»Die Ideologie thematisieren«

Small Talk mit Julia Ziegler von »Niemand ist ver­gessen« über Angriffe auf Obdachlose

Am Ber­liner S-Bahnhof Schö­ne­weide verübte ein Unbe­kannter vor anderthalb Wochen eine Feu­er­at­tacke auf zwei woh­nungslose Männer, indem er sie mit einer brenn­baren Flüs­sigkeit übergoss und anzündete. Die Opfer wurden schwer ver­letzt, das Motiv für die Tat ist unklar. Die Jungle World hat mit Julia Ziegler von der Initiative »Niemand ist ver­gessen« gesprochen, die seit Jahren solche Fälle doku­men­tiert und an die Opfer erinnert.
Small Talk von Peter Nowak

Gibt es bereits Infor­ma­tionen über den oder die Täter von Schö­ne­weide?
In den Medien wird ver­mutet, dass es um einen Streit unter mehr oder weniger Bekannten ging. Anstatt über die Täter zu spe­ku­lieren, geht es uns jedoch darum, auf die men­schen­ver­ach­tende Ideo­logie, die ­dahin­ter­steht, auf­merksam zu machen. Denn Woh­nungs­lo­sen­feind­lichkeit, soziale Aus­grenzung und Ungleich­wer­tig­keits­denken sind exis­ten­tielle Themen.

Was ist das Ziel Ihrer Initiative?
»Niemand ist ver­gessen« wurde 2008 als Gedenk­initiative für Dieter Eich gegründet, der am 23. Mai 2000 von Nazis in Berlin-Buch ermordet worden war. Einer der Täter sagte später: »Der musste weg, der war aso­zialer Dreck.« Dennoch wurde Eich bis Anfang 2018 von staat­licher Seite nicht als Opfer rechter Gewalt aner­kannt. Das Gedenken an ihn wird mit jähr­lichen Demons­tra­tionen und Ver­an­stal­tungen vor Ort begangen. Dabei ist es uns wichtig, die dahin­ter­ste­hende men­schen­ver­ach­tende Ideo­logie der Abwertung von Gering­ver­dienern, Erwerbs- und Woh­nungs­losen zu the­ma­ti­sieren.

Ihre Initiative kri­ti­siert nicht nur rechte Gewalt, sondern auch die staat­liche Politik. Können Sie ein Bei­spiel nennen?
Es geht um subtile Ver­drän­gungs­stra­tegien. Zum Bei­spiel werden an Bahn­höfen und Bus­hal­te­stellen ­Bänke so umgebaut, dass es ­unmöglich ist, sich hin­zu­legen. Parks und andere öffent­liche Räumen werden zum Schlafen unat­traktiv gemacht. Es fehlen öffent­liche Sani­tär­ein­rich­tungen und sichere Schlaf­plätze oder Mög­lich­keiten, legal zu zelten. Der Grund dafür ist zum einen, das Stadtbild »sauber« zu halten, und zum anderen, staat­liches Ver­sagen bei der Bekämpfung von Armut zu ver­bergen.

Welche poli­ti­schen Schritte fordern Sie, um die Aus­grenzung von Obdach­losen zu beenden?
Leider werden Feind­lichkeit gegen Woh­nungslose, Klas­sismus und soziale Aus­grenzung durch die ­genannten Bei­spiele vor­an­ge­trieben und repro­du­zieren sich in der Gesell­schaft. Es geht darum, büro­kratische und logis­tische Hürden abzu­bauen, und darum, Armut nicht zu sank­tio­nieren. Unter­stüt­zungs­an­gebote sollten nicht an Bedin­gungen geknüpft und Men­schen als han­delnde, selbst­be­stimmte Sub­jekte aner­kannt werden. Auf gesell­schaft­licher ­Ebene bedeutet das, gegen alle Formen von Ungleich­wer­tig­keits­ideo­logien und Dis­zi­pli­nie­rungs- und Nor­mie­rungs­struk­turen wie Gefäng­nisse und Psych­iatrie vor­zu­gehen.

Müsste es nicht ein Ziel linker Politik sein, eine Gesell­schaft zu schaffen, in der es keine Obdach­losigkeit gibt, statt bequemere Bänke für Men­schen ohne Wohnung zu fordern?
Unser lang­fris­tiges Ziel ist, dass Men­schen nicht als Resultat einer kapi­ta­lis­ti­schen Ver­wer­tungs­logik und sozialer Aus­grenzung auf der Straße leben, sondern nur, wenn sie sich selbst­be­stimmt dafür ent­scheiden. Ein Schritt von vielen ist die Benennung der Bedürf­nisse woh­nungs­loser Per­sonen und der Pro­bleme, mit denen sie kon­fron­tiert sind.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​3​1​/​d​i​e​-​i​d​e​o​l​o​g​i​e​-​t​h​e​m​a​t​i​s​ieren

Interview: Peter Nowak

Stigmatisiert und entwertet

Kund­gebung erinnert an Gewalt gegen Obdachlose. Zu Brand­an­schlägen ermittelt weiter die Polizei

Unter dem Motto „Stoppt die Hetze und Gewalt gegen Woh­nungslose, Erwerbslose und Gering­ver­die­nende“ hatte die Initiative „Niemand ist ver­gessen“ am Samstag zu einer Kund­gebung am S-Bahnhof Frank­furter Allee auf­ge­rufen. Da- mit sollte an den Mord­versuch an zwei woh­nungs­losen Männern erinnert werden, die ver­gangene Woche am S-Bahnhof Schö­ne­weide von einem Unbe­kannten im Schlaf mit einer brenn­baren Flüs­sigkeit begossen und ange­zündet wurden. Beide über­lebten schwer­ver­letzt. Etwa 40 Men­schen nahmen an der Kund­gebung teil.
„Wir haben die Kund­gebung am S-Bahnhof Frank­furter Alllee gemacht, weil Angriffe gegen Obdach- und Woh­nungslose an vielen Orten statt­finden“, begründete Julia Ziegler von der Orga­ni­sa­ti­ons­gruppe die Ortswahl. Die Initiative gründete sich 2008 zum Gedenken an Dieter Eich, der am 23. Mai 2000 von Nazis in Berlin-Buch ermor- det wurde. Einer der Täter hatte später über sein Motiv gesagt: „Der musste weg, der war aso­zialer Dreck.“ Seitdem befasst sich die Initiative auch mit der Geschichte der Ver­folgung von als asozial stig­ma­ti­sierten Men­schen im Natio­nal­so­zia­lismus, die nach 1945 nicht ent­schädigt und oft weiter ver­folgt wurden.
Darüber, wie Obdach- und Woh­nungs­losen das Leben im Stadtraum erschwert wird, infor­mierten während der Kund­gebung Bilder und Texte an einer Infowand. So würden Bänke im öffent­lichen Raum so gestaltet, dass es unmöglich ist, sich dar­auf­zu­legen. Mit dem Leitbild „Saubere Stadt“ werde oft die Ver­treibung von Woh­nungs- und Obdach­losen gerecht­fertigt, kri­ti­sierte der Tübinger Publizist Lucius Tei­delbaum, Autor des 2013 ver­öf­fent­lichten Buches „Obdach­lo­senhass und Sozi­al­dar­wi­nismus“, in einer Rede bei der Kund­gebung. Tei­delbaum betreibt den Blog Ber­berinfo, auf dem er Angriffe auf Woh­nungs- und Obdachlose auf­listet. Initia­ti­ven­spre­cherin Ziegler for­derte: „Armut darf nicht sank­tio­niert werden.“ Unter­stüt­zungs­an­gebote sollten nicht an Bedin­gungen geknüpft und „Men­schen als han­delnde, selbst­be­stimmte Sub­jekte aner­kannt werden, auch wenn sie keine Wohnung haben“.
Zu dem Anschlag vom ver­gan­genen Montag in Schö­ne­weide ermittelt die Polizei weiter. Zurzeit würden Video­auf­nahmen aus­ge­wertet, sagte eine Poli­zei­spre­cherin am Sonntag der taz. Bereits am Mittwoch konnte eines der Opfer befragt werden. Über seine Aus­sagen ist jedoch nichts bekannt. Der andere Mann liegt wei­terhin im Koma.

montag, 30. juli 2018 taz

Peter Nowak