Ein Ort des Schreckens

NS-GESCHICHTE Aus­stellung in der Charité zeigt die Arbeit im Kran­ken­revier des KZ Ravens­brück

Jeder Mensch denkt bei dem Wort ‚Kran­ken­revier‘ an lange, stille Gänge, weiße Betten, tüchtige Schwestern. Für die Häft­linge des KZ Ravens­brück war das Revier wie jeder Winkel des Lagers ein Ort der Angst und des Schre­ckens“, schrieb die lang­jährige poli­tische Gefangene Erika Buchmann in dem Stan­dardwerk „Die Frauen von Ravens­brück“. 120.000 Frauen aus 30 Ländern waren zur Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus von der SS in das 80 Kilo­meter nördlich von Berlin gelegene Kon­zen­tra­ti­ons­lager gepfercht worden. Einer kleinen Aus­stellung über die Arbeit im Kran­ken­revier des KZ Ravens­brück, die im Campus der Charité gezeigt wird, gelingt es, etwas von dem Schrecken zu vermitteln.,Zahlreiche Fotos, Zeich­nungen und Schrift­zeug­nisse ehe­ma­liger Revier­ar­bei­te­rinnen und ihrer Pati­en­tinnen geben einen Ein­druck von den Ängsten der Häft­linge, aber auch der Soli­da­rität unter ihnen. „Zunächst wurden im Kran­ken­revier haupt­sächlich die Folgen von Arbeits­un­fällen und iss­hand­lungen not­dürftig behandelt. Mit der zuneh­menden Über­füllung nach Kriegs­beginn breiten sich Seuchen und andere Krank­heiten aus, für deren Behandlung die SS nie aus­rei­chend Medi­ka­mente zur Ver­fügung stellte“, schreibt die His­to­ri­kerin Christl Wickert, die die Aus­stellung zusammen mit Ramona Saa­vedra Santis kura­tierte. Auf einem Foto ist der ent­stellte Fuß einer Frau zu sehen, der von SS-Ärz­tInnen Krank­heits­keime inji­ziert wurden. Viele Gefangene über­leb­ten­solche Ver­suche nicht oder trugen lebens­lange gesund­heit­liche Schäden davon­Mehrere Tafeln widmen sich der juris­ti­schen Auf­ar­beitung dieser medi­zi­ni­schen Ver­brechen nach dem Krieg. Auch medi­zi­nische Hel­fe­rinnen unter den Häft­lingen wurden beschuldigt, der SS geholfen zu haben. „Es waren alles Spritzen zu Heil­zwecken“, recht­fer­tigte sich die Schwei­zerin Anne Spoerry 1949, als man ihr vorwarf, sie sei durch ihre Tätigkeit für den Tod von Häft­lingen mit­ver­ant­wortlich. Die Aus­stellung ist Teil des

Pro­jekts „Wis­sen­schaft in Ver­ant­wortung – GeDenkOrt Charité“ und leistet damit auch ei-nen Beitrag zur eschichts­auf­ar­beitung. „Auch Ärzte der Ber­liner Uni­ver­si­täts­me­dizin waren in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­musan Medi­zin­ver­brechen im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Ravens­brück beteiligt“, heißt es seitens der Charité. Die Schau ist als Wan­der­aus­stellung kon­zi­piert und kann ver­liehen werden.

Peter Nowak

Taz vom 3.8.2016
■■Die Aus­stellung „… unmöglich, diesen Schrecken auf­zu­halten“ ist bis 31. August im Charité-CrossOver, Campus Charité Mitte, Cha­rité­platz 1 zu sehen. Mo.–Fr. 7–20 Uhr, Ein­tritt frei