Genossenschaft unerwünscht

Öko-Textil-Versand Hess­natur an Private-Equity-Fonds ver­kauft
Über­ra­schend hat das Besit­zer­kon­sortium von Hess­natur den Natur­mo­de­her­steller an den Schweizer Fonds Capvis ver­kauft.

Der Natur­mo­de­her­steller Hess­natur soll vom Schweizer Finanz­in­vestor Capvis über­nommen werden. Bei Mit­ar­beitern und Kunden sorgt diese Meldung für Empörung. Dabei schienen sie vor wenigen Tagen noch am Ziel eines mona­te­langen Kampfes zu sein: »Die hnGeno eG, die Genos­sen­schaft zur Wei­ter­führung von Hess­natur, plant gemeinsam mit der Deut­schen Industrie-Holding (DIH) das Natur­mo­de­un­ter­nehmen zu erwerben, das Geschäft wei­ter­zu­führen und weiter zu ent­wi­ckeln. Ein ent­spre­chender Kon­sor­ti­al­vertrag wurde bereits nota­riell beur­kundet«, heißt es in einer Pres­se­mit­teilung vom 31. Mai.

Dass Beschäf­tigte »ihre« Firma nicht an jeden Investor ver­kaufen lassen wollen, ist selten und hat eine Vor­ge­schichte: Im Dezember 2010 war bekannt geworden, dass Hess­natur an den Rüs­tungs­in­vestor und Private-Equity-Fonds Carlyle ver­kauft werden sollte. Viele Kunden und Mit­ar­beiter lehnten diesen Deal ab. Das glo­ba­li­sie­rungs­kri­tische Netzwerk Attac orga­ni­sierte unter dem Motto »Hess­natur in die Hände von Kunden und Beleg­schaft« eine bun­des­weite Kam­pagne. In der ersten Runde setzten sich die Kri­tiker durch. Nachdem Tau­sende einen Boy­kott­aufruf unter­zeichnet hatten, zog sich Carlyle zurück.

Der Erfolg war für die Kri­tiker Ansporn, mit der Genos­sen­schaft eine Alter­native zu kre­ieren, die auch über Hess­natur hinaus aus­strahlen könnte. Hierin dürfte auch der Grund liegen, dass der Ver­käufer Kar­stadt­Quelle Mit­ar­bei­ter­trust (KQMT), der in Hess­natur in erster Linie eine Finan­zie­rungs­quelle für die Ren­ten­an­sprüche des in Konkurs gegan­genen Unter­nehmens sieht, nicht an die Genos­sen­schaft ver­kaufen will, sondern jetzt das Angebot des Fonds Capvis annahm. Finan­zielle Gründe können es nicht gewesen sein: Die Genos­sen­schaft habe die gleiche Summe wie Capvis geboten und die Ren­ten­sprüche seien garan­tiert gewesen, betont Jutta Sun­dermann vom Attac-Koor­di­nie­rungsrat gegenüber »nd«.

Auch Giu­liana Giorgi von der Kam­pagne »Betriebe in Beleg­schaftshand / Netzwerk Soli­da­rische Öko­nomie« sieht in der Nicht­be­rück­sich­tigung des Genos­sen­schafts­an­gebots den Versuch, ein Modell zu ver­hindern, in dem Beschäf­tigte und Mit­ar­beiter selbst aktiv werden. »Ich finde es unglaublich, dass der KQMT nicht zur Kenntnis nimmt, dass sich Beschäf­tigte und Mit­ar­beiter zusam­men­ge­schlossen haben, um die Firma Hess­natur mit ihrem bis­he­rigen Profil zu retten«, so Giorgi. Sollte der Verkauf an Capvis nicht gestoppt werden, könnten viele Kunden die Firma dem­nächst boy­kot­tieren, so ihre Befürchtung. In einem Dilemma befinden sich dann die Mit­ar­beiter, die um ihre Jobs fürchten müssten.

Sun­dermann kri­ti­sierte in einer Pres­se­mit­teilung, der Verkauf an einen reinen Finanz­in­vestor wie Capvis stehe im Wider­spruch zum sozialen und öko­lo­gi­schen Unter­neh­mens­model von Hess­natur. Die Gefahr eines bal­digen Wei­ter­ver­kaufs – auch an Rüs­tungs­pro­fi­teure wie Carlyle – sei sehr groß.

Trotz der Lektion in feh­lender Wirt­schafts­de­mo­kratie, die der KQMT erteilt hat, will die hnGeno nicht auf­ge­geben. Schließlich ist der Kauf­vertrag mit Capvis noch nicht end­gültig abge­schlossen. Die Genos­sen­schaft ver­sucht sich nun wei­terhin als attrak­tiver Mit­bieter zu prä­sen­tieren. Das ist wie­derum ein Dilemma für Orga­ni­sa­tionen wie Attac, die deshalb bisher nicht zu Pro­testen gegen den Blitz­verkauf auf­ge­rufen haben. Denn noch gibt es die Hoffnung, dass die Genos­sen­schaft zum Zuge kommt, wenn sie ihr Eigen­ka­pital erhöht.
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Peter Nowak