Abschied von der Subkultur

In Zeiten von AfD und Pegida fragt sich mancher, warum so wenig von der Auto­nomen Antifa zu hören ist, die noch vor zwei Jahr­zehnten Schlag­zeilen machte. Bernd Langer ist seit 1978 in auto­nomen Anti­fa­zu­sam­men­hängen aktiv und war einer der stärksten Ver­fechter für Bünd­nis­po­litik im auto­nomen Lager. Jetzt hat er unter dem Titel »Kunst und Kampf« im Unrast-Verlag ein Buch darüber ver­fasst.

Ein Höhe­punkt seiner Akti­vi­täten war die Demons­tration gegen ein Neo­na­zi­zentrum im nie­der­säch­si­schen Mackenrode am 7. Mai 1988, zu der bun­desweit mobi­li­siert wurde. Damals war die tra­di­tio­nelle autonome Antif­a­po­litik, die Bünd­nisse mit bür­ger­lichen oder refor­mis­ti­schen Linken ablehnte, an ihre Grenzen gestoßen. »In dieser Situation kam es zu Kon­takten mit Vertreter_​innen von DGB, Grünen und anderen anti­fa­schis­tisch Gesinnten. Endlich bot sich die Chance, autonome Politik wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und aus der Iso­lation raus­zu­kommen«, beschreibt Langer die Situation vor fast 30 Jahren in der BRD. Bünd­nis­po­litik habe das Zau­berwort geheißen und sei fortan zum heftig umstrit­tenen Thema in der auto­nomen Szene geworden, erklärt der Aktivist.

2000 Men­schen waren am 7. Mai 1988 nach Mackenrode gekommen. Doch was die Demons­tration noch heute inter­essant macht, war ihre Zusam­men­setzung. An der Spitze lief ein auto­nomer Block, dahinter hatten sich Mit­glieder der Grünen, des DGB und der SPD in die Demons­tration ein­ge­reiht. Zuvor hatte es klare Absprachen zwi­schen den Spektren gegeben und auch der autonome Block benannte Ver­ant­wort­liche, die garan­tierten, dass diese ein­ge­halten werden. Diese Koope­ration war etwas Neues und wurde bun­desweit dis­ku­tiert.

Doch für große Teile der auto­nomen Anti­fa­szene bedeutete die Mackenrode-Demons­tration noch eine weitere Zäsur. Erstmals waren dort in der BRD Fahnen und Trans­pa­rente mit dem Emblem der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion in großer Zahl zu sehen. Bald war dieses Symbol bei Demos und Aktionen der Auto­nomen Antifa nicht mehr weg­zu­denken. Langer schildert, wie umstritten die Ver­wendung des leicht ver­än­derten Symbols der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion aus der Wei­marer Republik unter auto­nomen Anti­fa­schis­tInnen war, vor allem wegen der engen Ver­knüpfung des Symbols mit der KPD.

In dem Buch sind zahl­reiche Plakate abge­druckt, die von der Gruppe Kunst und Kampf (kuk) – Langer war eines ihrer Grün­dungs­mit­glieder – seit Ende der 1980er Jahre pro­du­ziert wurden. Mit kna­ckigen Bot­schaften und Wie­der­erken­nungswert wurden sie zur Mobi­li­sierung genutzt. Damit ver­ab­schiedete sich ein Teil der Auto­nomen Antifa vom sub­kul­tu­rellen Stil der frühen Jahre. Doch nicht alle wollen mit­ziehen.

Langer beschreibt präzise die knall­harte Macht­po­litik in der auto­nomen Szene und ver­schweigt auch seine eigene Betei­ligung nicht. Wer zum Vor­be­rei­tungs­treffen für eine Groß­de­mons­tration schon mit einem fer­tigen Pla­kat­entwurf auftrat, bestimmte die Aus­richtung der Öffent­lich­keits­arbeit. Man muss nicht in allem mit Langer über­ein­stimmen, bei­spiels­weise wenn der die Okto­ber­re­vo­lution als Putsch der Bol­schewiki abqua­li­fi­ziert. Doch mit dem Buch hat er ein wich­tiges Kapitel außer­par­la­men­ta­ri­scher linker Geschichte dem Ver­gessen ent­rissen.

Bernd Langer, »Kunst und Kampf«. Unrast-Verlag, 256 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978–3-89771–582-0

Peter Nowak

Bernd Langer: Kunst und Kampf. Werke und Aktionen aus 30 Jahren

In Zeiten von AfD-Auf­stieg und Pegida fragen sich nicht wenige, warum man heute so wenig von der Auto­nomen Antifa hört, die noch vor zwei Jahr­zehnten Schlag­zeilen machte.

Es waren radikale Linke, die in gut orga­ni­sierten Blöcken gegen diverse Alt- und Neo­na­zi­treffen pro­tes­tierten und dabei auch die Kritik an Staat und Nation nicht ver­gaßen. Für einen Großteil der Medien und auch für die meisten poli­ti­schen Par­teien war die Autonome Antifa ein Haufen von Chaoten und ein Fall für Polizei und Justiz. Doch aus­ge­rechnet in der nie­der­säch­si­schen Uni­ver­si­täts­stadt Göt­tingen wurde die Autonome Antifa vor 30 Jahren bündnis- und kul­tur­fähig.

Bernd Langer ist seit 1978 in auto­nomen Anti­fa­zu­sam­men­hängen aktiv und war einer der stärksten Befür­worter einer Bünd­nis­po­litik im auto­nomen Lager. Jetzt hat er unter dem Titel Kunst und Kampf eine all­ge­mein­ver­ständ­liche Geschichte darüber ver­fasst.

Ein Höhe­punkt seiner Akti­vi­täten war eine Demons­tration gegen ein Neo­na­zi­zentrum im nie­der­säch­si­schen Mackenrode am 7.Mai 1988, zu der bun­desweit mobi­li­siert wurde. Damals war die tra­di­tio­nelle autonome Antif­a­po­litik, die Bünd­nisse mit bür­ger­lichen oder refor­mis­ti­schen Linken ablehnte und nur auf die eigene Kraft ver­trauen wollte, an ihre Grenzen gestoßen. «In dieser Situation kam es zu Kon­takten mit Vertreter_​innen von DGB, Grünen und anderen anti­fa­schis­tisch Gesinnten. Endlich bot sich die Chance, autonome Politik wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und aus der Iso­lation raus­zu­kommen. Bünd­nis­po­litik hieß das Zau­berwort und wurde fortan zum heiß umstrit­tenen Thema in der auto­nomen Szene», beschreibt Langer die Situation vor fast 30 Jahren in West­deutschland.

2000 Men­schen waren am 7.Mai 1988 nach Mackenrode gekommen. Doch was die Demons­tration noch heute inter­essant macht, war ihre Zusam­men­setzung. An der Spitze lief ein auto­nomer Block, dahinter hatten sich Mit­glieder der Grünen, des DGB und der SPD in die Demons­tration ein­ge­reiht. Zuvor hat es klare Absprachen zwi­schen den Spektren gegeben und auch der autonome Block benannte Ver­ant­wort­liche, die garan­tierten, dass die gemein­samen Ver­ein­ba­rungen ein­ge­halten wurden. So gingen vom auto­nomen Block keine Angriffe auf die Polizei aus. Aber es gab die klare Ansage, dass er sich gegen Angriffe ver­tei­digen würde. Diese Koope­ration war etwas Neues und wurde bun­desweit dis­ku­tiert.

Symbol der Anti­fa­aktion
Noch in einer anderen Hin­sicht war die Mackenrode-Demons­tration ein Novum. Auf dieser Demons­tration waren erstmals in der BRD Fahnen und Trans­pa­rente mit dem Emblem der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion in großer Zahl zu sehen. Bald war dieses Symbol von Demos und Aktionen der Auto­nomen Antifa nicht mehr weg­zu­denken. Langer beschreibt sehr detail­liert, wie umstritten die Ver­wendung des leicht ver­än­derten Symbols der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion aus der Wei­marer Republik auch unter auto­nomen Anti­fa­schisten damals war. Für viele war es zu stark mit der KPD-Geschichte der Wei­marer Republik ver­bunden.

Auch zur Kul­tur­fä­higkeit der Auto­nomen Antifa trug Langer bei, was man in dem Buch gut sehen kann. Dort sind zahl­reiche Plakate nach­ge­druckt, die die von ihm gegründete Gruppe Kunst und Kampf (KuK) seit Ende der 80er Jahre pro­du­ziert hat. Sie mobi­li­sierten zu Demons­tra­tionen und poli­ti­schen Kam­pagnen, die poli­tische Bot­schaft kam gut rüber und sie hatten einen Wie­der­erken­nungswert. Mit ihnen ver­ab­schiedete sich ein Teil der Auto­nomen Antifa vom Punkstil.

Doch nicht alle wollen mit­ziehen. Langer beschreibt, wie auch in der auto­nomen Szene Macht­po­litik prak­ti­ziert wurde, und ver­schweigt nicht, dass auch er daran beteiligt war. Wenn KuK beim Vor­be­rei­tungs­treffen zu einer Demons­tration schon mit einem fer­tigen Pla­kat­entwurf auftrat, war die Chance groß, dass der auch Ver­wendung fand.

Bernd Langer ver­steht sich noch immer als radi­kaler Linker, der kei­neswegs den Frieden mit diesem Staat gemacht hat. Man muss nicht mit allen seinen poli­ti­schen Ansichten über­ein­stimmen, so wenn Langer die Okto­ber­re­vo­lution als Putsch der Bol­schewiki abqua­li­fi­ziert. Doch mit dem Buch hat er einen Beitrag dazu geleistet, dass ein wich­tiges Kapitel linker Geschichte nicht ver­gessen wird. Men­schen, die dabei waren, werden es ebenso mit Gewinn lesen, wie junge Leute, die noch nicht geboren waren, als die Autonome Antifa erstmals Bünd­nisse einging. Sie können sich diese Geschichte im heu­tigen Kampf gegen Rechts aneignen und selber ent­scheiden, was davon heute noch brauchbar ist. Die in dem Buch nach­ge­druckten Plakate, viele von ihnen sind kaum mehr bekannt, bringen die autonome Geschichte den Lesenden auch optisch nahe.

Münster: Unrast-Verlag, 2016. 256 S., 19,80 Euro

Bernd Langer: Kunst und Kampf. Werke und Aktionen aus 30 Jahren

von Peter Nowak

„Nicht bunt, sondern schwarz und rot sind unsere Fahnen“

KAMPF Jah­relang war Bernd Langer in der auto­nomen Antifa. Jetzt hat er ein Buch geschrieben

taz: Herr Langer, warum ver­öf­fent­lichen Sie Ihre eigene Geschichte der auto­nomen Antifa-Bewegung?
Bernd Langer: Ich möchte die Ent­stehung der heu­tigen Antifa authen­tisch erzählen. Dies kann ich am ehr­lichsten anhand meiner Ent­wicklung. Ich war seit Ende der 70er Jahre, also von Beginn an, beteiligt. Das Buch geht aber weit über Bio­gra­fi­sches hinaus, the­ma­ti­siert die poli­ti­schen und gesell­schaft­lichen
Ent­wick­lungen jener Zeit.


Sie schreiben über Ihre Bemü­hungen Ende der 1980er, die autonome Antifa für andere poli­tische Kräfte bünd­nis­fähig zu machen. Wo lagen die Pro­bleme?
Vor allem im Dog­ma­tismus pseu­do­ra­di­kaler Szene-Apo­lo­geten. In den 80er Jahren war die autonome Anti­fa­be­wegung nur ein kleiner, mili­tanter Haufen mit einer gut orga­ni­sierten, aber sehr abge­schot­teten Struktur. Das führte in die Sack­gasse. 1988 war ich maß­geblich an der Orga­ni­sierung einer Antifa-Demons­tration im nie­der­säch­si­schen Mackenrode beteiligt, welche durch ein Bündnis von Auto­nomen bis hin zu Teilen des DGB und der Sozi­al­de­mo­kratie zustande kam. Diese Koope­ration traf aller­dings bei vielen Auto­nomen auf Wider­stand, man ver­suchte mich durch poli­tische Macht­spiele kalt­zu­stellen,
die Bünd­nis­po­litik wurde zunächst nicht auf­ge­griffen.

Welchen Zweck ver­folgten Sie Ende der 1980er Jahre mit der Initiative Kunst und Kampf, die mit Agitprop-Aktionen und Pla­katen für Auf­sehen sorgte?
Dabei ging es um Kul­tur­fä­higkeit, das heißt, aus den Kämpfen ent­stehen eine neue Kunst und Kultur. Nicht indi­vi­duelle Urhe­ber­schaft, sondern das poli­tische Kol­lektiv ist ent­scheidend. So war es auch wichtig, eigene
Symbole zu kre­ieren und zu ver­breiten, wie das Logo der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion. Das traf damals bei großen Teilen der auto­nomen Szene auf Ablehnung.


Die heutige autonome Anti­faist bündnis- und kul­tur­fähig. Ein später Erfolg für Sie?

Kul­tur­fähig? Na ja. Bünd­nis­po­litik wird heute aller­dings von und mit großen Teilen der Antifa betrieben. Doch oft droht die eigene poli­tische Kontur in einem dif­fusen bunten Allerlei auf­zu­gehen. Nicht bunt, sondern schwarz und rot sind unsere Fahnen!

INTERVIEW PETER NOWAK


■■„Kunst und Kampf“. Unrast-Verlag, 256 Seiten, 19,80 Euro
■■Buch­vor­stellung, heute Abendab 20.30 Uhr im Stadt­teil­laden Zielona Gora, Grün­berger Str. 73

■■ Bernd Langer geb. 1960 in Bad Lau­tenberg, lebt in Berlin. Er war in der auto­nomen Antifa aktiv und gründete die Initiative Kunst und Kampf.