Er teilt das Schicksal vieler linker Querdenker“

Willy Huhn war zu links für die SPD und ver­ges­sener Pionier der West­ber­liner Anti-AKW- Bewegung. Der Poli­tik­wis­sen­schaftler Jochen Gester hat ein Buch über ihn verö ent­licht 

Der Autor und das Buch
Jochen Gester, Poli­tik­wis­sen­schaftler, 1951 geboren, Ende der Sech­ziger durch die Außer­par­la­men­ta­rische Bewegung poli­ti­siert. In den Sieb­zigern am Versuch kom­mu­nis­ti­scher Gruppen beteiligt, die Betriebe zu poli­ti­sieren. Seit Jahren ehren­amtlich in der IG Metall aktiv.
In seinem Verlag „Die Buch­ma­cherei“ ver­öf­fent­lichte Gester Ende 2017 die Bio­graphie „Auf der Suche nach Rosas Erbe“ über den weit­gehend ver­ges­senen Ber­liner Links­so­zia­listen Willy Huhn.


taz: Herr Gester, was hat Sie an Willy Huhn so inter­es­siert, dass Sie eine poli­tische Bio­grafie über den weit­gehend ver­ges­senen Ber­liner Links­so­zia­listen ver­fasst haben?

Jochen Gester: Ich bin durch die 68er-Bewegung sozia­li­siert worden und ent­deckte zu Beginn der sieb­ziger Jahre den Mar­xismus. Leider habe ich mich in der Folge wie viele andere auch der „auto­ri­tären Wende“ der dama­ligen Linken ver­schrieben. Viel später be- griff ich, dass diese Wende eine Sack­gasse ist. Seitdem suche ich den Weg zurück zu meinen anti­au­to­ri­tären Ursprüngen, ohne dabei die sozia­lis­tische Ausrich- tung auf­zu­geben.

Und dabei kann Willy Huhn behilflich sein?
Mich inter­es­siert, wie das eman­zi­pative Potenzial der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung heute mit einer neuen Aus­richtung revi­ta­li­siert werden kann. Willy Huhn gehörte zu einer dis­si­denten Strömung der dama­ligen Arbei­ter­linken, die genau das bewegte. In unserem Verlag Die Buch­ma­cherei widmen wir diesem Thema eine ganze Reihe.

Warum war Huhn weit­gehend ver­gessen, obwohl er bis zum Tod auch zur West­ber­liner APO gute Kon­takte hatte?
Er teilt hier das Schicksal vieler linker Quer­den­ke­rInnen, die sich nicht einfach als Zeugen für eine gerade ange­sagte Orga­ni­sa­ti­ons­phi­lo­sophie ein­ge­meinden lassen. Er passte weder zu den Ver­suchen einer erneu­erten Sozi­al­de­mo­kratie noch zu den Spiel­arten einer leni­nis­ti­schen Renais­sance. Das Auf­ein­an­der­treffen mit dem Sozia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­tenbund (SDS) lag dann sehr nahe. Huhn war vorher bereits wegen seiner linken Kritik aus der SPD aus­ge­schlossen worden. Die Liaison mit dem anti­au­to­ri­tären Flügel des SDS währte dann aber nur kurz, weil Willy Huhn bereits 1970 starb und das Anti­au­to­ritäre an Anzie­hungs­kraft verlor.

Sie zitieren viele bisher unver­öf­fent­lichte Texte und Briefe. Wie erhielten Sie Zugang zum Nachlass?
Das war ein­facher als erwartet. Seine in Zeit­schriften ver­öf­fent­lichen Texte konnte ich über die Staats­bi­bliothek bekommen, und der Zugang zu seinem über zehn Regal­meter umfas­senden Nachlass im Inter­na­tio­nalen Institut für Sozi­al­ge­schichte in Ams­terdam ist frei zugänglich. Im Buch kann man so 600 Seiten Huhn im Ori- ginal lesen, und auch in meiner bio­gra­fi­schen Skizze spricht er vor allem selbst.

Sie ver­schweigen die „dunklen Seiten“ von Willy Huhn nicht, etwa seine zeit­weise Unter­stützung des Natio­nal­so­zia­lismus im Zweiten Welt­krieg. Warum war es Ihnen wichtig, auch diese Seite zu zeigen?
Ich habe lange genug an Ikonen gehangen. Mir war es wichtig, Huhn als Person real und gerecht zu beur­teilen. Das geht nicht, ohne seine Ver­ir­rungen beim Namen zu nennen.

Sie haben sich auch mit Huhns Ver­hältnis zum Zio­nismus aus­ein­an­der­ge­setzt …

In der Neu­ver­öf­fent­li­chung eines Teils seiner Texte um das Jahr 2000 hatte der her­aus­ge­bende Verlag in einem Nachwort Huhn und mit ihm die ganze räte­kom­mu­nis­tische Bewegung zur Speer­spitze des Anti­se­mi­tismus gemacht. Mir war es wichtig her­aus­zu­stellen, dass der Atta­ckierte sicher ein Anti- zionist, jedoch nie ein Anti­semit war.

Im Titel Ihres Buchs ver­orten Sie Willy Huhn auf den Sp ren von Rosa Luxemburg. Wie passt das denn aber zu den doku­men­tierten Texten, in denen er sich in die Tra­dition des Natio­nal­kom­mu­nismus gestellt hat?
Ich würde das so nicht teilen. Huhn argu­men­tierte in Ahnung seiner dunklen Jahre – im NS-Staat, als er seine poli­ti­schen und sozialen Netze ver­loren hatte – in mar­xis­ti­scher Tra­dition. Seine späten Abhand­lungen über den Natio­nal­kom­mu­nismus sind zu komplex, um daraus ein­fache Schluss­fol­ge­rungen zu ziehen.

Wie kam es, dass Huhn auch noch Pionier der West­ber­liner Anti-AKW-Bewegung wurde?
In West­berlin war in den sech­ziger Jahren unter dem SPD-Bür­ger­meister Brandt ein Atom­meiler geplant. Huhn hat sich dar­aufhin als befä­higter Auto­didakt in die ganze eng­lisch­spra­chige Lite­ratur zum Thema ein­ge­ar­beitet und sie als Linker poli­tisch bewertet. So wurde er zum Akti­visten gegen die soge­nannte fried­liche und die mili­tä­rische Nutzung der Atom­energie. 

aus: taz vom 16.1.2018

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Interview: Peter Nowak