WIRD DIE RECHTE STARK, WEIL DIE LINKE DIE ARBEITER VERACHTET?

Eine Kritik am libe­ralen Anti­ras­sismus ist ebenso not­wendig, wie die Zurück­weisung der Schimäre von der Ver­tei­digung eines national begrenzten Sozi­al­staats.

Von Peter Nowak

Nun hat mit der AfD auch in Deutschland eine rechts­po­pu­lis­tische, in Teilen auch faschis­tische Partei im Par­lament Einzug gehalten. Und nun wird auch hier ver­stärkt eine Dis­kussion geführt, die in vielen anderen euro­päi­schen Ländern schon länger dis­ku­tiert wird: Warum gelingt es den Rechten, in Teilen der Arbeiter_​innenklasse Wähler_​innen zu gewinnen? Dabei handelt es sich meistens um Regionen, in denen for­dis­tische Indus­trie­zweige und damit auch eine ganze Arbei­ter­kultur ver­schwunden sind. So hat der Front National in Frank­reich…

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»Wenn die Arbeit der Filmemacher endet, beginnt die Arbeit der Aktivisten«


Auf der Biennale prä­miert: »The Silence of Others«. Der Film the­ma­ti­siert die nicht auf­ge­ar­beitete faschis­tische Ver­gan­genheit der spa­ni­schen Regie­rungs­partei

Poli­tisch enga­gierte Filme sind schon lange auch bei vielen Rezen­senten in Verruf geraten. Dass wurde an der Häme deutlich, als der Sozi­al­kri­tiker Ken Loach[1] 2016 für seinen Film »Daniel Blake« die Goldene Palme ver­liehen bekam, und dafür ein Wohlfühl-Movie aus Deutschland das Nach­sehen hatte. Damals wurde in vielen Kom­men­taren das Ende eines poli­tisch-enga­gierten Kinos gefordert.

Das Kino muss kri­tische Fragen stellen[2] – »Fil­me­machen ist ein Teil des poli­ti­sches Kampfes«[3]. Diese Devise von Ken Loach, über dessen poli­ti­schen Enga­gement vor allem zum Nah­ost­kon­flikt gestritten werden muss, dürfte auch auf Almuda Carracedo[4] zutreffen.

Die spa­nische Jour­na­listin und Fil­me­ma­cherin konnte am ver­gan­genen Sonntag gemeinsam mit ihren Kol­legen Robert Bahar[5] gleich zwei Film­preise von der Ber­linale in Berlin ent­gegen nehmen: den Panorama-Publikumspreis[6] und den 33. Friedensfilmpreis[7].

Doppelt aus­ge­zeichnet wurde der Film »The Silence of Others«, der sich einem sehr aktu­ellen Thema widmet: Dem Schweigen über die Ver­brechen des Franco-Regimes in Spanien und der Tat­sache, dass bis heute in Spanien eine Partei an der Macht ist, die in der Tra­di­ti­ons­linie dieses Regimes steht.

Ganz Spanien ist ein Mas­sengrab

Zu Beginn des Films sehen wir eine alte Frau, die täglich Blumen an die Absperrung einer Auto­straße stellt. Dort hatten Falan­gisten zahl­reiche Dorf­be­wohner erschossen und ver­scharrt. Dar­unter auch ihre Mutter. Bald erfahren wir, dass fast in jedem Ort ver­meint­liche oder tat­säch­liche Gegner der Franco-Dik­tatur begraben liegen.

Während seiner Herr­schaft war es lebens­ge­fährlich, darüber auch nur zu reden. Die Ange­hö­rigen der Toten wurden in der Regel selber als Rote stig­ma­ti­siert und aus­ge­grenzt. Viele ver­steckten sich über Jahr­zehnte in einer Hütte vor den Natio­na­listen. Nach Francos Tod ging die Politik des Ver­schweigens weiter.

Denn die Eliten des Franco-Regimes waren nur zu begrenzten bür­ger­lichen Frei­heiten bereit, wenn ihre Ver­brechen tabu bleiben. In dem Film wird sehr gut benannt, dass am Anfang des Ereig­nisses, der später spa­ni­scher Bür­ger­krieg genannt wurde, ein Mili­tär­putsch stand, mit dem faschis­tische Militärs die soziale Revo­lution großer Teile der ver­armten Bevöl­kerung buch­stäblich ver­nichtet hatten.

Das ist ihnen mit Unter­stützung von Mus­solini-Faschismus und Natio­nal­so­zia­lismus gelungen. Die Hoff­nungen der spa­ni­schen Franco-Gegner, dass mit deren Ende auch das spa­nische Régime fällt, wurden bitter ent­täuscht. Im Kalten Krieg wurde Franco hofiert von den USA, dem Vatikan und EU-Poli­tikern. Gespenstige Auf­nahmen werden im Film gezeigt, wo sich der greise Franco wenige Wochen vor seinen Tod von Alt- und Neo­nazis aus Spanien und dem Ausland feiern lässt. Er galt als Vor­kämpfer gegen den Bol­sche­wismus wie noch heute ein Mit­be­gründer einer Stiftung, die Francos Erbe bewahren will, unver­hohlen in die Kamera sagt.

Im Film wird auch deutlich gemacht, dass so auch viele Mit­glieder der heu­tigen spa­ni­schen Regie­rungs­partei Partido Popular[8] denken. Das erklärt, warum noch immer Stra­ßen­namen in spa­ni­schen Städten nach den faschis­ti­schen Gene­rälen benannt sind und Franco-Statuen zu sehen sind.

Hoffen auf globale Gerech­tigkeit als Ergebnis einer Nie­derlage

Erst das Wissen darum, dass es für Opfer im post­fa­schis­ti­schen Spanien keine Gerech­tigkeit gibt, führte dazu, dass die Hoffnung auf eine trans­na­tionale Straf­ver­folgung gesetzt wurde. Die Theorie, dass Ver­brechen gegen die Mensch­lichkeit, wenn sie im Ursprungsland nicht ver­folgt werden, auch von anderen Gerichten überall auf der Welt geahndet werden können, wurde nach dem Ende der Mili­tär­dik­ta­turen in Süd­amerika ent­wi­ckelt.

Was von den Ver­tretern dieses Ansatzes und auch im Film nicht the­ma­ti­siert wird, ist die Tat­sache, dass diese Kämpfe um eine inter­na­tionale Justiz das Ergebnis einer Nie­derlage sind. Wie in Spanien haben auch die Militärs in Argen­tinien und Chile ihre Macht nicht durch eine Revo­lution der Bevöl­kerung ver­loren.

Dann hätte dort die Mög­lichkeit bestanden, sie vor Gericht zu stellen und Gerech­tigkeit für die Opfer durch­zu­setzen. Vielmehr konnten die Militärs trotz ihres Ver­lusts an Macht maß­geblich die poli­tische Ordnung nach ihrem Abtreten bestimmen. Die Straf­freiheit für ihre Ver­brechen war dabei ein zen­trales Element.

Erst danach begann der Kampf um eine trans­na­tionale Justiz. Die Ver­haftung Pino­chets hat da Auf­trieb gegeben. Obwohl er schließlich wieder nach Chile zurück­kehren konnte, war damit der Mythos der Unan­tast­barkeit und Straf­lo­sigkeit der Gewalt­herr­scher erschüttert.

Es gab auch Fol­terer und Mas­sen­mörder aus der zweiten Reihe, die tat­sächlich zu langen Haft­strafen ver­ur­teilt wurden und sie auch absitzen müssen. Der Film begleitet Franco-Opfer zu Gesprächen mit den Initia­tiven aus Latein­amerika. Dar­unter sind noch einige sehr alte Zeit­zeugen der Ver­brechen aus dem Bür­ger­krieg.

Es sind Oppo­si­tio­nelle dabei, die sich in den 1960er Jahren gegen das Franco-Regimes wandten, ver­haftet und gefoltert wurden und dann über Jahre in der Nach­bar­schaft ihrer Fol­terer leben mussten. Eine andere Opfer­gruppe waren ledige Mütter, deren Kinder in der Franco-Zeit für tot erklärt und an regi­menahe Familien gegeben wurde.

Der Film zeigt den langen und müh­samen Weg zur Gerech­tigkeit für die Opfer. Einer der berüch­tigten Fol­terer wurde schließlich verhört, auf freiem Fuß ist er noch immer. Die spa­nische Regierung blo­ckiert alle Ver­suche der argen­ti­ni­schen Justiz, hier Anklagen zu erheben. Schließlich ist ja die alte Franco-Partei in neuem Gewand weiter an der Macht.

Den Fil­me­ma­chern könnte man vor­werfen, dass manche ihrer Dar­stel­lungen noch zu opti­mis­tisch waren. So wird nicht erwähnt, dass der Richter Garzon, der Ermitt­lungen wegen der Ver­brechen des Franco-Regimes geführt hatte, schließlich von rechten Orga­ni­sa­tionen ange­zeigt wurde. Ihn wurden die Fälle ent­zogen und ihm drohte selber ein Ver­fahren.

Es wird im Film gezeigt, wie die linke Mehrheit im spa­ni­schen Rathaus durch­setzen konnte, dass nach Faschisten benannte Straßen umbe­nannt und das System ver­herr­li­chende Symbole ent­fernt werden sollten. Man sieht, wie einzig die Madrider Ver­treter der Regie­rungs­partei dagegen stimmten. Man erfährt aber nicht, wie die Rechte gegen den Beschluss Sturm gelaufen und die Umsetzung teil­weise sabo­tiert hat.

Eine Ent­fran­coisierung Spa­niens steht noch an

Durch die Fokus­sierung des Films auf die inter­na­tionale Justiz wird nicht the­ma­ti­siert, ob das Auf­tauchen einer neuen linken Pro­test­be­wegung in Spanien ange­sichts der Krise ab 2010 nicht auch innen­po­li­tisch die Dis­kussion über die Auf­ar­beitung der Franco-Ver­brechen neu auf die Agenda gesetzt hat.

Schließlich sind sowohl die Bewe­gungs­partei Podemos als auch die Bür­ger­listen in Madrid und Bar­celona die par­tei­för­migen Folgen dieser neuen Bewegungen[9]. Zudem haben die neuen Akti­visten Erfahrung mit der Repression der modernen Fran­cisten machen müssen.

Platz­be­setzer, Gewerk­schaft aber auch zunehmend wieder kri­tische Künstler[10] machten die Erfahrung, dass man in Spanien schnell ins Gefängnis[11] kommt, wenn man die Regierung und ihre poli­tische Vor­fahren kri­ti­siert.

Diese Zusam­men­hänge werden in »Silence of Others« nicht the­ma­ti­siert. Was aber der Film auf jeden Fall deutlich gemacht hat: eine Ent­fran­coisierung Spa­niens steht noch aus. Sie wird sich vor allem gegen die aktuelle Regie­rungs­partei PP richten, die im Kata­lonien-Kon­flikt die natio­nal­chau­vi­nis­ti­schen Res­sen­ti­ments der alten Rechten bedient.

Man kann zum Expe­riment eines kata­lo­ni­schen Natio­nal­staats geteilter Meinung sein. Man kann aller­dings, nachdem man den Film gesehen hat, nicht mehr bestreiten, dass die unauf­ge­ar­beitete Geschichte des Fran­cismus und deren Fort­leben in der aktu­ellen spa­ni­schen Regie­rungs­partei Rea­lität und keine kata­lo­nische Pro­pa­ganda ist.

In den Tagen, in denen der soge­nannte Kata­lonien-Kon­flikt die Medien beherrschte, haben einige Gegner der kata­lo­ni­schen Natio­nal­be­wegung bestritten, dass das Erbe des Franco-Regimes heute in Spanien immer noch ein Problem ist.

Sie betei­ligten sich damit an dem »Pakt des Schweigens«, den der Film so gut angreift. Es ist sym­pa­thisch, wie Almuda Car­r­acedo sofort die »Bewegung für die Auf­ar­beitung der Ver­brechen« als die eigent­lichen Gewinner der Preise benannte und erklärte, dass sie mehr als nur eine Künst­lerin ist.

»Wenn die Arbeit der Fil­me­macher endet, beginnt die Arbeit der Akti­visten.« Das macht deutlich, dass die Figur der enga­gierten Künstler nicht mit Ken Loach aus­stirbt. Dass strichen auch die Jury­mit­glieder des Frie­dens­film­preises Mat­thias Coers[12] und Peter Steudtner[13] in ihrer Lau­datio heraus.

Peter Nowak
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[1] http://​www​.imdb​.com/​n​a​m​e​/​n​m​0​5​1​6360/
[2] http://​www​.critic​.de/​i​n​t​e​r​v​i​e​w​/​d​a​s​-​k​i​n​o​-​m​u​s​s​-​w​i​e​d​e​r​-​f​r​a​g​e​n​-​s​t​e​l​l​e​n​-​2480/
[3] https://web.archive.org/web/20120223064211/http://archiv.tagesspiegel.de/drucken.php?link=archiv/17.06.2006/2600594.asp
[4] https://​jour​nalism​.nyu​.edu/​a​b​o​u​t​-​u​s​/​p​r​o​f​i​l​e​/​a​l​m​u​d​e​n​a​-​c​a​r​r​a​cedo/
[5] https://​jour​nalism​.nyu​.edu/​a​b​o​u​t​-​u​s​/​p​r​o​f​i​l​e​/​r​o​b​e​r​t​-​b​ahar/
[6] https://​www​.ber​linale​.de/​d​e​/​p​r​e​s​s​e​/​p​r​e​s​s​e​m​i​t​t​e​i​l​u​n​g​e​n​/​a​u​s​z​e​i​c​h​n​u​n​g​e​n​_​_​/​p​u​e​-​p​r​e​s​s​e​-​d​e​t​a​i​l​_​4​4​3​0​8​.html
[7] https://​www​.frie​densfilm​.de/
[8] http://​www​.pp​.es/
[9] https://​www​.edition​-assem​blage​.de/​k​r​i​s​e​n​p​r​o​t​e​s​t​e​-​i​n​-​s​p​a​nien/
[10] https://rap.de/news/125437-spanischer-rapper-wegen-texten-zu-3–5-jahren-verurteilt/
[11] https://rap.de/news/125437-spanischer-rapper-wegen-texten-zu-3–5-jahren-verurteilt
[12] https://​www​.frie​densfilm​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​i​d=279
[13] https://​www​.frie​densfilm​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​i​d=278

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