Verdrängte Erinnerung

Die Inves­to­ren­po­litik des Senats ver­drängt laut einem Bündnis einen Gedenkort jüdi­scher Zwangs­arbeit

Für einen Gedenkort in der Kreuz­berger Fon­ta­ne­pro­menade demons­trierten am Samstag erin­ne­rungs­po­li­tische Gruppen. „Fon­ta­ne­pro­menade 15 – obdach­loser Gedenkort“ stand auf einem Trans­parent, das direkt vor der ehe­ma­ligen „zen­tralen Dienst­stelle für Juden beim Ber­liner Arbeitsamt“ hing. Von dort aus wurden Jüdinnen und Juden zwi­schen 1938 und dem Ende des Zweiten Welt­kriegs unter Anderem in die Rüs­tungs­in­dustrie gezwungen.

„Ver­drängte Erin­nerung“ wei­ter­lesen

Erzählungen der Kinder

Fünfte Veröffentlichung von Interviews mit Überlebenden des Nationalsozialismus

»Ich war der einzige Jude in der Klasse und wurde selbst von den Sechs­jäh­rigen sofort aus­ge­grenzt. Ich wurde geschlagen und bespuckt. Selbst Kinder, mit denen ich noch vor der Ein­schulung gespielt hatte, spielten jetzt nicht mehr mir.« So erlebte Horst Sel­biger, dessen Vater Jude war, seinen Schul­alltag im Jahr 1934 in Berlin. Heute enga­giert sich der 84-jährige Mann als Ehren­vor­sit­zender des Vereins Child Sur­viors. Seine Erleb­nisse im Natio­nal­so­zia­lismus berichtet Sel­biger in einem Interview, das der Arbeits­kreis »Fragt uns, wir sind die letzten« in seiner fünften Bro­schüre ver­öf­fent­lichte. In dem Verein haben sich ca. ein Dutzend Men­schen aus Berlin, Leipzig und Freiburg zusam­men­ge­funden, deren Anliegen es ist, die Stimmen der letzten Über­le­benden des NS-Terrors auf­zu­zeichnen. »Alle sind aus der Generation der Nach­ge­bo­renen und auf die eine oder andere Weise anti­fa­schis­tisch aktiv«, beschreiben sich die Aktiven des 2010 begon­nenen Pro­jekts. Gegründet wurde es von Aktiven aus dem Umfeld des Ber­liner VVN-Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA) und der Anti­fa­schis­ti­schen Initiative Moabit (AIM). Mitt­ler­weile hat sich der Kreis der Aktiven erweitert.

»In den letzten Jahren sind wir in unserer poli­ti­schen Arbeit zunehmend damit kon­fron­tiert, dass Über­le­bende der NS-Ver­folgung sowie Men­schen aus dem anti­fa­schis­ti­schen Wider­stand sterben. Ihre Stimme besitzt in poli­ti­schen Debatten ein ein­ma­liges mora­li­sches Gewicht, nicht nur, wenn es um den Umgang Deutsch­lands mit den NS-Ver­brechen geht, sondern auch wenn aktu­eller Anti­se­mi­tismus, Ras­sismus und Sozi­al­chau­vi­nismus, Neo­na­zismus oder auch Kriegs­po­litik dis­ku­tiert werden«, begründet einer der Aktiven, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sein Enga­gement.

Die bisher 25 Inter­views, die in fünf etwa 65-sei­tigen Bro­schüren ver­öf­fent­licht wurden, decken eine große Palette von Ver­folgung und des Wider­stand ab. So kommt in der kürzlich erschie­nenen fünften Bro­schüre neben Horst Sel­biger auch Peter Perel zu Wort. Er wurde Zeuge der Mas­sen­er­schie­ßungen von Juden in seinem ukrai­ni­schen Hei­matdorf unmit­telbar nach dem Ein­marsch der deut­schen Wehr­macht. Der von den Nazis als Halbjude dekla­rierte Heinz Bachmann berichtet, wie sich die anti­se­mi­tische Politik der Nazis von den ersten Boy­kott­ak­tionen bis zu den Pogromen im November 1938 radi­ka­li­sierte. Lore Diehl schildert den schweren Alltag einer anti­fa­schis­ti­schen Familie im NS. Sie erlebte als Kind einer sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Familie, wie ihr Vater bereits 1933 in das Kon­zen­tra­ti­ons­lager Son­nenburg ver­schleppt wurde. Dorothea Paley über­lebte als Kind die Blo­ckade Lenin­grads durch die deutsche Wehr­macht. Sie habe den Ein­druck, dass viele Men­schen über eines der größten deut­schen Kriegs­ver­brechen in der ehe­ma­ligen Sowjet­union nicht infor­miert sind.

Weitere Bro­schüren des ehren­amtlich arbei­tenden Vereins sind in Planung.

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Peter Nowak