Migration – Zeichen von Freiheit oder zu bekämpfendes Übel?

Es sollten auch die Stimmen der Men­schen aus dem glo­balen Süden und der euro­päi­schen Peri­pherie gehört werden, die sich kri­tisch zur Migration äußern und auf die Folgen für die Betrof­fenen und ihre Her­kunfts­länder hin­weisen

»Es ist nicht Europa, das uns ein Leben in Würde schuldet, sondern mein Land.« Dieser Satz steht über einem Essay von Saikou Suwareh Jabai. Dort bringt der gam­bische Jour­nalist einige Argu­mente in die Debatte um Migration ein, die sich manche der »Refuge Welcome«-Bewegung doch einmal durch den Kopf gehen lassen sollten.

Er schildert dort die ganz indi­vi­du­ellen Folgen der Migration am Bei­spiel seiner beiden Brüder:

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Ohne Telefonnummer kein sozialer Streik

Gewerkschaft und Nachbarschaft – Das Buch »Solidarische Netzwerke« ist auch ein Praxisratgeber für soziale Proteste

Kurier­fahrer und private Taxi­fahrer befanden sich in London im August für mehrere Tage im Aus­stand gegen die Senkung der Pau­schale, die sie pro Lie­ferung oder Fahrt bekommen. Unter­stützt wurden sie von kleinen Basis­ge­werk­schaften. Sie sorgen auch dafür, dass der kurze Arbeits­kampf in Deutschland über­haupt wahr­ge­nommen wurde. Schließlich gibt es auch hier­zu­lande unter dem wach­senden Heer der Kurier­dienste deut­lichen Unmut über die geringen Pau­schalen und schlechte Arbeits­be­din­gungen.

Daher ist es auch begrü­ßenswert, dass die Sektion Frankfurt am Main der Basis­ge­werk­schaft Indus­trial Workers of the World (IWW) Dis­kus­sionen und Erfah­rungen von Arbeits­kämpfen und sozialen Bewe­gungen aus dem eng­lisch­spra­chigen Raum ins Deutsche über­setzt und sowohl in gedruckter Form als auch dem Inter­net­portal zweiter​-mai​.org zugänglich macht. Kürzlich hat die IWW unter dem Titel »Soli­da­rische Netz­werke – Ein Leit­faden« Texte über die Geschichte und die poli­tische Praxis des Soli­da­ri­schen Netz­werkes aus Seattle über­setzt.

Die Stadt in den USA war 1999 kurz­zeitig als Ort des linken poli­ti­schen Akti­vismus in die Schlag­zeilen beraten, weil dort die Pro­teste gegen eine WTO-Kon­ferenz zum Auf­schwung der glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Bewegung bei­getragen haben. Doch über die All­tags­kämpfe in der Stadt war bisher wenig bekannt. Die Her­aus­geber der Bro­schüre betonen, dass die Erfah­rungen aus den Kämpfen in den USA nicht einfach auf die hie­sigen Ver­hält­nisse über­tragen werden können. Doch die Gemein­sam­keiten sind in vielen Bereichen nicht zu über­sehen: »Was unser Interesse geweckt hat, war die Idee, sich nicht aus­schließlich gegen das Chefs, das Job­center, oder innerhalb eines Wohn­hauses zu orga­ni­sieren. […] So können viel­fältige Wider­sprüche und Kon­flikte in den Blick genommen werden, die sich aus unseren pre­kären Alltag ergeben«, schreibt die IWW Frankfurt im Vorwort.

Damit greifen sie Debatten auf, die unter dem Label sozialer Streik in Deutschland geführt werden. Es geht darum, wie Arbeits­kämpfe im pre­kären Sektor mit den Wider­stand gegen hohe Mieten oder gegen Fahr­preis­er­hö­hungen im Öffent­lichen Nah­verkehr ver­bunden werden können Bisher exis­tieren in manchen Städten Initia­tiven, die sich um Stadt­teil­arbeit kümmern, andere widmen sich der Unter­stützung von Arbeits­kämpfen. Der Kontakt zwi­schen den Gruppen läuft über Bünd­nis­treffen. Das soli­da­rische Netzwerk Seattle ver­steht sich dagegen als Arbeiter- und Mie­ter­or­ga­ni­sation. »Statt eine gemeinsame Iden­tität als Mieter, Nach­bar­schaft oder Arbeiter eines bestimmten Sektors zu ent­wi­ckeln, erzeugen wir das Gefühl einer umfas­senden Klas­sen­so­li­da­rität«, heißt es in dem Selbst­ver­ständnis der Akti­visten. Im wei­teren Text wird deutlich, dass es sich dabei um eine Ziel­vor­stellung handelt. Sehr detail­liert wird beschrieben, wie man soziale Kämpfe beginnen kann. Dabei wird die Wich­tigkeit einer all­ge­mein­ver­ständ­lichen Sprache ebenso betont wie die der Orte zum Kleben von Pla­katen, damit sie Wirkung zeigen. Zudem sei eine Tele­fon­nummer wichtig, damit Inter­es­sierte Kontakt auf­nehmen können.

Diese und viele andere prak­tische Tipps mögen sich unspek­ta­kulär anhören, sind aber für Men­schen nützlich, die auch hier­zu­lande soli­da­rische Netz­werke auf­bauen wollen. Die Autoren machen auch klar, dass man für die Orga­ni­sie­rungs­arbeit einen langen Atem braucht und sich selber klare Ziele stecken muss. Daran aber hapert es oft, so dass die Ver­fasser am Ende wieder einmal ein scheinbar unbe­deu­tendes Detail erinnern. »Abschließend sei bemerkt, dass für die meisten Men­schen das größte Hin­dernis bei der Ent­wicklung ihrer Orga­ni­sa­ti­ons­fä­hig­keiten ihre eigene Des­or­ga­ni­sierung ist, z.B. keinen Kalender zu führen.«

Die Bro­schüre kann hier her­un­ter­ge­laden werden: dasND​.de/​n​e​t​z​werke

Peter Nowak

Im prekären Sektor gibt es eine Alternative zum DGB

Betr.: «Auf absehbare Zeit gibt es keine Alter­native zu den DGB-Gewerk­schaften», von Jakob Schäfer in SoZ Mai 2016

Es ist erfreulich, dass die SoZ eine Debatte über die linke Bewegung und Gewerk­schaften initiiert hat. Schließlich wächst auch in Teilen der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken die Erkenntnis, dass Gewerk­schaften für eine Trans­for­mation der Gesell­schaft unver­zichtbar sind.

Ein Teil vor allem der post­au­to­nomen Linken arbeitet in unter­schied­lichen DGB-Gewerk­schaften mit. Weil ein Großteil der außer­par­la­men­ta­risch Aktiven im Bil­dungs-, Erzie­hungs-, Gesund­heits- und Pfle­ge­be­reich arbeitet, kon­zen­triert sich ihr gewerk­schaft­liches Enga­gement auf die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft Ver.di und die GEW. Mitt­ler­weile setzt ein Teil davon die durch das poli­tische Enga­gement erwor­benen Kennt­nisse beruflich als Orga­nizer in Gewerk­schaften ein. Ver­einzelt gibt es auch schon haupt­be­ruf­liche Gewerk­schafts­se­kretäre aus der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken.

Ein anderer Teil der an gewerk­schaft­lichen Akti­vi­täten inter­es­sierten außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken sieht hin­gegen diese Mit­arbeit in DGB-Gewerk­schaften kri­tisch. Sie ver­weist auf Erfah­rungen aus der Gewerk­schafts­ge­schichte, wo immer wieder Impulse aus kri­ti­schen Bewe­gungen in die Gewerk­schafts­ap­parate inte­griert wurden und wenige Kon­se­quenzen für eine kämp­fe­rische Gewerk­schafts­po­litik hatten. Diese Wider­sprüche hat Jakob Schäfer in seinem Dis­kus­si­ons­beitrag gut benannt.

«Auf der einen Seite sind sie Schutz­macht gegen die schran­kenlose Herr­schaft des Kapitals, indem sie der Unter­bie­tungs­kon­kurrenz von Beleg­schaften einen Riegel vor­schieben, vor allem durch Tarif­ver­träge, nach Mög­lichkeit lan­desweit. Zum anderen sind sie auch Ord­nungs­macht, weil sie auch ein Element des Kapi­tal­ver­hält­nisses sind (min­destens dann, wenn Tarif­ver­träge abge­schlossen sind), auch unab­hängig von einer Politik der Klas­sen­ver­söhnung (die aller­dings für fast alle Gewerk­schaften, auch außerhalb des DGB, die Regel ist).»

Diesen Aus­füh­rungen könnte ich zustimmen, wenn der Halbsatz in der Klammer nicht wäre. Es stimmt eben nicht, dass die Politik der Klas­sen­ver­söhnung für fast alle Gewerk­schaften außerhalb des DGB gilt. Für die meisten Spar­ten­ge­werk­schaften, wie den Mar­burger Bund oder die Gewerk­schaft Cockpit trifft das sicher zu. Ihr manchmal ver­bal­ra­di­kaler Ton bei der Durch­setzung von For­de­rungen für meist kampf­starke Seg­mente der Lohn­ab­hän­gigen darf nicht darüber hin­weg­täu­schen, dass sie kei­nerlei gesell­schafts­kri­ti­sches Konzept haben und selbst den Gedanken der Soli­da­rität unter­schied­licher Seg­mente der Lohn­ab­hän­gigen, der auch in den DGB-Gewerk­schaften meistens Lip­pen­be­kenntnis bleibt, nicht einmal dem Anspruch nach ver­wirk­lichen wollen.

Anders sieht es bei den Basis­ge­werk­schaften aus, die die in den letzten Jahren in vielen euro­päi­schen Ländern an Bedeutung gewonnen haben. In Deutschland ist hier neben den Indus­trial Workers of the World (IWW), die in einigen Städten Orga­ni­sa­ti­ons­ver­suche unter­nehmen, die Freie Arbeiter-Union (FAU) zu nennen. Ihr ist es in den letzten Jahren gelungen, den Status einer anar­chis­ti­schen Gruppe mit Gewerk­schafts­an­spruch abzu­legen. Die SoZ gehörte zu den wenigen linken Zei­tungen, die über den Arbeits­kampf im Ber­liner Kino Babylon berichtet hat. Er hat dazu bei­getragen, dass die FAU als Basis­ge­werk­schaft wahr­ge­nommen wird.

Ein aktu­eller Arbeits­kampf, der von der FAU getragen wird, ist der Kampf der rumä­ni­schen Bau­ar­beiter bei der Mall of Berlin, die seit nun mehr fast zwei Jahren um ihren Lohn kämpfen. Die Aus­ein­an­der­setzung macht die großen Pro­bleme deutlich, die das Beschreiten des Rechtswegs für die Betrof­fenen bedeutet. Die Bosse gehen not­falls durch alle Instanzen und geben lieber viel Geld für Gerichts­kosten aus, als dass sie die aus­ste­henden Löhne bezahlen. Wenn sie dann in allen Instanzen zu Zah­lungen ver­ur­teilt wurden, melden die Sub­un­ter­nehmen Insolvenz an.

Am Bei­spiel der Mall of Berlin zeigt sich auch, dass eine DGB-Gewerk­schaft für die Bau­ar­beiter keine Option gewesen wäre. Sie waren schließlich zuvor bei einer Bera­tungs­stelle unter dem Dach des DGB. Dort wurde ihnen gesagt, dass sie einen Bruchteil ihrer Ansprüche erstattet bekämen, wenn sie auf alle wei­teren Rechte ver­zich­teten. Die­je­nigen Bau­ar­beiter, die das ablehnten, wandten sich danach an die FAU. Erst dadurch wurde die Kam­pagne der letzten beiden Jahre möglich; sie richtet auch über die Mall of Berlin hinaus den Fokus darauf, dass Lohn­betrug und Über­aus­beutung zum all­täg­lichen Geschäfts­modell im Kapi­ta­lismus gehören.

So wie die Bau­ar­beiter bei der Mall of Berlin haben sich auch viele andere Lohn­ab­hängige vor allem im pre­kären Bereich zunächst ver­geblich an eine DGB-Gewerk­schaft gewandt, bevor sie dann in und mit der FAU für ihre Rechte kämpften – etwa Beschäf­tigte aus der Ser­vice­ab­teilung der Heinrich-Böll-Stiftung, oder ein Mit­ar­beiter eines Spät­kaufs in Berlin, der mehrere Jahre als eine Art Geschäfts­führer auf Hartz-IV-Basis gear­beitet hat. In Jena haben Beschäf­tigte eines uni­ver­si­tären Call-Centers mit der FAU einen Arbeits­kampf begonnen.

Oft waren die Betriebe so klein, dass sie gar nicht ins Konzept des DGB gepasst hätten. Nun breiten sich solche pre­kären Arbeits­ver­hält­nisse immer weiter aus. Lange Zeit galten diese Bereiche als für Gewerk­schaften ver­loren. Die FAU hat in einigen Fällen gezeigt, dass auch hier Arbeits­kämpfe möglich sind. Bärbel Schöna­finger hat in dem Film Die Angst weg­schmeißen am Bei­spiel des Arbeits­kampf­zyklus in der nord­ita­lie­ni­schen Logis­tik­branche gezeigt, was möglich ist, wenn eine Gruppe kamp­f­ent­schlos­sener Beschäf­tigter auf eine Basis­ge­werk­schaft stoßen, die den Kampf mit ihnen führen will. In diesem Fall waren es die Sin Cobas.

Von solchen Ver­hält­nissen sind wir in Deutschland noch weit ent­fernt. Aber auch hier spielt die Musik eben nicht mehr nur in den for­dis­ti­schen Groß­be­trieben, wo die DGB-Gewerk­schaften noch die Hege­monie haben, auf die Schäfer in seinem Beitrag ver­weist. Vor allem im pre­kären Sektor haben sich auch in Deutschland basis­ge­werk­schaft­liche Ansätze als kampf- und streik­fähig erwiesen und damit bewiesen, dass sie dort eine Alter­native zum DGB sein können.

Im pre­kären Sektor gibt es eine Alter­native zum DGB

von Peter Nowak*

* Der Autor hat im letzten Jahr im Verlag Edition Assem­blage das Buch «Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht. Arbeits­kämpfe nach dem Ende der großen Fabriken» her­aus­ge­geben (112 S., 7,80 Euro).

Alles immer selber machen


Bro­schüre zu Geschichte und Prin­zipien der Wob­blies

Immer häu­figer mischen neben dem DGB auch Basis­ge­werk­schaften bei Arbeits­kon­flikten mit. Die aus der Tra­dition des Anar­cho­syn­di­ka­lismus kom­mende Freie Arbeiter Union (FAU) hat in den letzten Jahren mehrere Arbeits­kämpfe geführt. In einigen deut­schen Städten haben sich mitt­ler­weile Orts­gruppen der Indus­trial Workers oft the World (IWW) gegründet. In einem Call­center in Rostock ist die IWW-Gruppe mitt­ler­weile genauso stark wie die ver.di-Gruppe und beteiligt sich an der Gründung eines Betriebs­rates. Damit wird auch in Deutschland  an eine sehr tra­di­ti­ons­reiche Gewerk­schaft ange­knüpft. Die IWW war unter den Namen Wob­blies vor knapp 100 Jahren eine kämp­fe­rische Gewerk­schafts­be­wegung in den USA, die mit einer mas­siven Repres­si­ons­welle in die Defensive gedrängt, aber nie ganz zer­schlagen werden konnte. In den letzten Jahren haben sich in den USA, Groß­bri­tannien und Spanien wieder Gewerk­schaft­le­rInnen auf die Orga­ni­sa­ti­ons­grund­sätze der IWW berufen.

Jetzt hat die IWW unter dem Titel „Direct Unionism“ die deutsche Über­setzung einer 58-sei­tigen Bro­schüre vor­gelegt, in der sie einige Grund­sätze ihrer Gewerk­schafts­arbeit zur Dis­kussion stellt: „Kurz zusam­men­ge­fasst schlagen wir vor, dass Mit­glieder der IWW daran arbeiten sollen, Netz­werke von Akti­visten in den Indus­trien [gemeint: Branchen; d. Red.] auf­zu­bauen, in denen sie arbeiten, statt auf Tarif­ver­träge, Gewerk­schafts­wahlen und recht­liche Aus­ein­an­der­set­zungen zu zielen“ (S. 6).So wird das Konzept des Direct Uniosm zusam­men­ge­fasst. Gewerk­schafts­bü­ro­kratien werden ebenso abge­lehnt wie eine Ver­recht­li­chung von Arbeits­kon­flikten kri­tisch gesehen wird. Doch wenn es in der Bro­schüre auf Seite 13 apo­dik­tisch über den Direct Unionism heißt: „Es werden keine Büro­kra­tInnen, keine Offi­zi­ellen und keine Anwäl­tInnen gebraucht“ (S. 13), bleiben viele Fragen offen, ein­schließlich der Frage des Kräf­te­ver­hält­nisses . In den Text fließen die Erfah­rungen aus den Orga­ni­sie­rungs­pro­zessen der letzten Jahre ein. So gibt es immer wieder Bezüge zu den Arbeits­kämpfen bei Star­bucks in den USA, bei McDo­nalds in Schottland und den Puerto Real Werften in Spanien. Dabei wird deutlich, dass die IWW durchaus prag­ma­tisch an die Gewerk­schafts­arbeit her­angeht. So widmet sich ein Kapitel der Bro­schüre der Frage, wie eine der Basis­de­mo­kratie ver­pflichtete Gewerk­schaft reagieren soll, wenn die Mehrheit der strei­kenden Kol­le­gInnen einen Tarif­vertrag ein­fordert. „Wenn sie einen Lohn zum Über­leben, anständige Vor­teile und tole­rable Arbeits­be­din­gungen erreicht haben, sind ver­ständ­li­cher­weise viele Arbei­te­rInnen darum besorgt, dass diese Erfolge auch sicher geschützt sind. Ver­träge bieten eine Mög­lichkeit“ (S. 30).

Auch Nie­der­lagen werden dabei benannt und mit Selbst­kritik wird nicht gespart. Das ist ein großer Plus­punkt der Bro­schüre. Sie ist ein Angebot, über ein in Deutschland noch wenig bekanntes Gewerk­schafts­konzept zu dis­ku­tieren. Es sollte ange­nommen werden.

Der kom­plette Text kann online gelesen und her­un­ter­ge­laden werden:

http://​tinyurl​.com/​d​i​r​e​c​t​-​u​n​i​onism

Bestell­mög­lich­keiten der Print­ausgabe gibt es über: versand@​wobblies.​de

aus:

express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit

http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​ress/

Peter Nowak

Refugees als billige Arbeitskräfte willkommen

Deutsche Willkommenskultur, doch mehr als ein Spätsommermärchen 2015?

Kämpferische Basis

Neue Broschüre zu »Direct Unionism« erschienen

Die Gewerk­schafts­land­schaft ist auch in Deutschland im Umbruch. Immer häu­figer mischen neben den DGB- und Berufs­ge­werk­schaften auch Basis­ge­werk­schaften mit. Die anar­cho­syn­di­ka­lis­tische Freie Arbei­te­rInnen Union (FAU) hat in den letzten Jahren mehrere Arbeits­kämpfe geführt. In einigen deut­schen Städten haben sich Orts­gruppen der Indus­trial Workers oft the World (IWW) gegründet. Jetzt hat die IWW unter dem Titel »Direct Unionism« eine 58-seitige Bro­schüre vor­gelegt, in der sie ihre Grund­sätze vor­stellt.

Die IWW war unter den Namen »Wob­blies« vor knapp 100 Jahren eine kämp­fe­rische Gewerk­schafts­be­wegung in den USA, die bekämpft und in die Defensive gedrängt aber nie ganz zer­schlagen wurde. In den letzten Jahren haben sich in den USA, Groß­bri­tannien und Spanien wieder Gewerk­schafter auf die Orga­ni­sa­ti­ons­grund­sätze der IWW berufen. In der Bro­schüre wird an diese Erfah­rungen ange­knüpft und ver­sucht eine »Stra­tegie für Basis­ge­werk­schaften auf der Höhe der Zeit« zur Dis­kussion zu stellen, wie es im Unter­titel heißt.

Die Grund­sätze des Direct Unionism werden auf den ersten Seiten for­mu­liert: Sie schlagen vor, »dass Mit­glieder der IWW daran arbeiten sollen, Netz­werke von Akti­visten in den Indus­trien auf­zu­bauen, in denen sie arbeiten, statt auf Tarif­ver­träge, Gewerk­schafts­wahlen und recht­liche Aus­ein­an­der­set­zungen zu zielen«. Die Ablehnung von Gewerk­schafts­bü­ro­kratien und einer Ver­recht­li­chung von Arbeits­kon­flikten sind zentral im IWW-Konzept.

In der Bro­schüre werden exem­pla­rische Arbeits­kämpfe, die nach diesen Grund­sätzen geführt wurden, vor­ge­stellt. Dabei werden aber auch die Pro­bleme und Nie­der­lagen nicht ver­schwiegen, die mit einer Gewerk­schafts­arbeit, die sich ganz auf die eigenen Kräfte ver­lassen will, ver­bunden ist. So widmet sich ein Kapitel der Frage, wie eine der Basis­de­mo­kratie ver­pflichtete Gewerk­schaft reagieren soll, wenn die Mehrheit der strei­kenden Kol­legen einen Tarif­vertrag ein­fordert. Hier, wie auch an vielen anderen Punkten, bei­spiels­weise der Wahl von Betriebs­räten, emp­fehlen die Autoren einen prag­ma­ti­schen Umgang.

Ein großer Plus­punkt der Bro­schüre ist ein nach­denk­licher Ton, der auch eigene Irr­tümer mit ein­kal­ku­liert und nicht mit den Anspruch antritt, das Rezept für eine unbe­dingt erfolg­reiche Gewerk­schafts­arbeit in der Tasche zu haben. Es handelt sich eher um das Angebot, über ein in Deutschland noch wenig bekanntes Gewerk­schafts­konzept zu dis­ku­tieren. Es sollte auch von den Kol­legen ange­nommen werden, die ihm kri­tisch gegen­über­stehen.

Die Bro­schüre kann unter dasND​.de/​Basis bei sricbd​.com nach Anmeldung kos­tenlos her­un­ter­ge­laden werden. Die gedruckte Ausgabe kann unter versand@​wobblies.​de gegen Spende bestellt werden.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​9​0​9​9​6​.​k​a​e​m​p​f​e​r​i​s​c​h​e​-​b​a​s​i​s​.html

Peter Nowak

»Wir haben es schon lange satt«

Am Don­nerstag pro­tes­tierten Kan­ti­nen­be­schäf­tigte der Firma Eurest gegen schlechte Arbeits­be­din­gungen
Bei der Cate­ring­firma Eurest ist die Stimmung schlecht. Das gilt nicht nur bei den Arbeits­be­din­gungen, Streit gibt es auch über die Frage der Orga­ni­sierung.

»Nach der Arbeit bei Eurest gehen wir noch putzen, um unseren Kindern auch einmal etwas kaufen zu können«, erklärt eine Beschäf­tigte der Cate­ring­firma. Doch die Beleg­schaft belässt es nicht bei diesen Klagen, am Don­nerstag haben sie mit einem Akti­onstag ihren Protest auf die Straße getragen. Demons­tra­tionen gab es unter anderem in Köln und Frankfurt am Main, aber auch in London und New York.

Besonders aktiv sind die Kan­ti­nen­be­schäf­tigen bei der Com­merzbank in Frankfurt am Main. Zu ihren zen­tralen For­de­rungen, die am Don­nerstag auf Trans­pa­renten zu lesen waren, gehört die Über­nahme aller Kan­ti­nen­be­schäf­tigten der von Schließung bedrohten Filialen der Com­merzbank und ein Ende der Aus­la­gerung. »Die Com­merzbank soll ihre Kan­tinen wieder selbst betreiben«, fordert Betriebsrat Harald Stubbe. Er hatte 2008 für Auf­sehen gesorgt.

Unzu­frie­denheit mit der Bran­chen­ge­werk­schaft

Der lang­jährige Betriebs­rats­vor­sit­zende der Eurest-Kantine bei der Com­merzbank Frankfurt am Main war nach 20 Jahre Mit­glied­schaft in der Gewerk­schaft Nahrung, Genuss, Gast­stätten (NGG) zur Gewerk­schaft Indus­trial Workers of the World (IWW) über­ge­treten. Auch andere aktive Kol­legen wech­selten die Gewerk­schaft. Hin­ter­grund war ihre Unzu­frie­denheit mit dem zwi­schen Eurest und der NGG aus­han­delten Haus­ta­rif­vertrag. Seitdem ist die IWW, die in Deutschland vorher kaum in Erscheinung getreten war, aber in den USA als Woo­blies bekannt ist, im Kampf der Kan­ti­nen­be­schäf­tigten ein wich­tiger Akteur. Auch der Akti­onstag am Don­nerstag war von der IWW in ver­schie­denen Ländern unter­stützt worden.

Eurest als große, glück­liche Familie? Redner wiesen auf der Kund­gebung in Frankfurt am Main diese offi­zielle Fir­men­ideo­logie zurück: »Wir haben das zunächst geglaubt. Dann haben sie die Springer abge­schafft und wir haben deren Arbeit mit­ge­macht, wenn jemand fehlte. Wir arbei­teten immer schneller. Wir haben sogar gear­beitet, wenn wir krank waren. In einer Familie – so dachten wir – hilft man sich gegen­seitig«, brachte eine Kan­ti­nen­mit­ar­bei­terin unter Applaus die Stimmung großer Teile der Beleg­schaft auf den Punkt. Andere beklagten sich über Bespit­ze­lungen und Schi­kanen der Beleg­schaft.

In wei­teren Rede­bei­trägen wurde deutlich, dass es diese Pro­bleme nicht nur bei Eurest gibt. »Ob der Arbeit­geber Eurest, Aramark, Sodexo oder sonst wie heißt, ist uns egal. Sie zahlen alle zu wenig«, wurden auch die Arbeits­be­din­gungen anderer Cate­ring­firmen kri­ti­siert.
Streit um kos­ten­loses Kan­ti­nen­essen

Und auch die Gewerk­schaft NGG wurde von der Kritik nicht aus­ge­spart. »Dort wurde ver­langt, dass wir unseren Beitrag bezahlen. Besser geworden ist dadurch aber nichts. Deshalb haben wir uns in der Basis­ge­werk­schaft IWW orga­ni­siert«, wirbt ein Redner. Wie Heiner Stuhl­fauth von der IWW-Köln gegenüber »nd« bestätigt, ist das Interesse unzu­frie­dener NGG-Mit­glieder an der IWW nach wie vor groß.

Ein kon­kreter Streit­punkt: Seit Jah­res­anfang gibt es für die Kan­ti­nen­ar­beiter von Eurest kein bezahltes Früh­stück und Mit­tags­essen mehr. Der mehr­heitlich von NGG-Mit­gliedern besetzte Eurest-Gesamt­be­triebsrat habe kurz vor Weih­nachten dieser Regelung zuge­stimmt, kri­ti­sierten die Demons­tranten. Sie befürchten als Kon­se­quenz zuneh­mende Kon­trollen und mög­liche Baga­tell­kün­di­gungen, wenn ein Beschäf­tigter ein Brötchen essen sollte. Eine zen­trale For­derung war deshalb die Wei­ter­ein­führung der kos­ten­losen Mahl­zeiten für Kan­tinen- und Küchen­per­sonal.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​1​6​7​4​2​.​w​i​r​-​h​a​b​e​n​-​e​s​-​s​c​h​o​n​-​l​a​n​g​e​-​s​a​t​t​.html
Peter Nowak