»Diskussionen sind weiterhin wichtig«

Helge Lehmann, IT-Spe­zialist, über seine Recherchen zum Tod der RAF-Gefan­genen in Stammheim 1977

Helge Lehmann ist IT-Spe­zialist und war Betriebsrat in einem trans­na­tio­nalen Unter­nehmen. 2011 gab er nach mehr­jäh­rigen Recherchen das Buch »Die Todes­nacht in Stammheim. Eine Unter­su­chung: Indi­zi­en­prozess gegen die staats­of­fi­zielle Dar­stellung und das Todes­er­mitt­lungs­ver­fahren« heraus.

Am 18. Oktober jährt sich die soge­nannte Todes­nacht von Stammheim zum 40. Mal, in der die RAF-Gefan­genen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen in der JVA Stuttgart-Stammheim umge­kommen sind. Kaum noch jemand zweifelt an der offi­zi­ellen Version, dass sie Selbstmord begangen hätten. Warum sind Sie da eine Aus­nahme?

Meine Zweifel rühren von meinen Recherchen zur Todes­nacht in Stammheim. Zahl­reiche Punkte sind unge­klärt oder wurden nicht in die Unter­su­chung des Todes­er­mitt­lungs­ver­fahrens auf­ge­nommen. Die Indi­zi­en­punkte aus meinem Buch, die bisher niemand widerlegt hat, machen es nicht schwer, den Selbstmord anzu­zweifeln.

Sie beschreiben sich als anfangs unpo­li­ti­schen Men­schen, der dann über vier Jahre für sein Buch recher­chierte. Wieso nahmen Sie sich diese Zeit und wie finan­zierten Sie sich und ihre Recherche?

Wenn ich erkenne, dass es bei irgend­einer Sache mehr zu erfahren gibt und sich irgend­welche Thesen als unschlüssig erweisen, möchte ich es genau wissen. Das hat dann mal mehr, mal weniger zeit­in­ten­siver Recherche zur Folge. Die Vor­ar­beiten zur »Todes­nacht in Stammheim« waren extrem zeit­in­tensiv, weil ich so viele Stränge unter­suchen musste. Da ich einen Job habe und hatte, konnte ich nur nach Fei­er­abend, am Wochenende und an freien Urlaubs­tagen daran arbeiten.

Wie gingen Sie bei Ihrer Recherche vor?

Da es keine Schemata gibt, begann ich logi­scher­weise am Kern­punkt, der Todes­nacht selbst, sowie am Auf­finden der Toten und der ver­letzten Irmgard Möller. Ich sam­melte Daten, holte mir in den ver­schie­denen Archiven ver­fügbare Akten und glich diese mit dem bereits vor­han­denen Buch­ma­terial und Infor­ma­tionen im Internet ab. So kam ich Schritt für Schritt voran und baute um die Todes­nacht die Geschichte immer weiter aus. Dazu habe ich prak­tische Unter­su­chungen unter­nommen, bei­spiels­weise zur Laut­stärke der Schüsse, um die Wider­sprüche auf­zu­zeigen.

Unmit­telbar nach der Todes­nacht von Stammheim bezwei­felte ein großer Teil der Linken die Selbst­mord­these. Ein inter­na­tio­naler Unter­su­chungs­aus­schuss ver­suchte sich an der Auf­klärung. Haben Sie sich auf dessen Arbeit gestützt?

Diese Unter­su­chungen habe ich im Nachgang mit meinen Recherchen abge­glichen. Hätte ich diese zur Grundlage genommen, wäre ich in meiner Aus­ar­beitung beein­flusst worden. Das hätte ich als keine gute Her­an­ge­hens­weise gesehen.

Sie haben sich aus­giebig mit dem behaup­teten Waf­fen­schmuggel in das Gefängnis und dem angeb­lichen geheimen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­system der Stamm­heimer Häft­linge aus­ein­an­der­ge­setzt. Zu welchem Resultat kamen Sie?

Nach meinen Unter­su­chungen kam ich zum Ergebnis, dass der Waf­fen­schmuggel nur möglich gewesen sein könnte, wenn die unter­su­chenden Beamten grob fahr­lässig und dilet­tan­tisch gear­beitet hätten. Da sich die Beamten bei einem Waf­fen­schmuggel selbst in Gefahr gebracht hätten und da es vor jeder Durch­su­chung intensive Vor­be­rei­tungen gab, erscheint mir die Wahr­schein­lichkeit des Schmuggels meh­rerer Waffen und Patronen sowie einer Koch­platte und anderer Gegen­stände gleich null. Auch der Ver­suchs­aufbau der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­anlage zeigt deutlich, dass mit dem in den Zellen vor­han­denen Material eine solche Anlage spä­testens ab Beginn der Kon­takt­sperre der Stammheim-Häft­linge nicht auf­gebaut werden konnte.

Sie schreiben, dass ihre Unter­su­chungen die Form eines Indi­zi­en­pro­zesses gegen die offi­zielle Version ange­nommen hätten. Wollen Sie damit zum Aus­druck bringen, dass sie keine Beweise haben?

In der Recht­spre­chung ist ein Beweis mehr als ein Indiz, die Summe der Indizien kann als Beweis gelten. Selbst­ver­ständlich habe ich keinen Beweis. Ich war nicht dabei, keiner der betei­ligten Beamten hat sich dahin­gehend geäußert. Jedes Gericht würde auf­grund dieser Indi­zi­enlage den Selbstmord nicht als das tat­säch­liche zwei­fels­freie Ergebnis ansehen.

Wurden Sie bei Ihrer Recher­che­arbeit von ehe­ma­ligen RAF-Gefan­genen und Anwälten unter­stützt?

Ich konnte mit einigen ehe­ma­ligen RAF-Mit­gliedern und einem der im Ver­fahren invol­vierten Anwälte sprechen.

Konnten Sie für Ihre Recherche staat­liche Archive und Doku­mente nutzen?

Ja, die zugäng­lichen Akten konnte ich ein­sehen und kopieren. Alle als streng geheim dekla­rierten Akten waren mir natürlich nicht zugänglich. Da gibt es also noch etwas zu erfor­schen

Warum gab es zum Jubiläum der Todes­nacht von Stammheim keine Neu­auflage Ihres Buches und wie war die Zusam­men­arbeit mit dem Verlag?

Es gibt eine leicht erwei­terte Auflage, ergänzt durch unseren Antrag auf Wie­der­auf­nahme des Todes­er­mitt­lungs­ver­fahrens beim Bun­des­ge­richtshof und die Antwort darauf. Das Buch ist in vielen Online-Buch­hand­lungen ver­fügbar, auf­gelegt habe ich es bei Books on Demand. Nähere Infor­ma­tionen gibt es auf der Website zum Buch unter www​.todes​nacht​.com. Neue Indizien, die ich ver­öf­fent­lichen könnte, sind bisher nicht auf­ge­taucht. Sollte sich das ändern, wären weitere Recherchen nötig. Schließlich müssen alle Infor­ma­tionen hin­ter­fragt und abge­glichen werden. Das würde dauern und eine schnelle Ver­öf­fent­li­chung nur wegen des Datums ergibt für mich keinen Sinn. Außerdem sollte man sich zunächst mit den vor­lie­genden Indizien befassen, die Zweifel an der offi­zi­ellen Selbst­mord­version auf­kommen lassen.

Gehen Sie davon aus, dass eine Auf­klärung der Todes­um­stände in Stammheim über­haupt noch möglich ist?

Das ist nicht absehbar. Das bis­herige Interesse an der Auf­klärung hält sich ja in Grenzen. Dis­kus­sionen sind aber wei­terhin wichtig, um das ganze Thema zu ver­stehen. Es wäre aller­dings nötig, dass sich mehr Men­schen für das Thema zu inter­es­sieren beginnen.

In den späten sieb­ziger Jahren gab es auch im Ausland, etwa in Holland und Frank­reich, starke Zweifel an der offi­zi­ellen Version. Gab es von dort Reak­tionen auf Ihr Buch?

Nach meiner Erin­nerung gab es zwei Anfragen aus der Schweiz und Öster­reich. Wir hatten das Buch auch nicht in andere Sprachen über­setzt.

Waren Sie über die geringe Resonanz auf Ihr Buch ent­täuscht? Schließlich wird es im Jubi­lä­umsjahr kaum erwähnt und selbst in linken Zei­tungen wird die Selbst­mord­these kaum in Frage gestellt.

Nein, war ich nicht. Genauer gesagt, habe ich damit gerechnet, dass meine Recherche igno­riert wird. Schließlich schreiben die Sieger die Geschichte.

»Mir erscheint die Wahr­schein­lichkeit des Schmuggels meh­rerer Waffen und Patronen sowie einer Koch­platte und anderer Gegen­stände gleich null.«

Es gibt auch ehe­malige Gefangene wie Karl-Heinz Dellwo, die später sagten, die RAF-Gefan­genen hätten über einen Selbstmord als selbst­be­stimmten Akt gesprochen, um sich der staat­lichen Ver­folgung zu ent­ziehen. Wird die offi­zielle Version damit im Grunde gestützt?

Seine Dar­stellung schafft die von mir offen­ge­legten Indizien nicht aus der Welt. Karl-Heinz Dellwo möge mir eine Erklärung liefern

Könnten die von Ihnen unter­suchten Wider­sprüche nicht auch auf einen Selbstmord der Gefan­genen unter staat­licher Auf­sicht hin­weisen? So könnte die schon immer stark bezwei­felte Art des angeb­lichen Waf­fen­schmuggels ver­schleiern, dass die Waffen mit Wissen staat­licher Stellen ins Gefängnis gelangt sind.

Ich will mich nicht an Spe­ku­la­tionen betei­ligen. Wie erwähnt hätten sich alle direkt Betei­ligten mit dem Waf­fen­schmuggel selbst in Gefahr gebracht. Ich kann nur auf die in meinem Buch vor­ge­legten Indi­zi­en­punkte hin­weisen. Warum löste niemand diese Punkte auf oder ver­sucht, sie zumindest zu erklären?

2027 dürfte es zum 50. Jubiläum der Stamm­heimer Todes­nacht eine besonders große Auf­merk­samkeit geben. Arbeiten Sie wei­terhin an diesem Thema?

Es kommen immer noch regel­mäßig Fragen und auch Hin­weise an mich, mit denen ich mich beschäftige. Es wird sicherlich wei­ter­gehen, bis eine unum­stöß­liche Auf­klärung erreicht wird.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​4​2​/​d​i​s​k​u​s​s​i​o​n​e​n​-​s​i​n​d​-​w​e​i​t​e​r​h​i​n​-​w​i​chtig

Interview: Peter Nowak

Stammheimer Todesnacht: Es bleiben zahlreiche Widersprüche


Kann der Tatort »Der rote Schatten« die Dis­kussion um die Todes­um­stände der RAF-Gefan­genen neu beleben?

Der Tatort-Krimi Der rote Schatten[1], der am letzten Sonntag aus­ge­strahlt wurde, hat ein Ver­dienst. Er lenkt noch einmal die Auf­merk­samkeit auf die Tat­sache, dass zahl­reiche Wider­sprüche zur offi­zi­ellen Version der Todes­um­stände der RAF-Gefan­genen am 18.Oktober 1977 in dem Iso­la­ti­ons­trakt von Stammheim unauf­ge­klärt sind.

Denn in der Tatort-Fiktion war offen geblieben, ob sich die Gefan­genen das Leben nahmen, viel­leicht unter Auf­sicht des Staates, oder ob sie ermordet wurden. Deshalb haben sich sofort die Bild-Zeitung[2] und Stefan Aust[3] zu Wort gemeldet und behauptet, in dem Tatort werde RAF-Pro­pa­ganda ver­breitet.

Die Bild-Zeitung bleibt da ihrer Linie treu. Sie hatte ja bereits vor über 40 Jahren Heinrich Böll[4] und andere links­li­berale Intel­lek­tuelle zu RAF-Sym­pa­thi­santen erklärt. Und der öffentlich-recht­liche RAF-Erklärer Stefan Aust fürchtet um seine Deu­tungs­hoheit für die Geschichte der RAF und der Ereig­nisse in Stammheim, wenn plötzlich auch über die Wider­sprüche zu der Version der Stamm­heimer Todes­nacht dis­ku­tiert würden, die Aust ja immer ver­treten hat.

Der Publizist Willi Winkler hin­gegen weist Austs Vor­würfe in einem Interview im Deutschlandfunk[5] zurück. Zu Aust erklärt Winkler nur knapp[6]:

Naja, soll ich mich jetzt wirklich zu Herrn Aust äußern? Der hat seine Kar­riere auf dem Mythos RAF auf­gebaut. Und er hat die Vorlage geliefert für den Baller-Film »Der Baader Meinhof Komplex«. Also: Wer ist er, um das zu sagen?

Willi Winkler[7]

Warum werden nicht endlich die Akten offen gelegt?

Obwohl er selbst an die Selbst­mord­version glaubt, ist sich Winkler der vielen unauf­ge­klärten Wider­sprüche der Gescheh­nisse am 18.10.1977 in Stammheim bewusst. Er fordert von den staat­lichen Stellen Trans­parenz und sieht in der Dis­kussion nach der Tatort-Fiktion etwas Posi­tives:

Wenn das jetzt Anlass dazu gibt, dass man die vor­han­denen Akten offenlegt – nach 40 Jahren wäre das ja möglich, es wurde ja aus­führlich die Geschichte eines V-Mannes behandelt, und es gab mehrere – das wäre doch kein schlechter Effekt, wenn die jetzt ver­öf­fent­licht werden müssten. Dann hätte es auch was Gutes.

Willi Winkler[8]

Tat­sächlich könnte die Dis­kussion nach dem Tatort auch jün­geren Leuten deutlich machen, wie viel an den Gescheh­nissen vor 40 Jahren noch unge­klärt ist. Ein Nach­ge­bo­rener, der seit Jahren dazu forscht, ist der IT-Spe­zialist Helge Lehmann, der 2011 seine Rechercheergebnisse[9] in einem Buch unter dem Titel »Die Todes­nacht von Stammheim« her­aus­ge­geben hat (vgl. dazu Helge Lehmann über blinde Flecken und Widersprüche[10]. Zum vier­zigsten Jubiläum der Ereig­nisse hat kaum jemand darauf Bezug genommen.

Zahl­reiche Punkte sind unge­klärt

Tele­polis sprach mit dem Autor, der sich wundert, warum niemand auch nur ver­sucht hat, die von ihm benannten Wider­sprüche auf­zu­klären.

Am 18.10.2017 jährt sich die Todes­nacht von Stammheim, an dem die RAF-Gefan­genen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe in ihren Zellen umge­kommen sind, zum 40ten Mal. Kaum noch jemand bezweifelt die offi­zielle Selbst­mord­version. Warum sind Sie da eine Aus­nahme?

Helge Lehmann: Meine Zweifel rühren von meinen Recherchen zu der Todes­nacht in Stammheim. Zahl­reiche Punkte sind unge­klärt oder wurden nicht in die Unter­su­chung des Todes­er­mitt­lungs­ver­fahrens auf­ge­nommen. Die Indi­zi­en­punkte aus meinem Buch, die mir bisher niemand widerlegt hat, machen es nicht schwer, den Selbstmord anzu­zweifeln.

Sie beschreiben sich als anfangs unpo­li­ti­schen Men­schen beschrieben und dann über 4 Jahre für Ihr im 2011 erschie­nenes Buch »Die Todes­nacht von Stammheim« recher­chiert. Wieso nahmen Sie sich die Zeit und wie finan­zierten Sie sich und ihre Recherche?
Helge Lehmann: Wenn ich erkenne, dass es bei irgend­einer Sache mehr zu erfahren gibt, bzw. sich irgend­welche Thesen als unschlüssig zeigen, möchte ich es genau wissen. Das hat dann mal mehr, mal weniger zeit­in­ten­siver Recherche zur Folge. Die »Todes­nacht in Stammheim« war extrem zeit­in­tensiv, gefühlt unendlich viele Stränge gab es zu unter­suchen. Da ich einen Job habe und hatte, konnte ich nur nach Fei­er­abend, am Wochenende und an freien Urlaubs­tagen daran arbeiten.

Wie gingen Sie bei Ihrer Recherche vor?
Helge Lehmann: Da es keine Schemata gibt, begann ich logi­scher­weise am Kern­punkt. Der Todes­nacht selbst, sowie dem Auf­finden der Toten und der ver­letzten Irmgard Möller. Schritt für Schritt sam­melte ich Daten, holte mir in den ver­schie­denen Archiven ver­fügbare Akten und glich diese mit dem bereits vor­han­denen Buch­ma­terial und dem Internet ab. So gelangte ich Schritt für Schritt voran und baute um die Todes­nacht die Geschichte immer weiter aus. Dazu habe ich prak­tische Unter­su­chungen unter­nommen, wie bei­spiels­weise die Laut­stärke der Schüsse, um die Wider­sprüche auf­zu­zeigen.

Unmit­telbar nach der Todes­nacht von Stammheim bezwei­felte ein großer Teil der Linken die Selbst­mord­these. Ein Inter­na­tio­naler Unter­su­chungs­aus­schuss ver­suchte Auf­klärung. Haben Sie sich auf dessen Arbeit stützen können?
Helge Lehmann: Solche Unter­su­chungen habe ich im Nachgang mit meinen Recherchen abge­glichen. Hätte ich diese als Grundlage genommen, wäre ich in meiner Aus­ar­beitung beein­flusst worden. Das hätte ich als keine gute Her­an­ge­hens­weise gesehen.

Wahr­schein­lichkeit des Schmuggels meh­rerer Waffen gleich null

Sie haben sich aus­giebig mit dem behaup­teten Waf­fen­schmuggel in das Gefängnis und dem angeb­lichen geheimen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­system der Stamm­heimer Häft­linge aus­ein­an­der­ge­setzt. Zu welchem Resultat kommen Sie da
?
Helge Lehmann: Nach meinen Unter­su­chungen, jeweils mit einem Ver­suchs­aufbau, komme ich zu dem Ergebnis, dass der Waf­fen­schmuggel nur möglich gewesen sein kann, wenn die unter­su­chenden Beamten grob fahr­lässig und dilet­tan­tisch gear­beitet hätten. Da sich die Beamten bei einem Waf­fen­schmuggel selbst in Gefahr gebracht hätten und da es vor jeder Durch­su­chung intensive Vor­be­rei­tungen gab, erscheint mir die Wahr­schein­lichkeit des Schmuggels meh­rerer Waffen und Patronen sowie eine Koch­platte und anderer Gegen­stände gleich null.

Wo sehen Sie einen wei­teren zen­tralen Wider­spruch in der offi­zi­ellen Version der Stamm­heimer Todes­nacht?
Auch der Ver­suchs­aufbau der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­anlage, mit der sich die Gefan­genen laut der offi­zi­ellen Version zum Selbstmord ver­ab­redet haben, zeigt deutlich, dass mit dem in den Zellen vor­han­denen Material eine solche Anlage spä­testens ab dem Beginn der Kon­takt­sperre der Stammheim-Häft­linge nach der Schleyer-Ent­führung nicht auf­gebaut werden konnte.

Ein »Indi­zi­en­prozess« gegen die offi­zielle Version

Sie schreiben, dass ihre Unter­su­chungen die Form »eines Indi­zi­en­pro­zesses« gegen die offi­zielle Version ange­nommen hat. Wollen Sie damit zum Aus­druck bringen, dass sie keine Beweise haben?
Helge Lehmann: In der Recht­spre­chung ist ein Beweis mehr als ein Indiz, die Summe der Indizien kann als Beweis gelten. Natürlich habe ich keinen Beweis. Ich war nicht dabei, keiner der betei­ligten Beamten hat sich dahin­gehend geäußert. Jedes Gericht würde auf­grund dieser Indi­zi­enlage das Ergebnis Selbstmord nicht als das tat­säch­liche zwei­fels­freie Ergebnis sehen.

Waren Sie über die öffent­lichen Reak­tionen auf Ihr Buch ent­täuscht? Schließlich wird es im Jubi­läums-Jahr kaum erwähnt und selbst in linken Zei­tungen wird die Selbst­mord­these kaum in Frage gestellt.
Helge Lehmann: Nein war ich nicht. Genauer gesagt habe ich damit gerechnet. Die Sieger schreiben die Geschichte.

Aber auch der ehe­malige RAF-Gefangene Karl-Heinz Dellwo[11], der heute als linker Verleger[12] und Aktivist[13] tätig ist, erklärte später, die RAF-Gefan­genen hätten über einen Selbstmord als selbst­be­stimmten Akt, um sich der staat­lichen Ver­folgung zu ent­ziehen, gesprochen. Würde die offi­zielle Version zumindest im Grunde gestützt?
Helge Lehmann: Seine Dar­stellung widerlegt die von mir offen­ge­legten Indizien und Wider­sprüche nicht.

Könnten die von Ihnen unter­suchten Wider­sprüche nicht auch darauf hin­weisen, dass ein Selbstmord unter staat­licher Auf­sicht damit ver­schleiert wurde? Ein Bei­spiel, die schon immer stark bezwei­felte Art des angeb­lichen Waf­fen­schmuggels könnte ver­schleiern, dass die Waffen mit Wissen staat­licher Stellen ins Gefängnis gelangt sind?
Helge Lehmann: Ich beteilige mich nicht an Spe­ku­la­tionen. Ich kann nur auf die in meinem Buch vor­ge­legten Indi­zi­en­punkte hin­weisen. Warum löste keiner die benannten Wider­sprüche auf oder ver­sucht, diese zu erklären?
Gehen Sie davon aus, dass es noch eine Auf­klärung der Todes­um­stände in Stammheim geben wird? Welche poli­ti­schen Folgen hätte das?
Helge Lehmann: Das ist nicht absehbar. Das bis­herige Interesse an der Auf­klärung hält sich ja in Grenzen. Dis­kus­sionen sind wichtig, um das ganze Thema zu ver­stehen. Es wäre aller­dings nötig, dass sich mehr Men­schen für das Thema inter­es­sieren beginnen. Viel­leicht kann der Tatort, den ich sehr gelungen fand, dazu bei­tragen.

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Peter Nowak
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[1] http://​www​.ard​me​diathek​.de/​t​v​/​T​a​t​o​r​t​/​D​e​r​-​r​o​t​e​-​S​c​h​a​t​t​e​n​/​D​a​s​-​E​r​s​t​e​/​V​i​d​e​o​?​b​c​a​s​t​I​d​=​6​0​2​9​1​6​&​d​o​c​u​m​e​n​t​I​d​=​4​6​9​60636
[2] http://​www​.bild​.de/​u​n​t​e​r​h​a​l​t​u​n​g​/​t​v​/​t​a​t​o​r​t​/​w​a​r​u​m​-​d​i​e​s​e​r​-​k​r​i​m​i​-​u​n​e​r​t​r​a​e​g​l​i​c​h​-​i​s​t​-​5​3​5​4​8​2​5​0​.​b​i​l​d​.html
[3] https://​www​.der​westen​.de/​k​u​l​t​u​r​/​f​e​r​n​s​e​h​e​n​/​g​e​f​a​e​h​r​l​i​c​h​e​r​-​u​n​s​i​n​n​-​s​t​e​f​a​n​-​a​u​s​t​-​k​r​i​t​i​s​i​e​r​t​-​r​a​f​-​t​a​t​o​r​t​-​i​d​2​1​2​2​5​2​2​3​9​.html
[4] https://​www​.boell​.de/​d​e​/​s​t​i​f​t​u​n​g​/​h​e​i​n​r​i​c​h​-​boell
[5] http://​www​.deutsch​landfunk​.de/​r​a​f​-​t​a​t​o​r​t​-​w​i​l​l​i​-​w​i​n​k​l​e​r​-​w​e​i​s​t​-​a​u​s​t​-​v​o​r​w​u​e​r​f​e​-​z​u​r​u​e​c​k​.​2​8​4​9​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​n​:​n​e​w​s​_​i​d​=​8​04556
[6] http://​www​.deutsch​landfunk​.de/​k​r​i​t​i​k​-​a​m​-​r​a​f​-​t​a​t​o​r​t​-​d​i​e​-​z​u​s​c​h​a​u​e​r​-​s​i​n​d​-​e​i​n​f​a​c​h​-​g​e​s​c​h​e​i​t​e​r​.​2​9​0​7​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​98352
[7] http://​www​.deutsch​landfunk​.de/​k​r​i​t​i​k​-​a​m​-​r​a​f​-​t​a​t​o​r​t​-​d​i​e​-​z​u​s​c​h​a​u​e​r​-​s​i​n​d​-​e​i​n​f​a​c​h​-​g​e​s​c​h​e​i​t​e​r​.​2​9​0​7​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​98352
[8] http://​www​.deutsch​landfunk​.de/​k​r​i​t​i​k​-​a​m​-​r​a​f​-​t​a​t​o​r​t​-​d​i​e​-​z​u​s​c​h​a​u​e​r​-​s​i​n​d​-​e​i​n​f​a​c​h​-​g​e​s​c​h​e​i​t​e​r​.​2​9​0​7​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​98352
[9] http://​www​.todes​nacht​.com/
[10] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​D​i​e​-​T​o​d​e​s​n​a​c​h​t​-​i​n​-​S​t​a​m​m​h​e​i​m​-​3​3​9​2​2​9​1​.html
[11] http://​www​.3sat​.de/​p​a​g​e​/​?​s​o​u​r​c​e​=​/​k​u​l​t​u​r​z​e​i​t​/​t​h​e​m​e​n​/​1​4​4​5​2​4​/​i​n​d​e​x​.html
[12] http://​www​.taz​.de/​!​5​1​17792
[13] https://​www​.g20hamburg​.org/​d​e​/​c​o​n​t​e​n​t​/​z​u​m​-​r​i​o​t​-​i​m​-​s​c​h​a​n​z​e​n​v​i​e​r​t​e​l​-​n​i​c​h​t​-​d​i​s​t​a​n​z​ieren

Immer noch nicht alle Unklarheiten beseitigt


Helge Lehmann zu seiner Unter­su­chung, die die offi­zielle Todes­version der RAF-Gefan­genen Baader, Ensslin und Raspe infrage stellt

Warum bezweifeln Sie noch immer, dass die RAF-Gefan­genen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe Selbstmord verübt haben?

Meine Zweifel rühren von meiner Recherche, die ich zu den Todes­um­ständen ange­stellt haben. Zahl­reiche Punkte sind unge­klärt oder wurden nicht in die Unter­su­chung des Todes­er­mitt­lungs­ver­fahrens auf­ge­nommen. Die Indizien, die ich in meinem Buch dar­stellte, hat mir bisher niemand widerlegt.

Als anfangs unpo­li­ti­scher Mensch, wie Sie sich beschrieben, recher­chierten Sie vier Jahre für Ihr Buch. Wieso nahmen Sie sich die Zeit?

Wenn ich erkenne, dass es bei irgend­einer Sache mehr zu erfahren gibt, möchte ich es genau wissen. Das ist dann mit mal mehr, mal weniger zeit­in­ten­siver Recherche ver­bunden. Die Recherche zur Todes­nacht in Stammheim war extrem zeit­auf­wendig, weil so viele unter­schied­liche Stränge unter­sucht werden mussten. Da ich einen Job als IT-Spe­zialist habe, konnte ich nur nach Fei­er­abend und an freien Tagen daran arbeiten.

Wie recher­chierten Sie?

Da es keine Schemata gibt, begann ich logi­scher­weise am Kern­punkt. Das war die Todes­nacht selbst sowie das Auf­finden der Toten und der ver­letzten Irmgard Möller. Schritt für Schritt sam­melte ich Daten, holte mir in den ver­schie­denen Archiven ver­fügbare Akten und glich diese mit dem bereits vor­han­denen Buch­ma­terial und Infor­ma­tionen aus dem Internet ab. So gelangte ich voran und baute um die Todes­nacht die Geschichte immer weiter aus. Dazu stellte ich prak­tische Unter­su­chungen an, bei­spiels­weise, um die Laut­stärke der Schüsse zu ermitteln.

Sie beschäf­tigten sich aus­giebig mit dem behaup­teten Waf­fen­schmuggel und dem angeb­lichen geheimen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­system der Häft­linge. Mit welchem Resultat?

Nach meinen Unter­su­chungen komme ich zu dem Ergebnis, dass der Waf­fen­schmuggel nur möglich gewesen sein kann, wenn die unter­su­chenden Beamt_​innen grob fahr­lässig und dilet­tan­tisch gear­beitet hätten. Da sie sich bei einem Waf­fen­schmuggel selbst in Gefahr gebracht hätten und da es vor jeder Durch­su­chung intensive Vor­be­rei­tungen gab, bewerte ich die Wahr­schein­lichkeit, dass mehrere Waffen und Patronen in das Gefängnis geschmuggelt wurden, als gleich null.

Warum ist die Frage, ob das geheime Kom­mu­ni­ka­ti­ons­system zwi­schen den Häft­lingen funk­tio­niert hat, für die Todes­nacht so wichtig?

Nach der offi­zi­ellen Version sollen sie mittels dieses Kom­mu­ni­ka­ti­ons­systems von der Stürmung der von einem paläs­ti­nen­si­schen Kom­mando ent­führten Landshut-Maschine erfahren haben. Danach sollen sie damit den Selbstmord ver­ab­redet haben.

Wo sehen Sie weitere ekla­tante Wider­sprüche zur offi­zi­ellen Version?

Mein Ver­suchs­aufbau der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­anlage zeigt, dass mit dem in den Zellen vor­han­denen Material eine solche Anlage, mit dem sich die Gefan­genen unter­ein­ander hätten ver­stän­digen können, spä­testens ab dem Zeit­punkt der Kon­takt­sperre nicht auf­gebaut werden konnte.

Einige ehe­malige Gefangene wie Karl-Heinz Dellwo sagten später, sie hätten über einen Selbstmord als Akt, sich der staat­lichen Ver­folgung zu ent­ziehen, gesprochen.

Die Dar­stellung widerlegt die in meinem Buch vor­ge­legten Indizien nicht.

Könnten die von Ihnen unter­suchten Wider­sprüche nicht auch darauf hin­weisen, dass ein Selbstmord unter staat­licher Auf­sicht damit ver­schleiert wurde?

Ich will mich an keinen Spe­ku­la­tionen betei­ligen. Wie oben erwähnt, hätten die unter­schied­lichen Gefängnisbeamt_​innen sich selbst in Gefahr gebracht. Ich meine damit die­je­nigen, die die regel­mä­ßigen Zel­len­durch­su­chungen und auch die Lei­bes­vi­si­ta­tionen der Gefan­genen nach den Anwalts­be­suchen durch­führten. Ich kann nur auf die in meinem Buch vor­ge­legten Indi­zi­en­punkte hin­weisen. Warum löste niemand diese Punkte auf oder ver­sucht sie zumindest zu erklären?

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​6​7​2​1​3​.​r​o​t​e​-​a​r​m​e​e​-​f​r​a​k​t​i​o​n​-​i​m​m​e​r​-​n​o​c​h​-​n​i​c​h​t​-​a​l​l​e​-​u​n​k​l​a​r​h​e​i​t​e​n​-​b​e​s​e​i​t​i​g​t​.html

Peter Nowak

Was aus einem Organ der Gegenöffentlichkeit geworden ist

Der Wandel eines Begriffes in der taz
„Behörden können nicht zu hundert Prozent aus­schließen, dass die Fal­schen bei ihnen anheuern; sie können Sach­be­ar­beiter nicht unter Gene­ral­ver­dacht stellen, weil sie auf Facebook in fremden Sprachen schreiben. Sie können Mit­ar­beiter in sen­siblen Bereichen aber durch eine Sicher­heits­über­prüfung schicken und ihre Daten mit Erkennt­nissen von Polizei, Ver­fas­sungs­schutz und BND abgleichen. Ist das in diesem Fall pas­siert? Gab es keine Treffer? Warum nicht?“
Eigentlich erwartet man einen solchen Kom­mentar bei Springers „Welt“ oder einer anderen kon­ser­va­tiven Zeitung, die immer für mehr Über­wa­chung und Daten­spei­cherung ein­tritt. Doch die zitierten Zeilen stammen aus einem Kom­mentar aus der öko­lo­gisch-libe­ralen Tages­zeitung (taz) vom 11. August 2017.

Ver­fasst hat ihn Tobias Schulze, der Innen­po­litik-Redakteur des Blattes. Die taz hat an diesem Tag mit einer beson­deren Ent­hüllung aufgemacht.Unter der Über­schrift „Der Kom­munist im Bun­desamt“ wurde einer der wenigen Mit­ar­beiter mit nicht­deut­schem Hin­ter­grund im Bun­desamt für Migration und Flücht­linge (BAMF) an den Pranger gestellt. Der Mann stammt aus Vietnam, hat in der DDR gelebt und war nach 1989 in den Staats­dienst über­nommen worden. Er hat sich in Deutschland nicht poli­tisch betätigt, aller­dings wurde er in viet­na­me­si­schen Medien als Pro­pa­gandist des viet­na­me­si­schen Regimes zitiert. Nun muss man weder mit BAMF-Mit­ar­bei­ter_innen im All­ge­meinen noch mit Propago- nist_​innen des viet­na­me­si­schen Staats­ka­pi­ta­lismus besondere Sym­pathie haben, um sich von einer taz-Bericht­erstattung zu distan­zieren, die aus­ge­rechnet diesen Mit­ar­beiter dif­fa­miert und zur Über­wa­chung und letzt- lich zum Berufs­verbot gegen ihn aufruft. Dabei wäre es rich- tig, die Au ösung des BAMF zu fordern, als Behörde, die Men­schen auf Grund von Pässen und Her­kunft an der Ein­reise hindert. Eine solche For­derung wird man aber in der taz heute ver­geblich suchen.
Dabei ist diese Zeitung einst alsein Organ der Gegen­öf­fent­lichkeit gegründet worden, um das zu berichten, was ein Großteil der Medien ver­schwiegen hat.

Gegen­öf­fent­lichkeit heute in der BRD nicht mehr not­wendig?

Am 24./25. Mai 2017 erschien die taz mit einer Son­der­beilage zur Gegen­öf­fent­lichkeit und dem Motto „Gegen den Strom“. Dort schreibt der taz-Kom­men­tator Jan Fed­dersen, dass eine Gegen­öf­fent­lichkeit, wie vor 50 Jahren, heute in Deutschland nicht mehr not­wendig sei. Nur manchmal solle die außer­par­la­men­ta­rische Bewegung den Herr­schenden auf die Finger gucken, ansonsten sei kon­struk-tives Mit­machen die Devise. Gegen­öf­fent­lichkeit hin­gegen brauche es in den Ländern, die der deutsche Impe­ria­lismus so- wieso schon auf der Abschuss­liste hat.
„Poli­tisch ist eine bessere Welt nur durch stete, auch ner­venauf-rei­bende Arbeit zu haben – in den demo­kra­ti­schen Insti­tu­tionen. Die Straße als Gegen­öf­fent­lichkeit ist wei­terhin not­wendig: Auch, um rechten Demons­tra­tionen zu signa­li­sieren, dass sie als Anti­de­mo­kraten jederzeit mit Gegenwehr einer bunten oder kon­ser­vativ gesinnten oder linken Gesell­schaft zu rechnen haben”, schreibt Fed­dersen. Wenn man die Bei­träge der­Son­der­ausgabe durch­blättert, kommt man zu dem Ein­druck, Gegen­öf­fent­lichkeit wäre nur noch in der Türkei, in Russland und in den USA unter Trump nötig. Da darf natürlich mit Boris Schu­matsky auch ein Mann nicht fehlen, der in seinem Artikel die Sowjet­union zum Reich des Bösen im Stile des Kalten Krieges erklärt und gleich einen großen Teil der Linken im We- sten als „Lügen­ver­steher“ diffamiert.Der sowje­tische Star­dis­sident Alex­ander Sol­schez­nizyn und der spätere tsche­chische Prä­sident Vaclav Havel werden hin­gegen als Men­schen ver­klärt, die „in Wahrheit leben wollten“. Ein solcher Beitrag in einer Zeitung, die sich der Gegen­öf­fent­lichkeit widmet, kann eigentlich nur als unfrei­willige Parodie ver­standen werden.Ein Teil der Men­schen, die in der BRD und anderen Staaten vor 50 Jahren für Gegen­öffent- lichkeit kämpften, werden mas- siv dif­fa­miert, weil sie die „freie Welt“, einen Begriff, den Schu- matsky völlig ohneI­ronie ver­wendet, nicht für die beste aller Welten gehalten haben und noch immer nicht halten.

Wie in einer Beilage zur Gegen­öf­fent­lichkeit linke Geschichte retu­schiert wird

Ein zen­traler Impuls für den Kampf um Gegen­öf­fent­lichkeit, der schließlich zur Gründung neuer Zei­tungs­pro­jekte führte, von denen die taz über­lebte, war die massive staat­liche Repression, mit der alle Ver­suche behindert wurden, die Todes­um­stände der Stamm­heimer Häft­linge aus der RAF jen­seits der of ziellen Selbst­mord­these zu unter­suchen. Dieses Anliegen teilten damals auch viele Linke, die nie Sym­pa­thien mit der RAF oder mit dem bewaff­neten Kampf ins­gesamt hatten.Sie gerieten im soge­nannten Deut­schen Herbst, der mehrere Jahre dauerte, genauso ins Visier staat­licher Repres­si­ons­organe wie mili­tante Linke.Erinnert sei nur an die Repres­si­ons­welle gegen Drucker_​innen und Buchhändler_​innen, die den„Mescalero-Aufruf“ ver­brei­teten (1). Dort übte nach dem Attentat auf Gene­ral­bun­des­anwalt Buback ein damals anonymer Autor Kritik an der RAF aber auch an Buback und dem Staat. Der Aufruf wurde von den staat­lichen Instanzen als Ter­ror­ver­herr­li­chung bewertet und war Anlass einer mas­siven Verfolgungswelle.Viele Medien der Gegen­öf­fent­lichkeit, wie auch die Gras­wur­zel­re­vo­lution, wurden 1977 kri­mi­na­li­siert, weil sie den Sponti-Text des Göt­tinger Mes­calero doku­men­tiert hatten. Davon waren auch Hoch­schul- ASten und Intel­lek­tuelle wie der Göt­tinger Pro­fessor Peter Brückner betroffen, die dafür ein­traten, dass der Mes­calero-Text ver­öf­fent­licht und dis­ku­tiert werden kann.
Die zahl­reichen Wider­sprüche und Unge­reimt­heiten an der of ziellen Version der Stamm­heimer Todes­nacht würden auch 40 Jahre später noch genügend Anlass für kri­tische Nach­fragen geben. Obwohl viele dieser Wider­sprüche bis heute unge­klärt. sind, wie Helge Lehmann in seinem 2011 ver­öf­fent­lichten Buch „Die Todes­nacht von Stammheim“ deutlich machte, wird darauf in der taz-Beilage mit keinem Wort ein­ge­gangen. Vielmehr wird die einst umkämpfte staat­liche Version, dass die Gefan­genen Selbstmord ver­übten, kom­men­tarlos über­nommen.

taz und die Ver­trie­benen aus Thü­ringen
Es ist auch nicht zu erwarten, dass die taz zum aktu­ellen Stammheim-Jubiläum die Todes­um­stände noch einmal kri­tisch hin­ter­fragt. Dafür werden wir im taz-Feuil­leton vom 14.8.2017 mit einer beson­deren Art von alter­na­tiven Wahr­heiten beglückt. Anlässlich der Bespre­chung eines Lyrik­bands von Jürgen Becker erfahren wir vom Rezen­senten Eberhard Geisler erstaunliches:„Jürgen Becker drängen sich auch heute noch Erin­ne­rungen an die Zeit des Zweiten Welt­kriegs auf, als die Rote Armee ein­mar­schierte und die Familie des künf­tigen Dichters aus Thü ringen ver­trieben wurde“.Nun kann es viele Gründe ge- ben, vor der Roten Armee zu iehen. Wenn aber 1945 in Deutsch­land­jemand ieht, als die Rote Armee als Teil der Anti- Hitler-Koalition das NS-Régime zer­schlagen hat, was der Autor ver­schweigt, dann drängt sich zuerst die Frage auf, wo war der die Jahre davor war und was er in NS-Deutschland gemacht hat. Dass die Rote Armee aber Leute aus Thü­ringen ver­trieben hat, ist eine alter­native Nach­richt, auf die noch nicht mal die Ver­trie­be­nen­or­ga­ni­sa­tionen gekommen sind. Darauf konnte wohl nur die taz kommen.

aus: sep­tember 2017/421 gras­wur­zel­re­vo­lution 17
medien & kritik

Peter Nowak

Sie waren keine Duckmäuse

Opfer der west­deut­schen Berufs­verbote for­derten in Berlin Gerech­tigkeit. Die mediale Öffent­lichkeit nimmt es nicht zur Kenntnis

»Marianne Grossmann Mönch, Berufs­verbot 1975 – 1991 Pforzheim« steht auf dem Schild, das sich die Frau umge­hängt hat. Neben ihr gehen 19 weitere Männer und Frauen mit ähn­lichen Schildern. Auf ihren Spa­ziergang vom Pots­damer Platz zum Bran­den­burger Tor, eine Demons­tration war in der Bann­meile nicht genehmigt worden, tragen sie Schilder um den Hals, auf denen sie darüber infor­mierten, wie viele Jahre sie ihren Beruf nicht ausüben konnten.

Die meisten waren Leh­re­rinnen und Lehrer, aber auch Sozi­al­ar­beiter, Eisen­bahner und Brief­träger gerieten in die Mühle des soge­nannten Radi­ka­len­er­lasses. Er war vor 45 Jahren unter Vorsitz des dama­ligen SPD-Bun­des­kanzlers Willi Brandt von der Kon­ferenz der Minis­ter­prä­si­denten in der BRD beschlossen worden[1], um Linke aus dem Staats­dienst fern­zu­halten.


Gigan­tische Gesin­nungs­schnüf­felei

Die kon­kreten Gründe waren unter­schiedlich. Manche waren Mit­glieder der DKP oder enga­gierten sich in linken Stu­den­ten­or­ga­ni­sa­tionen. Manche gerieten auch ins Visier der Staats­macht, weil sie in einer linken Wohn­ge­mein­schaft lebten oder sich an Demons­tra­tionen betei­ligten. »Was folgte war eine gigan­tische Gesin­nungs­schnüf­felei«, sagte Klaus Lipps, einer der vom Berufs­verbot betrof­fenen Lehrer. Über 3,5 Mil­lionen Men­schen sind vom Ver­fas­sungs­schutz akri­bisch durch­leuchtet worden. Etwa 11.000 Berufs­ver­bots­ver­fahren wurden ein­ge­leitet.

Am 1. Juni 2017 for­derte die Dele­gation von 20 Betrof­fenen von der in Berlin tagenden Minis­ter­prä­si­den­ten­kon­ferenz nach vier Jahr­zehnten ihre Reha­bi­li­tierung, eine per­sön­liche Ent­schul­digung für das erlittene Unrecht und eine finan­zielle Ent­schä­digung. »Wir hatten alle durch die Berufs­verbote Ver­dienst­aus­fälle und wir bekommen dem­entspre­chend auch eine geringere Rente«, erklärt Marianne Grossmann-Mönch. Sie konnte sich nach vielen Jahren gerichtlich in ihren Leh­re­rin­nen­beruf ein­klagen.

Andere wech­selten das Bun­desland, um in ihrem Beruf arbeiten zu können und pro­fi­tierten davon, dass Bil­dungs­po­litik Län­der­sache ist. So konnte in Hamburg als Lehrer unter­richten, wer in Nie­der­sachsen abge­lehnt worden war. Zur Ber­liner Dele­gation gehörte auch Silvia Gingold. Die Tochter jüdi­scher Kom­mu­nisten wird seit über 50 Jahren bis heute vom Ver­fas­sungs­schutz beobachtet[2]. Deshalb for­derte die Dele­gation auf ihrem Protest-Spa­ziergang durch das Regie­rungs­viertel auf einem großen Trans­parent die Auf­lösung sämt­licher Geheim­dienste.

Der kleine Umzug endete vor dem Bran­den­burger Tor. Die meisten der vor allem jungen Men­schen dort hatten noch nie von den Berufs­ver­boten in West­deutschland gehört und bekamen so Infor­ma­tionen aus erster Hand. Denn anders als die Men­schen­rechts­ver­let­zungen in der DDR wird über Grund­rechts­ein­schrän­kungen in der BRD wenig berichtet.

Den Betrof­fenen stehen auch weder finan­zielle oder orga­ni­sa­to­rische Mittel zur Ver­fügung, um auf die noch immer anhal­tende Ver­letzung ihrer Rechte auf­merksam zu machen. Sie müssen die Mappen selber anfer­tigen, mit denen sie die Öffent­lichkeit infor­mieren. Auch eine zen­trale Kam­pa­gnen­homepage fehlt noch. Dafür gibt es eine sehr infor­mative Wanderausstellung[3] unter dem Titel »Ver­gessene Geschichte«, die sich auch an die junge Generation wendet, die von Berufs­ver­boten in der BRD noch nichts gehört haben.

Es wäre zu wün­schen, dass über diese Aus­stellung auch ein Dialog zwi­schen den Opfern von Men­schen­rechts­ver­let­zungen in der DDR und in der BRD zustande kommt. Schließlich war die Expo­sition im Januar 2017 im Ber­liner Haus der Demo­kratie, das einst von DDR-Oppo­si­tio­nellen gegründet wurde, zu sehen[4]. Durch einen solchen Dialog könnte endlich mal die Ver­letzung der Men­schen­rechte auf einer gesamt­deut­schen Ebene dis­ku­tiert werden.

Als das Wort Berufs­verbot einen inter­na­tio­nalen Klang hatte

Es gab aller­dings einmal eine Zeit, in der der Kampf gegen die Berufs­verbote ein Thema wurde, das nicht nur in der BRD, sondern auch im euro­päi­schen Ausland für Auf­merk­samkeit sorgte. Das Wort »Berufs­verbot« ging wie Blitz­krieg, Autobahn und Kin­der­garten in den Wort­schatz von Fran­zosen und Briten ein.

Die pfiffige Duckmaus[5] als Anti-Symbol der Kam­pagne war in den 1980er Jahren ein Erken­nungs­zeichen für eine kri­tische Linke. Das Russel-Tri­bunal unter­suchte die Praxis der west­deut­schen Berufs­verbote kritisch[6]. Dabei geriet es selber in den Fokus staat­licher Repression.

Die Dele­gation der Berufs­ver­bots­opfer machte nun im Jahr 2017 deutlich, dass sie auch heute keine Duck­mäuse geworden sind. Unter­stützt bekommen sie von einigen Gewerk­schaften wie der GEW[7]. Den Medien war die Aktion aller­dings keine Zeile wert.

Berufs­ver­bots­opfer und die feh­lende Gegen­öf­fent­lichkeit

Auch die Taz ver­schwieg die Aktion. Dabei ist diese Zeitung einst als Organ der Gegen­öf­fent­lichkeit gegründet worden, um das zu berichten, was ein Großteil der Medien ver­schwiegen hat. Kürzlich erschien die Taz mit einer Son­der­beilage zur Gegenöffentlichkeit[8].

Dort schreibt Jan Feddersen[9], dass die eine Gegen­öf­fent­lichkeit, wie vor 50 Jahren heute in Deutschland nicht mehr not­wendig ist. Nur manchmal sollte die außer­par­la­men­ta­rische Bewegung den Herr­schenden auf die Finger gucken, ansonsten ist kon­struk­tives Mit­machen die Devise. Gegen­öf­fent­lichkeit hin­gegen brauche es in den Ländern, die der deutsche Impe­ria­lismus sowieso schon auf der Abschuss­liste hat. Was nötig ist, das zeigte sich auch der Demo wieder.

»Poli­tisch ist eine bessere Welt nur durch stete, auch ner­ven­auf­rei­bende Arbeit zu haben – in den demo­kra­ti­schen Insti­tu­tionen. Die Straße als Gegen­öf­fent­lichkeit ist wei­terhin not­wendig: Auch, um rechten Demons­tra­tionen zu signa­li­sieren, dass sie als Anti­de­mo­kraten jederzeit mit Gegenwehr einer bunten oder kon­ser­vativ gesinnten oder linken Gesell­schaft zu rechnen haben«, schreibt Fed­dersen.

Wenn man die Bei­träge der Son­der­ausgabe durch­blättert, kommt man zu dem Ein­druck, Gegen­öf­fent­lichkeit wäre nur noch in der Türkei, in Russland in den USA unter Trump nötig. Da darf natürlich mit Boris Schu­matsky auch ein Mann nicht fehlen, der in seinem Artikel[10] die Sowjet­union zum Reich des Bösen im Stile des Kalten Krieges erklärt und gleich eine großen Teil der Linken im Westen als »Lügen­ver­steher« diffamiert[11].

Der sowje­tische Star­dis­sident Alex­ander Sol­schez­nizyn und der spätere tsche­chische Prä­sident Vaclav Havel werden hin­gegen als Men­schen ver­klärt, die »in Wahrheit leben wollten«. Ein solcher Beitrag in einer Zeitung, die sich der Gegen­öf­fent­lichkeit widmet, kann eigentlich nur als unfrei­willige Parodie ver­standen werden.

Ein Teil der Men­schen, die in der BRD und anderen Staaten vor 50 Jahren für Gegen­öf­fent­lichkeit kämpften, werden massiv dif­fa­miert, weil sie die freie Welt, einen Begriff, den Schu­matsky völlig ohne Ironie ver­wendet, nicht für die beste aller Welten gehalten haben und noch immer halten.

Die Men­schen, die am 1. Juni in Berlin gegen ihre Berufs­verbote auf die Straße gingen, gehören zu den von Schu­matsky dif­fa­mierten Men­schen. Ihnen ist in der Beilage kein Beitrag gewidmet, wie über­haupt auch die linke Geschichte der BRD dort arg retu­schiert wurde.

Wie in einer Beilage zur Gegen­öf­fent­lichkeit linke Geschichte retu­schiert wird

Ein zen­traler Impuls für den Kampf um Gegen­öf­fent­lichkeit, der schließlich zur Gründung neuer Zei­tungs­pro­jekte führte, von denen nur die Taz über­lebte, war die massive staat­liche Repression, mit der alle Ver­suche behindert wurden, die Todes­um­stände der Stamm­heimer Häft­linge aus der RAF jen­seits der offi­zi­ellen Selbst­mord­these zu unter­suchen.

Die zahl­reichen Wider­sprüche und Unge­reimt­heiten der offi­zi­ellen Version gaben dazu genügend Anlass. Obwohl viele dieser Wider­sprüche bis heute unge­klärt sind, wie Helge Lehmann[12] in einem Buch 2011 deutlich machte[13] wird darauf in der Beilage mit keinem Wort ein­ge­gangen. Vielmehr wird die einst umkämpfte staat­liche Version kom­men­tarlos über­nommen.

So ist es auch nicht ver­wun­derlich, dass in der Taz, dem Zei­tungs­projekt, das aus der Bewegung für Gegen­öf­fent­lichkeit her­vorging, die Initiative der Berufs­opfer ebenso igno­riert wurde wie vom großen Rest der Medien. Dabei war die Aktion der Men­schen, die gut lesbar mit ihren Namen in aller Öffent­lichkeit doku­men­tierten, wie ihre Rechte ver­letzt wurden, ein gutes Bei­spiel dafür, dass genau diese Gegen­öf­fent­lichkeit heute noch nötig und auch möglich ist.

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Peter Nowak
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[1] http://www.deutschlandfunk.de/vor-45-jahren-der-radikalenerlass-wird-verabschiedet.871.de.html?dram%3Aarticle_id=377468
[2] https://​www​.hna7​.de/​d​u​r​c​h​-​r​a​d​i​k​a​l​e​n​e​r​l​a​s​s​-​s​e​i​t​-​1​7​-​l​e​b​e​n​s​j​a​h​r​-​w​i​r​d​-​k​a​s​s​e​l​e​r​i​n​-​s​i​l​v​i​a​-​g​i​n​g​o​l​d​-​d​u​r​c​h​-​v​e​r​f​a​s​s​u​n​g​s​s​c​h​u​t​z​-​b​e​s​p​i​t​z​e​l​t​-​7​3​3​1​1​1​3​.html
[3] http://​www​.berufs​verbote​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​A​u​s​s​t​e​l​l​u​n​g​-​V​e​r​g​e​s​s​e​n​e​-​G​e​s​c​h​i​c​h​t​e​.html
[4] https://​de​-de​.facebook​.com/​h​d​d​u​m​/​p​o​s​t​s​/​1​3​6​5​5​9​0​3​6​6​8​2​5​658:0
[5] http://​www​.berufs​verbote​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​a​n​t​i​-​d​u​c​k​m​a​u​s​.html
[6] http://​www​.soci​al​histo​ry​portal​.org/​s​i​t​e​s​/​d​e​f​a​u​l​t​/​f​i​l​e​s​/​r​a​f​/​0​0​1​9​7​7​0​2​0​0​_​0.pdf
[7] https://​www​.gew​-nrw​.de/​m​e​l​d​u​n​g​e​n​/​d​e​t​a​i​l​-​m​e​l​d​u​n​g​e​n​/​n​e​w​s​/​4​5​-​j​a​h​r​e​-​r​a​d​i​k​a​l​e​n​e​r​l​a​s​s​-​p​o​l​i​t​i​k​-​m​u​s​s​-​h​a​n​d​e​l​n​.html
[8] http://​www​.taz​.de/​2​2​0​5​2​0​1​7​/​!​1​6​4351/
[9] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​0​4115/
[10] https://​www​.taz​.de/​B​o​r​i​s​-​S​c​h​u​m​a​t​s​k​y​/​!​a​3​8962/
[11] https://​www​.taz​.de/​A​r​c​h​i​v​-​S​u​c​h​e​/​!​5​4​0​7​1​4​5​&​s​=​&​S​u​c​h​R​a​h​m​e​n​=​P​rint/
[12] http://​www​.todes​nacht​.com
[13] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​D​i​e​-​T​o​d​e​s​n​a​c​h​t​-​i​n​-​S​t​a​m​m​h​e​i​m​-​3​3​9​2​2​9​1​.html

Ungeklärte Umstände

Bei der Staats­an­walt­schaft Stuttgart wurde ein Antrag zur Wie­der­auf­nahme des Ermitt­lungs­ver­fahrens zur soge­nannten Todes­nacht von Stammheim gestellt.

Am 18. Oktober jährte sich zum 35. Mal der Tag, an dem die RAF-Mit­glieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe tot und Irmgard Möller schwer ver­letzt in ihren Zellen im Hoch­si­cher­heits­ge­fängnis Stuttgart-Stammheim auf­gefunden wurden. Jah­relang gab es in der Linken starke Zweifel an der offi­zi­ellen Version vom Selbstmord, auf Kon­gressen und bei Demons­tra­tionen wurden diese Zweifel öffentlich gemacht. Aller­dings ist der Kreis der­je­nigen, die sich für die Todes­um­stände der RAF-Gefan­genen inter­es­sieren, in den ver­gan­genen Jahren kleiner geworden. Das liegt auch daran, dass nach mehr als drei Jahr­zehnten zumindest viele Jüngere Stammheim eher mit einer Dis­kothek in Nord­hessen als mit einem Hoch­si­cher­heits­ge­fängnis am Rand von Stuttgart asso­zi­ieren. Das könnte sich ändern. Denn in diesem Jahr waren es keine Ver­treter der radi­kalen Linken, sondern der Buch­autor Helge Lehmann und Gott­fried Ensslin, der Bruder von Gudrun Ensslin, die für Medi­en­öf­fent­lichkeit zum Jah­restag sorgten.

Pünktlich zum 18. Oktober bean­tragten sie bei der Staats­an­walt­schaft Stuttgart die Neu­auf­nahme des Ermitt­lungs­ver­fahrens zum Tod der drei RAF-Gefan­genen. In ihrem Antrag werden ins­gesamt 32 Punkte auf­ge­listet, die auf Recherchen beruhen, die Lehmann für sein 2011 erschie­nenes Buch »Die Todes­nacht in Stammheim – eine Unter­su­chung« unter­nommen hat. Lehmann unterzog zahl­reiche der in der offi­zi­ellen Selbst­mord­version unhin­ter­fragten Annahmen einer Analyse, mit dem Ergebnis, viele seien unzu­treffend. Eine wich­tiger Rolle spielt dabei die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­anlage, mit der sich die Gefan­genen nach Ansicht der staat­lichen Ermittler über den Suizid ver­ständigt haben. Lehmann hat die Anlage nach­gebaut und dabei fest­ge­stellt, dass sie nicht habe funk­tio­nieren können. Auch die Frage des Waf­fen­trans­ports sei wei­terhin unge­klärt. Sowohl der Plat­ten­spieler in Baaders Zelle, der als Waf­fen­ver­steck gedient haben soll, als auch die Akten, mit denen sie von Anwälten ins Gefängnis geschmuggelt worden sein sollen, scheiden nach Leh­manns Unter­su­chungen aus. Weitere Punkte des Antrags beziehen sich auf die Tat­sache, dass keiner der in Stammheim Inhaf­tierten in der Todes­nacht einen Schuss gehört hat. Lehmann zufolge müsste die Laut­stärke eines ohne Schall­dämpfer abge­feu­erten Schusses jedoch erheblich gewesen sein. Ein Schall­dämpfer wurde aber nicht gefunden.

Mit einem Großteil dieser Punkte knüpfen die beiden Antrag­steller an Fragen an, die nach dem Tod der Gefan­genen bereits von Anwälten und Soli­da­ritäts- und Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen gestellt wurden. Sie sind auch in der Son­der­ausgabe der Ham­burger Zeit­schrift Arbei­ter­kampf von 1987 auf­ge­führt, die zum zehnten Jah­restag der Tode mit der Schlag­zeile auf­machte: »Wir glauben noch immer nicht an Selbstmord.«

Damals gab es eine Demons­tration in Stuttgart, die von schwer­be­waff­neter Polizei auf­gelöst wurde. In diesen Jahren wurden wegen zahl­reicher Publi­ka­tionen aus der radi­kalen Linken, die die Selbst­mord­these in Frage stellten, Ermitt­lungs­ver­fahren und Straf­pro­zesse ange­strengt. Nach der Auf­lösung der RAF und eines großen Teils ihres poli­ti­schen Umfelds ist der Ver­fol­gungs­druck geringer geworden. Seither hat sich ein Großteil der Linken, die Ende der acht­ziger Jahre wei­terhin nicht an Selbstmord glaubten, zumindest damit abge­funden, dass die Todes­um­stände unge­klärt bleiben. Man ging davon aus, dass es kaum noch zu neuen Erkennt­nissen kommen werde. Doch das könnte sich als Irrtum erweisen. Lehmann hat in den Antrag auch ein neues Indiz auf­ge­nommen, das die Zweifel an der offi­zi­ellen Version bekräftigt. Es handelt sich um ein ihm zuge­spieltes Ver­neh­mungs­pro­tokoll des Wach­be­amten Hans Springer, der in jener Nacht im siebten Stock von Stuttgart-Stammheim, wo die RAF-Gefan­genen unter­ge­bracht waren, Dienst hatte. Er sagte aus, er sei von einer für ihn nicht genau iden­ti­fi­zier­baren Person gegen 0.30 Uhr tele­fo­nisch von seinem Wach­posten abbe­rufen worden, um bis 3.30 Uhr in einer anderen Abteilung des Gefäng­nisses aus­zu­helfen. Ihm sei ver­sichert worden, dass die Bewa­chung der Gefan­genen in dieser Zeit gewähr­leistet sei. Sollten sich die Angaben bestä­tigen, dann wären in dem Zeitraum, in dem die Gefan­genen ums Leben kamen, unbe­kannte Per­sonen für die Bewa­chung zuständig gewesen. Das Pro­tokoll gehörte zu jenen Akten, die mit der Begründung, sie tan­gierten die Sicherheit der Bun­des­re­publik, immer noch geheim sind.

Mit Helge Lehmann beschäftigt sich nun jemand mit dem Tod von Baader, Ensslin und Raspe, der sich nicht an dem inner­linken Streit um die Todes­um­stände der RAF-Gefan­genen beteiligt hat. Dort ging es am Ende nicht mehr um neue Fakten, sondern lediglich um Bekennt­nisse.

Auf die Frage, welche Hypo­these er selber zur soge­nannten Todes­nacht habe, ant­wortete Lehmann beim Pres­se­ge­spräch anlässlich des Antrags zur Wie­der­auf­nahme des Ver­fahrens: »Nur eine, dass die offi­zielle Version in zen­tralen Punkten nicht stimmen kann.« Damit ver­meidet er Spe­ku­la­tionen, im Unter­schied zu anderen Autoren, die sich vor ihm kri­tisch mit den Todes­um­ständen beschäftigt haben. Dazu gehört der inzwi­schen ver­storbene Rechts­anwalt Karl-Heinz Wei­den­hammer, der das 1988 erschienene Buch »Selbstmord oder Mord. Das Todes­er­mitt­lungs­ver­fahren: Baader, Ensslin, Raspe« ver­fasst hat. Neben vielen Fakten, die er als am Ver­fahren betei­ligter Rechts­anwalt prä­sen­tierte, erging er sich auch in eigenen, nicht beleg­baren Speku­lationen über die Rolle aus­län­di­scher Geheim­dienste.

Lehmann hin­gegen kann hoffen, dass mitt­ler­weile ver­rentete Betei­ligte aus dem Sicher­heits­ap­parat ihr Wissen über die soge­nannte Todes­nacht nicht mit ins Grab nehmen wollen. Das ihm zuge­spielte Ver­neh­mungs­pro­tokoll ist ein Indiz dafür. Doch ob die Justiz den Fall noch einmal auf­greift, ist fraglich. Schließlich hat Helmut Schmidt, der zu dieser Zeit Bun­des­kanzler war, bereits 1979 in einem Interview gesagt: »Ich kann nur nach­träglich den deut­schen Juristen danken, dass sie das alles nicht ver­fas­sungs­rechtlich unter­sucht haben. Man kann nicht alles ­regeln.«
http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​2​/​4​3​/​4​6​4​6​3​.html
Peter Nowak

Todesnacht in Stammheim

35 Jahre sind ver­gangen, kri­tische Fragen bleiben
Am 18. Oktober jährt sich zum 35. Mal der Tag, an dem die RAF-Mit­glieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Raspe tot und Irmgard Möller schwer­ver­letzt in ihren Zellen in der Etage des Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nisses Stuttgart-Stammheim auf­ge­funden wurden. Jah­relang gab es in der Linken starke Zweifel an der offi­zi­ellen Selbst­mord­version.
Für Helge Lehmann sind sie bis heute nicht aus­ge­räumt. Er hatte vor einigen Monaten das Buch »Die Todes­nacht in Stammheim – Eine Unter­su­chung« her­aus­ge­bracht. Dazu hat er mehrere, der in der offi­zi­ellen Selbst­mord­version unhin­ter­fragten Fakten, wis­sen­schaftlich unter­sucht und kam zu dem Schluss, dass sie nicht stimmen konnten. Diese Unter­su­chungs­er­geb­nisse gingen in den Antrag zur Neu­auflage des Todes­er­mitt­lungs­ver­fahrens der drei RAF-Gefan­genen ein, den Lehmann gemeinsam mit Gott­fried Ensslin, dem Bruder von Gudrun Ensslin, am 18.Oktober in Berlin auf einer Pres­se­kon­ferenz vor­stelle.

Einen zen­tralen Stel­lenwert bei den 32 Punkten des Antrags nimmt die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­anlage ein, mit denen sich angeblich die Gefan­genen zum Selbstmord ver­ab­redet haben. Die aber hat nach Unter­su­chung von Lehmann tech­nisch nicht funk­tio­niert. Auch die Frage des Waf­fen­trans­ports nimmt einen großen Stel­lenwert ein. Sowohl der Plat­ten­spieler in Baaders Zelle, der angeblich als Waf­fen­ver­steck gedient haben soll, als auch die Akten, mit denen sie von Anwälten ins Gefängnis geschmuggelt worden sein sollen, scheiden nach seinen Unter­su­chungen aus. Ein neues Indiz, das Zweifel an der offi­zi­ellen Version erhöhte und Lehman erst vor einigen Wochen anonym zuge­spielt wurde, hat er der Pres­se­kon­ferenz erstmals öffentlich prä­sen­tiert. Es handelt sich um das Ver­neh­mungs­pro­tokoll von Hans Springer, der in der Todes­nacht in der siebten Etage von Stuttgart-Stammheim Dienst hatte. Er sagte aus, von einer für ihn nicht iden­ti­fi­zier­baren Person zwi­schen 0 Uhr und 3.30 Uhr tele­fo­nisch von seinen Wach­posten abbe­rufen worden zu sein. Ihm sei ver­si­chert worden, dass die Bewa­chung der Gefan­genen in dieser Zeit gewähr­leistet sei.

»Wir wissen nicht, was am morgen des 18.Oktober in den Zellen geschah, aber wir sind nach den Unter­su­chungen über­zeugt, dass die offi­zielle Version so nicht stimmen kann«, wies Gott­fried Ensslin Fragen nach eigenen Hypo­thesen zurück. Auch Lehmann ent­hielt sich ch jeg­licher Spe­ku­la­tionen, beharrt aber auf die Unter­su­chung der offenen Fragen. »Wenn sich dann ergibt, dass die offi­zielle Version stimmen sollte, wären zumindest alle Zweifel aus­ge­räumt«, betonte er. Er wies darauf hin, dass noch ein Großteil der Akten rund um die Todes­um­stände von Stammheim nicht frei­ge­geben seien, weil das Sicher­heits­in­teresse der BRD es nicht erlaub, so die offi­zielle Begründung.

Die innen­po­li­tische Spre­cherin der Fraktion der Linken im Bun­destag Ulla Jelpke, die die Pres­se­kon­ferenz mode­rierte, erin­nerte daran, dass es seit der Todes­nacht nicht nur bei der radi­kalen Linken sondern auch bei Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen im In- und Ausland und den Rechts­an­wälten der Gefan­genen große Zweifel an der offi­zi­ellen Version gegeben habe. Deshalb begrüßte sie es, dass nach mehr als drei Jahr­zehnten von einer neuen Generation kri­tische Fragen gestellt werden.
http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​8​0​1​6​6​6​.​t​o​d​e​s​n​a​c​h​t​-​i​n​-​s​t​a​m​m​h​e​i​m​.html
Peter Nowak

Neue Ermittlungen über die Todesumstände der RAF-Gefangenen gefordert

Das Ver­neh­mungs­pro­tokoll eines Wach­be­amten in Stammheim schürt Zweifel an der offi­zi­ellen Version

Am 18. Oktober jährt sich zum 35ten Mal der Tag, an dem die RAF-Mit­glieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Raspe tot und Irmgard Möller schwer­ver­letzt in ihren Zellen in der Etage des Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nisses Stuttgart-Stammheim auf­ge­funden wurden. Jah­relang gab es in der Linken starke Zweifel an der offi­zi­ellen Selbst­mord­version.

Für Helge Lehmann sind sie bis heute nicht aus­ge­räumt. Er hatte vor einigen Monaten das Buch Die Todes­nacht in Stammheim – Eine Unter­su­chung her­aus­ge­bracht. Dazu hat er mehrere der in der offi­zi­ellen Selbst­mord­version unhin­ter­fragten Fakten wis­sen­schaftlich unter­sucht und kam zu dem Schluss, dass sie nicht stimmen konnten.

Diese Unter­su­chungs­er­geb­nisse gingen in den Antrag zur Neu­auflage des Todes­er­mitt­lungs­ver­fahrens der drei RAF-Gefan­genen ein, den Lehmann gemeinsam mit Gott­fried Enssslin, dem Bruder von Gudrun Ensslin, am 18.Oktober in Berlin auf einer Pres­se­kon­ferenz vor­stellte.

Einen zen­tralen Stel­lenwert bei den 32 Punkten des Antrags nimmt die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­anlage ein, mit denen sich angeblich die Gefan­genen zum Selbstmord ver­ab­redet haben. Die aber hat nach Unter­su­chung von Lehmann tech­nisch nicht funk­tio­niert. Auch die Frage des Waf­fen­trans­ports nimmt einen großen Stel­lenwert ein. Sowohl der Plat­ten­spieler in Baaders Zelle, der angeblich als Waf­fen­ver­steck gedient haben soll, als auch die Akten, mit denen sie von Anwälten ins Gefängnis geschmuggelt worden sein sollen, scheiden nach seinen Unter­su­chungen aus.

Neues Indiz

Ein neues Indiz, das Zweifel an der offi­zi­ellen Version erhöhte und Lehman erst vor einigen Wochen anonym zuge­spielt wurde, hat er bei der Pres­se­kon­ferenz erstmals öffentlich prä­sen­tiert. Es handelt sich um das Ver­neh­mungs­pro­tokoll von Hans Springer, der in der Todes­nacht in der siebten Etage von Stuttgart-Stammheim Dienst hatte. Er sagte aus, von einer für ihn nicht iden­ti­fi­zier­baren Person zwi­schen 0 Uhr und 3.30 Uhr tele­fo­nisch von seinen Wach­posten abbe­rufen worden zu sein. Ihm sei ver­si­chert worden, dass die Bewa­chung der Gefan­genen in dieser Zeit gewähr­leistet sei.

Wir wissen nicht, was am Morgen des 18.Oktober in den Zellen geschah, aber wir sind nach den Unter­su­chungen über­zeugt, dass die offi­zielle Version so nicht stimmen kann“, wies Gott­fried Ensslin Fragen nach eigenen Hypo­thesen zurück. Auch Lehmann ent­hielt sich jeg­licher Spe­ku­la­tionen, beharrt aber auf die Unter­su­chung der offenen Fragen. „Wenn sich dann ergibt, dass die offi­zielle Version stimmen sollte, wären zumindest alle Zweifel aus­ge­räumt“, betonte er. Er wies darauf hin, dass noch ein Großteil der Akten rund um die Todes­um­stände von Stammheim nicht frei­ge­geben seien, weil das Sicher­heits­in­teresse der BRD es nicht erlaube, so die offi­zielle Begründung.

Material von Insidern?

Die innen­po­li­tische Spre­cherin der Fraktion der Linken im Bun­destag Ulla Jelpke, die die Pres­se­kon­ferenz mode­rierte, erin­nerte daran, dass es seit der Todes­nacht nicht nur bei der radi­kalen Linken, sondern auch bei Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen im In- und Ausland und den Rechts­an­wälten der Gefan­genen große Zweifel an der offi­zi­ellen Version gegeben habe. Deshalb begrüßte sie es, dass nach mehr als drei Jahr­zehnten von einer neuen Generation kri­tische Fragen gestellt werden. Tat­sächlich haben sich para­do­xer­weise die Chancen zu einer Auf­klärung der offenen Fragen erhöht, weil die meisten Betei­ligten aus dem Jus­tiz­ap­parat mitt­ler­weile in Rente sind. Sie könnten ihr Wissen doch noch öffentlich machen und sei es anonym, wie das Lehmann zuge­spielte Ver­hör­pro­tokoll.

Peter Nowak

Der fehlende Histamintest

Gerade war wieder von einer »neuen RAF« die Rede. Dabei wirft die Geschichte des Ori­gnals immer noch Fragen auf. Zum Bei­spiel danach, was vor genau 34 Jahren in Stammheim geschah

Nach den ver­suchten Brand­an­schlägen auf Bahn­an­lagen in Berlin und Bran­denburg geis­terte vor einer Woche umgehend das Gespenst einer „neuen RAF“ durch die Medien. Poli­tiker und Experten wiesen die his­to­rische Par­allele aller­dings ebenso rasch zurück. Die Unter­schiede zwi­schen den mili­tanten Freunden islän­di­scher Vulkane und der Roten Armee Fraktion, hieß es immer wieder, seien beträchtlich. Die Ana­logie diene allen­falls dem Zweck der Auf­heizung einer sicher­heits­po­li­ti­schen Dis­kussion.

Wie weit ben­zin­ge­füllte Plas­tik­fla­schen und Deut­scher Herbst aus­ein­ander liegen, mag auch mit Blick auf den düs­teren Höhe­punkt des Jahres 1977 erkennbar werden. Heute vor 34 Jahren waren drei der pro­mi­nen­testen Mit­glieder der RAF tot in ihren Zellen im siebten Stock des Stamm­heimer Iso­la­ti­ons­ge­fäng­nisses auf­ge­funden worden. Darüber, wie Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe starben, scheiden sich bis heute die Geister.

Irmgard Möller, die den 18. Oktober schwer ver­letzt über­lebte, wider­spricht bis heute der offi­zi­ellen Version, nach der die RAF-Anführer gemeinsam Selbstmord begangen haben sollen. Und ebenso sah das ein beträcht­licher Teil der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Linken. Die Antwort auf die Frage „Mord oder Selbstmord?“ spaltete noch bis in die acht­ziger Jahre hinein die Szene. „Stammheim“ war für eine ganze Generation poli­tisch Aktiver eine zen­trale Metapher. Inzwi­schen ist der Glau­bens­krieg um die Deutung der Ereig­nisse aller­dings verebbt.

Wenn Jugend­liche heut­zutage T-Shirts mit der Auf­schrift „Stammheim“ tragen, ist damit allen­falls eine ange­sagte Dis­kothek in Nord­hessen gemeint. Die Frage indes, was 1977 in den total­über­wachten Zellen pas­sierte, wird immer noch gestellt. Unlängst hat der Betriebsrat und IT-Spe­zialist Helge Lehmann ein wei­teres Buch darüber ver­öf­fent­licht – Unter­titel: „Eine Unter­su­chung – Indi­zi­en­prozess gegen die staats­of­fi­zielle Dar­stellung und das Todes­er­mitt­lungs­ver­fahren“. Auf knapp 230 Seiten und einer DVD prä­sen­tiert er das Ergebnis seiner jah­re­langen Recher­che­arbeit.

Akri­bisch beschrie­bener Selbst­versuch

Nachdem ich den Film von Stefan Aust über die RAF und die Todes­nacht gelesen habe, wurde ich neu­gierig“, beschreibt Lehmann sein Motiv, sich nochmals einem Thema zu nähern, das in der öffent­lichen Meinung als längst geklärt gibt. „Vor einigen Jahren zwei­felten viele an der offi­zi­ellen Selbst­mord­version. Heute macht das niemand mehr“, erklärte Helmut Schmidt vor einigen Jahren. Der Sozi­al­de­mokrat war 1977 Bun­des­kanzler. Doch wenn Lehmann am Ende seiner Recherche eine neue Unter­su­chung fordert, dann ist das sehr begründet.

Denn eines, so Lehmann, ist noch immer unge­klärt: Wie konnten die Waffen, mit denen sich die Gefan­genen getötet haben sollen, in deren Hände gelangen? „Auf­grund des Ergeb­nisses der Beweis­auf­nahme muss die Frage, wie die Gefan­genen in den Besitz von Waffen und Spreng­stoff gelangt sind, letzt­endlich offen bleiben“, zitiert Lehmann aus dem Abschluss­be­richt der offi­zi­ellen Unter­su­chungs­kom­mission. Der Autor hat im akri­bisch beschrie­benen Selbst­versuch nach­ge­wiesen, dass man die Waffen weder in Gerichts­akten noch in Plat­ten­spielern unbe­merkt ins Gefängnis schmuggeln und zwi­schen den Zellen hin- und her trans­por­tieren konnte, wie offi­ziell immer kol­por­tiert wurde. Auch das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­system mit dem sich die Gefangen auf den Suizid ver­ständigt haben sollen, habe gar nicht funk­tio­niert, so Lehmann.

Dass der Autor auch jene Argu­mente gründlich unter die Lupe nimmt, die seit mehr als 30 Jahren gegen die offi­zielle, also die Selbstmord-Version ins Feld geführt werden, macht die Her­an­ge­hens­weise glaub­würdig. Auch enthält sich Lehmann weit­gehend eigener Erklä­rungs­ver­suche, die immer ins Reich der Spe­ku­lation führen. Das Buch ist an den Fakten ori­en­tiert, es stellt Fragen, die noch immer zum Nach­denken anregen. „Warum wurde wie beim Tod von Ulrike Meinhof auch bei Gudrun Ensslin kein Hist­amintest durch­ge­führt?“, schreibt Lehman bei­spiels­weise. „Dies war und ist eine inter­na­tional gängige foren­sische Unter­su­chungs­me­thode bei zwei­fel­haften Todes­fällen durch Erhängen. Die Ergeb­nisse hätten alle Ver­mu­tungen und Spe­ku­la­tionen ver­stummen lassen?“

Warum nach mehr als drei Jahr­zehnten noch einmal an den alten Sachen rühren, werden manche ein­wenden. So außer­ge­wöhnlich ist das nicht. Seit Monaten wird zum Bei­spiel im Prozess gegen Verena Becker ver­sucht, den Umständen des Todes von Sieg­fried Buback auf die Spur zu kommen, der 1977 von der RAF getötet wurde. Warum sollte also nicht auch ein Interesse bestehen, offene Fragen der Stamm­heimer Todes­nacht zu klären. Bisher haben sich nicht die staat­lichen Stellen bedeckt. Auch von den ehe­ma­ligen RAF-Gefan­genen kam bisher auf das Buch keine Reaktion.
Hin­ter­grund

Helge Lehmann: Die Todes­nacht in Stammheim. Eine Unter­su­chung Indi­zi­en­prozess gegen die staats­of­fi­zielle Dar­stellung und das Todes­er­mitt­lungs­ver­fahren, mit Doku­menten-CD. 237 S., zahlr. Abb., Pahl-Rugen­stein, 19,90 Euro

http://​www​.freitag​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​1​1​4​1​-​d​e​r​-​f​e​h​l​e​n​d​e​-​h​i​s​t​a​m​i​ntest

Peter Nowak