Mit ‘Helmut Greim’ getaggte Artikel

“Wissenschaftsethisch halte ich diesen ganzen Verharmlosungsdiskurs für eine Katastrophe”

Freitag, 02. März 2018

Das “Diesel-Urteil” des Bundesverwaltungsgerichts und die Wissenschaft. Interview mit Wolfgang Hien vom Bremer Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biographie

Telepolis sprach mit Wolfgang Hien[1] vom Bremer Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biographie. Hien beschäftigt sich mit Gesundheitsbelastungen innerhalb der Wohn- und Arbeitswelt. Im VSA-Verlag ist sein Buch “Kranke Arbeitswelt”[2] erschienen.

Hat nicht auch die Umweltwissenschaft versagt, wenn ein Gericht und die Deutsche Umwelthilfe die tägliche Vergiftung im Straßenverkehr auf die Agenda setzen?
Wolfgang Hien: Ich möchte vorausschicken, dass es sehr wohl Wissenschaftler gibt, die die Risiken sehen. Über die rede ich jetzt nicht. Ich rede über die vielen sich zum Gutachter für Umweltfragen gerierenden Arbeitsmediziner, die die Risiken herunterreden. Das war nicht nur ein Doktor Michael Spallek von VW.
Das ist der ehemalige MAK-Vorsitzende Professor Helmut Greim[3], der schon im letzten Jahr in einem großen Gutachten die Gesundheitsgefahren der Dieselabgase heruntergespielt hat. Es gebe, so Greim, derart viele Einflussfaktoren auf die Gesundheit, dass es nicht möglich sei, NOx und Feinstäube – die ja immerhin krebserzeugende PAK (Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe) enthalten – als Erzeuger von Lungenkrankheiten und sonstigen schweren Erkrankungen, die erst Jahre oder Jahrzehnte später eintreten können, “dingfest” zu machen.
Auch viele weitere hochrangige Arbeitsmediziner meldeten sich in den letzten Wochen zu Wort und – im O-Ton – “warnen vor einer Dramatisierung der angeblichen Gesundheitsgefahren durch Dieselabgase”, so z.B. Prof. Hans Drexler[4] aus Erlangen.

Wie bewerten Sie solche Äußerungen dieser Wissenschaftler?
Wolfgang Hien: Derartige Einlassungen sind nach meinem Dafürhalten ungeheuerlich. Und dies aus mehreren Gründen. Eben diese Arbeitsmediziner haben es bis 2009 untätig hingenommen, dass Arbeiterinnen und Arbeiter an bestimmten Arbeitsplatzen – nehmen wir als Beispiel die Dieselstapler – bis zu 9,5 mg/m3 NOx ausgesetzt waren.
Auch die Feinstaubkonzentrationen waren jahrzehntelang sehr hoch. Die Gesundheitsschäden waren aber dann irgendwann nicht mehr zu leugnen, so dass ab 2010 der Arbeitsplatzgrenzwert auf ein Zehntel gesenkt wurde.
Dieser neue Wert von 950 Mikrogramm gilt aber nur für gesunde erwachsene Personen, maximal 8 Stunden pro Tag und 40 Stunden pro Woche. Jetzt kommen diese gleichen ignoranten Arbeitsmediziner und suggerieren, dass diese 950 Mikrogramm doch recht eigentlich für alle Menschen gelten könnten, auch für Kinder und Alte an stark befahrenen Straßen 24 Stunden am Tag und immerwährend.

Gab es nicht Untersuchungen, die das widerlegten?
Wolfgang Hien: Natürlich. Zugleich werden von dieser sich als wissenschaftlich gebenden Seite umweltmedizinische Studien, die ab 40 Mikrogramm aufwärts einen Anstieg der Gesundheitsrisiken sehen, ignoriert oder als irrelevant zur Seite getan.
Und wenn da von 100.000 Personen mal 5 oder 6 erkranken oder später gar an Krebs sterben – wir dürfen die PAK nicht vergessen, die ja ebenfalls und gleichzeitig auf die Menschen einwirken -, dann sieht das diese Professorenriege, also Greim, Drexler und einige andere, eher als harmlos oder als vernachlässigbar an. Was sind schon 5 Menschen auf 100.000 Menschen? Das verschwindet “im Hintergrundrauschen”, sagte mir ein angesehener Arbeitsmediziner.

Können Sie da weitere aktuelle Beispiele nennen?
Wolfgang Hien: Ich möchte Dr. Matthias Möhner[5] nennen. Der wissenschaftliche Direktor der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin[6] qualifiziert in einer neueren Übersichtsarbeit praktisch alle epidemiologischen Dieselabgas-Studien, die ein Risiko gesehen haben, als nichtssagend und “methodisch nicht haltbar” ab.
Ich persönlich halte dies für einen ungeheuerlichen Vorgang, nämlich: dass sich ein Angestellter eines Bundesinstituts derart als Lobbyist der Autoindustrie gebärdet.

Was für ein Wissenschaftsverständnis steht dahinter?
Wolfgang Hien: Wissenschaftsethisch halte ich diesen ganzen Verharmlosungsdiskurs für eine Katastrophe. Gerade wenn es methodische Unsicherheiten gibt, sind immer Wissenschaftler gehalten, vom “Fehler zweiter Art” auszugehen.
Das bedeutet, dass in einer Studie ein Risiko übersehen werden kann, insbesondere dann, wenn die Fallzahl zu klein ist. Wir sprechen in der Epidemiologie davon, dass die “Power” einer Studie zu klein ist, um gültige Aussagen zu treffen.
Und wenn trotz relativ kleiner Fallzahlen Risiken gesehen werden, umso ernster muss die Studie genommen werden. Solchen Studien mit hoher Power die Gültigkeit abzusprechen, wie es etwa Möhner tut, ist für mich nicht nachvollziehbar. Das kommt für mich einer bewussten Tatsachenverfälschung nahe, die auch noch – wie in diesem Falle – mit einem Stempel der Amtlichkeit versehen wird.

Hat die Umweltmedizin in der Dieseldebatte versagt?
Wolfgang Hien: Insgesamt zeigt die Dieselabgasdebatte, dass eine gute Umweltmedizin in Deutschland stark ins Hintertreffen geraten ist, vielleicht sogar nie als relevant eingestuft war. Man hat einfach den Arbeitsmedizinern den Hut “Umweltmedizin” auf den Kopf getan, obwohl das ein völlig anderes Gebiet ist und völlig andere Denkweisen benötigt.
Da geht es gleich um viele Millionen Menschen. Und wenn von beispielsweise einer Million Personen aufgrund von Umweltschadstoffen 5 pro 100.000 pro Jahr krank werden, dann sind das 375 Personen pro 100.000 in der Lebensspanne von 75 Jahren und folglich 3.750 Personen, dann ist bei weitem nicht “vernachlässigbar”.

https://www.heise.de/tp/features/Wissenschaftsethisch-halte-ich-diesen-ganzen-Verharmlosungsdiskurs-fuer-eine-Katastrophe-3984981.html

Peter Nowak
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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.wolfgang-hien.de/
[2] http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/kranke-arbeitswelt/
[3] https://www.bundestag.de/blob/438866/fee11379350c2e582dc1e82d37713a19/sv_2_greim-data.pdf
[4] https://www.arbeitsmedizin.uni-erlangen.de/mitarbeiterdaten/hans-drexler.shtml
[5] https://www.researchgate.net/profile/Matthias_Moehner
[6] https://www.baua.de/DE/Home/Home_node.html
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Ein aufgebauschter Skandal

Donnerstag, 01. Februar 2018

Nicht dass Affen und Menschen im Labor Tests über die Schädlichkeit von Abgasen unterzogen werden, ist das Problem, sondern die alltäglichen Menschenversuche der Autoindustrie auf unseren Straßen

“Tests in keiner Weise zu rechtfertigen”: Das war am Montag der Tenor, als durch einen Artikel der New York Times bekannt wurde, dass die deutsche Automobilindustrie Untersuchungen in Auftrag gegeben habe, um die angebliche Unschädlichkeit der Dieselmotoren zu belegen.

Von Angela Merkel bis Katja Kipping gab es bald keinen Politiker und keine Politikerin mehr, der oder die nicht Empörung über diese Versuche äußerte. Doch meistens kam die Kritik nicht über eine moralische Verurteilung hinaus. “Unangemessen” und “menschenverachtend” waren die Vokabeln.

Dabei wäre es doch sinnvoller, erst einmal zu schauen, was da eigentlich passiert ist und wie sich die Versuche von den vielen anderen unterscheiden, die tagtäglich gemacht werden. Zunächst sind solche Versuche nicht nur bei den Abgastests heute sehr verbreitet. Um profunde Aussagen über die Gefährlichkeit bestimmter Stoffe machen zu können, muss es solche Untersuchungen geben.

Natürlich sind solche Untersuchungen nicht das einzige, aber ein wichtiges Instrument, wenn es um die Erforschung von gefährlichen Stoffen geht. Wer das jetzt skandalisiert, sollte sich zumindest fragen, welche Alternativen es zu diesen Untersuchungen gibt.

Tests dürfen keine Klassenfrage werden

Sich auf Gefühle und Empfindungen statt auf wissenschaftliche Ergebnisse zu verlassen, wäre zumindest keine akzeptable Alternative. Es ist schon erstaunlich, dass bei der reflexhaften Verurteilung der Untersuchungen nicht daran erinnert wurde, dass vor wenigen Monaten in den USA, aber auch in Europa viele Menschen für die “Freiheit der Wissenschaften” auf die Straße gegangen sind.

Es waren die Marches of Science, die für große Aufmerksamkeit sorgten. Damals sollte die Wissenschaft gegen Aberglauben und Halbwissen verteidigt werden. Doch werden dafür nicht mehr Tests an Menschen und an Tieren, die den Menschen am nächsten stehen, gebraucht? Wie soll denn sonst erkundet werden, welche Substanzen für Mensch und Tier schädlich sind und welche nicht?

Natürlich müssen diese Tests unter Bedingungen stattfinden, die für die Beteiligten die gesundheitlichen Konsequenzen möglichst minimieren. Das heißt auch, dass an solchen Tests nur Menschen teilnehmen sollen, die die Konsequenzen der Versuche überblicken können. Verdächtig ist, wenn in mehreren Meldungen skandalisiert wird, dass gesunde Menschen und Affen den Tests unterzogen wurden. Dabei müsste das doch eine selbstverständliche Grundlage für solche Tests sein.

Wird hier nicht schon unterschwellig suggeriert, es wäre nicht so schlimm, wenn die Versuchspersonen alt, krank und womöglich arm wären? Wichtiger noch wäre, dass Menschen auch nicht nur wegen der Prämien an solchen Versuchen teilnehmen. Dann würde gleich wieder die Klassenfrage eine Rolle spielen.

Gerade im Zeitalter prekärer Arbeitsverhältnisse kann die Prämie das Einkommen aufbessern. So setzen sich einkommensarme Menschen eher den Konsequenzen häufiger Tests aus, nur weil sie nicht genug Geld zum Leben haben. Nur führt das bei der dauerbetroffenen Mittelschicht, die auch die Medienticker bei den Abgas-Tests bestimmten, zu keiner größeren Diskussion.

Die Fake-News von den Menschenversuchen in der DDR

Ein Beispiel für eine aus Halbwissen gespeiste Gratisempörung waren 2013 die Meldungen über angebliche “Menschenversuche in der DDR”. Die Grundlage waren Medikamententests westlicher Pharmakonzerne in der DDR. Später stellte sich heraus, dass die ganze Aufregung auf Halbwissen und Lügen beruhte.

Die Tests in der DDR unterschieden sich nicht von denen in anderen Ländern, die nicht Gegenstand der Kritik wurden. Es reichte einfach, DDR und Medikamententests in einen Zusammenhang zu stellen und fertig war das Bild von den Menschenversuchen. Nicht anders funktionierte die Empörungswelle bei Bekanntwerden der Abgastests.

Dabei speiste sich die Empörung vor allem aus der Meldung, dass Affen im Spiel waren. Es ist schon immer ein fester Bestandteil reaktionärer Ideologie, im Zweifelsfall jedes Tier, dem ein Härchen gekrümmt wird, zu skandalisieren, während die schlechten Lebensbedingungen vieler Menschen mit Gleichmut akzeptiert werden.

Vor Jahrzehnten reichte die als Provokation angedachte Ankündigung von Vietnam-Kriegsgegnern, einen Hund unter den Bedingungen verbrennen zu wollen, denen damals viele Menschen in Vietnam während der Napalm-Bombardements der USA ausgesetzt waren, zu Vernichtungsphantasien gegen die Urheber der nicht erstgemeinten Ankündigung.

Menschen, die die Bombardierungen Vietnams durch die USA als Verteidigung der freien Welt bejubelten, gerieten in Empörung, als lediglich angekündigt wurde, einen Hund solchen Bedingungen auszusetzen.

Wirkliche Kritikpunkte werden oft ausgepart

Die Gratisempörung, die eher auf Ressentiment als auf Fakten beruht, sorgt auch dafür, dass die wirklichen Kritikpunkte gar nicht erwähnt werden. Im Fall der Abgastests wären das die Auftraggeber. Die Organisation LobbyControl bringt die Kritik auf den Punkt:

Der Fall zeigt, mit welch manipulativen Methoden die deutschen Autokonzerne dem Diesel Methoden der Tabak- oder Lebensmittelindustrie: Wissenschaftler finanzieren, um die gesundheitlichen Schäden ihrer Produkte zu bagatellisieren und schärfere Gesetze abzuwenden. Es reicht nicht, wenn sich die Autokonzerne für die nun bekannt gewordenen unethischen “Forschungsmethoden” entschuldigen. Jetzt ist die Politik am Zuge. Die Bundesregierung muss ihren Kuschelkurs mit der Autoindustrie beenden und sich generell beim Umgang mit Lobbyisten neu aufstellen.

LobbyControl

Da wären Gutachter wie Helmut Greim zu nennen, die als wirtschaftsnahe Lobbyisten seit Jahren Einfluss auf die Politik nehmen. Und da wäre die Rolle der von der Autoindustrie gegründeten und mittlerweile aufgelösten Lobbyorganisation Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit zu nennen, die für die Abgastests verantwortlich war.

Dabei muss aber klar sein, dass es Hunderte solcher Tarnorganisationen gibt, die industriefreundliche Lobbyarbeit machen. Wolfgang Hien von der Bremer Forschungsstelle für Forschung, Gesundheit und Biographie hat mit seinen Buch Kranke Arbeitswelt beschrieben, wie die Industrie gesundheitsschädliche Materialien aus Profitgründen so lange wie möglich einsetzt. Krankheitssymptome bei Beschäftigten werden solange geleugnet, bis die Betroffenen gestorben sind.

Stoppt die täglichen Menschenversuche im Straßenverkehr

Hien hat in dem Buch sehr eindringliche Beispiele aufgeführt, beispielsweise beim Einsatz von Asbest. Nur dringen diese Tatsachen längst nicht so ins Massenbewusstsein, wie die auf Halbwissen beruhende Empörung über Affen im Abgastest.

Die Taz versucht beides zu verbinden. “Stoppt die täglichen Menschenversuche der Autoindustrie”, lautet die Schlagzeile in der aktuellen Ausgabe. In einem Kommentar wird daran erinnert, dass nicht die Abgastests an gesunden Menschen und Affen ein Skandal ist, sondern die tägliche Menschenversuche durch den Automobilverkehr.

Dort werden auch Menschen, die nicht gesund und daher an solchen Tests gar nicht teilnehmen dürfen, diesen Versuchen ausgesetzt, ohne dass sie eingewilligt haben und aussteigen können. Das ist der eigentliche Skandal.

Peter Nowak
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http://www.heise.de/-3955952

https://www.heise.de/tp/features/Ein-aufgebauschter-Skandal-3955952.html

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.tagesschau.de/wirtschaft/autolobby-versuche-menschen-103.html
[2] https://www.nytimes.com/2018/01/25/world/europe/volkswagen-diesel-emissions-monkeys.html
[3] https://www.katja-kipping.de/de/topic/4.politisches.html
[4] http://marchforscience.de/
[5] http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/west-pharmakonzerne-betrieben-menschenversuche-in-der-ddr-a-899306.html
[6] http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-05/DDR-Medikamentenstudien-Menschenversuche
[7] http://www.deutschlandfunk.de/charite-studie-keine-menschenversuche-in-der-ddr.1769.de.html?dram:article_id=348445
[8] https://www.lobbycontrol.de/2018/01/bundesregierung-muss-autolobby-endlich-besser-kontrollieren/
[9] https://www.lobbycontrol.de/2017/06/dieselgate-aufklaerung-gutachter-mit-industrie-geschmaeckle/
[10] http://www.handelsblatt.com/downloads/20903386/2/eugt_taetigkeitsbericht_2012_bis_2015.pdf
[11] http://www.wolfgang-hien.de
[12] http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/kranke-arbeitswelt/
[13] http://www.taz.de/!5477881/