Wohlfühlort, Täterort

Acht Jahre lang gab es das besetzte Haus in Erfurt auf dem ehe­ma­ligen Gelände der Firma Topf und Söhne, die im Natio­nal­so­zia­lismus Kre­ma­to­ri­um­söfen her­stellte. Nun widmen sich ehe­malige Bewohner einer kri­ti­schen Rück­schau.

Gleich zwei Jubiläen stehen für die linke Szene in Erfurt an. Am 12. April jährt sich zum 12. Mal die Besetzung des ehe­ma­ligen Geländes der Firma Topf und Söhne. Am 15. April 2009 wurde es mit einem großen Poli­zei­einsatz geräumt. Auch beinahe vier Jahre nach der Räumung sind das Gelände und das ehemals besetzte Haus, das sich dort befindet, noch nicht in Ver­ges­senheit geraten. Das zeigt der anspre­chend gestaltete Bildband »Topf & Söhne – Besetzung auf einem Täterort«, der von den ehe­ma­ligen Haus­be­wohnern Karl Mey­erbeer und Pascal Späth kürzlich im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution her­aus­ge­geben wurde.

Anders als in vielen anderen Schriften über Haus­projekte handelt es sich kei­neswegs um eine Publi­kation, in der sich ehe­malige Besetzer weh­mütig an die gute, alte Zeit erinnern und die Repression beklagen. Vielmehr ist der Band ein Geschichtsbuch über die radikale Linke der ver­gan­genen 15 Jahre. Denn »das besetzte Haus«, wie es auf Flug­blättern immer genannt wurde, war nie nur ein Wohl­fühlort für Unan­ge­passte.

Schon im Titel des Buches wird deutlich, dass die Geschichte des Ortes für die Außen- und die Selbst­wahr­nehmung der Besetzer eine zen­trale Rolle spielte. Denn die Erfurter Firma Topf und Söhne stellte auf dem Gelände in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus Kre­ma­to­ri­um­söfen für Kon­zen­tra­tions- und Ver­nich­tungs­lager her. Die Mehrheit der jungen Men­schen, die im Frühjahr 2001 die Besetzung vor­be­rei­teten, sah in der Aus­ein­an­der­setzung mit der Geschichte des Geländes von Anfang an eine poli­tische Not­wen­digkeit. Das ist kei­neswegs eine Selbst­ver­ständ­lichkeit in der Geschichte der Beset­zer­be­wegung. So the­ma­ti­sierten die Bewohner des als Köpi inter­na­tional bekannten Haus­pro­jekts in Berlin nie öffentlich, dass sich während des Zweiten Welt­kriegs auf dem Gelände eine der vielen Unter­künfte für Zwangs­ar­beiter befunden hat.

In Erfurt wurde hin­gegen bereits 2002 das Autonome Bil­dungswerk (ABW) gegründet, das mit Ver­an­stal­tungen und his­to­ri­schen Rund­gängen über das ehe­malige Gelände von Topf und Söhne auf­klärte. Marcel Müller, der bis 2003 im ABW mit­ar­beitete, kommt im Buch zu einem sicher dis­kus­si­ons­wür­digen Resümee über das Bil­dungswerk: »Als ein echtes Stück bür­ger­schaft­lichen Enga­ge­ments kann es als Teil einer uner­zählten Geschichte der Erfurter Zivil­ge­sell­schaft gelten. Als revo­lu­tio­näres Projekt der kol­lek­tiven Bildung für eine andere Gesell­schafts­ordnung ist es Teil linker Geschichte des Schei­terns. Für die Betei­ligten kann es als Erfah­rungsraum für spätere Lebens­ab­schnitte in seiner Bedeutung mög­li­cher­weise nicht hoch genug ein­ge­schätzt werden, war mit ihm doch die Ein­übung bestimmter Skills wie Selb­stän­digkeit, Geschichts­be­wusstsein, Orga­ni­sa­ti­ons­talent ver­bunden, die z. B. einer aka­de­mi­schen Kar­riere nicht eben abträglich sind.« Ein solches Fazit könnten Ange­hörige der radi­kalen Linken auch in anderen Bereichen ziehen.

In einem eigenen Kapitel zur geschichts­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­setzung mit dem »Täterort« zeigt sich, wie diese selbst dazu beitrug, dass es mitt­ler­weile auch offi­ziell einen »Erin­ne­rungsort Topf und Söhne« gibt. Diesen bewirbt die Stadt Erfurt auf ihren Tou­ris­mus­seiten im Internet, umgeben wird der Verweis auf »die Ofen­bauer von Auschwitz« von Slogans wie »erleben und ver­weilen« und »Ren­dezvous in der Mitte Deutsch­lands«. Das passt sehr gut zu jener Erin­ne­rungs­po­litik, die im besetzten Haus einer radi­kalen Kritik unter­zogen wurde.

Auch in inner­linken Aus­ein­an­der­set­zungen ergriffen die poli­tisch aktiven Bewohner Partei und scheuten dabei nicht die Aus­ein­an­der­setzung. So sorgte die Demons­tration unter dem Motto »Es gibt 1 000 Gründe, Deutschland zu hassen«, die mehrere Jahre in Folge am 3. Oktober in Erfurt mit Unter­stützung des besetzten Hauses ver­an­staltet wurde, vor allem in refor­mis­ti­schen Kreisen für Auf­regung. Die Ablehnung von Anti­ame­ri­ka­nismus und anti­is­rae­li­scher Politik, die ein Großteil der Haus­be­wohner nach den Anschlägen vom 11. Sep­tember 2001 vertrat, sorgte auch in der radi­kalen Linken für Kon­flikte.

Es ist erfreulich, dass auch diese strit­tigen Themen im Buch nicht aus­ge­spart werden. So findet sich ein Interview mit einem ehe­ma­ligen Mit­glied der Gruppe Pro Israel und einem Anti­zio­nisten, der bei einer Ver­an­staltung dieser Gruppe im April 2002 Haus­verbot erhielt. Elf Jahre später sind beide in der linken Bil­dungs­arbeit in Thü­ringen tätig und sehen den dama­ligen Streit mit großer Distanz. Der ehe­malige Pro-Israel-Aktivist stellt nun selbst­kri­tisch fest: »Dass die Aus­ein­an­der­setzung über linken Anti­se­mi­tismus geführt wurde, fand ich richtig. Von heute aus gesehen würde ich sagen, dass die Fokus­sierung auf einen Punkt ein Problem war. Die soziale Frage hat über­haupt keine Rolle gespielt, was – muss man auch mal sagen – daran lag, das die uns kaum betroffen hat.« Der Streit um eine US-Fahne, die ein Haus­be­wohner an seinem Zim­mer­fenster ange­bracht hatte und die andere ­erzürnte, wird von den Betei­ligten mitt­ler­weile eher als Punkrock denn als Politik bezeichnet.

Die Aus­ein­an­der­setzung mit der Geschichte des über acht Jahre lang besetzten Hauses in Erfurt führt so auch zu den dama­ligen Dis­kus­sionen, die die radikale Linke bun­desweit beschäf­tigten. Dass trotz der sicher nicht immer besonders erfreu­lichen Dis­kus­sionen ehe­malige Haus­be­wohner drei Jahre nach der Räumung noch in unter­schied­lichen linken Gruppen tätig sind, macht deutlich, dass das Haus bei der Poli­ti­sierung ­einer Generation junger Men­schen in Erfurt und Umgebung eine wichtige Rolle spielte.

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Peter Nowak