra­di­tionell der poli­ti­schen Gefan­genen gedacht. Die Roten Hilfen spielen in der Geschichte der poli­ti­schen Gefan­ge­nen­schaft tra­di­tionell eine zen­trale Rolle, in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahr­hun­derts wie auch nach dem Zweiten Welt­krieg wieder. Ein Autoren­kol­lektiv hat jetzt im Laika-Verlag in zwei Bänden die Geschichte der Gefan­gen­so­li­da­rität zwi­schen 1968 und 1980 ver­öf­fent­licht. Auf ins­gesamt 750 Seiten schreiben 20 Autoren eine Geschichte der linken Bewegung zwi­schen 1968 und 1980 und ihrer Roten Hilfen: In den Hoch­zeiten der ver­schie­denen mao­is­ti­schen Par­tei­grün­dungs­pro­jekte Mitte der 1970er Jahre exis­tierten zwei, manchmal gar drei Rote Hilfen, wie Michael Csas­koczy schreibt.

Friedrich Bur­schel widmet sich der weit­gehend unbe­kannten Geschichte der Gefan­ge­nenräte, in denen sich Häft­linge ohne poli­ti­schen Hin­ter­grund in den 1970er Jahren orga­ni­sierten. Sie wollten »abschaffen, was uns kri­minell und asozial macht«. Sie wandten sich dagegen, dass meist nur poli­tische Gefangene oft mit bür­ger­lichem Hin­ter­grund die Auf­merk­samkeit der Soli­da­ri­täts­be­wegung bekamen.

Mehrere Kapitel in dem Buch widmen sich den Dis­kus­sionen um die Soli­da­rität mit Gefan­genen aus den bewaffnet kämp­fenden Gruppen in den 1970er Jahren. Doch die Stärke des Buches ist der Blick auf bisher wenig beachtete Details.

Doch Markus Mohr, ohne den die beiden Bände nicht zustande gekommen wären, betont, dass er damit keine For­schungs­lücke schließen, sondern Mög­lich­keiten für eine neue linke Bewegung eröffnen will. »Es geht um etwas erheblich Bes­seres. Mit einer in der Gesamt­schau betrach­teten plu­ralen Per­spektive sollen die Bei­träge dazu dienen, die kom­plexe The­matik zu son­dieren, mit dem Ziel etwas zu erkunden, was bislang unbe­achtet geblieben ist«, heißt es in der Ein­leitung.

Bambule (Hrsg.): Zur Geschichte der Roten Hilfe in der BRD – Band I und II, 2013, Laika Verlag, Hamburg, pro Band 21 €

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​2​7​4​0​8​.​h​i​l​f​e​-​f​u​e​r​-​g​e​f​a​n​g​e​n​e​.html

Peter Nowak

Kampagne gegen Drohnen weitet sich aus

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Von A wie APO bis Z wie Zapatistas

Die »Bibliothek des Widerstands«: Filmbücher zur linken Geschichte

Neun Bände sind bisher in der »Bibliothek des Wider­stands« im Ham­burger Laika-Verlag erschienen. Mit ihrem schwarzrot gehal­tenen Einband sind die Bücher im linken Buch­handel nicht zu über­sehen. Bei­gelegt ist ihnen je eine DVD mit Filmen, die die Geschichte des linken Wider­stands in aller Welt seit den 1960er Jahren, aber auch die staat­liche Repression doku­men­tieren. Her­aus­ge­geben wird die Reihe von Karl-Heinz Dellwo und Willi Baer.

Am Anfang stand die Erkenntnis, »dass es viele Bücher mit Erin­ne­rungen gibt, aber die authen­ti­schen Mate­rialien nur sehr schwer zugänglich sind. Ins­be­sondere gehören dazu Doku­men­tar­filme, die in der dama­ligen Zeit ent­standen sind. Diese liegen oft nur in For­maten vor, die sich der Ein­zelne kaum besorgen kann. Da wollen wir eine Mög­lichkeit schaffen, dass sich jeder die Filme zu güns­tigen Kon­di­tionen beschaffen kann«, so beschreibt Karl-Heinz Dellwo das Ziel des ambi­tio­nierten Pro­jektes: 100 Film­bücher sind in Vor­be­reitung. Nach den bisher vor­lie­genden Bänden zu urteilen sind sie eine Berei­cherung für alle, die sich mit oft ver­ges­sener linker Geschichte befassen.

Die Reihe begann mit zwei Film­do­ku­menten zum 2. Juni 1967: »Der 2. Juni 1967« von Thomas Giefer und Hans-Rüdiger Minow und »Der Poli­zei­staats­besuch« von Roman Brodmann. In den Filmen werden die Vor­ge­schichte und die Auf­ar­beitung des Schah-Besuches behandelt, der mit dem Mord an Benno Ohnesorg zu einer his­to­ri­schen Zäsur in der Geschichte der BRD wurde.

Eine Fundgrube zur Geschichte der US-Linken

Rari­täten finden sich in meh­reren Bänden zur Geschichte eines anderen Amerika. Im zweiten Band wird ein Film über die Ver­haftung von Angela Davis und den Kampf um ihr Leben und ihre Frei­lassung vor­ge­stellt, im fünften die Geschichte des SDS (Stu­dents for a Demo­cratic Society) in den USA nach­ge­zeichnet. Kom­bi­niert mit den infor­ma­tiven Hin­ter­grund­texten sind diese Bände eine wahre Fund­grube zur Geschichte der linken Bewegung in den USA.

In Band 6 geht es um den Weather-Under­ground, eine Gue­ril­la­gruppe, die in Soli­da­rität mit den Black Pan­thers und dem Vietcong den Krieg in die USA bringen wollte. In dem Film »Under­ground« werden die Kämpfer 1976 von befreun­deten Fil­me­ma­chern por­trä­tiert. Damals hatte die Orga­ni­sation eine Zäsur hinter sich: Ein Unfall beim Han­tieren mit Spreng­stoff, der drei Genos­sInnen das Leben kostete, führte zu einer inten­siven Selbst­kritik. Der zweite Film, ein kri­ti­sches Resümee der Gruppe, stammt aus dem Jahr 2002. Dort kommen ehe­malige Akti­vis­tInnen ebenso zu Wort wie strikte Geg­ne­rInnen.

Zwei Film­bücher widmen sich der jün­geren argen­ti­ni­schen Geschichte. Eine ganze Generation von poli­ti­schen Akti­vis­tInnen, Gewerk­schaf­te­rInnen, Stu­den­ten­ver­tre­te­rInnen, Bau­ern­op­po­si­tio­nellen wurde umge­bracht, dar­unter auch zwei west­deutsche Linke: die Tübinger Sozio­login Eli­sabeth Käsemann und der Münchner Maschi­nen­bau­student Klaus Zischank. Käsemann wurde 1977, Zischank ein Jahr zuvor ermordet. Zwei Filme zeigen die Hin­ter­gründe und die Reaktion auf ihre Ermordung. Zischanks in Argen­tinien lebende Mutter wurde auf einer Rund­reise durch die BRD von Soli­da­ri­täts­gruppen unter­stützt. Staat­liche Stellen ver­brei­teten dagegen die Version des argen­ti­ni­schen Regimes, Zischank sei nicht ent­führt worden, sondern habe sich einer Gue­ril­la­gruppe ange­schlossen. Dabei war zu diesem Zeit­punkt schon bekannt, dass sich der Student in einem Geheim­ge­fängnis des argen­ti­ni­schen Militärs in Lebens­gefahr befand.

Widerstand gegen die argentinische Diktatur

In dem 190 Seiten umfas­senden Buch werden weitere Hin­ter­gründe ver­mittelt. So gab es in der kri­ti­schen Öffent­lichkeit eine leb­hafte Debatte über das Ver­halten des BRD-Fuß­ball­teams während der WM 1978 in Argen­tinien. Als amnesty inter­na­tional alle Spieler in einem Offenen Brief bat, eine Petition für die Ein­haltung der Men­schen­rechte zu unter­zeichnen, ant­wortete der Kicker Manfred Kaltz vom Ham­burger SV, er habe andere Pro­bleme und es belaste ihn kei­neswegs, wenn in Argen­tinien gefoltert werde. Ihn und die anderen Spieler belastete es auch nicht, dass der Altnazi Hans-Ulrich Rudel als Gast im Trai­nings­lager auf­tauchte. Kritik wies DFB-Prä­sident Neu­berger zurück: »Herr Rudel ist meines Wissens Bun­des­bürger mit vollen Rechten wie die Pro­tes­tie­renden. Ich hoffe doch nicht, dass man ihm seine Kampf­flie­ger­tä­tigkeit aus dem Zweiten Welt­krieg vor­werfen will.«

Neu­berger, Kaltz und Co. hatten mit dem Nazi keine Pro­bleme und nahmen es dem Gast­ge­ber­regime auch nicht übel, dass es die deutsche Tra­dition bei der Ver­folgung von linken Oppo­si­tio­nellen fort­setzte. Mit diesem Thema beschäftigt sich auch Band 9 mit dem Filmbuch »Panteón Militar«. Dort wird den preu­ßi­schen Tra­di­tionen im argen­ti­ni­schen Militär nach­ge­gangen. Ein junger Offizier bekennt offen, die Junta hätte nur die Sub­version bekämpft und für Ruhe und Ordnung gesorgt.

Den Bänden der Bibliothek ist eine hohe Ver­breitung zu wün­schen – auch damit Karl-Heinz Dellwo und Willi Baer ihre wichtige Arbeit fort­setzen können.

Peter Nowak

Die Film­bücher haben 100 bis 200 Seiten und ent­halten je eine CD. Sie kosten zwi­schen 19,90 und 29,90 Euro. Über die Homepage des Laika-Ver­lages können sie bestellt oder zum Vor­zugs­preis abon­niert werden. Dort gibt es auch Infor­ma­tionen über das gesamte Pro­gramm:

www​.laika​-verlag​.de

Peter Nowak

ak – zeitung für linke debatte und praxis / Nr. 556 / 17.12.2010

Filme zum 2. Juni 1967

Gegen die Ent­sorgung linker Geschichte
Die »Bibliothek des Wider­stands« des Laika-Verlags liefert Bau­steine für eine linke Geschichts­schreibung.
Jahr­zehnte galt der 2. Juni 1967, der Tag, als der Student Benno Ohnesorg bei einer Demons­tration gegen den Schah erschossen wurde, als Geburts­stunde der Neuen Linken in der BRD. Nachdem 2009 bekannt wurde, dass der Schütze Karl-Heinz Kurras für die Stasi gear­beitet hat und sogar SED-Mit­glied gewesen sein soll, schien ein wei­terer linker Mythos geknackt. Sogar die Frage, ob die Gescheh­nisse im Juni 1967 eine Insze­nierung der DDR waren, wurde in manchen Medien gestellt. Der Laika-Verlag stellt im Rahmen seiner »Bibliothek des Wider­stands« eine Gedächt­nis­stütze gegen die geschicht­liche Amnesie bereit. Das anspre­chend gestaltete Buch enthält Texte von poli­ti­schen Akti­visten der ver­gan­genen Jahr­zehnte, die den 2. Juni 1967 in den gesell­schaft­lichen und his­to­ri­schen Kontext stellen. »Was für ein Land. 22 Jahre nach dem Zusam­men­bruch des Faschismus? An seiner Spitze steht mit Kurt-Georg Kie­singer ein ehe­ma­liges NSDAP-Mit­glied, in sechs seiner Landtage sitzen Abge­ordnete der neo­fa­schis­ti­schen NPD«, resü­mieren die Her­aus­geber im Vorwort. Dass sich nicht nur die Stu­die­renden radi­ka­li­sierten, zeigen die im Buch von Publi­zisten Uwe Soukup doku­men­tierten zeit­ge­schicht­lichen Texte der Publi­zisten Sebastian Haffner und Karl-Heinz Bohrer. »Die vor einer Woche am Opernhaus ein­ge­setzte Polizei hat nicht nur im Affekt, sondern ohne gra­vie­rende Not­wen­digkeit, mit Planung und Bru­ta­lität den Lauf gelassen, wie sie bisher nur aus Zei­tungs­be­richten über faschis­tische oder halb­fa­schis­tische Länder bekannt wurde. Das schrieb nicht das Neue Deutschland, sondern die FAZ am 12. Juni 1967.«

Ambi­tio­niertes Pro­gramm
Auf der im Buch ein­ge­hef­teten DVD sind die mit »Der 2. Juni 1967« von Thomas Giefer und Hans-Rüdiger Minow und »Der Poli­zei­staats­besuch« von Roman Brodmann zwei zen­trale fil­mische Doku­mente über jene Zeit ent­halten. Während Giefer und Minow die Ereig­nisse rund um das Opernhaus nach­zeichnen und die Aus­sagen von Augen­zeugen über Poli­zei­gewalt doku­men­tieren, zeigt Brodmann mit viel Ironie, wie die BRD für den Schah­besuch einen uner­klärten Aus­nah­me­zu­stand insze­nierte, der einen Vor­ge­schmack auf die 1970er Jahre lie­ferte. Sehr auf­schluss­reich sind die auf der DVD doku­men­tierten Kom­mentare der Aktu­ellen Kamera und des Senders Freies Berlin.

Buch und Film zum 2. Juni sind nur ein Bei­spiel im Sor­timent des Ham­burger Laika-Verlags. Mehr als 100 Filme und Bücher sind im Rahmen der Bibliothek des Wider­stands in Vor­be­reitung. Bereits erschienen ist eine Film­bio­grafie zu Angela Davis sowie »Der Schrei im Dezember«, ein Film­essay über die Jugend­re­volte 2008 in Grie­chenland. Am 3. Juni um 19 Uhr hat in der Laden­ga­lerie der Tages­zeitung junge Welt in Berlin der Film »Krawall« von Jürg Hassler Pre­mière. Der Prot­agonist der Züricher Jugend­un­ruhen 1980 erinnert an eine Bewegung mit großer Aus­strah­lungs­kraft.

»Geschichts­be­trachtung ist in Deutschland immer mit Revanche ver­bunden. Die Revanche will immer die Sicht im Interesse der herr­schenden Macht fest­klopfen«, schreibt der Mit­be­gründer des Laika-Verlags Karl-Heinz Dellwo. Die Bibliothek des Wider­standes liefert ein Gegen­pro­gramm, dem viel Unter­stützung zu wün­schen ist. Die Film­bücher können über die Homepage bestellt oder abon­niert werden.

www​.laika​-verlag​.de

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​7​2​1​2​8​.​f​i​l​m​e​-​z​u​m​-​2​-​j​u​n​i​-​1​9​6​7​.html

Peter Nowak