Ein Anarchist im Kreuzberger Rathaus

Heute wieder hoch aktuell

Eine Aus­stellung in Kreuz­berger Rathaus zeigt, welche Spuren Gustav Landauer hin­ter­lassen hat

Das ver­ab­redete Treffen von zivilen Beamten der poli­ti­schen Polizei mit dem Redakteur einer anar­chis­ti­schen Zeitung wurde jäh beendet, als Männer mit fal­schen Bärten in das Lokal kamen und ihre Umgebung von dem Ren­dezvous infor­mierten. Dar­aufhin traten die Spitzel die Flucht an. Über diese lustige Bege­benheit von 1896 wird in der…

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Landauer ist wieder da

»Die Zeit Gustav Land­auers ist noch nicht da«, schrieb der anar­chis­tische Publizist und poli­tische Aktivist Erich Mühsam zum 10. Jah­restag der Ermordung seines Freundes, der am 2. Mai 1919 nach der Zer­schlagung der Münchner Räte­re­publik von Frei­korps­sol­daten schwer miss­handelt und dann erschossen worden war. Bestraft wurden seine Mörder nicht. Lediglich einige Sol­daten erhielten Geld­strafen, weil sie den Leichnam noch aus­ge­raubt hatten.

Die Täter sym­pa­thi­sierten später mit den Nazis, die bereits 1933 den Gedenk­stein zer­stören ließen, den Land­auers Freunde 1925 an seinem Grab auf dem Münchner Wald­friedhof errichtet hatten. Seit Mitte Juli dieses Jahres erinnert dort ein Denkmal an den »Schrift­steller, Poli­tiker, Theo­re­tiker und Akti­visten des anar­chis­ti­schen Sozia­lismus, Gegner des Mili­ta­rismus und Mit­glied der Münchner Räte­re­gierung«, wie die Inschrift auf dem schwarzen Obelisk infor­miert. Doch nicht nur in München soll an ihn erinnert werden.

»Anfang Mai 2019 soll in Berlin zum hun­dertsten Todestag Gustav Land­auers ein mög­lichst zentral gele­genes und gut sicht­bares Landauer-Denkmal ein­ge­weiht und so eine dau­er­hafte Mar­kierung in der Erin­ne­rungs­to­po­graphie dieser Stadt rea­li­siert werden«, erklärt der Kul­tur­wis­sen­schaftler Jan Rol­let­schek. Er pro­mo­viert nicht nur über die Spinoza-Rezeption von Landauer, sondern hält auch dessen poli­ti­sches Erbe noch immer für aktuell. »Land­auers phi­lo­so­phi­sches Denken geht von der Frage aus, wie die per­sön­liche Freiheit mit der gesell­schaft­lichen Inte­gration in Ein­klang gebracht werden kann«, betont Rol­let­schek. Eine Frage, die sich für die For­mu­lierung linker Politik immer wieder stelle.

Des­wegen ver­steht die Initiative ein Gustav-Landauer-Denkmal in der deut­schen Haupt­stadt kei­neswegs nur als ein Erin­ne­rungsmal. Sie gibt Bro­schüren heraus, in denen Texte und Flug­blätter von Landauer nach­ge­druckt werden, die sich mit linker Stra­tegie und Taktik befassen. Eine kri­tische Aus­ein­an­der­setzung mit dem theo­re­ti­schen und prak­ti­schen Wirken von Landauer ist Ziel der Initiative.

Darüber hinaus will sie die weit­gehend ver­gessene Geschichte der anar­chis­ti­schen und anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Arbei­ter­be­wegung in Berlin wieder neu ent­decken. Auf Stadt­teil­spa­zier­gängen in Kreuzberg und Wedding wird an his­to­ri­schen Orten, wo sich bei­spiels­weise Zei­tungs­dru­cke­reien oder auch Ver­samm­lungs­lokale befanden und Demons­tra­tionen statt­fanden, daran gemahnt, wofür diese Bewegung stand und noch stehen könnte.

Auch His­to­riker und Poli­to­logen wandten sich in den ver­gan­genen Jahren ver­stärkt Landauer zu. Es erschienen mehrere Bücher, Brief- und Tage­buch­edi­tionen sowie aus­ge­wählte Schriften. Ist Gustav Land­auers Zeit viel­leicht doch endlich gekommen? Es scheint so.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1066789.landauer-ist-wieder-da.html?sstr=peter|nowak

Peter Nowak