Immer noch nicht alle Unklarheiten beseitigt


Helge Lehmann zu seiner Unter­su­chung, die die offi­zielle Todes­version der RAF-Gefan­genen Baader, Ensslin und Raspe infrage stellt

Warum bezweifeln Sie noch immer, dass die RAF-Gefan­genen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe Selbstmord verübt haben?

Meine Zweifel rühren von meiner Recherche, die ich zu den Todes­um­ständen ange­stellt haben. Zahl­reiche Punkte sind unge­klärt oder wurden nicht in die Unter­su­chung des Todes­er­mitt­lungs­ver­fahrens auf­ge­nommen. Die Indizien, die ich in meinem Buch dar­stellte, hat mir bisher niemand widerlegt.

Als anfangs unpo­li­ti­scher Mensch, wie Sie sich beschrieben, recher­chierten Sie vier Jahre für Ihr Buch. Wieso nahmen Sie sich die Zeit?

Wenn ich erkenne, dass es bei irgend­einer Sache mehr zu erfahren gibt, möchte ich es genau wissen. Das ist dann mit mal mehr, mal weniger zeit­in­ten­siver Recherche ver­bunden. Die Recherche zur Todes­nacht in Stammheim war extrem zeit­auf­wendig, weil so viele unter­schied­liche Stränge unter­sucht werden mussten. Da ich einen Job als IT-Spe­zialist habe, konnte ich nur nach Fei­er­abend und an freien Tagen daran arbeiten.

Wie recher­chierten Sie?

Da es keine Schemata gibt, begann ich logi­scher­weise am Kern­punkt. Das war die Todes­nacht selbst sowie das Auf­finden der Toten und der ver­letzten Irmgard Möller. Schritt für Schritt sam­melte ich Daten, holte mir in den ver­schie­denen Archiven ver­fügbare Akten und glich diese mit dem bereits vor­han­denen Buch­ma­terial und Infor­ma­tionen aus dem Internet ab. So gelangte ich voran und baute um die Todes­nacht die Geschichte immer weiter aus. Dazu stellte ich prak­tische Unter­su­chungen an, bei­spiels­weise, um die Laut­stärke der Schüsse zu ermitteln.

Sie beschäf­tigten sich aus­giebig mit dem behaup­teten Waf­fen­schmuggel und dem angeb­lichen geheimen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­system der Häft­linge. Mit welchem Resultat?

Nach meinen Unter­su­chungen komme ich zu dem Ergebnis, dass der Waf­fen­schmuggel nur möglich gewesen sein kann, wenn die unter­su­chenden Beamt_​innen grob fahr­lässig und dilet­tan­tisch gear­beitet hätten. Da sie sich bei einem Waf­fen­schmuggel selbst in Gefahr gebracht hätten und da es vor jeder Durch­su­chung intensive Vor­be­rei­tungen gab, bewerte ich die Wahr­schein­lichkeit, dass mehrere Waffen und Patronen in das Gefängnis geschmuggelt wurden, als gleich null.

Warum ist die Frage, ob das geheime Kom­mu­ni­ka­ti­ons­system zwi­schen den Häft­lingen funk­tio­niert hat, für die Todes­nacht so wichtig?

Nach der offi­zi­ellen Version sollen sie mittels dieses Kom­mu­ni­ka­ti­ons­systems von der Stürmung der von einem paläs­ti­nen­si­schen Kom­mando ent­führten Landshut-Maschine erfahren haben. Danach sollen sie damit den Selbstmord ver­ab­redet haben.

Wo sehen Sie weitere ekla­tante Wider­sprüche zur offi­zi­ellen Version?

Mein Ver­suchs­aufbau der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­anlage zeigt, dass mit dem in den Zellen vor­han­denen Material eine solche Anlage, mit dem sich die Gefan­genen unter­ein­ander hätten ver­stän­digen können, spä­testens ab dem Zeit­punkt der Kon­takt­sperre nicht auf­gebaut werden konnte.

Einige ehe­malige Gefangene wie Karl-Heinz Dellwo sagten später, sie hätten über einen Selbstmord als Akt, sich der staat­lichen Ver­folgung zu ent­ziehen, gesprochen.

Die Dar­stellung widerlegt die in meinem Buch vor­ge­legten Indizien nicht.

Könnten die von Ihnen unter­suchten Wider­sprüche nicht auch darauf hin­weisen, dass ein Selbstmord unter staat­licher Auf­sicht damit ver­schleiert wurde?

Ich will mich an keinen Spe­ku­la­tionen betei­ligen. Wie oben erwähnt, hätten die unter­schied­lichen Gefängnisbeamt_​innen sich selbst in Gefahr gebracht. Ich meine damit die­je­nigen, die die regel­mä­ßigen Zel­len­durch­su­chungen und auch die Lei­bes­vi­si­ta­tionen der Gefan­genen nach den Anwalts­be­suchen durch­führten. Ich kann nur auf die in meinem Buch vor­ge­legten Indi­zi­en­punkte hin­weisen. Warum löste niemand diese Punkte auf oder ver­sucht sie zumindest zu erklären?

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Peter Nowak