Tee trinken und solidarisch sein

Die fran­zö­sische Koope­rative Scop Ti pro­du­ziert fairen Tee

Einst pro­du­zierten sie für Uni­lever, seit vier Jahren in eigener Regie – die Teerebell*innen im süd­fran­zö­si­schen Gémenos bei Mar­seille.

1336 – die Zahl steht auf allen Packungen der unter­schied­lichen Tee­sorten der süd­fran­zö­si­schen Koope­rative Scop Ti. Die Zahl hat eine besondere Bedeutung. Sie soll an die Fabrik­be­setzung erinnern, die 1336 Tage dauerte. Nun will die Koope­rative ein Ver­triebs­system mit anderen Ländern auf­bauen. Mehr als drei Jahre hatten die Beschäf­tigten in der Gemeinde Gémenos im Arron­dis­sement Mar­seille gegen den Uni­lever-Konzern gekämpft und die Pro­duktion schließlich selbst über­nommen.

Im Jahr 2011 wollte Uni­lever die Pro­duk­ti­ons­stätte der bekannten Tee­marke Lipton Ele­phant von Frank­reich nach Polen ver­lagern. Aber der Konzern hatte die Rechnung ohne die Arbeiter*innen gemacht. Die besetzten die Fabrik und for­derten die Rück­nahme des Schlie­ßungs­be­schlusses. Zunächst wurden sie vom Management und der fran­zö­si­schen Politik belä­chelt. Doch nach 1336 Tagen waren es die Arbeiter*innen, die lachen konnten: Der Konzern gab nach – und zahlte den Rebell*innen mehrere Mil­lionen Euro. »Nach fast vier Jahren Kon­flikt musste man einen Ausweg finden, damit beide Seiten ihren Weg unab­hängig von­ein­ander fort­setzen können«, begründete Uni­lever Frank­reich die Einigung. Die Beleg­schaft konnte in Eigen­regie weiter pro­du­zieren und bekam von Uni­lever eine Start­hilfe von 20 Mil­lionen Euro für die Gründung einer Genos­sen­schaft.

Die neu gegründete Koope­rative Scop Ti pro­du­ziert ver­schiedene bio­lo­gisch und regional ange­baute Tee­sorten. Den alten Namen Lipton Ele­phant durften sie nicht mehr benutzen. Heute sehen das die Beschäf­tigten positiv. Denn die 1336 erinnert immer an die Kämpfe, die dafür sorgten, dass es den Tee heute über­haupt noch gibt.

Auch in der Fabrik ist die rebel­lische Ver­gan­genheit gut doku­men­tiert. Ein großes Kon­terfei von Che Guevara fällt den Besucher*innen im Fabrikhof sofort ins Auge. An den Fenstern hängen Plakate, die zu aktu­ellen Arbeits­kämpfen mobi­li­sieren.

In den Betriebs­räumen hat nach den auf­rei­benden Kämpfen und rau­schenden Sie­ges­feiern der nicht immer ein­fache Alltag einer selbst­ver­wal­teten Fabrik in einem kapi­ta­lis­ti­schen Umfeld Einzug gehalten. Scop Ti muss sich auch ohne Chef am Markt behaupten. Für die Beschäf­tigten bedeutet das zuweilen Son­der­schichten. Immer wieder mal gibt es auch tech­nische Pro­bleme. »Und die müssen wir selber lösen«, sagt Henri Soler mit Stolz in der Stimme. Der Fünf­zig­jährige hält auch nach dem Ende der Besetzung an seinen ega­li­tären Idealen fest. Gern hätte er einen Ein­heitslohn für alle Beschäf­tigten ein­ge­führt, doch der Antrag wurde von der Mehrheit der knapp 80-köp­figen Beleg­schaft abge­lehnt. Es könne nicht sein, so das Gegen­ar­gument, dass ein junger Kollege, der gerade erst in der Fabrik ange­fangen hat und sich wenig für die Selbst­ver­waltung enga­giert, genau so viel ver­dient wie ein Beschäf­tigter mit jah­re­langer Erfahrung, der sich in ver­schie­denen Kom­mis­sionen an der Selbst­ver­waltung der Fabrik beteiligt. Soler bedauert die Ent­scheidung, doch sein Enga­gement ist unge­brochen. Schließlich hängt davon der Erfolg der gesamten Firma ab.

Seit knapp einem Jahr wird der Tee aus selbst­ver­wal­teter Pro­duktion in Deutschland über die Union Coop ver­trieben. Das ist ein Zusam­men­schluss von gewerk­schaft­lichen Kol­lek­tiv­be­trieben, die sich auf Grundlage einiger Prin­zipien zusam­men­getan haben. Diese Prin­zipien ver­pflichten jeden Union-Coop-Betrieb, jedem Beleg­schafts­mit­glied die gleichen Rechte bei Ent­schei­dungen und Ent­lohnung ein­zu­räumen. Zudem muss sich der Betrieb um Trans­parenz und soli­da­ri­sches Wirt­schaften bemühen. Für Hans Oos­tinga, der in der Ber­liner Union Coop aktiv ist, war es darum selbst­ver­ständlich, den Tee aus Süd­frank­reich mit ins Sor­timent auf­zu­nehmen.

»Es ist nicht nur eine kon­krete Soli­da­rität für dieses beein­dru­ckende Expe­riment eines von den Beschäf­tigen in Eigen­regie ver­wal­teten Betriebs, sondern auch ein prak­ti­scher Ansatz­punkt für eine wirt­schaft­liche Gegen­macht. Zumal die Beleg­schaft einen ähn­lichen Ansatz ver­tritt und sich nicht nur während des lang­jäh­rigen Kampfes, sondern auch heute noch als Teil einer brei­teren sozialen Bewegung posi­tio­niert«, pro­pa­giert Oos­tinga das soli­da­rische Tee­trinken.

aus: nd-Commun, 27.10.2018

Von Peter Nowak

Kollektiv Handel(n)

Union Coop: ein neuer Ver­trieb für Betriebe in Arbei­te­rInnen-Hand

Union Coop, 2017 offi­ziell gegründet, ist ein Versuch zur Orga­ni­sierung von Kol­lek­tiv­be­trieben, die einen basis­ge­werk­schaft­lichen Ansatz ver­folgen. Neben den Pro­dukten aus den betei­ligten Betrieben sollen in Zukunft auch ver­mehrt Gewerk­schafts­ma­te­rialien und Waren aus zurück­er­oberten Fabriken wie etwa Vio​.Me oder der Tee­beutel-Fabrik von Scop Ti (ehemals Lipton) ver­trieben werden.

Seit Kurzem können über die Union Coop Pro­dukte aus gewerk­schaftlich ori­en­tier­ten­Kol­lek­tiv­be­trieben gekauft werden. Peter Nowak sprach mit Hansi Oos­tinga von der Union Coop über das Konzept

„Kol­lektiv Handel(n)“ wei­ter­lesen