Wie die polnische Rechte die Holocaust-Forschung kriminalisiert

Doch bei aller berech­tigten Kritik an der pol­ni­schen Regierung sollte nicht ver­gessen werden, dass die Shoah ein Projekt ganz gewöhn­licher Deut­scher war. Ein Kom­mentar

Kann man in Polen den Film »Shoah« von Claude Lanzmann noch zeigen, ohne mit Strafen rechnen zu müssen? Diese Frage muss man sich stellen, nachdem die rechts­kon­ser­vative Mehrheit im pol­ni­schen Par­lament ein Gesetz ver­ab­schiedet hat, dass es unter Strafe stellte, wenn jemand Polen beschuldigt, sie hätten bei der Ver­folgung und Tötung von Juden mit­ge­wirkt.

»Dabei ist es eine his­to­rische Tat­sache, dass eine große Anzahl Polen an der Ver­folgung und Ermordung von Juden mit­wirkten. Wenn das nicht mehr gesagt werden darf, wenn dazu nicht mehr geforscht werden darf, ist das ein Skandal«, schreibt der His­to­riker Yehuda Bauer in der Jüdi­schen All­ge­meinen Zeitung. Tat­sächlich gab es in natio­nal­pol­ni­schen Kreisen einen viru­lenten Anti­se­mi­tismus, der dafür ver­ant­wortlich war, dass auch pol­nische NS-Gegner Juden an die Wehr­macht oder SS ver­rieten und aus­lie­ferten.

Es gab anti­jü­dische Pogrome vor dem Ein­marsch der Deut­schen in Polen und die wenigen über­le­benden Juden waren nur wenige Jahre nach ihrer Befreiung wieder mit dem pol­ni­schen Anti­se­mi­tismus kon­fron­tiert. 1968 ritt sogar die auto­ritäre, nur dem Namen nach kom­mu­nis­tische, Partei auf der Welle des Anti­se­mi­tismus, der nur not­dürftig als Anti­zio­nismus kaschiert wurde.

In dem Film »Shoah«, der der mas­sen­haften Ver­nichtung der euro­päi­schen Juden den Namen gab, berichten an meh­reren Stellen Über­le­bende, wie sie auch von pol­ni­schen Bürgern bedroht und beschimpft wurden. In einer Szene sagt ein pol­ni­scher Bauer aus der Gegend um Auschwitz, dass die Juden von den Pas­santen lachend mit dem Zeichen des Kopf­ab­schneidens begrüßt wurden.

Dass auch unter deut­scher Besatzung der pol­nische Anti­se­mi­tismus gut gedeihen konnte, zeigte das Pogrom in der ost­pol­ni­schen Stadt Jed­wabne im Juli 1941, das der His­to­riker Jan.T. Gross erforscht hat. Auch seine Arbeit wäre gefährdet, wenn das neue Gesetz in Kraft tritt. Deshalb ruft Yehuda Bauer mit Recht zur Soli­da­rität mit den pol­ni­schen His­to­rikern auf.

Kritik aus Israel

Dass die For­schung über die unter­schied­lichen Formen der Koope­ration von Polen bei der Ermordung der Juden ein­ge­schränkt werden soll, ist vor allem in Israel auf starke Kritik gestoßen. Die pol­nische Rechts­re­gierung, die sich nach Außen immer als enger Freund von Israel dar­stellt, hat das in Kauf genommen. Die Kritik Israels wird von natio­nal­pol­ni­schen Kreisen, die auch die Wäh­ler­basis der gegen­wär­tigen Regierung sind, für anti­is­rae­lische Aus­fälle genutzt.

Eine geplante rechte Demons­tration vor der israe­li­schen Bot­schaft in War­schau wurde ver­boten und das Gelände bis zum 5. Februar abge­sperrt. Das Kalkül der pol­ni­schen Rechten in und außerhalb der Regierung geht auf. Die Regierung demons­triert damit vor allem, dass sie sich von der Kritik der Nach­fahren der Shoah-Opfer nicht von ihren Plänen abbringen lässt, die Holo­caust-For­schung massiv zu regle­men­tieren und ein­zu­engen.

Die Shoah war ein deut­sches Projekt

In Deutschland sieht man den Streit zwi­schen Polen und Israel gerne. Man kann sich hier schließlich wieder als Auf­ar­bei­tungs­welt­meister auf­spielen, der mit den Finger auf seinen öst­lichen Nachbarn zeigt, dessen Grenzen man nur wider­spre­chend erst vor 25 Jahren aner­kannt hat.

Denn, so richtig es ist, sich mit den pol­ni­schen His­to­rikern zu soli­da­ri­sieren, die nun durch das Gesetz kri­mi­na­li­siert und in ihren For­schungen ein­ge­schränkt werden könnten, in Deutschland muss doch wohl wieder in Erin­nerung gerufen werden: Der Holo­caust wurde von Deut­schen geplant, es waren ganz gewöhn­liche Deutsche, die die euro­päi­schen Juden in Polen und anderswo ermor­deten. Es waren ganz gewöhn­liche Deutsche, die sich sogar beim Mord­handwerk foto­gra­fieren ließen und darüber ihren Lieben in der Heimat berich­teten.

»Der Tod ist ein Meister aus Deutschland« – diese Zeile aus der Todesfuge von Paul Celan muss wieder in Erin­nerung gerufen werden. Es gab in allen Nach­bar­ländern Anti­se­mi­tismus, zu den mör­de­ri­schen Kon­se­quenzen führte er aber nur in Deutschland und durch Deutsche, auch wenn es Unter­stützer aus vielen Ländern und auch aus Polen gab.

Daher ist zumindest der Teil des neuen pol­ni­schen Gesetzes ver­ständlich, der es unter Strafe stellt, wenn das deutsche Ver­nich­tungs­lager Auschwitz »polo­ni­siert« wird. Das mag in vielen Fällen ein Fall von Nach­läs­sigkeit sein, wenn aus­ge­drückt werden soll, dass Auschwitz im heu­tigen Polen liegt. Ein so fahr­läs­siger Umgang mit den Fakten trägt aber dazu bei, dass die Geschichte der Shoah ver­fälscht wird. Von daher ist auch zu ver­stehen, dass die pol­nische Regierung gegen­steuern will. Ob hier aller­dings repressive Maß­nahmen helfen, muss bezweifelt werden.

Wenn Guan­tanamo zum kuba­ni­schen Lager wird

Auch jüngere Ereig­nisse, die nicht mit der Shoah zu ver­gleichen sind, werden gerne in falsche geo­gra­phische Zusam­men­hänge ein­ge­ordnet. So wird das US-Lager auf kuba­ni­schem Ter­ri­torium, Guan­tanamo, häu­figer zum kuba­ni­schen Lager umfunk­tio­niert. Bei vielen sicher aus Nach­läs­sigkeit und Unge­nau­igkeit. Aber es dürfte auch nicht wenige geben, die ein poli­ti­sches Interesse haben, der sozia­lis­ti­schen Insel auch dieses Lager noch zuzu­schreiben.

Dennoch hat man nicht gehört, dass die kuba­nische Regierung erwägt, alle die zu bestrafen, die vom kuba­ni­schen Lager Guan­tanamo sprechen und schreiben. Daher ist auch bei allem Ver­ständnis für das Anliegen, dieser Teil des pol­ni­schen Gesetzes ebenso frag­würdig.

Es stellt sich schon die Frage, welchen Zweck die pol­ni­schen Rechten mit diesen Gesetzen ver­folgen, die sie auch noch am Jah­restag des Holo­causts, am 27. Januar, durch das Par­lament brachten. Es handelt sich wahr­scheinlich ebenso um eine codierte Form des Anti­se­mi­tismus, wie die regie­rungs­amt­liche unga­rische Kam­pagne gegen den Libe­ralen Soros.

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Peter Nowak
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Spuren der Shoah

»My Two Polish Loves« im Licht­blick-Kino

Auf einer viel befahren Stra­ßen­kreuzung in der Innen­stadt von Łódź steht eine junge Frau, die sich suchend umschaut. In der Hand hält sie einen Ordner mit Fotos. Es sind Doku­mente über das jüdische Ghetto, das sich einst an dieser Stelle befunden hat. Heute erinnert nichts mehr daran. Die junge Frau ist Tall Tiller. Die Israelin, die seit meh­reren Jahren in Berlin lebt, hat sich mit ihrer pol­ni­schen Part­nerin Magda Wystub auf die Suche nach der Geschichte ihrer Vor­fahren begeben. Davon erzählt ihr knapp ein­stün­diger Film »My Two Polish Loves«. 

Den Anstoß für die Reise gab die 2014 gestorbene Groß­mutter der Regis­seurin. Erst in den letzten Jahren ihres Lebens erzählte die Holo­caust-Über­le­bende ihre Geschichte der Ver­folgung. Sie war mit ihrer Familie im Ghetto von Łódź ein­ge­sperrt. Die SS depor­tierte später einen Großteil der Bewoh­ne­rInnen in die Ver­nich­tungs­lager. Silvia Grossmann Tiller war eine der wenigen aus ihrer Familie, die überlebt hat. Im Film hört man sie von einem Wunder sprechen, das zu ihrer Rettung geführt habe. So berichtet sie, wie sie sich ent­schieden hatte, nicht zur Arbeit zu gehen und bei der schwer kranken Stief­mutter zu bleiben, die dann in ihren Armen starb. Dabei hörte sie, wie die SS das Gebäude betrat, in dem sich die Frauen ver­steckt hielten. Doch bevor die SS-Männer die obere Etage erreichten, brachen sie die Suche ab. Wäre Silvia gefunden worden, hätte man sie wohl sofort erschossen. 

Wir hören die Stimme der Groß­mutter in Tall Tillers Film mehrmals. Wir sehen auch ein Foto des Groß­vaters an einer der Brücken, die die beiden Teile des Ghettos ver­banden. Gefunden hat die Regis­seurin es im Museum der Ghet­to­kämpfer in Tel Aviv. 

»Das Haus meiner Oma zu finden, war für mich das Wich­tigste«, sagte Tall Tiller gegenüber der »Jüdi­schen All­ge­meinen Zeitung«. Aber die Suche blieb erfolglos. »Es gibt das Haus nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich heute ein öffent­licher Park.« Das Haus ihres Groß­vaters aber, der eben­falls über­lebte, hat sie gefunden – und bedauert, ihn zu Leb­zeiten nicht kon­kreter über sein Leben im Ghetto befragt zu haben. Gefunden hat sie auch sein Grab auf einem total über­wu­cherten Friedhof – nebst einer Gedenk­kerze, die nie ange­zündet wurde. »Niemand ist vor­bei­ge­kommen«, sagt Magda Wystub. Es ist einer der trau­rigsten Momente im Film. Er zeigt, welche Folgen die Shoah auch für die Über­le­benden hatte. Es war niemand mehr da, der später ihre Gräber besuchen konnte. 

Und doch ist »My Two Polish Loves« kein trau­riger Film. In meh­reren Szenen sieht man Tiller und Wystub bei der Vor­be­reitung ihrer Erkun­di­gungen oder bei der Aus­wertung in einem Restaurant. Auf der Suche nach einem Raum von Tillers Groß­mutter, der der Enkelin nicht aus dem Kopf geht, fragen sie Pas­san­tInnen, die aber nur mit den Schultern zucken. Am Ende kann ein Jugend­licher das Rätsel auf­klären. 

Tall Tiller hat einen sehr per­sön­lichen Film gemacht über die Zeit, in der die letzten Holo­caust-Über­le­benden sterben. Die Erin­nerung an sie aber, das zeigt der Film, bleibt lebendig. 

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​7​5​5​9​5​.​s​p​u​r​e​n​-​d​e​r​-​s​h​o​a​h​.html

Vor­führung am 10.1., 19 Uhr, im Licht­blick-Kino (Kas­ta­ni­en­allee 77, Prenz­lauer Berg). Im Anschluss gibt es ein Gespräch mit der Regis­seurin.

Peter Nowak

Das deutsche Lagerdenken und der Umgang mit Migranten