Viel Heuchelei nach der Erdogan-Wahl

Nach der Wahl in der Türkei melden sich in Deutschland noch mal die Heuchler zu Wort. Auch manchem Trump-Kri­tiker hier­zu­lande geht es eher um ver­letzten Natio­nal­stolz als um Eman­zi­pation

In der Türkei haben sämt­liche Oppo­si­ti­ons­par­teien den Wahlsieg von Erdogan bei der Prä­si­den­tenwahl erstaunlich schnell aner­kannt. Auch im Ausland stellen sich Erdogan-Gegner auf eine lang­jährige Herr­schaft ihres Kon­tra­henten mit der neuen Macht­fülle nach der geän­derten Ver­fassung ein.

Erstaunlich ver­halten waren die Töne von Kristian Brakel von der Böll-Stiftung Istanbul[1] im Deutschlandfunk-Interview[2]. Er drückte sogar die Hoffnung aus, dass Erdogan jetzt, wo er sein Wahlziel erreicht hat, einen weniger pola­ri­sie­renden Regie­rungsstil prak­ti­zieren werde.

Sind Deutsch-Türken Wähler zweiter Klasse?

Derweil übt sich der grüne Poli­tiker Cem Özdemir in einer für seine Zunft sel­tenen Pro­fession der Wählerbeschimpfung[3]. Bezogen auf Auto­korsos von fei­ernden Erdogan-Anhängern in deut­schen Städten monierte Özdemir:

Die fei­ernden deutsch-tür­ki­schen Erdogan-Anhänger jubeln nicht nur ihrem Allein­herr­scher zu, sondern drücken damit zugleich ihre Ablehnung unserer libe­ralen Demo­kratie aus. (…) Das muss uns alle beschäf­tigen.

Cem Özedemir[4]

Nun würde man sich solche har­schen Töne von allen Par­teien gegenüber den Wählern von AfD und Co. wün­schen. Da kommen aber fast immer die Stan­dard­floskeln, dass man natürlich die Sorgen und Nöte der Wähler ver­stehe und sie auch bestimmt in der Mehrheit keine Ras­sisten seien. Özdemirs Äuße­rungen machen schon den Ein­druck, als seien Deutsch-Türken Wähler zweiter Klasse.

Zumal schon wie bei den letzten Wahlen der Türkei auch dieses Mal nicht die Mehrheit aller in Deutschland lebenden Men­schen mit tür­ki­schen Wahl­recht Erdogan gewählt haben, sondern nur die, die sich an der Wahl beteiligt haben.

Wenn dann in vielen Medien behauptet wird, »die Türken« in Deutschland hätten mit Mehrheit Erdogan gewählt, ist das falsch. Wäre es nicht ange­bracht, das klar­zu­stellen, bevor man die Wahl­ent­scheidung der Mehrheit der tür­ki­schen Wähler kri­ti­siert, die in Deutschland an der Wahl teil­ge­nommen haben?

Und wie passt es zu Özdemirs Dia­gnose, dass die Erdogan-Wähler die Ablehnung der libe­ralen Demo­kratie aus­drücken, obwohl sie in Deutschland mehr­heitlich Par­teien wie SPD, Grünen und Linken wählen würden?


Wie trag­fähig ist die Unter­scheidung von libe­raler versus illi­be­raler Demo­kratie?

Tat­sächlich wird die Unter­scheidung zwi­schen libe­raler versus illi­berale Demo­kratie in Deutschland besonders gerne bemüht, weil man sich doch auf der Seite der Guten wähnt und damit Macht­an­sprüche begründet. In der Praxis ist diese Unter­scheidung längst auf­ge­weicht.

Der »illi­berale Demokrat« Erdogan ist aner­kannter Partner beim Flücht­lingsdeal, der der Festung Europa mög­lichst viele Migranten fern­halten soll. Gegen linke tür­kische Oppo­si­tio­nelle, die häufig gegen tür­ki­schen Staats­ter­ro­rismus schon kämpften, als von Erdogan noch niemand sprach, geht die deutsche Justiz mit voller Härte vor und nutzt dabei auch juris­tische Beweis­mittel aus der »illi­be­ralen Demo­kratie« in der Türkei.

Da sei nur auf das sich mehrere Jahre hin­zie­hende TKPML-Ver­fahren in München[5] hin­ge­wiesen oder auf den aktu­ellen Kampf von Gülaferit Ünsal[6] um ein Asyl­ver­fahren in Berlin. Die Stadt­pla­nerin wurde als linke Gewerk­schaf­terin in der Türkei und dann nach dem Para­graph 129b auch von der deut­schen Justiz ver­ur­teilt.

Nach ihrer Frei­lassung darf sie nicht aus Deutschland aus­reisen, bekommt aber auch kein Asyl­ver­fahren. Auch die Ver­folgung linker kur­di­scher Akti­vi­täten wurde in den letzten Monaten in Deutschland sogar noch intensiviert[7]. Es wurden sogar ganze Buch­edi­tionen beschlagnahmt[8]. Von Özdemir hat man dazu keine Kritik gehört.

Doch mancher kur­dische oder tür­kische Oppo­si­tio­nelle wird sich so seine eigenen Gedanken über liberale und illi­berale Demo­kratien in der Praxis zu machen. Medien wie der Spiegel betonen nun, dass der unga­rische Minis­ter­prä­sident sowie Russ­lands und Irans Prä­sident Erdogan zu seiner Wie­derwahl gratulierten[9].

Das haben auch alle anderen Prä­si­denten getan, weil es zum Machtritual gehört. Doch im Spiegel soll die Reihung dieser Namen sug­ge­rieren, dass sich da die Phalanx der Illi­be­ralen aus aller Welt gefunden hat.

Die Rechte hetzt gegen Erdogan-Anhänger in Deutschland und bewundert Erdogan

Doch hier wird auch die Heu­chelei der Kräfte rechts von der Union deutlich. Seit Wochen läuft eine Kam­pagne gegen zwei Fuß­ball­spieler, die sich mit Erdogan ablichten ließen. Doch ins­geheim bewundern sie den tür­ki­schen Prä­si­denten; nur offen zum Wahlsieg gra­tu­lieren wie ihr Idol Orban können sie auf rechten Inter­net­seiten nicht.
Dort nahm man dafür den Erdogan-Kri­tiker Deniz Yücel von rechts ins Visier und hätte ihm noch längere Haft in tür­ki­schen Gefäng­nissen gewünscht. So wird nach der Erdogan-Wahl nur wieder die Heu­chelei der libe­ralen und illi­be­ralen Demo­kraten deutlich, die sich im Zweifel näher sind, als sie denken.

Mit Luther gegen Trump?

Diese Heu­chelei erleben wir auch ständig bei vielen Trump-Kri­tikern in Deutschland. Nur selten bringt es jemand so klar auf den Punkt, wie der von manchen als links bezeichnete Theologe und DDR-Kri­tiker Friedrich Schor­lemmer in der Tages­zeitung Neues Deutschland[10].

Schon in der Über­schrift »Unge­hobelt, unbe­re­chenbar, unhöflich« hat er drei Attribute auf­ge­listet, die in Deutschland schon lange US-Bürgern nach­gesagt werden. Wenn er dann über eine Welt nach­denkt, die »von einem Trump-ler beherrscht, ja an der Nase her­um­ge­führt wird« hat er von links bis rechts alle an seiner Seite, die schon immer vor einer ame­ri­ka­ni­schen Welt­herr­schaft warnten. Dann kommt der nationale Schul­ter­schluss, wenn es heißt:

Und wir Deut­schen stehen auch ziemlich schlecht da. Wir haben einen schlechten Ruf, weil wir so »erfolg­reich« sind. Und statt selber auch kon­kur­renz­fähige und gute Autos zu pro­du­zieren, werden die Deut­schen ver­ant­wortlich dafür gemacht, dass sich US-ame­ri­ka­nische Autos schlechter ver­kaufen.

Friedrich Schor­lemmer, Neues Deutschland[11]

Nun fragt man sich zunächst, ob es eine Satire ist, aber nein, Schor­lemmer meint es ernst, wenn er das deutsche »Wir« aufruft. Das hat nicht etwa einen schlechten Ruf, weil es so erfolg­reich beim Mas­senmord an den Juden und dem Anfachen von zwei Welt­kriegen war. Nein, die Neider gönnen den Deut­schen den Volks­wagen nicht. Und am Ende ruft Schor­lemmer noch einen deut­schen Herold gegen Trump herbei.

Luther sprach 1524 so Klartext, dass selbst Trump ver­stehen könnte, was gemeint ist: Soll man denn zulassen, dass lauter Flegel und Gro­biane regieren, wenn man es sehr wohl besser machen dann?

Friedrich Schor­lemmer, Neues Deutschland

Dass dieser Luther zeit­gleich zum Mas­sa­krieren auf­stän­di­scher Bauern und zur Eli­mi­nierung von Juden auf­ge­rufen hat, ist Schor­lemmer natürlich kein Wort wert. Die Publi­zistin Hen­gameh Yaghoobifarah[12] hat in einer Taz-Glosse[13] anlässlich der Ein­führung eines Luther-Fei­ertags in meh­reren Bun­des­ländern Luther-Fans wie Schor­lemmer ins Stammbuch geschrieben:

Hardcore-Fans von Luther können ihn eigentlich nur feiern, indem sie von der Arbeitswut geritten das Neue Tes­tament nehmen und damit anti­se­mi­tische und sexis­tische Straf­taten begehen. Wie sonst zele­briert man einen Mann, der Frauen als Unkraut bezeichnet, das zu nichts außer Haus­arbeit gut ist, und der bren­nende Syn­agogen sehen will?

Hen­gameh Yag­hoo­bi­farah, Taz

Das muss man Schor­lemmer nicht unter­stellen. Doch dass ihm in der Kritik gegen Trump nur der Aufruf an die Deut­schen ein­fällt und er dann Zuflucht zu Luther nimmt, zeigt, dass manche Trump-Kri­tiker nicht die Sorge um Eman­zi­pation und Men­schen­rechte, sondern ver­letzter Natio­nal­stolz antreibt.

Peter Nowak
URL dieses Artikels:
http://​www​.heise​.de/​-​4​0​91757
https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​V​i​e​l​-​H​e​u​c​h​e​l​e​i​-​n​a​c​h​-​d​e​r​-​E​r​d​o​g​a​n​-​W​a​h​l​-​4​0​9​1​7​5​7​.html

Links in diesem Artikel:
[1] https://​www​.boell​.de/​d​e​/​2​0​1​3​/​1​1​/​2​0​/​l​a​e​n​d​e​r​b​u​e​r​o​-​t​u​e​r​k​e​i​-​i​s​t​anbul
[2] https://​www​.ivoox​.com/​e​n​/​w​o​h​i​n​-​s​t​e​u​e​r​t​-​e​r​d​o​g​a​n​-​i​n​t​e​r​v​i​e​w​-​m​i​t​-​k​r​i​s​t​i​a​n​-​b​r​a​k​e​l​-​b​o​l​l​-​s​t​i​f​t​u​n​g​-​a​u​d​i​o​s​-​m​p​3​_​r​f​_​2​6​7​1​2​8​9​1​_​1​.html
[3] http://​www​.spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​t​u​e​r​k​e​n​-​i​n​-​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​w​a​e​h​l​e​n​-​r​e​c​e​p​-​t​a​y​y​i​p​-​e​r​d​o​g​a​n​-​k​r​i​t​i​k​-​v​o​n​-​c​e​m​-​o​e​z​d​e​m​i​r​-​a​-​1​2​1​4​7​3​0​.html
[4] http://​www​.spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​t​u​e​r​k​e​n​-​i​n​-​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​w​a​e​h​l​e​n​-​r​e​c​e​p​-​t​a​y​y​i​p​-​e​r​d​o​g​a​n​-​k​r​i​t​i​k​-​v​o​n​-​c​e​m​-​o​e​z​d​e​m​i​r​-​a​-​1​2​1​4​7​3​0​.html
[5] https://​www​.tkpml​-prozess​-129b​.de/de/
[6] http://​soli​grup​pe​guelafe​ri​tu​ensal​.blog​sport​.de/
[7] https://​isku​.black​blogs​.org/​c​a​t​e​g​o​r​y​/​p​k​k​-​v​e​rbot/
[8] https://​www​.pen​-deutschland​.de/​d​e​/​t​a​g​/​m​e​z​o​p​o​t​a​m​i​e​n​-​v​e​rlag/
[9] http://​www​.spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​a​u​s​l​a​n​d​/​w​l​a​d​i​m​i​r​-​p​u​t​i​n​-​u​n​d​-​v​i​k​t​o​r​-​o​r​b​a​n​-​g​r​a​t​u​l​i​e​r​e​n​-​e​r​d​o​g​a​n​-​a​-​1​2​1​4​7​7​3​.html
[10] https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​1​3​9​9​.​u​n​g​e​h​o​b​e​l​t​-​u​n​b​e​r​e​c​h​e​n​b​a​r​-​u​n​h​o​e​f​l​i​c​h​-​t​r​u​m​p​.html
[11] https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​1​3​9​9​.​u​n​g​e​h​o​b​e​l​t​-​u​n​b​e​r​e​c​h​e​n​b​a​r​-​u​n​h​o​e​f​l​i​c​h​-​t​r​u​m​p​.html
[12] http://​www​.taz​.de/​H​e​n​g​a​m​e​h​-​Y​a​g​h​o​o​b​i​f​a​r​a​h​/​!​a​2​5938/
[13] http://​www​.taz​.de/​K​o​l​u​m​n​e​-​G​e​h​t​s​-​N​o​c​h​/​!​5​5​1​2400/

Verdient der Reaktionär und Antisemit Luther einen Feiertag?

Dagegen aber die Muslime in Deutschland nicht? Wenn es um arbeits­freie Tage geht, gäbe es sicher viele andere Anlässe

Refor­ma­ti­onstag 2017 – über diesen Fei­ertag freut sich ganz Deutschland«, heißt es in der Schlag­zeile einer Münchner Boulevardzeitung[1]. Sie bezieht sich auf den Refor­ma­ti­onstag 2017, der wegen Luthers 500sten Jah­restags des Anschlags der 95 Thesen in Wit­ten­berge in diesem Jahr bun­desweit Fei­ertag ist. Wenn sich die Behauptung veri­fi­zieren ließe, wäre das ein Armuts­zeugnis.

Denn dann würde der Geburtstag eines Hass­pre­digers und Anti­se­miten gefeiert, woran eine Schrift[2] der säku­laren Giordano-Bruno-Stiftung[3] erinnert. Der Befund dürfte heute unzwei­felhaft sein. Der Radau-Anti­se­mi­tismus des Martin Luther[4] bot alle Ele­mente, die der NS dann durch­setzte.

Nur die fabrik­mäßige Ver­nichtung konnte der Refor­mator noch nicht denken. In einer sehr infor­ma­tiven Son­der­aus­stellung in der Ber­liner Topo­graphie des Terrors[5] wurde doku­men­tiert, wie die Nazis sich als Luthers willige Vollstecker[6] gegen die Juden zeigte. Die Nazis hatten 1933 mit dem Deut­schen Luthertag übrigens einen Gedenktag für ihren Inspi­rator ein­ge­führt.

Mann des Mit­tel­alters

Doch es gäbe noch viele weitere Argu­mente gegen einen Fei­ertag für einen Hass­pre­diger, der zu den Mas­sakern an den auf­stän­di­schen Bauern aufrief. Zudem war Luther auch in seiner Zeit ein Reak­tionär. So heißt es treffend im Huma­nis­ti­schen Pres­se­dienst über den Reak­tionär Martin Luther[7].

Luthers Freiheit des inneren Glaubens ist das Gegenteil von dem, wie wir heute Freiheit im Sinne von Selbst­be­stimmung ver­stehen. Dem fun­da­men­ta­lis­ti­schen Refor­mator zufolge ent­scheidet allein die gött­liche Gnade über Heil oder Ver­dammnis. Luthers Judenhass ist sprich­wörtlich und wird heute gern als doch hin­rei­chend bekannt abgetan – ein Zeit­geist­phä­nomen eben, nicht der wei­teren Rede wert.

Doch erweist sich der Theologe in seiner Stu­dier­stube – durch Wis­sen­schafts­feind­lichkeit gepaart mit Teufels- und Hexen­glaube – als Mann des Mit­tel­alters. Längst gibt es zu seiner Zeit – unter den Katho­liken – huma­nis­ti­schen Geist, welt­offene Kultur, neue Ent­de­ckungen und gesell­schafts­kri­tische Bestre­bungen.

Was seinen Juden­ver­nich­tungswahn über die Jahr­hun­derte so brand­ge­fährlich machte: Es war sein gleich­zei­tiges abso­lutes Fest­halten am Obrig­keits­denken, an der hier­ar­chisch-stän­di­schen Herr­schafts­struktur.

Huma­nis­ti­scher Pres­se­dienst

Luther und die deut­schen Ver­hält­nisse

Schon 100 Jahre nach Luthers Geburtstag wurde dieser Termin poli­tisch instrumentalisiert[8]. Je stärker der deutsche Natio­na­lismus sich gerierte, desto lauter berief man sich auf Martin Luther.

1817 fiel das Datum mit der schon ins Reak­tionäre gekippten deutsch­na­tio­nalen Bewegung, die ihren Sieg über die ersten Ansätze von bür­ger­lichen Ver­hält­nissen feierte, die durch Napoleon nach Deutschland gekommen waren. Auch die ersten Ansätze der Juden­eman­zi­pation kamen mit Napoleon nach Deutschland. Nach der Nie­derlage Napo­leons begann bereits der völ­kische Antisemitismus[9] Raum zu greifen. Er konnte sich auf Luther berufen.

Es gäbe also gute Gründe, sich gegen einen Fei­ertag für einen solchen Mann zu wehren. Im Pots­damer Freiland wird immerhin der Refor­ma­ti­onstag für einen beson­deren Kul­tur­abend genutzt. Unter dem Titel »Q – Gegen Luther, Papst und Fürsten – Alles gehört allen« wird ein von Thomas Ebermann und Berthold Brunner bear­bei­tetes Thea­ter­stück aufgeführt[10].

In der Republik wird dieses Jahr »500 Jahre Luther« gefeiert.Allerdings passen Luthers Fun­da­men­ta­lismus und die Bru­ta­lität der Luther­schen Äuße­rungen, sein Juden- und Frau­enhass und seine wahn­hafte Apo­ka­lyptik nicht so recht in das Mar­ke­ting­konzept von Welt­of­fenheit, Toleranz und Fried­fer­tigkeit, welches zu diesem his­to­ri­schen Ereignis ver­mittelt werden soll.

»Q – Gegen Luther, Papst und Fürsten – Alles gehört allen«[11]

Warum nicht auch einen isla­mi­schen Fei­ertag in Deutschland?

Nun könnte man ein­wenden, dass es den vielen Men­schen, die sich über den Refor­ma­ti­onstag als Fei­ertag freuen, vor allem um einen zusätz­lichen arbeits­freien Tag und nicht um eine Luther-Ehrung gegangen sei. Doch als vor einigen Wochen Bun­des­in­nen­mi­nister de Mai­zière die Idee eines isla­mi­schen Fei­ertags in Deutschland lancierte[12], gab es dagegen sofort Wider­spruch auch über das rechts­po­pu­lis­tische Spektrum hinaus.

Selbst Grünen-Wähler haben an einem zusätz­lichen Fei­ertag unter isla­mis­ti­scher Ägide kein Interesse[13]. Die queer­fe­mi­nis­tische Ham­burger Kul­tur­wis­sen­schaft­lerin Hen­gameh Yaghoobifarah[14] hat in einer sati­ri­schen Kolumne in der Taz[15] diese Ablehnung mit einer tref­fenden Polemik bedacht. Das wurde schon ihrer Ein­gangs­frage deutlich:

In Online-Umfragen darüber, ob es zusätzlich zu den bestehenden christ­lichen Fei­er­tagen einen mus­li­mi­schen für alle Leute geben sollte, stimmte die Mehrheit dagegen. Kar­toffeln würden lieber auf einen freien Tag ver­zichten, als Muslim_​innen einmal was zu gönnen. Warum machen sie so?

Der deutsche Hass auf Muslim_​innen und die Paranoia vor einer – was auch immer das sein soll – Isla­mi­sierung der deut­schen (wort­wörtlich) Drecks­kultur hält Kar­toffeln davon ab, ein schö­neres Leben zu führen. Lieber eine Schwei­ne­fleisch-Lobby gründen als halal-Fleisch in ihrer Kantine akzep­tieren.

Hen­gameh Yag­hoo­bi­farah

Die humor- und sati­re­re­sis­tente Rechte tobte und äußerte Ver­nich­tungs­phan­tasien gegen die Autorin. Ihre Satire hat also die Rich­tigen getroffen.

Doch aus einer säku­laren Per­spektive ist es sinn­voller, statt für einen zusätz­lichen isla­mi­schen, für die Abschaffung aller reli­giösen Fei­ertage ein­zu­treten.

Es ist sicher nicht sinnvoll, neben den deut­schen Anti­se­miten Luther jetzt auch noch isla­mische Juden­hasser und Reak­tionäre zu ehren. Wenn es um arbeits­freie Tage geht, gäbe es sicher viele andere Anlässe. Warum ist der 8. Mai kein Fei­ertag, zum Gedenken an die Männer und Frauen aus aller Welt, die wenigsten aus Deutschland, die den NS zer­schlagen haben? Warum kein Fei­ertag für die Pariser Kommune, den weltweit ersten Versuch einer Arbei­ter­kommune?

Das hängt auch und vor allem mit der his­to­ri­schen Schwäche von Bewe­gungen zusammen, die sich auf solche Modelle berufen. Wer die Geschichte um den Kampf um den 1. Mai als Feiertag[16] kennt, wird auch auf die Pro­ble­matik stoßen, dass auch ein Erfolg eine Nie­derlage sein kann.

Jahr­zehnte hatte die Arbei­ter­be­wegung in Gedenken an die hin­ge­rich­teten Arbei­ter­ak­ti­visten vom Hay­market in Chicago[17] am 1. Mai die Arbeit nie­der­gelegt und war auf die Straße gegangen und wurde dafür ent­lassen und ver­prügelt.

Dieser Teil der Arbei­ter­be­wegung hat bereits in der Früh­phase der Wei­marer Republik eine massive Nie­derlage erfahren, als sie von der SPD und den Frei­korps bekämpft wurde. Als das NS-Régime den 1.Mai 1933 zum Tag der Deut­schen Arbeits­front ausrief, hatte die Volks­ge­mein­schaft end­gültig über die Arbei­ter­be­wegung gesiegt. Wenn nun im Jahr 2017 ein Extra­fei­ertag für den Reak­tionär und Anti­se­miten Luther kaum auf Kritik stößt, ist dies auch eine Zustands­be­schreibung für die deut­schen Zustände.

Peter Nowak

https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​V​e​r​d​i​e​n​t​-​d​e​r​-​R​e​a​k​t​i​o​n​a​e​r​-​u​n​d​-​A​n​t​i​s​e​m​i​t​-​L​u​t​h​e​r​-​e​i​n​e​n​-​F​e​i​e​r​t​a​g​-​3​8​7​6​3​9​5​.html
URL dieses Artikels:
http://​www​.heise​.de/​-​3​8​76395

Links in diesem Artikel:
[1] https://​www​.tz​.de/​w​e​l​t​/​r​e​f​o​r​m​a​t​i​o​n​s​t​a​g​-​f​e​i​e​r​t​a​g​-​2​0​1​7​-​t​e​r​m​i​n​-​u​n​d​-​g​e​s​e​t​z​l​i​c​h​e​r​-​f​e​i​e​r​t​a​g​-​z​r​-​8​6​1​9​2​7​0​.html
[2] https://​www​.giordano​-bruno​-stiftung​.de/​m​e​l​d​u​n​g​/​l​u​t​h​e​r​-​h​a​s​s​p​r​e​diger
[3] https://​www​.giordano​-bruno​-stiftung​.de
[4] http://564.html
[5] https://​www​.topo​graphie​.de/​t​o​p​o​g​r​a​p​h​i​e​-​d​e​s​-​t​e​r​r​o​r​s​/​a​u​s​s​t​e​l​l​u​n​g​e​n​/​s​o​n​d​e​r​a​u​s​s​t​e​l​l​u​ngen/
[6] http://​www​.jue​dische​-all​ge​meine​.de/​a​r​t​i​c​l​e​/​v​i​e​w​/​i​d​/​28289
[7] https://​hpd​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​l​u​t​h​e​r​-​u​n​d​-​j​u​d​e​n​-​v​e​r​t​i​e​f​t​e​r​-​b​l​i​c​k​-​e​i​n​e​n​-​b​r​a​n​d​b​e​s​c​h​l​e​u​n​i​g​e​r​-​14229
[8] https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​6​8​3​3​8​.​r​e​f​o​r​m​a​t​i​o​n​-​g​o​t​t​-​z​u​-​e​h​r​e​n​-​u​n​d​-​d​e​m​-​t​e​u​f​e​l​-​z​u​-​t​r​o​t​z​.html
[9] https://​edoc​.hu​-berlin​.de/​b​i​t​s​t​r​e​a​m​/​h​a​n​d​l​e​/​1​8​4​5​2​/​1​7​7​2​9​/​m​e​y​f​e​l​d​.​p​d​f​?​s​e​q​u​e​nce=1
[10] https://​www​.freiland​-potsdam​.de/​?​I​D​=6629
[11] https://​www​.freiland​-potsdam​.de/​?​I​D​=6629
[12] http://​www​.focus​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​v​i​d​e​o​s​/​u​e​b​e​r​-​v​o​r​s​c​h​l​a​g​-​n​a​c​h​d​e​n​k​e​n​-​m​u​s​l​i​m​i​s​c​h​e​-​f​e​i​e​r​t​a​g​e​-​i​n​-​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​s​c​h​u​l​z​-​z​e​i​g​t​-​s​i​c​h​-​a​n​g​e​t​a​n​-​v​o​n​-​d​e​-​m​a​i​z​i​e​r​e​s​-​i​d​e​e​_​i​d​_​7​7​1​5​0​4​0​.html
[13] http://​www​.huf​fing​tonpost​.de/​2​0​1​7​/​1​0​/​1​7​/​f​e​i​e​r​t​a​g​-​i​s​l​a​m​i​s​c​h​-​u​m​f​r​a​g​_​n​_​1​8​2​8​5​8​4​0​.html
[14] https://​queer​vanity​.com/
[15] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​5​3932/
[16] http://​www​.tag​-der​-arbeit​.com/​g​e​s​c​h​ichte
[17] https://​h2g2​.com/​e​d​i​t​e​d​_​e​n​t​r​y​/​A​6​27662