Linke Gegner im Visier

Auch rund 20 Neo­nazis ran­da­lierten am Samstag im Ham­burger Sze­ne­viertel St. Pauli.

Am Wochenende waren in Hamburg auch Neo­nazis aktiv. Unter dem Motto „Unsere Heimat wieder unter Kon­trolle bringen“ hatten die „Hoo­ligans gegen Sala­fisten“ (Hogesa) zu einer gemein­samen Zug­fahrt von Han­nover nach Hamburg auf­ge­rufen. Damit reagierten sie auf die Berichte über die G20-Pro­teste in Hamburg.

Die HoGesa ist für ihre hohe Gewalt­be­reit­schaft bekannt, nachdem es bei einem Auf­marsch in Köln im Oktober 2014 zu hef­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen mit der Polizei gekommen war. Die Polizei kon­trol­lierte in Han­nover 25 Per­sonen, die sich am ange­ge­benen Treff­punkt am Rasch­platz in der Nähe des Haupt­bahnhofs ein­ge­funden hatten. Vier Per­sonen mit Kon­takten in die rechte Szene wurden nach Angaben der „Han­no­ver­schen All­ge­meinen“ (HAZ) fest­ge­nommen. Sie sollen Fahr­karten nach Hamburg und ver­dächtige Gegen­stände bei sich gehabt haben. Keiner der Hoo­ligans konnte die Fahrt von Han­nover nach Hamburg antreten. Unter den kon­trol­lierten Per­sonen waren nach Angaben von Beob­achtern der rechten Szene des Anti­fa­schis­ti­schen Nach­rich­ten­portals Nie­der­sachsen Neo­nazis aus dem Umfeld des „Natio­nalen Wider­stand Nie­der­sachsen Ost“, der in Salz­gitter aktiv ist.

Linke Kneipen und Treff­punkte ange­griffen

In anderen Städten wurde der Abfahrtsort von HoGeSa wohl nicht so offen ver­breitet. Am späten Sams­tag­abend ver­sam­melten sich rund 20 Neo­nazis im Ham­burger Sze­ne­viertel St. Pauli. Sie griffen linke Kneipen und Treff­punkte mit Fla­schen an, wurden aber schnell von Pas­santen verjagt, die sich auf der Straße auf­hielten. Die Polizei nahm mehrere Rechte fest, die die Nacht in der Poli­zei­sam­mel­stelle in Hamburg-Harburg ver­bringen mussten, ehe sie im Laufe des Sonntags wieder frei­ge­lassen wurden.

Auch rund 20 Neo­nazis ran­da­lierten am Samstag im Ham­burger Sze­ne­viertel St. Pauli.
Während die HoGeSa-Mobi­li­sierung das Ziel hatte, linke G20-Gegner anzu­greifen, ist von einer rechten Betei­ligung an den G20-Pro­testen nichts bekannt. Der Ham­burger NPD-Lan­des­verband hatte im Vorfeld ange­kündigt, mit einen eigenen Block mit NPD- und Deutsch­land­fahnen bei den Pro­testen „die nötige nationale Grund­ein­stellung zu ver­mitteln“. Auch das neo­na­zis­tische „Anti­ka­pi­ta­lis­tische Kol­lektiv“ hatte im Internet zur Betei­ligung an den G20-Pro­testen auf­ge­rufen, ohne dass sie wahr­ge­nommen wurden.

Die rechts­po­pu­lis­tische Kleinst­partei „pro Deutschland“ hat ihre im Februar 2017 groß­spurig ange­kün­digte Pro-Trump-Demons­tration in Hamburg während des G20-Gipfels offi­ziell mit der Begründung abgesagt, der US-Prä­sident habe in rechten Kreisen durch die Bom­bar­dierung Syriens an Sym­pathie ver­loren. Beob­achter hielten die Demo­an­kün­digung von Anfang an für eine PR-Aktion der kaum noch rele­vanten Rechts­partei.

aus Blick nach Rechts: > 10.07.2017

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Peter Nowak

Paradoxe Folgen des Widerstands

Antifaschisten diskutierten über die Aufmärsche rechter Fußballfans

Der Auf­tauchen der »Hoo­ligans gegen Sala­fisten« in Köln hat viele über­rascht. Auch Anti­fa­schisten und linke Fuß­ballfans. Über Erklä­rungen und Gegen­stra­tegien wurde am Don­nerstag in Berlin debat­tiert.

Seit in Köln vor einigen Wochen Tau­sende unter dem Label »Hoo­ligans gegen Sala­fisten« (HoGeSa) auf die Straße gegangen sind, häufen sich in den Medien Berichte über diese neue Grup­pierung. Glaubt man den Pres­se­be­richten sei diese »völlig über­ra­schend aus dem Nichts auf­ge­taucht«. Auch viele aktive Anti­fa­schisten waren von einem so großen Auf­marsch rechter Fuß­ballfans über­rascht. »Ich hatte gehofft, die Ära der rechten Mas­sen­auf­märsche wäre in Deutschland vorüber. Seit dem HoGeSa-Auf­tritt in Köln bin ich mir da nicht mehr so sicher«, brachte am Don­ners­tag­abend ein Teil­nehmer einer Ver­an­staltung in Berlin diese Stimmung auf dem Punkt.

Die Dis­kus­si­ons­runde widmete sich der Frage, wie die HoGeSa ein­zu­schätzen ist und ob sie Vor­läufer hat. Ein­ge­laden waren Refe­renten von Ber­liner Anti­fa­gruppen und vom (BAFF). Dessen Ver­treter Roland Zachner (Name geändert) erin­nerte zunächst an die Grün­dungsära der BAFF vor über 20 Jahren. Nach den Anschlägen auf Flücht­lings­un­ter­künfte haben sich die in vielen Fuß­ball­stadien schon länger aktiven Neo­nazis laut­stark bemerkbar gemacht Dass Fuß­ballfans schon viel länger zur Ziel­gruppe von Neo­nazis gehörten, ver­deut­lichte Zachner am Bei­spiel von Michael Kühnen. Der damals umtriebige Jungnazi umwarb bereits in den 1970er Jahren gezielt Hoo­ligans.

Dass der Ein­fluss der Rechten in den Stadien in den letzten Jahren zurück­ge­drängt werden konnte, sei auch das Ver­dienst linker Ultra­gruppen, sagte Zachner. Für den lang­jäh­rigen BAFF-Akti­visten ist das Auf­tauchen der HoGeSa para­do­xer­weise auch eine Folge von erfolg­reichem anti­fa­schis­ti­schem Wider­stand: »Nachdem immer mehr rechte Stra­ßen­auf­märsche, wie die Demons­tra­tionen zum Jah­restag der alli­ierten Bom­bar­de­ments in Dresden oder die Auf­märsche zum Todestag des Hitler-Stell­ver­treters Rudolf Hess in Wun­siedel ver­hindert werden konnten, hätten die Rechten ihre Akti­vi­täten wieder ver­mehrt in die Fuß­ball­stadien verlegt.«

Doch bleibt HoGeSa nur ein Label, das zurzeit in rechten Kreisen gerne benutzt wird und sich schnell wieder abnutzt? Diese Frage mochte niemand beant­worten. Doch Nico Steinert (Name geändert) von der Ber­liner North East Antifa (NEA) wies auf die Hete­ro­ge­nität des Hoo­ligan-Netz­werkes hin. Nach dem schlag­zei­len­träch­tigen Auf­marsch in Köln hätten bereits die ersten Dif­fe­ren­zie­rungs­pro­zesse ein­ge­setzt. Dabei habe die HoGeSa auch mas­siven Gegenwind aus den eigenen Reihen erfahren. Geplante und schon öffentlich ange­kün­digte Auf­märsche in Hamburg und anderen Städten mussten abgesagt werden, weil die dor­tigen Hoo­ligans eine Teil­nahme ablehnten. Ob der HoGeSa-Auf­marsch am 15. November in Han­nover für die Szene ein Erfolg war, werde intern kon­trovers dis­ku­tiert. Ein Teil beschwerte sich, dass sie sich nur in dem von der Polizei abge­steckten Areal bewegen konnten. Auch die starke Präsenz rechter Par­teien wie NPD und Die Rechte sorge in Teilen der Hoo­li­gan­szene für Kritik. Andere wie­derum sähen den Auf­marsch in Han­nover als Erfolg für die HoGeSa. Schließlich zählten zu den Refe­renten Mit­glieder rechts­bür­ger­licher Par­teien, die lange Zeit die Koope­ration mit offenen Nazis abge­lehnt hatten. So gehörte ein Münchner Aktivist der Partei »Die Freiheit« zu den Rednern. Auch die anti­is­la­mische und rechts­po­pu­lis­tische Inter­net­seite Poli­ti­cally Incorrect (PI) zählte zu den Unter­stützern der HoGeSa. Der NEA-Ver­treter erklärte, er habe den Ein­druck, als würden die­je­nigen, die in den letzten Jahren auf PI mit ras­sis­ti­schen oder homo­phoben Zuschriften auf­ge­fallen sind, nun auf die Straße gehen. Trifft dies zu, dann ist die HoGeSa kein kurz­le­biges Phä­nomen und Anti­fa­schisten müssen sich noch länger mit der Grup­pierung beschäf­tigen.

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Peter Nowak