»Wissenschaftsethisch halte ich diesen ganzen Verharmlosungsdiskurs für eine Katastrophe«

Das »Diesel-Urteil« des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts und die Wis­sen­schaft. Interview mit Wolfgang Hien vom Bremer For­schungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie

Tele­polis sprach mit Wolfgang Hien[1] vom Bremer For­schungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie. Hien beschäftigt sich mit Gesund­heits­be­las­tungen innerhalb der Wohn- und Arbeitswelt. Im VSA-Verlag ist sein Buch »Kranke Arbeitswelt«[2] erschienen.

Hat nicht auch die Umwelt­wis­sen­schaft versagt, wenn ein Gericht und die Deutsche Umwelt­hilfe die täg­liche Ver­giftung im Stra­ßen­verkehr auf die Agenda setzen?
Wolfgang Hien: Ich möchte vor­aus­schicken, dass es sehr wohl Wis­sen­schaftler gibt, die die Risiken sehen. Über die rede ich jetzt nicht. Ich rede über die vielen sich zum Gut­achter für Umwelt­fragen gerie­renden Arbeits­me­di­ziner, die die Risiken her­un­ter­reden. Das war nicht nur ein Doktor Michael Spallek von VW.
Das ist der ehe­malige MAK-Vor­sit­zende Pro­fessor Helmut Greim[3], der schon im letzten Jahr in einem großen Gut­achten die Gesund­heits­ge­fahren der Die­sel­abgase her­un­ter­ge­spielt hat. Es gebe, so Greim, derart viele Ein­fluss­fak­toren auf die Gesundheit, dass es nicht möglich sei, NOx und Fein­stäube – die ja immerhin krebs­er­zeu­gende PAK (Poly­zy­klische Aro­ma­tische Koh­len­was­ser­stoffe) ent­halten – als Erzeuger von Lun­gen­krank­heiten und sons­tigen schweren Erkran­kungen, die erst Jahre oder Jahr­zehnte später ein­treten können, »dingfest« zu machen.
Auch viele weitere hoch­rangige Arbeits­me­di­ziner mel­deten sich in den letzten Wochen zu Wort und – im O-Ton – »warnen vor einer Dra­ma­ti­sierung der angeb­lichen Gesund­heits­ge­fahren durch Die­sel­abgase«, so z.B. Prof. Hans Drexler[4] aus Erlangen.

Wie bewerten Sie solche Äuße­rungen dieser Wis­sen­schaftler?
Wolfgang Hien: Der­artige Ein­las­sungen sind nach meinem Dafür­halten unge­heu­erlich. Und dies aus meh­reren Gründen. Eben diese Arbeits­me­di­ziner haben es bis 2009 untätig hin­ge­nommen, dass Arbei­te­rinnen und Arbeiter an bestimmten Arbeits­platzen – nehmen wir als Bei­spiel die Die­sel­stapler – bis zu 9,5 mg/​m3 NOx aus­ge­setzt waren.
Auch die Fein­staub­kon­zen­tra­tionen waren jahr­zehn­telang sehr hoch. Die Gesund­heits­schäden waren aber dann irgendwann nicht mehr zu leugnen, so dass ab 2010 der Arbeits­platz­grenzwert auf ein Zehntel gesenkt wurde.
Dieser neue Wert von 950 Mikro­gramm gilt aber nur für gesunde erwachsene Per­sonen, maximal 8 Stunden pro Tag und 40 Stunden pro Woche. Jetzt kommen diese gleichen igno­ranten Arbeits­me­di­ziner und sug­ge­rieren, dass diese 950 Mikro­gramm doch recht eigentlich für alle Men­schen gelten könnten, auch für Kinder und Alte an stark befah­renen Straßen 24 Stunden am Tag und immer­während.

Gab es nicht Unter­su­chungen, die das wider­legten?
Wolfgang Hien: Natürlich. Zugleich werden von dieser sich als wis­sen­schaftlich gebenden Seite umwelt­me­di­zi­nische Studien, die ab 40 Mikro­gramm auf­wärts einen Anstieg der Gesund­heits­ri­siken sehen, igno­riert oder als irrelevant zur Seite getan.
Und wenn da von 100.000 Per­sonen mal 5 oder 6 erkranken oder später gar an Krebs sterben – wir dürfen die PAK nicht ver­gessen, die ja eben­falls und gleich­zeitig auf die Men­schen ein­wirken -, dann sieht das diese Pro­fes­so­ren­riege, also Greim, Drexler und einige andere, eher als harmlos oder als ver­nach­läs­sigbar an. Was sind schon 5 Men­schen auf 100.000 Men­schen? Das ver­schwindet »im Hin­ter­grund­rau­schen«, sagte mir ein ange­se­hener Arbeits­me­di­ziner.

Können Sie da weitere aktuelle Bei­spiele nennen?
Wolfgang Hien: Ich möchte Dr. Mat­thias Möhner[5] nennen. Der wis­sen­schaft­liche Direktor der Bun­des­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeitsmedizin[6] qua­li­fi­ziert in einer neueren Über­sichts­arbeit prak­tisch alle epi­de­mio­lo­gi­schen Die­sel­abgas-Studien, die ein Risiko gesehen haben, als nichts­sagend und »metho­disch nicht haltbar« ab.
Ich per­sönlich halte dies für einen unge­heu­er­lichen Vorgang, nämlich: dass sich ein Ange­stellter eines Bun­des­in­stituts derart als Lob­byist der Auto­in­dustrie gebärdet.

Was für ein Wis­sen­schafts­ver­ständnis steht dahinter?
Wolfgang Hien: Wis­sen­schafts­ethisch halte ich diesen ganzen Ver­harm­lo­sungs­diskurs für eine Kata­strophe. Gerade wenn es metho­dische Unsi­cher­heiten gibt, sind immer Wis­sen­schaftler gehalten, vom »Fehler zweiter Art« aus­zu­gehen.
Das bedeutet, dass in einer Studie ein Risiko über­sehen werden kann, ins­be­sondere dann, wenn die Fallzahl zu klein ist. Wir sprechen in der Epi­de­mio­logie davon, dass die »Power« einer Studie zu klein ist, um gültige Aus­sagen zu treffen.
Und wenn trotz relativ kleiner Fall­zahlen Risiken gesehen werden, umso ernster muss die Studie genommen werden. Solchen Studien mit hoher Power die Gül­tigkeit abzu­sprechen, wie es etwa Möhner tut, ist für mich nicht nach­voll­ziehbar. Das kommt für mich einer bewussten Tat­sa­chen­ver­fäl­schung nahe, die auch noch – wie in diesem Falle – mit einem Stempel der Amt­lichkeit ver­sehen wird.

Hat die Umwelt­me­dizin in der Die­sel­de­batte versagt?
Wolfgang Hien: Ins­gesamt zeigt die Die­sel­ab­gas­de­batte, dass eine gute Umwelt­me­dizin in Deutschland stark ins Hin­ter­treffen geraten ist, viel­leicht sogar nie als relevant ein­ge­stuft war. Man hat einfach den Arbeits­me­di­zinern den Hut »Umwelt­me­dizin« auf den Kopf getan, obwohl das ein völlig anderes Gebiet ist und völlig andere Denk­weisen benötigt.
Da geht es gleich um viele Mil­lionen Men­schen. Und wenn von bei­spiels­weise einer Million Per­sonen auf­grund von Umwelt­schad­stoffen 5 pro 100.000 pro Jahr krank werden, dann sind das 375 Per­sonen pro 100.000 in der Lebens­spanne von 75 Jahren und folglich 3.750 Per­sonen, dann ist bei weitem nicht »ver­nach­läs­sigbar«.

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Peter Nowak
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[2] http://​www​.vsa​-verlag​.de/​n​c​/​d​e​t​a​i​l​/​a​r​t​i​k​e​l​/​k​r​a​n​k​e​-​a​r​b​e​i​t​s​welt/
[3] https://​www​.bun​destag​.de/​b​l​o​b​/​4​3​8​8​6​6​/​f​e​e​1​1​3​7​9​3​5​0​c​2​e​5​8​2​d​c​1​e​8​2​d​3​7​7​1​3​a​1​9​/​s​v​_​2​_​g​r​e​i​m​-​d​a​t​a.pdf
[4] https://​www​.arbeits​me​dizin​.uni​-erlangen​.de/​m​i​t​a​r​b​e​i​t​e​r​d​a​t​e​n​/​h​a​n​s​-​d​r​e​x​l​e​r​.​shtml
[5] https://​www​.rese​archgate​.net/​p​r​o​f​i​l​e​/​M​a​t​t​h​i​a​s​_​M​o​ehner
[6] https://​www​.baua​.de/​D​E​/​H​o​m​e​/​H​o​m​e​_​n​o​d​e​.html
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»Oftmals heuchlerisch«

Der Bremer Medi­zin­so­ziologe Wolfgang Hien warnt seit langem davor, die gesund­heit­liche Belastung durch Schad­stoff­emis­sionen der Industrie zu unter­schätzen. Die Auf­regung über die Abgas­tests der deut­schen Auto­bauer ver­kenne die eigent­liche Dimension der Pro­bleme.

Wolfgang Hien ist Arbeits­wis­sen­schaftler und Medi­zin­so­ziologe. Er leitet die For­schungs­stelle Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen und beschäftigt sich mit Gesund­heits­be­las­tungen innerhalb der Wohn- und Arbeitswelt. Im VSA-Verlag ist sein Buch »Kranke Arbeitswelt« erschienen.
Am 9. Februar hält er im FAU-Lokal in Berlin einen Vortrag zum selben Thema

Die von deut­schen Auto­mo­bil­kon­zernen in Auftrag gege­benen Stick­stoff­di­oxid­ver­suche haben Schlag­zeilen gemacht. Poli­tiker aller Par­teien äußerten sich ­empört. Die Kon­zern­lei­tungen haben sich inzwi­schen davon ­distan­ziert. Wie glaubhaft sind solche Distan­zie­rungen?
Als Arbeits- und Gesund­heits­wis­sen­schaftler befasse ich mich seit Jahr­zehnten mit Gefah­ren­stoffen und Belas­tungen am Arbeits­platz. Auf mich wirkt die Auf­regung über diesen Fall sehr merk­würdig. Natürlich machen die Chemie- und die Phar­ma­in­dustrie seit mehr als 100 Jahren ent­weder selbst Expe­ri­mente, auch mit Men­schen, oder sie ver­geben ent­spre­chende Auf­träge an Uni­ver­si­täten und andere For­schungs­in­stitute. Das ist erst mal über­haupt nichts Neues. Grund­sätzlich ist es das Interesse der Industrie, her­aus­zu­be­kommen, wie viele Gifte der Mensch ver­kraften kann. Dabei haben die Unter­nehmen stets ver­sucht, der viel wich­ti­geren Frage aus­zu­weichen, was es für die Gesundheit bedeutet, wenn Men­schen schäd­lichen Stoffen oder Giften über Jahre und Jahr­zehnte aus­gesetzt sind.

Können Sie dafür ein Bei­spiel nennen?
Das Problem haben wir auch beim NO², dem Stick­stoff­dioxid. Die Ver­suche der RWTH Aachen, die mit völlig gesunden Per­sonen über wenige Stunden gemacht wurden, sind ziemlich harmlos. Da konnte also gar nichts Schlimmes her­aus­kommen. Die Expo­sition lag weit unterhalb der­je­nigen Werte, die jahr­zehn­telang als maximale Kon­zen­tration am Arbeits­platz Geltung hatte. Dieser Wert lag bis zum Jahr 2008 bei fünf ppm (parts per million), das sind fünf Kubik­zen­ti­meter Gas in einem Kubik­meter Atemluft. In Gewicht umge­rechnet wären das 9,5 Mil­li­gramm pro Kubik­meter. In Aachen wurden junge gesunde Leute maximal 1,5 ppm aus­ge­setzt.

»Die Ver­suche der RWTH Aachen, die mit völlig gesunden Per­sonen während weniger Stunden gemacht wurden, sind ziemlich harmlos. Da konnte also gar nichts Schlimmes her­aus­kommen. Die Expo­sition lag weit unterhalb der­je­nigen, die jahr­zehn­telang als maximale Kon­zen­tration am Arbeits­platz Geltung hatte.«

Der soge­nannte MAK-Wert gibt die maximal zulässige Kon­zen­tration eines Stoffes als Gas, Dampf oder Schweb­stoff in der Luft am Arbeits­platz an, bei der kein Gesund­heits­schaden zu erwarten ist, auch wenn man der Kon­zen­tration in der Regel acht Stunden aus­ge­setzt wird. Der MAK-Richtwert wurde schon vor Jahren ­her­ab­ge­setzt.
Die MAK-Kom­mission hat den Grenzwert 2009 auf ein Zehntel her­un­ter­ge­setzt, von fünf ppm auf 0,5 ppm, weil eben doch nicht aus­zu­schließen ist, dass eine lang­fristige Expo­sition, die darüber liegt, Lun­gen­schäden ver­ur­sacht. Das weiß man längst und in Aachen wurde das erneut bestätigt.

Wo müsste die Kritik ansetzen?
Der eigent­liche Skandal liegt erstens darin, dass Hun­der­tau­sende Men­schen am Arbeits­platz über Jahr­zehnte einer tat­sächlich schä­di­genden Kon­zen­tration aus­ge­setzt waren, obwohl es seit Jahr­zehnten Kritik an der alten Grenz­wert­setzung gab. Zweitens ist es ein Skandal, dass Mil­lionen Men­schen, vor allem Kinder, chro­nisch Kranke und Alte, an stark befah­renen Straßen nicht nur acht Stunden am Tag und 40 Stunden in der Woche, sondern rund um die Uhr mit erheb­lichen Kon­zen­tra­tionen belastet sind, was sta­tis­tisch gesehen mit Sicherheit Schäden ver­ur­sacht. Der eigent­liche Skandal ist, dass hier seit Jahr­zenten ein Mas­sen­ex­pe­riment an Men­schen vor­ge­nommen wird. All das haben kri­tische Wis­sen­schaftler seit langem the­ma­ti­siert.

Wie haben Politik und Unter­nehmen auf diese Kritik reagiert?
Die Reaktion war immer ver­halten. Man ent­gegnete uns: Wir leben halt nun mal in einem Indus­trieland, ein Zurück zur Natur kann es nicht geben, Kol­la­te­ral­schäden gibt es immer. Dass man sich jetzt plötzlich aufregt, ist oftmals heuch­le­risch, manchmal viel­leicht aber auch eine erste Erkenntnis, nach welcher Logik die Dinge bei uns laufen.

Sind die 25 Pro­banden, die sich den Abgas­tests unter­zogen haben, über­haupt reprä­sen­tativ?
Es geht hier um toxi­ko­lo­gische For­schungen, es ist der Versuch, erste Anzeichen einer schä­di­genden Wirkung beim Men­schen zu ermitteln. Man kann der­artige Tests durchaus mit wenigen Leuten machen, je nach Ver­suchs­aufbau kann das schon ­Erkennt­nisse bringen. Wichtig wäre, Befind­lich­keits­stö­rungen genau wahr­zu­nehmen.

Es gibt Hun­derte von aggres­siven Lob­by­gruppen«

Die Lob­by­ver­ei­nigung »Euro­päische For­schungs­ver­ei­nigung für Umwelt und Gesundheit im Trans­port­sektor« (EUGT), die die Tests ver­an­lasst hatte, wurde im ver­gan­genen Jahr auf­gelöst. Kommt die Maß­nahme zu spät?
Es gibt Hun­derte von aggres­siven Lob­by­gruppen, die man alle gerne auf­lösen kann. Zumindest aber müsste aus Steu­er­mitteln den unab­hän­gigen Ver­bänden und kri­ti­schen Wis­sen­schaftlern das Hun­dert­fache an Zuwen­dungen gegeben werden, damit auch sie Lob­by­arbeit im Sinne der Men­schen und des Schutzes ­ihrer Gesundheit leisten können.

Ist es die Regel, dass kon­zernnahe Lob­by­or­ga­ni­sa­tionen solche Tests machen?
Das kommt leider häufig vor und wird von den Kon­zernen geheim­ge­halten. Gerade bei Pes­ti­ziden weiß man seit Jahr­zehnten, dass besorg­nis­er­re­gende Daten geheim gehalten werden. Bas­agran, ein früher ver­wen­detes Pes­tizid der BASF, hat in höheren Dosie­rungen im Tier­versuch Krebs erzeugt. Das kam erst heraus, nachdem eine US-ame­ri­ka­nische Bür­ger­initiative eine Klage auf ihr right to know gewonnen hat. Von Gly­phosat ist das Gleiche durch­ge­si­ckert, auch dieser Stoff erzeugt Krebs. Die zustän­digen Behörden, in diesem Fall das Bun­des­in­stitut für ­Risi­ko­be­wertung, ein Teil des frü­heren Bun­des­ge­sund­heitsamts, be­wegen sich im Strom einer indus­trie­hö­rigen Toxi­ko­logie und geben sich mit For­schungs­er­geb­nissen auf Basis geheim­ge­hal­tener Daten zu­frieden.

Sie haben in Ihrem Buch »Kranke Arbeitswelt« viele Bei­spiele kon­zern­naher Wis­sen­schaft auf­ge­listet. Können Sie ein besonders Auf­fäl­liges nennen?
Ein ekla­tantes Bei­spiel ist das Asbest. Hier ver­sucht eine starke Lobby, unter­stützt von einigen wenigen weltweit füh­renden Wis­sen­schaftlern, Weiß­asbest als harmlos dar­zu­stellen oder zumindest als weniger schädlich, als nicht oder nur in geringem Maß krebs­er­zeugend. Diese Lobby ver­sucht, das Rad der Geschichte ­zurück­zu­drehen und die momentan gül­tigen Grenz­werte auf­zu­heben. Zum Glück haben sich ver­ant­wor­tungs­volle Wis­sen­schaftler offen gegen diese Lobby gestellt und auf­ge­zeigt, dass deren Argu­men­tation und angeb­liche Daten keine Basis be­sitzen. Es gibt nach­weisbare Fälle, bei denen zuweilen viel Geld im Spiel ist. Ich habe dazu eine tie­fer­ge­hende Unter­su­chung über die Ver­stri­ckung füh­render Arbeits­me­di­ziner mit der Tabak­in­dustrie gemacht. Es ging um das Pas­siv­rauchen, auch um die Belas­tungen etwa in Woh­nungen, wo Kinder besonders expo­niert sind.

Ist die Wis­sen­schaft von der Wirt­schaft kor­rum­piert?
Nein, es geht aber um ein Denken, in dem viele Wis­sen­schaftler, Arbeits- und Umwelt­me­di­ziner ver­fangen sind, was dazu führt, dass sie auch ohne Bestechung sehr industrie­nah ein­ge­stellt sind. Dazu gibt es ein aktu­elles Bei­spiel: Geschäfts­führer der EUGT war Michael Spallek, der zuvor Leiter des Gesund­heits­schutzes der VW-Abteilung Nutz­fahr­zeuge war. Er hat zur Jah­res­tagung der Deut­schen Gesell­schaft für Arbeits- und Umwelt­me­dizin einen Vortrag ange­meldet, der akzep­tiert wurde und den er zusammen mit einem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaftler an recht pro­mi­nenter Stelle halten wird. Der Titel: »N0x-Risi­ko­kom­mu­ni­kation. Klärung eines Vexier­bildes«. Dazu heißt es im Abs­tract: »›Vor­zeitige Todes­fälle‹ durch N0x-Emis­sionen sind nur ein theo­retisches Kon­strukt und ohne prak­tische oder reale Bedeutung für das Indi­viduum.«

Welche Rolle spielen gesund­heits­schäd­liche Stoffe in der Arbeitswelt?
Expo­si­tionen in der Arbeitswelt sind höher als die in der sons­tigen Umwelt. Diese Aussage gilt freilich nur hier­zu­lande, nicht für die Schwel­len­länder und Länder der Dritten Welt, wo Kinder auf regel­rechten Gift­müll­de­ponien spielen. In den Indus­trie­na­tionen wird mit vielen neuen Stoff­sys­temen han­tiert, Epo­xid­harzen, Iso­cya­naten, Nano­par­tikeln, die nur unzu­rei­chend auf Lang­zeit­wir­kungen unter­sucht sind. Auch hier findet ein Men­schen­versuch in grö­ßerem Maßstab statt, der nicht nach drei Stunden endet, sondern der ein Arbeits­leben lang läuft, das schon mit 45 oder 55 zu Ende sein kann wegen arbeits­be­dingter Krankheit oder vor­zei­tigem arbeits­be­dingtem Tod.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​0​6​/​o​f​t​m​a​l​s​-​h​e​u​c​h​l​e​risch

Interview von Peter Nowak

Ein aufgebauschter Skandal

Nicht dass Affen und Men­schen im Labor Tests über die Schäd­lichkeit von Abgasen unter­zogen werden, ist das Problem, sondern die all­täg­lichen Men­schen­ver­suche der Auto­in­dustrie auf unseren Straßen

»Tests in keiner Weise zu recht­fer­tigen«: Das war am Montag der Tenor, als durch einen Artikel der New York Times bekannt wurde, dass die deutsche Auto­mo­bil­in­dustrie Unter­su­chungen in Auftrag gegeben habe, um die angeb­liche Unschäd­lichkeit der Die­sel­mo­toren zu belegen.

Von Angela Merkel bis Katja Kipping gab es bald keinen Poli­tiker und keine Poli­ti­kerin mehr, der oder die nicht Empörung über diese Ver­suche äußerte. Doch meistens kam die Kritik nicht über eine mora­lische Ver­ur­teilung hinaus. »Unan­ge­messen« und »men­schen­ver­achtend« waren die Vokabeln.

Dabei wäre es doch sinn­voller, erst einmal zu schauen, was da eigentlich pas­siert ist und wie sich die Ver­suche von den vielen anderen unter­scheiden, die tag­täglich gemacht werden. Zunächst sind solche Ver­suche nicht nur bei den Abgas­tests heute sehr ver­breitet. Um pro­funde Aus­sagen über die Gefähr­lichkeit bestimmter Stoffe machen zu können, muss es solche Unter­su­chungen geben.

Natürlich sind solche Unter­su­chungen nicht das einzige, aber ein wich­tiges Instrument, wenn es um die Erfor­schung von gefähr­lichen Stoffen geht. Wer das jetzt skan­da­li­siert, sollte sich zumindest fragen, welche Alter­na­tiven es zu diesen Unter­su­chungen gibt.

Tests dürfen keine Klas­sen­frage werden

Sich auf Gefühle und Emp­fin­dungen statt auf wis­sen­schaft­liche Ergeb­nisse zu ver­lassen, wäre zumindest keine akzep­table Alter­native. Es ist schon erstaunlich, dass bei der reflex­haften Ver­ur­teilung der Unter­su­chungen nicht daran erinnert wurde, dass vor wenigen Monaten in den USA, aber auch in Europa viele Men­schen für die »Freiheit der Wis­sen­schaften« auf die Straße gegangen sind.

Es waren die Marches of Science, die für große Auf­merk­samkeit sorgten. Damals sollte die Wis­sen­schaft gegen Aber­glauben und Halb­wissen ver­teidigt werden. Doch werden dafür nicht mehr Tests an Men­schen und an Tieren, die den Men­schen am nächsten stehen, gebraucht? Wie soll denn sonst erkundet werden, welche Sub­stanzen für Mensch und Tier schädlich sind und welche nicht?

Natürlich müssen diese Tests unter Bedin­gungen statt­finden, die für die Betei­ligten die gesund­heit­lichen Kon­se­quenzen mög­lichst mini­mieren. Das heißt auch, dass an solchen Tests nur Men­schen teil­nehmen sollen, die die Kon­se­quenzen der Ver­suche über­blicken können. Ver­dächtig ist, wenn in meh­reren Mel­dungen skan­da­li­siert wird, dass gesunde Men­schen und Affen den Tests unter­zogen wurden. Dabei müsste das doch eine selbst­ver­ständ­liche Grundlage für solche Tests sein.

Wird hier nicht schon unter­schwellig sug­ge­riert, es wäre nicht so schlimm, wenn die Ver­suchs­per­sonen alt, krank und womöglich arm wären? Wich­tiger noch wäre, dass Men­schen auch nicht nur wegen der Prämien an solchen Ver­suchen teil­nehmen. Dann würde gleich wieder die Klas­sen­frage eine Rolle spielen.

Gerade im Zeit­alter pre­kärer Arbeits­ver­hält­nisse kann die Prämie das Ein­kommen auf­bessern. So setzen sich ein­kom­mensarme Men­schen eher den Kon­se­quenzen häu­figer Tests aus, nur weil sie nicht genug Geld zum Leben haben. Nur führt das bei der dau­er­be­trof­fenen Mit­tel­schicht, die auch die Medi­en­ticker bei den Abgas-Tests bestimmten, zu keiner grö­ßeren Dis­kussion.

Die Fake-News von den Men­schen­ver­suchen in der DDR

Ein Bei­spiel für eine aus Halb­wissen gespeiste Gra­tis­em­pörung waren 2013 die Mel­dungen über angeb­liche »Men­schen­ver­suche in der DDR«. Die Grundlage waren Medi­ka­men­ten­tests west­licher Phar­ma­kon­zerne in der DDR. Später stellte sich heraus, dass die ganze Auf­regung auf Halb­wissen und Lügen beruhte.

Die Tests in der DDR unter­schieden sich nicht von denen in anderen Ländern, die nicht Gegen­stand der Kritik wurden. Es reichte einfach, DDR und Medi­ka­men­ten­tests in einen Zusam­menhang zu stellen und fertig war das Bild von den Men­schen­ver­suchen. Nicht anders funk­tio­nierte die Empö­rungs­welle bei Bekannt­werden der Abgas­tests.

Dabei speiste sich die Empörung vor allem aus der Meldung, dass Affen im Spiel waren. Es ist schon immer ein fester Bestandteil reak­tio­närer Ideo­logie, im Zwei­felsfall jedes Tier, dem ein Härchen gekrümmt wird, zu skan­da­li­sieren, während die schlechten Lebens­be­din­gungen vieler Men­schen mit Gleichmut akzep­tiert werden.

Vor Jahr­zehnten reichte die als Pro­vo­kation ange­dachte Ankün­digung von Vietnam-Kriegs­gegnern, einen Hund unter den Bedin­gungen ver­brennen zu wollen, denen damals viele Men­schen in Vietnam während der Napalm-Bom­bar­de­ments der USA aus­ge­setzt waren, zu Ver­nich­tungs­phan­tasien gegen die Urheber der nicht erst­ge­meinten Ankün­digung.

Men­schen, die die Bom­bar­die­rungen Vietnams durch die USA als Ver­tei­digung der freien Welt beju­belten, gerieten in Empörung, als lediglich ange­kündigt wurde, einen Hund solchen Bedin­gungen aus­zu­setzen.

Wirk­liche Kri­tik­punkte werden oft aus­gepart

Die Gra­tis­em­pörung, die eher auf Res­sen­timent als auf Fakten beruht, sorgt auch dafür, dass die wirk­lichen Kri­tik­punkte gar nicht erwähnt werden. Im Fall der Abgas­tests wären das die Auf­trag­geber. Die Orga­ni­sation Lob­by­Control bringt die Kritik auf den Punkt:

Der Fall zeigt, mit welch mani­pu­la­tiven Methoden die deut­schen Auto­kon­zerne dem Diesel Methoden der Tabak- oder Lebens­mit­tel­in­dustrie: Wis­sen­schaftler finan­zieren, um die gesund­heit­lichen Schäden ihrer Pro­dukte zu baga­tel­li­sieren und schärfere Gesetze abzu­wenden. Es reicht nicht, wenn sich die Auto­kon­zerne für die nun bekannt gewor­denen unethi­schen »For­schungs­me­thoden« ent­schul­digen. Jetzt ist die Politik am Zuge. Die Bun­des­re­gierung muss ihren Kuschelkurs mit der Auto­in­dustrie beenden und sich generell beim Umgang mit Lob­by­isten neu auf­stellen.

Lob­by­Control

Da wären Gut­achter wie Helmut Greim zu nennen, die als wirt­schaftsnahe Lob­by­isten seit Jahren Ein­fluss auf die Politik nehmen. Und da wäre die Rolle der von der Auto­in­dustrie gegrün­deten und mitt­ler­weile auf­ge­lösten Lob­by­or­ga­ni­sation Euro­päische For­schungs­ver­ei­nigung für Umwelt und Gesundheit zu nennen, die für die Abgas­tests ver­ant­wortlich war.

Dabei muss aber klar sein, dass es Hun­derte solcher Tarn­or­ga­ni­sa­tionen gibt, die indus­trie­freund­liche Lob­by­arbeit machen. Wolfgang Hien von der Bremer For­schungs­stelle für For­schung, Gesundheit und Bio­graphie hat mit seinen Buch Kranke Arbeitswelt beschrieben, wie die Industrie gesund­heits­schäd­liche Mate­rialien aus Pro­fit­gründen so lange wie möglich ein­setzt. Krank­heits­sym­ptome bei Beschäf­tigten werden solange geleugnet, bis die Betrof­fenen gestorben sind.

Stoppt die täg­lichen Men­schen­ver­suche im Stra­ßen­verkehr

Hien hat in dem Buch sehr ein­dring­liche Bei­spiele auf­ge­führt, bei­spiels­weise beim Einsatz von Asbest. Nur dringen diese Tat­sachen längst nicht so ins Mas­sen­be­wusstsein, wie die auf Halb­wissen beru­hende Empörung über Affen im Abgastest.

Die Taz ver­sucht beides zu ver­binden. »Stoppt die täg­lichen Men­schen­ver­suche der Auto­in­dustrie«, lautet die Schlag­zeile in der aktu­ellen Ausgabe. In einem Kom­mentar wird daran erinnert, dass nicht die Abgas­tests an gesunden Men­schen und Affen ein Skandal ist, sondern die täg­liche Men­schen­ver­suche durch den Auto­mo­bil­verkehr.

Dort werden auch Men­schen, die nicht gesund und daher an solchen Tests gar nicht teil­nehmen dürfen, diesen Ver­suchen aus­ge­setzt, ohne dass sie ein­ge­willigt haben und aus­steigen können. Das ist der eigent­liche Skandal.

Peter Nowak
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[1] http://​www​.tages​schau​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​a​u​t​o​l​o​b​b​y​-​v​e​r​s​u​c​h​e​-​m​e​n​s​c​h​e​n​-​1​0​3​.html
[2] https://​www​.nytimes​.com/​2​0​1​8​/​0​1​/​2​5​/​w​o​r​l​d​/​e​u​r​o​p​e​/​v​o​l​k​s​w​a​g​e​n​-​d​i​e​s​e​l​-​e​m​i​s​s​i​o​n​s​-​m​o​n​k​e​y​s​.html
[3] https://​www​.katja​-kipping​.de/​d​e​/​t​o​p​i​c​/​4​.​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​s​.html
[4] http://​march​for​science​.de/
[5] http://​www​.spiegel​.de/​w​i​s​s​e​n​s​c​h​a​f​t​/​m​e​d​i​z​i​n​/​w​e​s​t​-​p​h​a​r​m​a​k​o​n​z​e​r​n​e​-​b​e​t​r​i​e​b​e​n​-​m​e​n​s​c​h​e​n​v​e​r​s​u​c​h​e​-​i​n​-​d​e​r​-​d​d​r​-​a​-​8​9​9​3​0​6​.html
[6] http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013–05/DDR-Medikamentenstudien-Menschenversuche
[7] http://​www​.deutsch​landfunk​.de/​c​h​a​r​i​t​e​-​s​t​u​d​i​e​-​k​e​i​n​e​-​m​e​n​s​c​h​e​n​v​e​r​s​u​c​h​e​-​i​n​-​d​e​r​-​d​d​r​.​1​7​6​9​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​48445
[8] https://​www​.lob​by​control​.de/​2​0​1​8​/​0​1​/​b​u​n​d​e​s​r​e​g​i​e​r​u​n​g​-​m​u​s​s​-​a​u​t​o​l​o​b​b​y​-​e​n​d​l​i​c​h​-​b​e​s​s​e​r​-​k​o​n​t​r​o​l​l​i​eren/
[9] https://​www​.lob​by​control​.de/​2​0​1​7​/​0​6​/​d​i​e​s​e​l​g​a​t​e​-​a​u​f​k​l​a​e​r​u​n​g​-​g​u​t​a​c​h​t​e​r​-​m​i​t​-​i​n​d​u​s​t​r​i​e​-​g​e​s​c​h​m​a​e​ckle/
[10] http://​www​.han​dels​blatt​.com/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​2​0​9​0​3​3​8​6​/​2​/​e​u​g​t​_​t​a​e​t​i​g​k​e​i​t​s​b​e​r​i​c​h​t​_​2​0​1​2​_​b​i​s​_​2​0​1​5.pdf
[11] http://​www​.wolfgang​-hien​.de
[12] http://​www​.vsa​-verlag​.de/​n​c​/​d​e​t​a​i​l​/​a​r​t​i​k​e​l​/​k​r​a​n​k​e​-​a​r​b​e​i​t​s​welt/
[13] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​7​7881/

Krankmeldung als Waffe in einer »kranken Arbeitswelt«?

Viele Beschäftige in Deutschland könnten sich an den Piloten ein Bei­spiel nehmen. Sie sollten eher auf ihre Gesundheit achten, als krank zur Arbeit zu gehen. Ein Kom­mentar

Sie hätten feh­lenden Anstand, seien feige und könnten sich nicht auf das Arbeits­recht berufen. So wurden im Deutschlandfunk[1] die Air-Berlin-Piloten beschimpft, die sich in den ver­gan­genen Tagen ver­mehrt krank gemeldet hatten. Der Wirt­schafts­jour­nalist Thomas Weinert machte auch gleich deutlich, warum er sich so darüber echauf­fiert. »Jeder Investor wird sich fragen, ob er sich so ein Betriebs­klima leisten kann.« 

Und immer an den Standort denken

»Eine kol­lektive Krank­meldung in der jet­zigen Situation ihres Arbeit­gebers – das ist so ziemlich das Fie­seste, was man sich aus­denken kann«, holt Weinert nun zur ulti­ma­tiven mora­li­schen Ver­nichtung der Piloten aus, die eben wohl mal nicht zuerst an den Standort Deutschland gedacht haben. Das aber ist ja das Credo der deut­schen Volks­ge­mein­schaft, die sich in der BRD ver­schiedene Namen gegeben hat wie »kon­zer­tierte Aktion« oder »Stand­ort­ge­mein­schaft«. 

Immer ging es darum, dass es die höchste Tugend sei, Opfer für die Inter­essen des Unter­nehmens und den Standort Deutschland zu bringen. Wer dazu nicht bereit war, galt ent­weder ein schlimmer Chaot oder roter Umstürzler oder eben total ego­is­tisch, feige und anstandslos. Darüber waren sich in diesen Tagen Poli­tiker von SPD, FDP und Union, die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft verdi[2] und fast alle Medien unisono einig. 

Diese deutsche Stand­ort­ge­mein­schaft lässt erahnen, was erst in Deutschland los wäre, wenn das Bei­spiel der Piloten Schule machen würde. Wenn sich auch Beschäf­tigte in den Kitas, in den Kran­ken­häusern und auch an anderen Arbeits­stellen daran ein Bei­spiel nehmen würden. Grund dazu hätten sie auf jeden Fall. Denn die dor­tigen Arbeits­be­din­gungen, die ständige Über­lastung, die dünne Per­so­nal­decke machen krank. Es gibt also wohl kaum eine Branche, die davon nicht betroffen wäre. 

Inne­halten in der »kranken Arbeitswelt«

Der Leiter der des Bremer For­schungs­büros für Arbeit, Gesundheit und Biographie[3]Wolfgang Hien[4] hat im VSA-Verlag unter dem Titel Kranke Arbeitswelt[5] eine enga­gierte Streit­schrift ver­fasst, die die viel­ge­rühmte neue Arbeits­kultur als Angriff auf die Gesundheit der Beschäf­tigten begreift. 

Das Buch endet mit einer Utopie: »Das Mög­liche, dieses ‚Noch-Nicht‘ (Bloch), kündigt sich heute schon an. Überall sind Zeichen zu sehen, zu hören, zu fühlen, wenn wir nur genau hin­schauen, genau hin­hören, genau hin­spüren. Dazu brauchen wir aber auch die Stille, das Inne­halten, die Abkehr von den Ver­blen­dungen und dem Getöse der kapi­ta­lis­ti­schen Warenwelt.« 

Dazu brauchen wir aber mehr Beschäf­tigte, die es wie die Air-Berlin-Piloten machen, die sich lieber krank­melden als sich krank­schuften. Es wird sofort argu­men­tiert, dass die Piloten ihre Stellung aus­nutzen und dass sie sowie schon zu den Gut­ver­die­nenden gehören. Was sollen aber erst die Beschäf­tigten bei Air-Berlin sagen, die viel schlechter bezahlt werden? 

So wurde auch schon argu­men­tiert, als die Lok­führer in den Aus­stand getreten sind. Doch die­je­nigen, die nun den Piloten vor­werfen, sie wären unso­li­da­risch gegenüber den schlechter bezahlten Kol­legen, haben nur ein Credo: Alle müssten Opfer bringen. Viel­leicht waren ja die­je­nigen, die sich krank­schreiben ließen, auf ihre Art viel soli­da­ri­scher. Sie haben schließlich auf­ge­zeigt, dass es tat­sächlich Alter­na­tiven zur Ideo­logie des stän­digen Opfer­bringens für den Standort gibt. 

Natürlich bräuchte es mehr Basis­ge­werk­schaften und soli­da­rische Initia­tiven, damit sich die Devise »lieber krank melden als krank­schuften« ver­breitet. Sie gehörte seit jeher zu den Grund­sätzen von Beschäf­tigten, die wussten, dass sie nicht mit den Firmen iden­tisch waren, bei denen sie ihre Arbeits­kraft ver­kauften. Das Problem fängt dort an, wo Opel­ar­beiter tat­sächlich mit Parolen wie »Wir sind Opel« schon deutlich machen, dass sie zu fast allen Opfern bereit sind, um nur weiter beim Unter­nehmen zu bleiben. Genau diesen Ein­druck haben die Air-Berlin-Piloten nicht hin­ter­lassen und das ist nicht zu unter­schätzen. 

Eine Nation von Hob­by­ärzten

Daher auch war die mediale Empörung so groß. Da wurde auch nicht mal hin­ter­fragt, wieso über­haupt alle davon aus­gehen, dass die Piloten keinen ver­nünf­tigen Grund für ihre Krank­mel­dungen hatten. Schließlich müsste sich doch schon rum­ge­sprochen haben, dass auch Stress und besondere Belas­tungen Krank­heits­fak­toren sind. Und davon gab es bei Air Berlin genug. Den hatten aber nicht die Piloten oder andere Beschäf­tigte zu ver­ant­worten, sondern die Manager, die das Unter­nehmen in die Pleite geführt haben. 

Ist es nicht ein besonders ver­ant­wor­tungs­volles Ver­halten der Piloten, dass sie ihren Stress nicht igno­rieren und mit irgend­welchen Pla­cebos zu über­tünchen ver­suchen? Schließlich üben sei einen Beruf aus, in dem ein fal­scher Hand­griff und Kon­zen­tra­ti­ons­schwächen fatale Folgen haben können. 

Es ist schon erstaunlich, dass wir jetzt eine Nation von Hob­by­ärzten haben, die ganz genau wissen, dass es aber auch gar keinen Grund für die Krank­schreibung der Piloten. Mitt­ler­weile haben sich fast alle Piloten wieder an die Arbeit zurück­ge­meldet. Doch ihr kurzer Moment des Aus­bruchs aus dem gesell­schaft­lichen Konsens in Deutschland sollte Schule machen. 

Nachtrag: »Fakt ist, dass wir seit Jahren am Limit arbeiten«

Auszug aus einem Interview[6] der Rhei­ni­schen Post mit einem Flug­ka­pitän der Air Berlin, der »zur Arbeit geht«: 

Peter N.: Fakt ist, dass wir seit Jahren am Limit arbeiten. Uns wurden teil­weise unsere Urlaubstage abge­kauft, damit wir fliegen können. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Sanie­rungs­pro­gramme ich schon mit­ge­macht habe. Unsere Per­so­nal­si­tuation ist seit Jahren schwierig, wir haben nicht genug Piloten. Weil sich 200 von knapp 1400 Piloten krank gemeldet haben, bricht jetzt der Flug­be­trieb zusammen? Das ist doch lächerlich. (…) 

RP: Wie kommt es denn dazu, dass sich die Mit­ar­beiter erst jetzt krank melden und nicht schon nach der Insolvenz-Nach­richt Mitte August? 

Peter N. Das liegt daran, dass es am 11. Sep­tember Gespräche über die Zukunft der Mit­ar­beiter nach einer Über­nahme gab. Doch die Geschäfts­führung hat uns signa­li­siert, dass es dazu keine Über­le­gungen gibt. Da trifft unsere Per­so­nal­ver­tretung auf die pure Arroganz am Ver­hand­lungs­tisch. Das treibt die Men­schen in die Ver­zweiflung. Da kann ich ver­stehen, dass den Mit­ar­beitern schlecht wird bei dem Gedanken an ihre Zukunft. Sagen Sie mir mal, wie man Ver­ant­wortung für 300 Per­sonen im Flugzeug über­nehmen soll, wie man seinen Job mit klarem Ver­stand machen soll, wenn gerade alles schief geht? 

RP: Sagen Sie es mir, wie das geht.

Peter N.: Ganz ehrlich, ich kann ver­stehen, dass manche Kol­legen sich krank melden, weil sie dem Druck nicht mehr stand­halten. Die Gedanken sind immer da, die Angst vor dem sozialen Abstieg – und dabei ist es egal, was man vorher ver­dient hat. Niemand kann wollen, dass psy­chisch und emo­tional belastete Piloten wei­terhin fliegen.

Interview[7], Rhei­nische Post, 15.09. 2017
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Peter Nowak
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[2] https://​verkehr​.verdi​.de/​b​r​a​n​c​h​e​n​/​l​u​f​t​v​e​r​k​e​h​r​/​f​l​u​g​g​e​s​e​l​l​s​c​h​aften
[3] https://sofis.gesis.org/sofiswiki/Forschungsb%C3%BCro_f%C3%BCr_Arbeit,_Gesundheit_und_Biographie_(Bremen)
[4] http://www.wolfgang-hien.de/(http://www.wolfgang-hien.de/
[5] http://​www​.vsa​-verlag​.de/​n​c​/​d​e​t​a​i​l​/​a​r​t​i​k​e​l​/​k​r​a​n​k​e​-​a​r​b​e​i​t​s​welt/
[6] http://​www​.rp​-online​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​u​n​t​e​r​n​e​h​m​e​n​/​i​n​s​o​l​v​e​n​z​-​v​o​n​-​a​i​r​-​b​e​r​l​i​n​-​d​e​n​-​p​i​l​o​t​e​n​-​w​i​r​d​-​d​e​r​-​s​c​h​w​a​r​z​e​-​p​e​t​e​r​-​z​u​g​e​s​c​h​o​b​e​n​-​a​i​d​-​1​.​7​0​81340
[7] http://​www​.rp​-online​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​u​n​t​e​r​n​e​h​m​e​n​/​i​n​s​o​l​v​e​n​z​-​v​o​n​-​a​i​r​-​b​e​r​l​i​n​-​d​e​n​-​p​i​l​o​t​e​n​-​w​i​r​d​-​d​e​r​-​s​c​h​w​a​r​z​e​-​p​e​t​e​r​-​z​u​g​e​s​c​h​o​b​e​n​-​a​i​d​-​1​.​7​0​81340