Die Nachkommen

Aktive Zeugenschaft

Nach­kommen der Ver­folgten des Nazi­re­gimes, von Exil und Wider­stand melden sich zu Wort

Als Nach­kommen der NS-Ver­folgten, des Wider­stands und des Exils wollen wir uns gemeinsam ein­setzen für eine Welt des Friedens, der Freiheit und der Soli­da­rität.« Dieses Bekenntnis stammt aus einem Aufruf der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA) Berlin, abge­druckt auf der Rück­seite einer neuen Publi­kation, in der sich…

„Aktive Zeu­gen­schaft“ wei­ter­lesen

Wenn die Eltern im Widerstand waren

Nach­fahren von Gegnern und Opfern der NS-Herr­schaft wollen auch Ver­folgung von Linken in der UdSSR auf­ar­beiten

Mat­thias Wör­sching enga­giert sich seit vielen Jahren gegen die extreme Rechte. Der Ber­liner His­to­riker und Poli­tik­wis­sen­schaftler ist unter anderem in der Pan­kower Orts­gruppe der VVN-BdA (Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Naziregimes/​Bund der Antifaschist*innen) aktiv. Dort leitete er in den letzten Monaten ein beson­deres Projekt. In Werk­statt­ge­sprächen trafen sich Kinder, Enkel und Urenkel von Widerstandskämpfer*innen gegen den Natio­nal­so­zia­lismus und Ver­folgten des Nazi­re­gimes.

Am Sonntag trafen sich etwa 60 Nach­kommen der Widerstandskämpfer*innen zur Abschluss­ver­an­staltung der Werk­statt­ge­spräche im Betsaal des ehe­ma­ligen Jüdi­schen Wai­sen­hauses Berlin-Pankow.

Auch Andrée Fischer-Marum gehörte zu den Teilnehmer*innen. Die Nazis ermor­deten ihren Groß­vater im Jahr 1934. Er war viele Jahre Abge­ord­neter des Badi­schen Landtags für die Sozi­al­de­mo­kraten. Die Familie war auf drei Kon­ti­nente zer­streut. Andrée Fischer-Marum lebte in der DDR. Nach 1990 wurde der Kontakt wieder enger.

Heute pflegt Fischer-Marum das Grab ihres Groß­vaters in Karlsruhe. Wich­tiger aber sind ihr die Gespräche in den Schul­klassen. Dort stößt sie häufig auf Kinder aus migran­ti­schen Familien. Auch für die Familie Marum gehörten Flucht und Migration schon seit Genera­tionen zum Leben dazu. Daher hören die Kinder der Geflüch­teten gebannt zu, wenn sie ihre Fami­li­en­ge­schichte erzählt. Auch die Öko­nomin Anne Allex, deren Mutter als KPD-Mit­glied im Wider­stand war, berichtete, wie sich Kinder von Geflüch­teten in Berlin für die Geschichte des Wider­stands inter­es­sieren.

Sie hatte vor einigen Wochen eine Aus­stellung über Ber­liner Firmen, die von jüdi­scher Zwangs­arbeit pro­fi­tierten, in einen Aus­stel­lungsraum im Wedding auf­gebaut, in dem sich migran­tische Jugend­liche zum Unter­richt trafen. »Sie schauten sich die Aus­stel­lungs­tafeln erschrocken an und fragten, ob ihnen in Deutschland auch Zwangs­arbeit drohen könnte«, berichte Allex.

Sabine Reichwein, die Tochter des von den Nazis 1944 hin­ge­rich­teten Reform­päd­agogen Alfred Reichwein, beschrieb, wie sie in ihrer Jugend das Gefühl hatte, ihr Vater habe sie wegen seines poli­ti­schen Enga­ge­ments ver­lassen. Später stu­dierte sie Päd­agogik. Nun sieht sie in ihrem Vater ein Vorbild.

Die Medi­en­wis­sen­schaft­lerin Inge Münz-Koenen ging auf ein auch unter den Widerstandskämpfer*innen gegen den Faschismus besonders schmerz­liches Kapitel ein. Es ging um Tau­sende von Linken aus Deutschland, die in der Sowjet­union Schutz gesucht hatten und Opfer des Großen Terrors seit 1937 geworden waren. In der DDR war das Thema Tabu und auch in der VVN-BdA wurde ihnen vor­ge­worfen, Anti­kom­mu­nismus zu fördern, berichtete Münz-Koenen. Doch sie und ihre Mitstreiter*innen ließen sich nicht beirren. Jetzt planen sie eine Auf­ar­beitung der Ver­fol­gungen von vor allem jüdi­schen Kommunist*innen in den frühen 1950er Jahren in ver­schie­denen ost­eu­ro­päi­schen Staaten.

In der zweiten Gesprächs­runde wurden weitere auch unter NS-Ver­folgten strittige Themen ange­sprochen. Sonja Kosche berichtete über die Kon­ti­nuität der Ver­folgung und Dis­kri­mi­nierung von Sinti und Roma. Der Jurist Kamil Majchrzak berichtete über die beson­deren Pro­bleme als Enkel eines Auschwitz-Bir­kenau-Häft­lings. Der Musiker Andrej Hermlin hielt ein lei­den­schaft­liches Plä­doyer gegen jeden Anti­se­mi­tismus.

Die Ver­an­staltung war der Abschluss der Werk­statt­ge­spräche der Nach­kommen der Wider­stands­kämpfer. Doch für Wör­sching und den Pro­jekt­ko­or­di­nator Marco Pompe ist die Arbeit noch lange nicht zu Ende. Im Dezember soll eine Bro­schüre mit den Berichten der Nach­kommen erscheinen. Viel­leicht findet das Projekt eines Gesprächs­kreises der Nach­fahren der Widerstandskämpfer*innen in anderen Regionen Deutsch­lands Nachahmer*innen. Ange­sichts von AfD-Politiker*innen, die eine erin­ne­rungs­po­li­tische Wende um 180 Grad fordern, wäre das dringend not­wendig.

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Peter Nowak

Der Weltmeister knausert

Die pol­ni­schen Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen wegen der Zer­stö­rungen im Zweiten Welt­krieg empören Regierung und Medien in Deutschland. Die pol­nische Regierung gibt sich hart­näckig.

Wer War­schau in den ver­gan­genen Jahren einen Besuch abge­stattet hat, konnte in der his­to­ri­schen Innen­stadt eine Foto­aus­stellung sehen. Auf den Bildern waren die voll­ständig zer­störten Stra­ßenzüge am Ende des Zweiten Welt­kriegs zu sehen. Die Besucher wurden zudem in meh­reren Sprachen ­darüber infor­miert, dass Deutschland für diese Zer­störung ver­ant­wortlich sei. Das kam hier­zu­lande nicht gut an, schließlich möchte der Auf­ar­bei­tungs­welt­meister nicht von anderen an die Ver­brechen Nazi­deutsch­lands erinnert werden. Die pol­nische Regierung wurde mehr oder weniger offen darauf hin­ge­wiesen, dass man gemeinsam Mit­glied der Nato und der EU sei und es daher ana­chro­nis­tisch wirke, weiter derart an die Ver­gan­genheit zu erinnern.

Die Tafeln wurden in einer Zeit auf­ge­stellt, als die natio­na­lis­tische Partei Recht und Gerech­tigkeit (PiS) bereits in einer Koalition mit anderen rechten Par­teien die pol­nische Regierung stellte. PiS brachte erstmals die For­derung nach deut­schen Repa­ra­tionen auf. 2004 beschloss das pol­nische Par­lament ein­mütig, die Regierung möge mit Deutschland in dieser Sache in Ver­hand­lungen treten. Dies war auch eine Reaktion auf die vor­an­ge­gangene Ankün­digung deut­scher Vertriebenenorga­nisationen, Ent­schä­di­gungs­for­de­rungen an Polen zu stellen. Doch die damals schnell wech­selnden pol­ni­schen Regie­rungen nahmen keine Ver­hand­lungen auf, die seit 2007 die Regierung füh­rende, Deutschland freundlich gesinnte kon­ser­vative Bür­ger­plattform (PO) um Donald Tusk hatte kein Interesse an dem Thema.

Die PiS kündigt eine »his­to­rische Gegen­of­fensive« an

Seit ihrem Wahlsieg 2015 muss PiS keine allzu große Rück­sicht mehr auf die mit­re­gie­renden Par­teien Polen Zusammen und Soli­da­ri­sches Polen nehmen, die auf der Wahl­liste PiS kan­di­dierten. Die Partei baut Polen innen­po­li­tisch in einen auto­ri­tären Staat um und hat kürzlich das Thema Repa­ra­tionen erneut in die Dis­kussion gebracht. Bereits Ende Juli hatte der Par­tei­vor­sit­zende Jarosław Kac­zyński eine »his­to­rische Gegen­of­fensive« ange­kündigt: »Wir reden über gewaltige Summen und auch über die Tat­sache, dass Deutschland sich viele Jahre lang geweigert hat, die Ver­ant­wortung für den Zweiten Welt­krieg zu über­nehmen.« Die Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen sind in der pol­ni­schen Bevöl­kerung populär, die Erin­nerung an die Zer­störung vieler Orte und die Ver­brechen der Deut­schen ist nach wie vor sehr lebendig.

»Repa­ra­tionen sind eine not­wendige Kon­se­quenz des durch Deutsche staatlich orga­ni­sierten und durch­ge­führten Völ­ker­mordes und anderer Ver­brechen gegen die Menschheit. Eine echte Wie­der­gut­ma­chung ist ange­sichts des sin­gu­lären Aus­maßes jedoch nicht leistbar. Die Gelder könnten aber in eine neu zu grün­dende deutsch-pol­nische Stiftung fließen, die sich der so­zialen Betreuung der hoch­be­tagten Über­le­benden und der Bear­beitung trans­ge­nera­tio­neller Traumata bei Nach­kommen widmet und anders, als es heute der Fall ist, lang­fristig die ­Erin­ne­rungs- und Bil­dungs­zu­sam­men­arbeit zu Shoah, Natio­nal­so­zia­lismus und Anti­kriegs­for­schung in beiden Ländern sicher­stellt«, kom­men­tiert Kamil Majchrzak, ein Vor­stands­mit­glied des Inter­na­tio­nalen Komitees Buchenwald-Dora (IKBD), die pol­ni­schen For­de­rungen. Ins­gesamt sechs Mil­lionen pol­nische Staats­bürger kamen zwi­schen 1939 und 1945 kriegs­be­dingt ums Leben. Weitere zehn Mil­lionen wurden Opfer deut­scher Ver­brechen. Gemessen an der Bevöl­ke­rungszahl und dem Gesamt­ver­mögen hat Polen im Zweiten Welt­krieg von allen euro­päi­schen Staaten die meisten Toten und die höchsten mate­ri­ellen Ver­luste zu beklagen. Die Deut­schen und ihre Hilfs­truppen waren für die Mas­sen­morde an der jüdi­schen Bevöl­kerung ver­ant­wortlich. Die deut­schen Ver­nich­tungs­lager wurden auf pol­ni­schem Ter­ri­torium errichtet.

Regie­rungs­sprecher Steffen Seibert reagierte wie immer, wenn es um Repa­ra­tionen geht: Deutschland bedauert heftig, die Kasse bleibt dennoch geschlossen

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Der deutsche Regie­rungs­sprecher Steffen Seibert reagierte wie immer, wenn Über­le­bende oder Nach­kommen der Opfer der deut­schen Ver­brechen Repa­ra­tionen fordern. Deutschland stehe zu seiner Ver­ant­wortung für die »unfass­baren Ver­brechen« des Zweiten Welt­kriegs, betonte er am 8. Sep­tember. Polen habe jedoch 1953 auf weitere For­de­rungen ver­zichtet und dies mehrfach bestätigt. Die deutsche Regierung verwies darauf, dass die DDR Ent­schä­di­gungen an Polen gezahlt habe, weshalb die Frage abschließend geregelt sei. Deutschland bedauert also heftig, die Kasse soll dennoch geschlossen ­bleiben.

In einem Anfang Sep­tember ver­öf­fent­lichten 40seitigen Gut­achten kommt der Wis­sen­schaft­liche Dienst des pol­ni­schen Par­la­ments Sejm jedoch zu anderen ­Ergeb­nissen als die Bun­des­re­gierung. Die ein­seitige Erklärung der pol­ni­schen Regierung vom 23. August 1953, in der sie den Ver­zicht auf weitere Kriegs­re­pa­ra­tionen erklärte, galt nach Ansicht der Autoren nur für die DDR. Zudem sei die Erklärung auch formal ungültig. Der damalige Beschluss des pol­ni­schen Minis­terrats habe gegen die Ver­fassung ver­stoßen, weil nicht der Minis­terrat, sondern der Staatsrat für die Rati­fi­zierung und Kün­digung völ­ker­recht­licher Ver­träge zuständig gewesen sei. Die Höhe der aus­ste­henden Ent­schä­di­gungen wurde in dem Gut­achten nicht genannt. Aus dem Umfeld der pol­ni­schen Regierung wurde eine Summe von 840 Mil­li­arden Euro ins Gespräch gebracht. Nach dem Krieg wurden die von Deutschland ver­ur­sachten mate­ri­ellen Schäden am pol­ni­schen Staats- und Pri­vat­ei­gentum den Autoren zufolge auf 48,8 Mil­li­arden US-Dollar geschätzt.

Deutschland lehnt ab, aber Polen ist nicht Grie­chenland

Nicht nur die Bun­des­re­gierung, sondern auch ein Großteil der deut­schen Medien lehnt die pol­nische For­derung vehement ab. Der Tages­spiegel urteilte, das »Beharren der PiS auf Repa­ra­tionen« wirke »pro­vo­zierend undankbar«. Im Spiegel wurde die Bericht­erstattung mit einem leicht revan­chis­ti­schen Unterton ver­sehen: »Die Position der War­schauer Par­la­ments­ex­perten berück­sichtigt wohl auch zu wenig, dass Polen nach dem Zweiten Welt­krieg vor allem mit deut­schem Ter­ri­torium ent­schädigt wurde. Die Sie­ger­mächte hatten sich darauf geeinigt, dem Land Teile Ost­preußens, Schle­siens, Pom­merns und des öst­lichen Bran­den­burgs zuzu­schlagen. Mil­lionen Deutsche wurden von dort ver­trieben, sie hin­ter­ließen Pri­vat­besitz, Häuser und Fa­briken.« Polen hält demnach »deut­sches Ter­ri­torium« in seinem Besitz – und soll offenbar deshalb still­halten.

Michael Wuliger erin­nerte in einer Kolumne in der Jüdi­schen All­ge­meinen an den pol­ni­schen Anti­se­mi­tismus. »Ob die For­derung Erfolg haben wird, ist fraglich. Falls aber wider Erwarten Deutschland tat­sächlich zahlt, sollte War­schau einige der Mil­li­arden vor­sorglich bei­seite legen. Denn offene Rech­nungen hätte auch Polen zu begleichen – mit seinen jüdi­schen Bürgern«, schreibt Wuliger und ver­weist auf zahl­reiche Pogrome gegen Jüdinnen und Juden, die den NS-Terror überlebt hatten. Das ist eine ver­nünftige For­derung, die sich wohl­tuend abhebt vom Belei­digtsein und von der kate­go­ri­schen Zah­lungs­ver­wei­gerung in Deutschland, wo man es fast unisono als Zumutung emp­findet, auch 72 Jahre nach Ende des Zweiten Welt­kriegs noch mit Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen kon­fron­tiert zu werden.

Igno­riert wird dabei, dass bun­des­deutsche Poli­tiker bereits unmit­telbar nach dem Zweiten Welt­krieg mög­lichst keine Repa­ra­tionen zahlen und die deut­schen Ver­brechen mit der Zer­störung deut­scher Städte und der Auf­nahme der deut­schen Flücht­linge nach 1945 ver­rechnen wollten. Zahlte die Bun­des­re­publik Repa­ra­tionen, war immer ein poli­ti­scher und juris­ti­scher Kampf vor­aus­ge­gangen. Die neuen pol­ni­schen For­de­rungen wird Deutschland wohl nicht so abbügeln können wie die der grie­chi­schen Regierung. Als der grie­chische Minis­ter­prä­sident Alexis Tsipras im ver­gan­genen Jahr daran erin­nerte, dass Deutschland bei Grie­chenland noch Schulden aus der Besat­zungszeit habe, schlugen ihm hier­zu­lande kalter Hohn, Ver­achtung und offene Res­sen­ti­ments ent­gegen. Mit der harten Aus­teri­täts­po­litik, die vor allem von ihr dik­tiert wurde, hat die deutsche Regierung ein Instrument, mit dem sie die grie­chische Regierung klein­halten kann. Für Polen, das nicht zur Euro-Zone gehört, gilt das nicht. Das Land dürfte sich deshalb nicht so leicht von seinen For­de­rungen abbringen lassen.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​3​8​/​d​e​r​-​w​e​l​t​m​e​i​s​t​e​r​-​k​n​a​usert

Peter Nowak

Noch nicht Geschichte

VVN-Kon­ferenz mahnt

In ein­dring­lichen Worten beschwor der 90-jährige Volkmar Har­nisch die Anwe­senden, dem Auf­stieg einer neuen rechts­po­pu­lis­ti­schen Bewegung in Deutschland ent­gegen zu treten. Er war 1944 im Alter von 17 Jahren von den Nazis inhaf­tiert worden. Am Frei­tag­abend eröffnete er in der TU Berlin eine Kon­ferenz der Ver­ei­nigten der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schis­ti­schen (VVN-BdA). Unter dem Titel »Deutschland wieder gut­ge­macht?« befasste sie sich mit dem Wandel der Erin­ne­rungs­po­litik an das NS-Régime. Har­nisch ist einer der wenigen noch lebenden Wider­stands­kämpfe

Wie wird eine Erin­ne­rungs­po­litik ohne die Zeit­zeugen aus­sehen? Das ist eine Frage, die sich auch der Leiter der KZ-Gedenk­stätte Neu­en­gamme Detlef Garbe in seinem Ein­füh­rungs­re­ferat stellte. Er warnte vor einem »Auf­ar­bei­tungs­stolz« deut­scher Poli­tiker, die eine neue Rolle Deutsch­lands in der Welt­po­litik damit begründen, dass das Land sich der NS-Geschichte vor­bildlich gestellt habe. Garbe erin­nerte daran, dass bis in die 1980er Jahre der Kampf um Erin­ne­rungsorte von NS-Terror und Ver­folgung eine Aufgabe zivil­ge­sell­schaft­licher Orga­ni­sa­tionen war und von der Politik oft igno­riert oder gar sabo­tiert wurde. Er betonte, Gedenk­po­litik müsse auch wei­terhin poli­tisch ver­un­si­chern. Wenn die AfD in den Bun­destag ein­ziehe, stünden ihr auch Sitze in Kom­mis­sionen zu, die sich mit Gedenk­po­litik befassen. Zudem beklagte der His­to­riker dar­aufhin, dass der Etat für die Auf­ar­beitung der DDR-Geschichte größer sei als für die Erin­nerung an den NS-Terror. Der Publizist Wolfgang Herzberg wie­derum, der als Kind jüdi­scher Kom­mu­nisten im bri­ti­schen Exil geboren wurde, ver­wahrte sich in einer enga­gierten Rede gegen die Gleich­setzung der DDR mit dem NS-Régime.

In einer von der His­to­ri­kerin Cor­nelia Siebeck mode­rierten Podi­ums­dis­kussion ging es dann um die Frage, wie eine Erin­ne­rungs­po­litik aus­sehen kann, die in die aktuelle Politik kri­tisch inter­ve­nieren will. Nach dem Tod der letzten Zeit­zeugen befürchtet sie eine His­to­ri­sierung des Faschismus. Der Publizist und Jurist Kamil Majchrzak verwies in diesem Kontext auf die Ver­ant­wortung der dritten Generation, der Kinder und Enkel von NS-Opfern und Wider­stands­kämpfern. Dabei griff er eine Dis­kussion auf, die in Israel schon einige Jahre geführt wird. Majchrzaks Groß­vater war NS-Wider­stands­kämpfer und KZ-Häftling. Dessen Erfah­rungen hätten auch ihn geprägt.

Für Anne Allex von der AG »Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute« ist Geschichte der Ver­folgung in der NS-Dik­tatur noch längst nicht voll­ständig erforscht. Sie wies dar­aufhin, dass Men­schen, die von den Nazis als »arbeits­scheu« und »asozial« klas­si­fi­ziert wurden, bis heute keine Ent­schä­digung erhalten haben und in den Nach­kriegs­jahren oft weiter ver­folgt wurden. Der Wis­sen­schaftler Stefan Heinz, der in einem For­schungs­projekt der FU Berlin über das Schicksal von Gewerk­schaftern und Gewerk­schaf­te­rinnen im NS-Staat mit­ar­beitet, ist der Über­zeugung, dass vor allem die Wider­stands­ge­schichte der Arbei­ter­be­wegung gegen die Hit­ler­dik­tatur noch nicht aus­ge­forscht sei.

Die gut­be­suchte Kon­ferenz machte deutlich, dass die Gruppe jener wächst, die sich gegen Ver­suche stemmt, die Erin­ne­rungs­po­litik an die Ver­brechen des NS-Staates als ver­gangene Geschichte zu betrachten.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​6​3​3​0​0​.​n​o​c​h​-​n​i​c​h​t​-​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​.html

Peter Nowak

Das Konzentrationslager und Zuchthaus Sonnenburg

Ein KZ zur Aus­schaltung der Arbei­ter­be­wegung

Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg. (Hrsg. Hans Coppi, Kamil Majchrzak). Berlin: Metropol, 2015. 240 S., 19 Euro

«Son­nenburg sym­bo­li­siert wie kaum ein anderer Ort Beginn und Ende der zwölf Jahre wäh­renden Schre­ckens­herr­schaft des NS-Regimes», heißt es im Klap­pentext. In knapp 30 Auf­sätzen infor­miert das Buch über die Geschichte des KZ und Zuchthaus Son­nenburg, His­to­riker aus Polen, Frank­reich, Luxemburg, Belgien und Deutschland, sowie Ange­hörige der Opfer des KZ und Zuchthaus Son­nenburg kommen dabei zu Wort.
Lange Zeit war dieser Ter­rorort, der heute im west­pol­ni­schen Slonsk liegt, ver­gessen. In den ersten Jahren der NS-Herr­schaft war der Ort als «Fol­ter­hölle Son­nenburg» welt­be­kannt – daran erinnert der pol­nische His­to­riker Andrzej Toc­zewski in seinem Über­blicks­ar­tikel. Im April 1933 wurden die ersten Häft­linge in das Lager ver­schleppt. Es waren über­wiegend Ber­liner Kom­mu­nisten. Aber auch die drei bekannten linken Intel­lek­tu­ellen Carl von Ossietzky, Erich Mühsam und Hans Litten wurden in Son­nenburg gefoltert. Alle drei über­lebten das NS-System nicht.
Dass das Zuchthaus bereits in den 20er Jahren bekannt wurde, dafür sorgte der rebel­lische Links­kom­munist Max Hölz, der dort inhaf­tiert war. Eine inter­na­tionale Soli­da­ri­täts­be­wegung for­derte seine Frei­lassung. Kör­be­weise trafen in diesen Jahren Soli­da­ri­täts­briefe im Zuchthaus ein. Auch in der Sowjet­union war Son­nenburg durch Hölz damals ein Begriff. Wegen schlechter hygie­ni­scher Bedin­gungen wurde das Zuchthaus 1931 von der preu­ßi­schen Lan­des­re­gierung geschlossen, was in der Bevöl­kerung auf Wider­stand stieß. Schließlich war der Knast ein wich­tiger Arbeit­geber. Die NSDAP konnte mit dem Ver­sprechen, es wieder zu öffnen, in der Region Stimmen gewinnen.
Das Ver­sprechen wurde schnell ein­gelöst. Son­nenburg wurde in der frühen NS-Zeit zu einem wich­tigen Kon­zen­tra­ti­ons­lager für Ber­liner Linke. Über den Empfang der Gefan­genen schrieb der kom­mu­nis­tische Wider­stands­kämpfer Klaas Meyer: «Es wurde mit allerhand Mord­werk­zeugen, mir lief das Blut schon durch das Gesicht … Die ganze Bevöl­kerung war ver­treten, wir wären Reichs­tags­brand­stifter. Eltern und Kinder schlugen nach uns und wir wurden ange­spuckt.» Der Poli­tologe Christoph Gol­lasch ver­weist auf weitere Berichte über Fol­te­rungen in Son­nenburg und nennt den Ort «ein KZ zur Aus­schaltung der Arbei­ter­be­wegung».
Nach der Auf­lösung des KZ wurde Son­nenburg als Zuchthaus genutzt. Dorthin wurden während des Zweiten Welt­kriegs aus ganz Europa Nazi­gegner, die von der Straße weg ver­haftet wurden, ver­schleppt. Diese soge­nannten Nacht- und Nebel­ge­fan­genen wurden hier unter besonders unmensch­lichen Bedin­gungen fest­ge­halten. Die Ster­berate war hoch. Daniel Quaiser geht auf das Mas­saker ein, bei dem in der Nacht vom 30. auf den 31.Januar 1945 ins­gesamt 819 Gefangene von der Gestapo erschossen wurden, kurz bevor die Rote Armee das Lager befreien konnte. Viele der Opfer konnten trotz Bemü­hungen der Ange­hö­rigen aus ver­schie­denen euro­päi­scher Ländern nie iden­ti­fi­ziert werden.
Der Jurist Kamil Majrchrzak berichtet über die juris­tische Auf­ar­beitung der Ver­brechen in Polen. In der BRD hin­gegen wurden der für das Mas­saker ver­ant­wort­liche SS-Sturm­bann­führer Heinz Richter und SS-Haupt­sturm­bann­führer Wilhelm Nickel am 2.August 1971 vor dem Kieler Land­ge­richt frei­ge­sprochen. Mitt­ler­weile hat die pol­nische Justiz die Ermitt­lungen wieder auf­ge­nommen.
Schon in den 80er Jahren des letzten Jahr­hun­derts hatte eine Gruppe von Anti­fa­schisten in West­berlin mit der Erfor­schung der Geschichte des KZ Son­nenburg begonnen. Mit dem Umbruch von 1989 kam diese Arbeit zunächst zum Erliegen. Ab 2010 beschäf­tigten sich Mit­glieder der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA) mit der Geschichte von Son­nenburg. Sie grün­deten dafür einen geson­derten Arbeits­kreis. So konnten auch noch die Arbeits­er­geb­nisse aus den 80er Jahren mit ein­fließen. Es möge dem Buch gelingen, Son­nenburg zu einem euro­päi­schen Gedenkort zu machen, damit die Opfer des KZ nicht ver­gessen werden.

aus: SoZ 6/2015

Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg

von Peter Nowak

»Die Russen sind da!«

In Polen steht das Ende des Zweiten Welt­kriegs für den Beginn einer neuen Besat­zungszeit.

Geht es nach dem pol­ni­schen Prä­si­denten Bro­nislaw Komo­rowski, soll der 8. Mai in diesem Jahr zu einem geschichts­re­vi­sio­nis­ti­schen Spek­takel werden. An diesem Tag will er die Staats- und Regie­rungs­chefs aller EU-Staaten auf die Wes­ter­platte bei Gdańsk zu einer Kon­ferenz begrüssen. auf der eine Lesart der Geschichte euro­päi­siert werden soll, die in den letzten Jahren in Polen zum All­ge­meingut geworden ist. Ihr zufolge hat die Rote Armee Polen im Frühjahr 1945 besetzt und die Befreiung habe erst 1989 statt­ge­funden. Es ist ver­ständlich, dass auf einer solchen Kon­ferenz ein Ver­treter der rus­si­schen Regierung keinen Platz hat.

Auf der Wes­ter­platte, auf der die Deut­schen mit einem Schuss ausder Kanone eines Pan­zer­kreu­zersd den Zweite Welt­krieg eröff­neten, soll am 8. Mai der in Russland weiter gepflegten sowje­ti­schen Geschichts­er­zählung die Per­spektive der Länder ent­ge­gen­stellen werden, für die 1945 keine volle nationale Freiheit gebracht hat, heißt es in pol­ni­schen Medien. Das Gedenken dürfe nicht poli­ti­siert werden, ent­gegnete der pol­nische Prä­sident den Kri­tikern, die an den his­to­ri­schen Fakt erinnern, dass die Rote Armee mit großen Opfern die deutsche Wehr­macht aus Polen ver­trieben hat.

Der absichts­volle Aus­schluss Russ­lands als Rechts­nach­folger der Sowjet­union hat für die Ver­treter der aktu­ellen pol­ni­schen Geschichts­po­litik aller­dings mit Politik nichts zu tun; er zählt zur pol­ni­schen Staats­raison. Damit werden aller­dings nicht nur die Ange­hö­rigen der Roten Armee aus der offi­zi­ellen Gedenk­po­litik aus­ge­schlossen. „Die viel­fäl­tigen Orga­ni­sa­ti­ons­formen des anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands in Polen und ins­be­sondere die Bedeutung der 1. und 2. Pol­ni­schen Armee, die Seite an Seite mit der Roten Armee kämpfte, werden heute in Polen kaum gewürdigt. Die Befreiung vom Faschismus im Mai 1945 wird in den Schul­bü­chern nicht als Befreiung, sondern Beginn einer neuen Besat­zungs­pe­riode gedeutet. Nicht der Kampf gegen den deut­schen Faschismus und Natio­na­lismus wird her­vor­ge­hoben, sondern der eigene Natio­na­lismus ver­klärt“, kri­ti­siert der Jurist und Publizist Kamil Majchrzak die neue pol­nische Geschichts­po­litik. Einen zen­tralen Grund für das Ver­schweigen des linken pol­ni­schen Bei­trags bei der Zer­schlagung des NS sieht er darin, dass die Kom­bat­tanten nicht nur gegen die deut­schen Besatzer kämpften, sondern für eine grund­le­gende gesell­schaft­liche Umge­staltung in Polen ein­traten.

Nach neueren his­to­ri­schen For­schungen betei­ligten sich an den Kämpfen um Berlin ins­gesamt 170 000 pol­nische Sol­daten .12 000 von ihnen kämpften in der Ber­liner Innen­stadt gegen die letzten Nester von Wehr­macht und Volks­sturm. An den ver­schie­denen Fronten kämpften nach Majchrzaks Recherchen ca. von 600.000 pol­ni­schen Kom­bat­tanten gegen die Wehr­macht. Ihr Beitrag zur Zer­schlagung des NS wird heute in Polen igno­riert, weil sie an der Seite der Roten Armee kämpften.

Selbst die Rolle der Roten Armee bei der Befreiung von Auschwitz ist in der heu­tigen offi­zi­ellen Geschichts­po­litik zumindest strittig. Der pol­nische Prä­sident Komo­rowski erklärte in einem Interview mit der Gazeta Wyborcza, den Häft­lingen von Auschwitz könne man nicht absprechen, dass sie sich von den sowje­ti­schen Truppen befreit fühlten. Dies habe aber nicht für alle Men­schen in Ost­mit­tel­europa gegolten. Dass die letzten Über­le­benden von Auschwitz von der Roten Armee real befreit wurden, kam ihm nicht über die Lippen.

Polens Außen­mi­nister Grzegorz Schetyna ver­suchte mit der These, Auschwitz sei nicht von »Russen«, sondern von Ukrainern befreit worden, die neue pol­nische Geschichts­doktrin aus­zu­weiten. Er begründete seine Auf­fassung auf den Umstand, dass die 1945 in Süd­polen ope­rie­renden sowje­ti­schen Ein­heiten der »1. Ukrai­ni­schen Front« ange­hörten. Dieser eigen­wil­ligen Geschichts­in­ter­pre­tation kon­terte das rus­sische Außen­mi­nis­terium mit einer Erklärung, in der dem Außen­mi­nister Wis­sens­lücken attes­tiert worden. „Es ist all­gemein bekannt, dass das KZ Auschwitz von den Truppen der Roten Armee befreit wurde, in der Ver­treter vieler Natio­na­li­täten hel­denhaft kämpften“, heißt es darin.

Unter den sowje­ti­schen Sol­daten der soge­annten Ukrai­ni­schen Front, die Auschwitz befreiten, viele Juden. Etwa Ana­tolij Schapiro; er öffnete als erster Soldat der Roten Armee das Tor von Auschwitz öffnete und wurde von den Über­le­benden mit dem Jubel­schrei „Die Russen sind da!“ begrüßt. Den Ange­hö­rigen der Ukrai­ni­schen Front in der Roten Armee stand die natio­na­lis­tische ukrai­nische Bewegung gegenüber, die sich im Kampf gegen die Sowjet­union mit Nazi­deutschland ver­bündete und schon unmit­telbar nach dem Ein­marsch der Wehr­macht mit den Mas­sen­morden an den ukrai­ni­schen Juden begann. Füh­rende Köpfe dieser Bewegung, zum Bei­spiel Stephan Bandera, werden in der heu­tigen Ukraine reha­bi­li­tiert und als Frei­heits­kämpfer gegen Russland gefeiert. Daher ist es eine besonders perfide Geschichts­klit­terung, wenn der pol­nische Außen­mi­nister diese Ukraine heute in die Tra­dition der Auschwitz­be­freier stellt.

Nicht nur als Befreier vom NS auch als Opfer der Nazis sind Kom­mu­nisten in der neuen pol­ni­schen Gedenk­po­litik nicht vor­ge­sehen. Die Kon­se­quenzen bekamen Ange­hörige von NS-Opfern aus ver­schie­denen euro­päi­schen Ländern zu spüren. Sie wollten am 30. Januar 2015 im west­pol­ni­schen Slonsk an der Ein­weihung der neu gestal­teten Aus­stellung über das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg teil­nehmen. „Sie waren ein­ge­laden aber nicht will­kommen. Nur unter großen Schwie­rig­keiten kamen sie in den Saal, in dem die Eröff­nungs­ver­an­staltung stattfand. Dort wurden sie nicht begrüßt. Als die Aus­stellung eröffnet wurde, mussten sie vor dem Museum warten bis die Führung für die offi­zi­ellen Gäste beendet war“, heißt es in einer Pres­se­mit­teilung des Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreises zum Gedenken an die Häft­linge des KZ und Zucht­hauses Son­nenburg bei der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes (VVN-BdA).

In Son­nenburg wurden bereits im Frühjahr 1933 hun­derte Kom­mu­nisten und bekannte linke Nazi­gegner wie Erich Mühsam, Carl von Ossietzky und Johannes Litten inhaf­tiert und gefoltert. Nach dem 2. Welt­krieg wurden soge­nannte Nacht-und Nebel-Gefangene aus ganz Europa nach Son­nenburg ver­schleppt. 819 Gefan­genen wurden in der Nacht vom 31. Januar 1931 von einem SS-Kom­mando erschossen, kurz bevor die Roten Armee das Lager erreichte? Ob der pol­ni­schen Prä­si­denten den wenigen Gefan­genen, die sich vor dem Mas­saker ver­stecken konnten, wohl aus­nahms­weise zuge­steht, dass die von der Roten Armee real und nicht nur gefühlt befreit wurden?

aus: Konkret 5/2015

http://​www​.konkret​-magazin​.de/​h​e​f​t​e​/​h​e​f​t​a​r​c​h​i​v​/​i​d​-​2​0​1​5​/​h​e​f​t​-​5​2​0​1​5​/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​i​n​-​k​o​n​k​r​e​t​-​1​4​8​8​.html

Peter Nowak

KZ Sonnenburg

Das KZ und Zuchthaus Son­nenburg, im heu­tigen west­pol­ni­schen Slonsk gelegen, war lange Zeit ver­gessen. In den ersten Jahren der NS-Herr­schaft war der Ort als »Fol­ter­hölle Son­nenburg« welt­be­kannt. Im April 1933 wurden die ersten Häft­linge in das Lager ver­schleppt, über­wiegend Ber­liner Kommunist_​innen. Auch die drei bekannten linken Intel­lek­tu­ellen Carl von Ossietzky, Erich Mühsam und Hans Litten wurden in Son­nenburg gefoltert. Über den Empfang der Gefan­genen schrieb der kom­mu­nis­tische Wider­stands­kämpfer Klaas Meyer: »Es wurde mit allerhand Mord­werk­zeugen geschlagen, mir lief das Blut schon durch das Gesicht. (…) Die ganze Bevöl­kerung war ver­treten, wir wären Reichs­tags­brand­stifter. Eltern und Kinder schlugen nach uns und wir wurden ange­spuckt«. Während des Zweiten Welt­kriegs wurden Nazigegner_​innen aus ganz Europa nach Son­nenburg ver­schleppt. Die Ster­berate war hoch. Daniel Quaiser geht in seinen Aufsatz auf das Mas­saker ein, bei dem in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 ins­gesamt 819 Gefangene von der Gestapo erschossen wurden, kurz vor der Befreiung durch die Rote Armee. Kamil Majrchrzak berichtet über die juris­tische Auf­ar­beitung der Ver­brechen in Polen. In der BRD hin­gegen wurden die für das Mas­saker ver­ant­wort­lichen SS-Männer Heinz Richter und Wilhelm Nickel 1971 vom Kieler Land­ge­richt frei­ge­sprochen. Mitt­ler­weile hat die pol­nische Justiz die Ermitt­lungen wieder auf­ge­nommen. Ein Grund mehr, sich an die Geschichte Son­nen­burgs und seiner Opfer zu erinnern.

http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​6​0​3​/​1​5.htm

Peter Nowak

Hans Coppi und Kamil Majchrzak (Hg.): Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg. Metropol Verlag, Berlin 2015. 240 Seiten, 19 EUR.

Im Schatten

Im pol­ni­schen Słońsk ist eine Aus­stellung eröffnet worden, die an das dortige ehe­malige Kon­zen­tra­ti­ons­lager erinnert.

»Wer ins pol­nische Słońsk kommt, sollte unbe­dingt Zeit mit­bringen«, heißt es auf der Homepage der »Initiative Kul­tur­brücke über die Oder«, die für eine deutsch-pol­nische Kul­tur­be­gegnung wirbt. Dort wird auf den Natio­nalpark Wart­he­mündung mit seinen sel­tenen Vögeln und Pflanzen hin­ge­wiesen. Seit dem 31. Januar gibt es einen wei­teren Grund, länger in dem pol­ni­schen Städtchen knapp 100 Kilo­meter östlich von Berlin zu ver­weilen. An diesem Tag wurde eine in deutsch-pol­ni­scher Koope­ration und maß­geblich vom »Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreis zum Gedenken an die Häft­linge des KZ und Zucht­hauses Son­nenburg« der Ber­liner VVN-BdA kon­zi­pierte Aus­stellung zur Geschichte des KZ Son­nenburg eröffnet. Sie erinnert an eine Zeit, die auf der Homepage der Kul­tur­brücke unter dem Stichwort »besonders dunkler Teil der Son­nen­burger Geschichte« in einem kurzen Absatz abge­handelt wird.

»Son­nenburg sym­bo­li­siert wie kaum ein anderer Ort Beginn und Ende der zwölf Jahre wäh­renden Schre­ckens­herr­schaft des NS-Regimes«, heißt es in der Aus­stellung. Die in deut­scher und pol­ni­scher Sprache erstellten Tafeln belegen diese Aussage detail­liert. Bereits im Frühjahr 1933 wurden Kom­mu­nisten, Sozia­listen und linke Intel­lek­tuelle aus Berlin und Bran­denburg nach Son­nenburg ver­schleppt. Klaas Meyer, ein kom­mu­nis­ti­scher Seemann, beschrieb seine Begegnung mit der SA: »Es wurde mit allerhand Mord­werk­zeugen geschlagen, den meisten lief das Blut schon durchs Gesicht. (…) Die ganze Bevöl­kerung war ver­treten, man hatte ihnen gesagt, wir seien Reichs­tags­brand­stifter. Eltern und Kinder schlugen nach uns und wir wurden ange­spuckt.«

In der Aus­stellung wird auch gezeigt, dass Son­nenburg nicht zufällig als Ort für das KZ aus­ge­sucht wurde. Als 1931 das dortige Zuchthaus wegen kata­stro­phaler hygie­ni­scher Zustände geschlossen wurde, regte sich im Ort, in dem das Zuchthaus ein zen­traler Arbeit­geber war, Wider­stand. Die NSDAP, die gegen die Zucht­haus­schließung agi­tierte, erzielte gute Wahl­er­geb­nisse.

Mehrere Tafeln doku­men­tieren die Gesichter der »Nacht-und-Nebel-Gefan­genen«, die nach 1941 aus zahl­reichen von Deutschland besetzten Ländern in das Zuchthaus ver­schleppt wurden. Kurz vor dem Ein­treffen der Roten Armee erschoss die SS in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 in Son­nenburg noch 819 Gefangene.

70 Jahre später reisten zur Eröffnung der Aus­stellung auch viele Ange­hörige der Opfer aus Deutschland und diversen euro­päi­schen Ländern an. Doch nicht alle fühlten sich in Słońsk will­kommen. Viele Ange­hörige mussten in der win­ter­lichen Wit­terung vor der Halle warten, in der ein Ver­treter des Fürs­ten­hauses von Luxemburg bei der Gedenk­ver­an­staltung für die Opfer des 30. Januar 1945 sprach. Der größte Teil der Erschos­senen kam aus Luxemburg.

»Auch unsere Ange­hö­rigen waren Opfer«, sagt Jan Her­togen. Der bel­gische For­scher, der beim Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreis der Ber­liner VVN mit­ar­beitete, war besonders empört, dass die Rede der bel­gi­schen Bot­schaf­terin bei der Gedenk­ver­an­staltung aus Zeit­gründen kurz­fristig gestrichen worden war. »In Son­nenburg wurde mein Vater gequält und heute fühle ich mich an dem Ort wieder gede­mütigt«, sagt Meina Voigt Schnabel zur Jungle World. Auch die Tochter des kom­mu­nis­ti­schen See­manns Klaas Meyer, der bereits 1933 die Zustände in der »Fol­ter­hölle Son­nenburg« der Öffent­lichkeit bekannt machte, bekam keinen Zutritt zur Gedenk­ver­an­staltung.

Am Nach­mittag orga­ni­sierte der Arbeits­kreis ein Treffen im Rathaus von Słońsk mit dem pol­ni­schen Staats­anwalt Janusz Jagiełłowicz, der die Kom­mission für die Ver­folgung von Ver­brechen im Zuchthaus Son­nenburg leitet. Die 1972 ein­ge­stellten Ermitt­lungen gegen die Ver­ant­wort­lichen wurden im Februar 2014 wieder auf­ge­nommen. Recht­zeitig zum 70. Jah­restag des Mas­sakers haben Hans Coppi und Kamil Majchrzak im Metropol-Verlag das Buch »Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg« her­aus­ge­geben, das einen guten Über­blick über die Geschichte dieses weit­gehend ver­ges­senen Ortes des NS-Terrors gibt.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​0​6​/​5​1​3​8​2​.html
Peter Nowak