Mit ‘Kranke Arbeitswelt’ getaggte Artikel

Glyphosat-Streit: Profit gegen Gesundheit

Donnerstag, 30. November 2017

In einer Gesellschaft, in der der Profit das Maß aller Dinge ist, stehen eben nicht Gesundheitsfragen an erster Stelle

Ein CSU-Minister macht in Brüssel einen Alleingang und sorgt so dafür, dass Unkrautmittel Glyphosat erst einmal weiter verwendet werden kann. Nun blicken alle politischen Beobachter auf die Folgen für die neuen Sondierungsgespräche zwischen der SPD und der Union.

Das sind nicht gerade die Signale, die sich die SPD-Spitze gewünscht hat, die gerade dabei ist, eine neue Koalition mit der Union anzupeilen. Nun muss sie sich ganz schön verrenken, um zu erklären, warum ihr Bekenntnis, sich in der Opposition erneuern zu wollen, nicht mehr gilt. Es war schon peinlich zu beobachten, wie in der letzten Woche verschiedene SPD-Politiker erklärten, dass man sich nicht verweigern könne, wenn der Bundespräsident zu Gesprächen einlädt.

Da war sie wieder jene Staats- und Autoritätsgläubigkeit ohne jeden Inhalt, die sogar einen braven Juso-Vorsitzenden wie Kevin Kühnert, der jeder radialen Gesinnung unverdächtig ist, auf die Palme brachte. Dabei könnte ja ein Sozialdemokrat auf die Idee kommen, Forderungen zu stellen, die die Union in die Bredouille bringen, und so die Gespräche scheitern zu lassen, damit es zu Neuwahlen kommt.

Aber weder hat die SPD eine politische Forderung, für die sie bereit wäre, wirklich in die Opposition zu gehen. Noch gibt es einen gesellschaftlichen Druck, dass eine solche Reformforderung, wie beispielsweise eine Bürgerversicherung, durchgesetzt wird. Die aber könnte nur die Grundlage für eine parlamentarische Mehrheit ohne Union und FDP sein: Nun hätten Neuwahlen einen Sinn.

Könnte die Union im Glyphosat-Streit bei Neuwahlen punkten?

Jetzt liefert der CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt der SPD eigentlich die besten Argumente, um eine Neuauflage der Koalition mit der Union scheitern zu lassen. Es wird sich zeigen, ob sie sich mit Merkels Distanzierung und ihrer Rüge an den Landwirtschaftsminister zufrieden gibt, oder ob sie seinen Rücktritt zur Voraussetzung für weitere Gespräche macht.

So klar ist das schon deshalb nicht, weil im Konflikt zwischen dem Umwelt- und dem Landwirtschaftsministerium in der SPD durchaus nicht alle auf Seiten ihrer Ressortministerin stehen. Sie verkörpert als ökokapitalistisch orientierte Lesbe nur einen Teil der SPD-Milieus.

Mindestens genauso stark ist der klassisch fordistische Arbeitnehmerflügel in der Partei, der es nicht verstehen kann, warum eine mögliche Krebsgefährdung ausreichen soll, um auf Glyphosat zu verzichten. Das ist der Teil der Partei, der sich eher über Deutschlands Stellung auf dem Weltmarkt und mögliche Gefährdungen von Arbeitsplätzen als über die Gesundheitsgefährdung von Glyphosat Gedanken macht.

Bei einer Neuwahl könnte daher der CSU Schmidts einsame Entscheidung noch nutzen. Darin liegt sicher auch der Grund, dass Merkel das Vorgehen von Schmidt rügte, seine Entscheidung aber insgesamt verteidigte. Dabei kann Schmidts Vorgehen auch als eine Fortsetzung der Anti-Merkel-Nadelstiche der CSU gedeutet werden.

Schließlich soll die grün-schwarze Kooperation, die ja am Tage des FDP-Rückzugs von den Sondierungen zelebriert und von vielen Medien brav nachgedruckt wurde, etwas belastet werden. Allerdings sind die Grünen so interessant daran, mit der Union endlich gemeinsam in einer bürgerlichen Koalition zu regieren, dass sie auch ihre Kooperationsbereitschaft deswegen nicht verlieren werden. Da unterscheiden sich die Grünen kaum von der SPD.

“Nur gelegentlich gesundheitsschädlich”

Doch jenseits dieser Personal- und Parteien-Diskussion sollte bei der Debatte um die Zulassung von Glyphosat nicht vergessen werden, dass in einer Gesellschaft, in der der Profit das Maß aller Dinge ist, eben nicht Gesundheitsfragen an erster Stelle stehen. Davon berichtet sehr kenntnisreich der Leiter der Forschungsstelle Arbeit, Gesundheit und Biographie in Bremen Wolfgang Hien in seinen im VSA-Verlag erschienenen Buch Kranke Arbeitswelt.

Er erinnert dort noch einmal an die Asbest-Katastrophe, woran er sehr detailreich aufzeigt, wie Wissenschaftler, darunter viele Arbeitsmediziner und Wirtschaftsverbände, jahrelang gegen alle wissenschaftliche Evidenz bestritten, dass Asbest gesundheitsschädlich ist.

Hien spricht sogar davon, dass sich führende Wissenschaftler des Bundesgesundheitsamtes von der Asbestindustrie kaufen ließen. Eternit und andere Unternehmen und eben auch viele gekaufte Wissenschaftler behaupteten bis zuletzt, Asbest sei nicht oder nur gelegentlich gesundheitsschädlich. Hien spricht auch an, dass auch ein Teil der Lohnabhängigen nichts von den Gesundheitsgefahren wissen wollte:

Leider muss zugleich festgehalten werden, dass auch führende Gewerkschaftler und viele Betriebsräte sich damals der Meinung anschlossen, ganz einfach auch deshalb, weil sie um ihre Arbeitsplätze fürchteten.

Wolfgang Hien

Hien zeigt auch, mit welch harten Bandagen im wahrsten Sinne des Wortes auch unter Lohnabhängigen für die Arbeit mit gesundheitsschädlichen Materialen gekämpft wurde. Da wurde schon mal einen oppositioneller Betriebsrat nicht nur verbal, sondern auch körperlich attackiert. Hiens Kapitel in dem Buch über den langen Kampf, den es brauchte, um Asbest als gesundheitsgefährdendes Material einzustufen, zeigt, wie Recht Karl Marx mit seinem Diktum hatte, für 100 Prozent Profit geht das Kapital über Leichen.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die gesundheitsschädlichen Folgen von Asbest zumindest waren längst bekannt. Während der Kriminalfall Asbest doch noch in Erinnerung geblieben ist, ist es Hien zu verdanken, noch einmal auf die Arsenkatastrophe an der Mosel erinnert zu haben. Das von BASF produziert Insektenvernichtungsmittel Arsentrioxid verursachte viele tödliche Erkrankungen.

Hien legt dar, wie Arbeitsmediziner noch versuchten, den Opfern nachträglich die Entschädigungszahlungen zu verweigern. Der Buchautor ist auch weit davon entfernt, diese Probleme als nicht mehr aktuell darzustellen. Im Gegenteil wird heute das Gesundheitsproblem ausgelagert.

Leiharbeiter aus Osteuropa oder dem globalen Süden sterben in ihren Heimatländern an den Krankheiten, die sie sich bei gesundheitsgefährdenden Arbeiten im globalen Norden zugezogen haben. Oder das Giftmaterial wird gleich in den globalen Süden exportiert, was Hien am Beispiel der Demontage von Schiffen zeigt.

Wenn aber in Indien oder Afrika Menschen an den Wohlstandsmüll aus dem globalen Norden sterben, erregt das längst nicht so sehr, als wenn nun das vielleicht gelegentlich gesundheitsschädliche Glyphosat im EU-Raum zum Einsatz kommt. In der Debatte ist nur glaubwürdig, wer die hohe Messlatte für mögliche Gesundheitsgefährdungen global anlegt.

https://www.heise.de/tp/features/Glyphosat-Streit-Profit-gegen-Gesundheit-3903676.html
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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/features/Glyphosat-EU-Ausschuss-stimmt-fuer-Lizenzverlaengerung-um-5-Jahre-3902874.html
[2] https://www.jusos.de/personen/kevin-kuehnert/
[3] http://www.wolfgang-hien.de/
[4] http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/kranke-arbeitswelt/
[5] http://www.deutschlandfunkkultur.de/asbest-die-toedliche-wunderfaser.976.de.html?dram:article_id=296639
[6] http://www.zeit.de/1985/30/arsen-und-asbest

Peter Nowak

Krankmeldung als Waffe in einer “kranken Arbeitswelt”?

Samstag, 16. September 2017

Viele Beschäftige in Deutschland könnten sich an den Piloten ein Beispiel nehmen. Sie sollten eher auf ihre Gesundheit achten, als krank zur Arbeit zu gehen. Ein Kommentar

Sie hätten fehlenden Anstand, seien feige und könnten sich nicht auf das Arbeitsrecht berufen. So wurden im Deutschlandfunk[1] die Air-Berlin-Piloten beschimpft, die sich in den vergangenen Tagen vermehrt krank gemeldet hatten. Der Wirtschaftsjournalist Thomas Weinert machte auch gleich deutlich, warum er sich so darüber echauffiert. “Jeder Investor wird sich fragen, ob er sich so ein Betriebsklima leisten kann.” 

Und immer an den Standort denken

“Eine kollektive Krankmeldung in der jetzigen Situation ihres Arbeitgebers – das ist so ziemlich das Fieseste, was man sich ausdenken kann”, holt Weinert nun zur ultimativen moralischen Vernichtung der Piloten aus, die eben wohl mal nicht zuerst an den Standort Deutschland gedacht haben. Das aber ist ja das Credo der deutschen Volksgemeinschaft, die sich in der BRD verschiedene Namen gegeben hat wie “konzertierte Aktion” oder “Standortgemeinschaft”. 

Immer ging es darum, dass es die höchste Tugend sei, Opfer für die Interessen des Unternehmens und den Standort Deutschland zu bringen. Wer dazu nicht bereit war, galt entweder ein schlimmer Chaot oder roter Umstürzler oder eben total egoistisch, feige und anstandslos. Darüber waren sich in diesen Tagen Politiker von SPD, FDP und Union, die Dienstleistungsgewerkschaft verdi[2] und fast alle Medien unisono einig. 

Diese deutsche Standortgemeinschaft lässt erahnen, was erst in Deutschland los wäre, wenn das Beispiel der Piloten Schule machen würde. Wenn sich auch Beschäftigte in den Kitas, in den Krankenhäusern und auch an anderen Arbeitsstellen daran ein Beispiel nehmen würden. Grund dazu hätten sie auf jeden Fall. Denn die dortigen Arbeitsbedingungen, die ständige Überlastung, die dünne Personaldecke machen krank. Es gibt also wohl kaum eine Branche, die davon nicht betroffen wäre. 

Innehalten in der “kranken Arbeitswelt”

Der Leiter der des Bremer Forschungsbüros für Arbeit, Gesundheit und Biographie[3]Wolfgang Hien[4] hat im VSA-Verlag unter dem Titel Kranke Arbeitswelt[5] eine engagierte Streitschrift verfasst, die die vielgerühmte neue Arbeitskultur als Angriff auf die Gesundheit der Beschäftigten begreift. 

Das Buch endet mit einer Utopie: “Das Mögliche, dieses ‘Noch-Nicht’ (Bloch), kündigt sich heute schon an. Überall sind Zeichen zu sehen, zu hören, zu fühlen, wenn wir nur genau hinschauen, genau hinhören, genau hinspüren. Dazu brauchen wir aber auch die Stille, das Innehalten, die Abkehr von den Verblendungen und dem Getöse der kapitalistischen Warenwelt.” 

Dazu brauchen wir aber mehr Beschäftigte, die es wie die Air-Berlin-Piloten machen, die sich lieber krankmelden als sich krankschuften. Es wird sofort argumentiert, dass die Piloten ihre Stellung ausnutzen und dass sie sowie schon zu den Gutverdienenden gehören. Was sollen aber erst die Beschäftigten bei Air-Berlin sagen, die viel schlechter bezahlt werden? 

So wurde auch schon argumentiert, als die Lokführer in den Ausstand getreten sind. Doch diejenigen, die nun den Piloten vorwerfen, sie wären unsolidarisch gegenüber den schlechter bezahlten Kollegen, haben nur ein Credo: Alle müssten Opfer bringen. Vielleicht waren ja diejenigen, die sich krankschreiben ließen, auf ihre Art viel solidarischer. Sie haben schließlich aufgezeigt, dass es tatsächlich Alternativen zur Ideologie des ständigen Opferbringens für den Standort gibt. 

Natürlich bräuchte es mehr Basisgewerkschaften und solidarische Initiativen, damit sich die Devise “lieber krank melden als krankschuften” verbreitet. Sie gehörte seit jeher zu den Grundsätzen von Beschäftigten, die wussten, dass sie nicht mit den Firmen identisch waren, bei denen sie ihre Arbeitskraft verkauften. Das Problem fängt dort an, wo Opelarbeiter tatsächlich mit Parolen wie “Wir sind Opel” schon deutlich machen, dass sie zu fast allen Opfern bereit sind, um nur weiter beim Unternehmen zu bleiben. Genau diesen Eindruck haben die Air-Berlin-Piloten nicht hinterlassen und das ist nicht zu unterschätzen. 

Eine Nation von Hobbyärzten

Daher auch war die mediale Empörung so groß. Da wurde auch nicht mal hinterfragt, wieso überhaupt alle davon ausgehen, dass die Piloten keinen vernünftigen Grund für ihre Krankmeldungen hatten. Schließlich müsste sich doch schon rumgesprochen haben, dass auch Stress und besondere Belastungen Krankheitsfaktoren sind. Und davon gab es bei Air Berlin genug. Den hatten aber nicht die Piloten oder andere Beschäftigte zu verantworten, sondern die Manager, die das Unternehmen in die Pleite geführt haben. 

Ist es nicht ein besonders verantwortungsvolles Verhalten der Piloten, dass sie ihren Stress nicht ignorieren und mit irgendwelchen Placebos zu übertünchen versuchen? Schließlich üben sei einen Beruf aus, in dem ein falscher Handgriff und Konzentrationsschwächen fatale Folgen haben können. 

Es ist schon erstaunlich, dass wir jetzt eine Nation von Hobbyärzten haben, die ganz genau wissen, dass es aber auch gar keinen Grund für die Krankschreibung der Piloten. Mittlerweile haben sich fast alle Piloten wieder an die Arbeit zurückgemeldet. Doch ihr kurzer Moment des Ausbruchs aus dem gesellschaftlichen Konsens in Deutschland sollte Schule machen. 

Nachtrag: “Fakt ist, dass wir seit Jahren am Limit arbeiten”

Auszug aus einem Interview[6] der Rheinischen Post mit einem Flugkapitän der Air Berlin, der “zur Arbeit geht”: 

Peter N.: Fakt ist, dass wir seit Jahren am Limit arbeiten. Uns wurden teilweise unsere Urlaubstage abgekauft, damit wir fliegen können. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Sanierungsprogramme ich schon mitgemacht habe. Unsere Personalsituation ist seit Jahren schwierig, wir haben nicht genug Piloten. Weil sich 200 von knapp 1400 Piloten krank gemeldet haben, bricht jetzt der Flugbetrieb zusammen? Das ist doch lächerlich. (…) 

RP: Wie kommt es denn dazu, dass sich die Mitarbeiter erst jetzt krank melden und nicht schon nach der Insolvenz-Nachricht Mitte August? 

Peter N. Das liegt daran, dass es am 11. September Gespräche über die Zukunft der Mitarbeiter nach einer Übernahme gab. Doch die Geschäftsführung hat uns signalisiert, dass es dazu keine Überlegungen gibt. Da trifft unsere Personalvertretung auf die pure Arroganz am Verhandlungstisch. Das treibt die Menschen in die Verzweiflung. Da kann ich verstehen, dass den Mitarbeitern schlecht wird bei dem Gedanken an ihre Zukunft. Sagen Sie mir mal, wie man Verantwortung für 300 Personen im Flugzeug übernehmen soll, wie man seinen Job mit klarem Verstand machen soll, wenn gerade alles schief geht? 

RP: Sagen Sie es mir, wie das geht.

Peter N.: Ganz ehrlich, ich kann verstehen, dass manche Kollegen sich krank melden, weil sie dem Druck nicht mehr standhalten. Die Gedanken sind immer da, die Angst vor dem sozialen Abstieg – und dabei ist es egal, was man vorher verdient hat. Niemand kann wollen, dass psychisch und emotional belastete Piloten weiterhin fliegen.

Interview[7], Rheinische Post, 15.09. 2017
URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3833980
https://www.heise.de/tp/features/Krankmeldung-als-Waffe-in-einer-kranken-Arbeitswelt-3833980.html

Peter Nowak
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.deutschlandfunk.de/krankmeldung-von-air-berlin-piloten-fehlender-anstand.720.de.html?dram:article_id=395810
[2] https://verkehr.verdi.de/branchen/luftverkehr/fluggesellschaften
[3] https://sofis.gesis.org/sofiswiki/Forschungsb%C3%BCro_f%C3%BCr_Arbeit,_Gesundheit_und_Biographie_(Bremen)
[4] http://www.wolfgang-hien.de/(http://www.wolfgang-hien.de/
[5] http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/kranke-arbeitswelt/
[6] http://www.rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/insolvenz-von-air-berlin-den-piloten-wird-der-schwarze-peter-zugeschoben-aid-1.7081340
[7] http://www.rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/insolvenz-von-air-berlin-den-piloten-wird-der-schwarze-peter-zugeschoben-aid-1.7081340