Leben und leben lassen

Wieder einmal sorgt eine Preisverleihung an den Philosophen Peter Singer für heftige Diskussionen. Jetzt gehen auch einige seiner Anhänger auf Distanz

Es ist unge­wöhnlich, dass eine Aus­zeichnung nach einer lebenden Person benannt wird. Noch unge­wöhn­licher ist es, wenn diese Person den nach ihr benannten Preis selbst erhält. Doch genau das wird heute um 18 Uhr in der Ber­liner Urania geschehen: Der aus­tra­lische Phi­losoph und Bio­ethiker Peter Singer wird in der Urania den mit 10.000 Euro dotierten »Peter-Singer-Preis für Stra­tegien zur Tier­leid­min­derung« [1] ent­ge­gen­nehmen. Mode­ra­torin des Festakts ist die ame­ri­ka­nische »Kar­nismus-Kri­ti­kerin« Melanie Joy [2]. Europa-Par­la­men­tarier Stefan Bernhard Eck wird dar­legen, weshalb er sich in Brüssel für eine andere Tier­po­litik auf der Grundlage des Ethik­kon­zepts von Peter Singer stark macht.

Die Lau­datio auf den Preis­träger sollte der deutsche Phi­losoph Michael Schmidt-Salomon [3] halten. Doch wenige Tage vor der Preis­ver­leihung sagte [4] der Vor­sit­zende der Giordano Bruno Stiftung seine Teil­nahme an der Preis­ver­leihung ab. Als Grund führt er ein Interview [5] an, dass Singer kürzlich der Neuen Züricher Zeitung gegeben hat. (Der Phi­losoph Georg Meggle in Tele­polis über Peter Singer:Schwie­rig­keiten der Medien mit der Phi­lo­sophie. [6])
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»Ein Embryo hat kein Recht auf Leben«

Dort geht es um genau die Themen, die in Deutschland und in vielen anderen Ländern oft zu Pro­testen führen, wenn Singer irgendwo auf­tritt oder einen Preis erhält. Des­wegen wird er auch gerne mit den Adjek­tiven umstritten [7] oder renom­miert ver­sehen. Beide Adjektive sagen aber wenig über den Gegen­stand der Kon­tro­verse aus.

Gegen die aktuelle Preis­ver­leihung ruft in Ber­linein Bündnis »Kein Forum für Peter Singer« [8] zu Pro­testen vor der Urania auf. Dass dort Singer als Eutha­nasie-Befür­worter bezeichnet wird, irri­tiert aus zwei Gründen. Zunächst ist schon der Begriff Eutha­nasie ein Euphe­mismus, heißt er doch über­setzt schöner Tod. Unter diesem Begriff wurden im NS Tau­sende Men­schen ermordet, die als unwertes Leben bezeichnet wurden. Es ist fraglich, ob die Kri­tiker sich einen Gefallen tun, wenn sie Singer, der eine phi­lo­so­phische Position ein­nimmt, zum Eutha­na­sie­be­für­worter stempeln. Warum kann Singer nicht kri­ti­siert werden, ohne ihn gleich in die Nähe von Mas­sen­mördern zu rücken?

Doch diese Über­spitzung hat im Umgang mit Singer Tra­dition. Immer, wenn eine neue Preis­ver­leihung an Singer ansteht, wird er ent­weder als der große Humanist oder als Todes­phi­losoph [9] titu­liert. Dass Kritik an seiner Podien berechtigt ist, zeigt sich schließlich an dem Interview in der NZZ, das Schmidt-Salomon zum Rückzug von der Lau­datio ani­mierte. In dem Pro­test­aufruf wird auf zwei Zitate von Singer ver­wiesen, die er sinn­gemäß in dem NZZ-Interview wie­derholt bzw. radi­ka­li­siert hat.

»Würden behin­derte Neu­ge­bo­renen bis zu einem gewissen Zeit­punkt nach der Geburt nicht als Wesen betrachtet, die ein Recht auf Leben haben, dann wären die Eltern in der Lage (…), auf viel brei­terer Wis­sens­grundlage (…), ihre Ent­scheidung zu treffen«, wird aus Singers Best­seller »Prak­tische Ethik« [10] zitiert. Im NZZ-Interview radi­ka­li­siert Singer diese Auf­fassung. Ein »Früh­ge­bo­renes im Alter von 23 Wochen« habe »keinen anderen mora­li­schen Status als ein Kind mit 25 Wochen in der Gebär­mutter«.

Schmidt-Salomon wies darauf hin, dass Singer in einem phi­lo­so­phi­schen Disput 1993 noch erklärt habe, dass nur die Geburt »als Grenze sichtbar und selbst­ver­ständlich genug« sei, »um ein sozial aner­kanntes Lebens­recht zu mar­kieren. Würde die Vor­stellung in das öffent­liche Denken ein­gehen, »dass ein Kind mit dem Augen­blick der Geburt nicht zugleich auch ein Lebens­recht besitzt, sinke mög­li­cher­weise die Achtung vor kind­lichem Leben im all­ge­meinen«, schreibt Singer in seinem Buch »Muss dieses Kind am Leben bleiben«.

Schmidt Salomon fasst das Motto seiner Orga­ni­sation so zusammen: »Lebens­recht für Alle. Lebens­pflicht für Nie­manden« [11]. Damit soll deutlich gemacht werden, dass es ein indi­vi­du­elles Recht auf Ster­be­hilfe gib