Die Nachkommen

Aktive Zeugenschaft

Nach­kommen der Ver­folgten des Nazi­re­gimes, von Exil und Wider­stand melden sich zu Wort

Als Nach­kommen der NS-Ver­folgten, des Wider­stands und des Exils wollen wir uns gemeinsam ein­setzen für eine Welt des Friedens, der Freiheit und der Soli­da­rität.« Dieses Bekenntnis stammt aus einem Aufruf der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA) Berlin, abge­druckt auf der Rück­seite einer neuen Publi­kation, in der sich…

„Aktive Zeu­gen­schaft“ wei­ter­lesen

Politisches Erwachen in Gefangenschaft


Erin­ne­rungen an Werner Gutsche, Geschichts­auf­klärer und Streiter gegen Rechts­ra­di­ka­lismus

»Er wollte das NS-Unrecht auf­decken, seien es die in Neu­kölln jah­relang ver­schwie­genen Zwangs­ar­beits­lager, die ver­ges­senen SA-Fol­ter­stätten oder das ver­schmähte Erinnern des kom­mu­nis­ti­schen Wider­stands.« Mit diesen Worten würdigt Hans Coppi, Vor­sit­zender der Ber­liner VVN-BdA, den Neu­köllner Kom­mu­nisten Werner Gutsche. Bis zu seinem Tod 2012 hat sich jener uner­müdlich gegen Ras­sismus und Rechts­ra­di­ka­lismus enga­giert.

Freunde und Genossen erinnern sich an ihn in diesem Buch, das zugleich die Geschichte der linken Oppo­sition in Berlin-Neu­kölln zeichnet. Hierfür haben die His­to­riker Mat­thias Heisig und Bernhard Brem­berger ohne jeg­liche finan­zielle Unter­stützung recher­chiert.

Über Gut­sches Zeit in der Wehr­macht erfährt man nur wenig. Sein poli­ti­sches Bewusstsein erwachte in rus­si­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft und beim Besuch einer Antifa-Schule, die er mit Hans Modrow absol­vierte. Auch Gutsche wird Mit­glied der SED, lebte jedoch in der Front­stadt West­berlin. Er sam­melte Unter­schriften für den Stock­holmer Appell zur Abschaffung der Atom­waffen und setzte sich für eine ehr­liche, kri­tische Auf­ar­beitung der NS-Ver­gan­genheit ein. Seine Auf­for­derung an Mit­streiter vom Neu­köllner Geschichts­verein »Da müsst ihr euch mal drum kümmern« wurde Titel gebend. Gut­sches Einsatz ver­dankt sich die Benennung des Neu­köllner Sport­sta­dions nach dem anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands­kämpfer Werner See­len­binder, der als Kom­munist in West­berlin lange tabu war.

Das Buch infor­miert über eine Wider­stands­gruppe gegen die Nazis an der Rüt­lischule, die Bestreikung von SA-Sturm­lo­kalen durch Arbeiter sowie einen Schau­prozess gegen Kom­mu­nisten 1935, der mit Todes­ur­teilen endete. Christian von Gelieu weist auf blinde Flecken der kom­mu­nis­ti­schen Geschichts­schreibung hin. Gemeinsam mit seiner Frau Claudia ist der His­to­riker übrigens vor einigen Wochen Opfer rechter Gewalt geworden. Der Terror von Neo­nazis beweist einmal mehr, wie wichtig Bücher wie dieses sind.

Frieder Boehne/​Bernhard Bremberger/​Mat­thias Heisig: »Da müsst ihr euch mal drum kümmern. « Werner Gutsche (1923–2012) und Neu­kölln.
Metropol. 300 S., br., 22 €.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​4​5​5​7​0​.​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​s​-​e​r​w​a​c​h​e​n​-​i​n​-​g​e​f​a​n​g​e​n​s​c​h​a​f​t​.html
Peter Nowak

Das Konzentrationslager und Zuchthaus Sonnenburg

Ein KZ zur Aus­schaltung der Arbei­ter­be­wegung

Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg. (Hrsg. Hans Coppi, Kamil Majchrzak). Berlin: Metropol, 2015. 240 S., 19 Euro

«Son­nenburg sym­bo­li­siert wie kaum ein anderer Ort Beginn und Ende der zwölf Jahre wäh­renden Schre­ckens­herr­schaft des NS-Regimes», heißt es im Klap­pentext. In knapp 30 Auf­sätzen infor­miert das Buch über die Geschichte des KZ und Zuchthaus Son­nenburg, His­to­riker aus Polen, Frank­reich, Luxemburg, Belgien und Deutschland, sowie Ange­hörige der Opfer des KZ und Zuchthaus Son­nenburg kommen dabei zu Wort.
Lange Zeit war dieser Ter­rorort, der heute im west­pol­ni­schen Slonsk liegt, ver­gessen. In den ersten Jahren der NS-Herr­schaft war der Ort als «Fol­ter­hölle Son­nenburg» welt­be­kannt – daran erinnert der pol­nische His­to­riker Andrzej Toc­zewski in seinem Über­blicks­ar­tikel. Im April 1933 wurden die ersten Häft­linge in das Lager ver­schleppt. Es waren über­wiegend Ber­liner Kom­mu­nisten. Aber auch die drei bekannten linken Intel­lek­tu­ellen Carl von Ossietzky, Erich Mühsam und Hans Litten wurden in Son­nenburg gefoltert. Alle drei über­lebten das NS-System nicht.
Dass das Zuchthaus bereits in den 20er Jahren bekannt wurde, dafür sorgte der rebel­lische Links­kom­munist Max Hölz, der dort inhaf­tiert war. Eine inter­na­tionale Soli­da­ri­täts­be­wegung for­derte seine Frei­lassung. Kör­be­weise trafen in diesen Jahren Soli­da­ri­täts­briefe im Zuchthaus ein. Auch in der Sowjet­union war Son­nenburg durch Hölz damals ein Begriff. Wegen schlechter hygie­ni­scher Bedin­gungen wurde das Zuchthaus 1931 von der preu­ßi­schen Lan­des­re­gierung geschlossen, was in der Bevöl­kerung auf Wider­stand stieß. Schließlich war der Knast ein wich­tiger Arbeit­geber. Die NSDAP konnte mit dem Ver­sprechen, es wieder zu öffnen, in der Region Stimmen gewinnen.
Das Ver­sprechen wurde schnell ein­gelöst. Son­nenburg wurde in der frühen NS-Zeit zu einem wich­tigen Kon­zen­tra­ti­ons­lager für Ber­liner Linke. Über den Empfang der Gefan­genen schrieb der kom­mu­nis­tische Wider­stands­kämpfer Klaas Meyer: «Es wurde mit allerhand Mord­werk­zeugen, mir lief das Blut schon durch das Gesicht … Die ganze Bevöl­kerung war ver­treten, wir wären Reichs­tags­brand­stifter. Eltern und Kinder schlugen nach uns und wir wurden ange­spuckt.» Der Poli­tologe Christoph Gol­lasch ver­weist auf weitere Berichte über Fol­te­rungen in Son­nenburg und nennt den Ort «ein KZ zur Aus­schaltung der Arbei­ter­be­wegung».
Nach der Auf­lösung des KZ wurde Son­nenburg als Zuchthaus genutzt. Dorthin wurden während des Zweiten Welt­kriegs aus ganz Europa Nazi­gegner, die von der Straße weg ver­haftet wurden, ver­schleppt. Diese soge­nannten Nacht- und Nebel­ge­fan­genen wurden hier unter besonders unmensch­lichen Bedin­gungen fest­ge­halten. Die Ster­berate war hoch. Daniel Quaiser geht auf das Mas­saker ein, bei dem in der Nacht vom 30. auf den 31.Januar 1945 ins­gesamt 819 Gefangene von der Gestapo erschossen wurden, kurz bevor die Rote Armee das Lager befreien konnte. Viele der Opfer konnten trotz Bemü­hungen der Ange­hö­rigen aus ver­schie­denen euro­päi­scher Ländern nie iden­ti­fi­ziert werden.
Der Jurist Kamil Majrchrzak berichtet über die juris­tische Auf­ar­beitung der Ver­brechen in Polen. In der BRD hin­gegen wurden der für das Mas­saker ver­ant­wort­liche SS-Sturm­bann­führer Heinz Richter und SS-Haupt­sturm­bann­führer Wilhelm Nickel am 2.August 1971 vor dem Kieler Land­ge­richt frei­ge­sprochen. Mitt­ler­weile hat die pol­nische Justiz die Ermitt­lungen wieder auf­ge­nommen.
Schon in den 80er Jahren des letzten Jahr­hun­derts hatte eine Gruppe von Anti­fa­schisten in West­berlin mit der Erfor­schung der Geschichte des KZ Son­nenburg begonnen. Mit dem Umbruch von 1989 kam diese Arbeit zunächst zum Erliegen. Ab 2010 beschäf­tigten sich Mit­glieder der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA) mit der Geschichte von Son­nenburg. Sie grün­deten dafür einen geson­derten Arbeits­kreis. So konnten auch noch die Arbeits­er­geb­nisse aus den 80er Jahren mit ein­fließen. Es möge dem Buch gelingen, Son­nenburg zu einem euro­päi­schen Gedenkort zu machen, damit die Opfer des KZ nicht ver­gessen werden.

aus: SoZ 6/2015

Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg

von Peter Nowak

KZ Sonnenburg

Das KZ und Zuchthaus Son­nenburg, im heu­tigen west­pol­ni­schen Slonsk gelegen, war lange Zeit ver­gessen. In den ersten Jahren der NS-Herr­schaft war der Ort als »Fol­ter­hölle Son­nenburg« welt­be­kannt. Im April 1933 wurden die ersten Häft­linge in das Lager ver­schleppt, über­wiegend Ber­liner Kommunist_​innen. Auch die drei bekannten linken Intel­lek­tu­ellen Carl von Ossietzky, Erich Mühsam und Hans Litten wurden in Son­nenburg gefoltert. Über den Empfang der Gefan­genen schrieb der kom­mu­nis­tische Wider­stands­kämpfer Klaas Meyer: »Es wurde mit allerhand Mord­werk­zeugen geschlagen, mir lief das Blut schon durch das Gesicht. (…) Die ganze Bevöl­kerung war ver­treten, wir wären Reichs­tags­brand­stifter. Eltern und Kinder schlugen nach uns und wir wurden ange­spuckt«. Während des Zweiten Welt­kriegs wurden Nazigegner_​innen aus ganz Europa nach Son­nenburg ver­schleppt. Die Ster­berate war hoch. Daniel Quaiser geht in seinen Aufsatz auf das Mas­saker ein, bei dem in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 ins­gesamt 819 Gefangene von der Gestapo erschossen wurden, kurz vor der Befreiung durch die Rote Armee. Kamil Majrchrzak berichtet über die juris­tische Auf­ar­beitung der Ver­brechen in Polen. In der BRD hin­gegen wurden die für das Mas­saker ver­ant­wort­lichen SS-Männer Heinz Richter und Wilhelm Nickel 1971 vom Kieler Land­ge­richt frei­ge­sprochen. Mitt­ler­weile hat die pol­nische Justiz die Ermitt­lungen wieder auf­ge­nommen. Ein Grund mehr, sich an die Geschichte Son­nen­burgs und seiner Opfer zu erinnern.

http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​6​0​3​/​1​5.htm

Peter Nowak

Hans Coppi und Kamil Majchrzak (Hg.): Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg. Metropol Verlag, Berlin 2015. 240 Seiten, 19 EUR.

Im Schatten

Im pol­ni­schen Słońsk ist eine Aus­stellung eröffnet worden, die an das dortige ehe­malige Kon­zen­tra­ti­ons­lager erinnert.

»Wer ins pol­nische Słońsk kommt, sollte unbe­dingt Zeit mit­bringen«, heißt es auf der Homepage der »Initiative Kul­tur­brücke über die Oder«, die für eine deutsch-pol­nische Kul­tur­be­gegnung wirbt. Dort wird auf den Natio­nalpark Wart­he­mündung mit seinen sel­tenen Vögeln und Pflanzen hin­ge­wiesen. Seit dem 31. Januar gibt es einen wei­teren Grund, länger in dem pol­ni­schen Städtchen knapp 100 Kilo­meter östlich von Berlin zu ver­weilen. An diesem Tag wurde eine in deutsch-pol­ni­scher Koope­ration und maß­geblich vom »Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreis zum Gedenken an die Häft­linge des KZ und Zucht­hauses Son­nenburg« der Ber­liner VVN-BdA kon­zi­pierte Aus­stellung zur Geschichte des KZ Son­nenburg eröffnet. Sie erinnert an eine Zeit, die auf der Homepage der Kul­tur­brücke unter dem Stichwort »besonders dunkler Teil der Son­nen­burger Geschichte« in einem kurzen Absatz abge­handelt wird.

»Son­nenburg sym­bo­li­siert wie kaum ein anderer Ort Beginn und Ende der zwölf Jahre wäh­renden Schre­ckens­herr­schaft des NS-Regimes«, heißt es in der Aus­stellung. Die in deut­scher und pol­ni­scher Sprache erstellten Tafeln belegen diese Aussage detail­liert. Bereits im Frühjahr 1933 wurden Kom­mu­nisten, Sozia­listen und linke Intel­lek­tuelle aus Berlin und Bran­denburg nach Son­nenburg ver­schleppt. Klaas Meyer, ein kom­mu­nis­ti­scher Seemann, beschrieb seine Begegnung mit der SA: »Es wurde mit allerhand Mord­werk­zeugen geschlagen, den meisten lief das Blut schon durchs Gesicht. (…) Die ganze Bevöl­kerung war ver­treten, man hatte ihnen gesagt, wir seien Reichs­tags­brand­stifter. Eltern und Kinder schlugen nach uns und wir wurden ange­spuckt.«

In der Aus­stellung wird auch gezeigt, dass Son­nenburg nicht zufällig als Ort für das KZ aus­ge­sucht wurde. Als 1931 das dortige Zuchthaus wegen kata­stro­phaler hygie­ni­scher Zustände geschlossen wurde, regte sich im Ort, in dem das Zuchthaus ein zen­traler Arbeit­geber war, Wider­stand. Die NSDAP, die gegen die Zucht­haus­schließung agi­tierte, erzielte gute Wahl­er­geb­nisse.

Mehrere Tafeln doku­men­tieren die Gesichter der »Nacht-und-Nebel-Gefan­genen«, die nach 1941 aus zahl­reichen von Deutschland besetzten Ländern in das Zuchthaus ver­schleppt wurden. Kurz vor dem Ein­treffen der Roten Armee erschoss die SS in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 in Son­nenburg noch 819 Gefangene.

70 Jahre später reisten zur Eröffnung der Aus­stellung auch viele Ange­hörige der Opfer aus Deutschland und diversen euro­päi­schen Ländern an. Doch nicht alle fühlten sich in Słońsk will­kommen. Viele Ange­hörige mussten in der win­ter­lichen Wit­terung vor der Halle warten, in der ein Ver­treter des Fürs­ten­hauses von Luxemburg bei der Gedenk­ver­an­staltung für die Opfer des 30. Januar 1945 sprach. Der größte Teil der Erschos­senen kam aus Luxemburg.

»Auch unsere Ange­hö­rigen waren Opfer«, sagt Jan Her­togen. Der bel­gische For­scher, der beim Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreis der Ber­liner VVN mit­ar­beitete, war besonders empört, dass die Rede der bel­gi­schen Bot­schaf­terin bei der Gedenk­ver­an­staltung aus Zeit­gründen kurz­fristig gestrichen worden war. »In Son­nenburg wurde mein Vater gequält und heute fühle ich mich an dem Ort wieder gede­mütigt«, sagt Meina Voigt Schnabel zur Jungle World. Auch die Tochter des kom­mu­nis­ti­schen See­manns Klaas Meyer, der bereits 1933 die Zustände in der »Fol­ter­hölle Son­nenburg« der Öffent­lichkeit bekannt machte, bekam keinen Zutritt zur Gedenk­ver­an­staltung.

Am Nach­mittag orga­ni­sierte der Arbeits­kreis ein Treffen im Rathaus von Słońsk mit dem pol­ni­schen Staats­anwalt Janusz Jagiełłowicz, der die Kom­mission für die Ver­folgung von Ver­brechen im Zuchthaus Son­nenburg leitet. Die 1972 ein­ge­stellten Ermitt­lungen gegen die Ver­ant­wort­lichen wurden im Februar 2014 wieder auf­ge­nommen. Recht­zeitig zum 70. Jah­restag des Mas­sakers haben Hans Coppi und Kamil Majchrzak im Metropol-Verlag das Buch »Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg« her­aus­ge­geben, das einen guten Über­blick über die Geschichte dieses weit­gehend ver­ges­senen Ortes des NS-Terrors gibt.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​0​6​/​5​1​3​8​2​.html
Peter Nowak

»Es ist noch vieles aufzuarbeiten


NS-ZEIT Ein Buch infor­miert über Arbeits­ver­wei­ge­rungen von Zwangs­ar­bei­te­rInnen in Berlin. Das Interesse am Thema sei vor­handen, sagt Her­aus­geber Stefan Heinz. Jetzt müsse die For­schung an den Unis ver­ankert werden

INTERVIEW PETER NOWAK

taz: Herr Heinz, der Titel des von Ihnen her­aus­ge­ge­benen Buchs lautet »Der ver­gessene Wider­stand der Arbeiter«. Aber gab es nicht in den 70er- und 80er-Jahren eine Hin­wendung zur Geschichte der Arbei­ter­be­wegung und auch des Wider­stands?

Stefan Heinz: Einige Wider­stands­gruppen sind in der Tat wieder in Ver­ges­senheit geraten. Andere waren bis vor kurzem ver­gessen oder sind es noch immer. Während DDR-His­to­riker auf den KPD-Wider­stand fixiert blieben, wurden in der Bun­des­re­publik ab den 70er-Jahren Vor­stöße von meist jün­geren Leuten gemacht, Fragen zur Arbei­ter­be­wegung und deren Wider­stand gegen das NS-Régime zu the­ma­ti­sieren. Zuvor beschäf­tigte sich dort die Öffent­lichkeit fast aus­schließlich mit dem Wider­stand kon­ser­va­tiver Kreise um den 20. Juli 1944 und der Kirchen. Nach 1989/90 ent­stand die kuriose Situation, dass bisher nicht zugäng­liche Archiv­akten neue For­schungen ermög­licht hätten, die finan­zielle För­derung für ent­spre­chende Pro­jekte aber zurück­ge­fahren wurde. Dies ent­sprach einer Erin­ne­rungs­kultur, in der linker Arbei­ter­wi­der­stand, gerade weil er sich zum Teil als revo­lu­tionär ver­stand, schlicht nicht mehr angesagt war.

In den 90er-Jahren ver­traten auch manche linke His­to­riker die These, dass der Großteil der Arbei­te­rInnen loyal zum NS-System stand und nur eine ver­schwin­dende Min­derheit Wider­stand leistete. Können das Ihre For­schungen bestä­tigen?

Ich denke zum einen, dass loyales Ver­halten schwer messbar ist, wenn alle, die mit der NS-Politik nicht ein­ver­standen waren, damit rechnen mussten, mundtot gemacht zu werden. Denk- und Ver­hal­tens­weisen in der Arbei­ter­schaft stehen im Wider­spruch zur NS-Pro­pa­ganda einer ver­einten »Volks­ge­mein­schaft«. Zum anderen bedeutete Nicht­zu­stimmung kei­neswegs auto­ma­tisch wider­stän­diges Handeln, das nur eine Min­derheit prak­ti­zierte. Wenn zeit­liche Phasen betrachtet werden, wird man oft unter­schied­liches Ver­halten in ein und der­selben Person ent­decken. Fakt ist, der Arbei­ter­wi­der­stand begann schon 1933 und hatte die meisten Ver­luste zu beklagen. Umfang und Inten­sität der ille­galen Akti­vi­täten, vor allem von Gewerk­schaftern, werden erheblich unter­schätzt.

Ein Aufsatz beschäftigt sich am Bei­spiel von Erich Wol­lenberg auch mit im Sta­li­nismus ver­folgten Kom­mu­nisten. Welchen Stel­lenwert hat das Thema in der For­schung zur Arbei­ter­be­wegung?

Es gibt mehrere Pro­jekte, die sich mit der Ver­folgung von Kom­mu­nisten im sowje­ti­schen Exil beschäf­tigen. Diese und andere For­schungen sind wichtig, da auch in diesem Bereich vieles auf­zu­ar­beiten ist. Aller­dings sollte darauf geachtet werden, die Funktion von Repression und Gewalt in die Beson­der­heiten eines poli­ti­schen Systems ein­zu­ordnen, um falsche Gleich­set­zungen zwi­schen Stalins Herr­schaft und dem NS-Régime zu ver­meiden.

In einem Kapitel beschäftigt sich die His­to­ri­kerin Gisela Wenzel mit dem Wider­stand von in Berlin lebenden pol­ni­schen Staats­bür­ge­rInnen. Obwohl die Recherchen weit zurück­reichen, ist das Thema kaum bekannt. Wo sehen Sie die Gründe?

Wie Zwangs­ar­beiter und Kriegs­ge­fangene haben solche Gruppen kaum eine Lobby, der es ein Bedürfnis ist, sich in ihre Tra­dition zu stellen und ein Gedenken zu pflegen. Im Ver­gleich zum Kreis des 20. Juli 1944 war bei diesen Wider­ständlern eine späte Gewis­sens­ent­scheidung gar nicht nötig, da sie nie mit den Nazis sym­pa­thi­siert hatten. Auch hin­ter­ließen sie wenig Selbst­zeug­nisse. Das macht sie für manche unin­ter­essant.

Welche wei­teren Auf­gaben sehen Sie für die For­schung zum Arbei­te­rIn­nen­wi­der­stand in Zukunft?

Es gibt noch sehr viel in den Archiven zu erfor­schen. Erfreu­li­cher­weise wächst das Interesse am Thema bei Stu­die­renden derzeit wieder. Dies belegen auch einige Bei­träge in dem Sam­melband. Dieses Interesse zu fördern, an den Unis zu ver­ankern und mit einer Gedenk­kultur zu ver­binden, ist die wich­tigste Aufgabe und eine Her­aus­for­derung zugleich.

Hans Coppi/​Stefan Heinz (Hrsg.): »Der ver­gessene Wider­stand der Arbeiter. Gewerk­schafter, Kom­mu­nisten, Sozi­al­de­mo­kraten, Trotz­kisten, Anar­chisten und Zwangs­ar­beiter«. dietz Verlag, Berlin 2012, 383 Seiten, 29,90 Euro



Stefan Heinz ist wis­sen­schaft­licher Mit­ar­beiter der For­schungs­stelle »Nationale und Inter­na­tionale Gewerk­schafts­po­litik« am Otto-Suhr-Institut für Poli­tik­wis­sen­schaft der FU Berlin

http://​www​.taz​.de/​1​/​a​r​c​h​i​v​/​d​i​g​i​t​a​z​/​a​r​t​i​k​e​l​/​?​r​e​s​s​o​r​t​=​b​l&dig
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Interview: Peter Nowak

Antifaschist Hans Coppi vor Gericht

Ber­liner VVN-BdA-Chef soll bei Blo­ckade von Nazi-Marsch ver­sucht haben, Poli­zisten zu schlagen
Blo­ckaden sind ein wirk­sames Mittel, um Nazi-Auf­märsche zu ver­hindern. Die Blo­ckierer jedoch werden oft kri­mi­na­li­siert. In diesem Fall steht der Anti­fa­schist Hans Coppi vor Gericht.
 

Am Montag wird vor dem Amts­ge­richt Königs Wus­ter­hausen gegen den Lan­des­vor­sit­zenden der Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA), Hans Coppi, ver­handelt. »Der Vorwurf lautet, ich hätte ver­sucht, Ein­satz­kräfte der Polizei am 5. Dezember 2009 bei der Blo­ckade des NPD-Auf­mar­sches in Königs Wus­ter­hausen mit einer mit­ge­führten Fah­nen­stange zu schlagen und zu stechen«, erklärt Coppi. Er bestreitet den Vorwurf.

Rund 600 Men­schen hatten am 5. Dezember gegen den Neo­na­zi­auf­marsch in Königs Wus­ter­hausen pro­tes­tiert. Auf­ge­rufen zu der Pro­test­de­mons­tration hatte ein Bündnis gegen Rechts, dem zivil­ge­sell­schaft­liche Initia­tiven und poli­tische Par­teien ange­hören. Aller­dings wurde die Blo­ckade von der Polizei nach kurzer Zeit geräumt.

In einem auf der linken Inter­net­plattform Inforiot ver­öf­fent­lichten Augen­zeu­gen­be­richt heißt es: »Die Neo­nazis star­teten etwas über eine Stunde zeit­ver­setzt vom Bahnhof aus. Eine Blo­ckade auf halber Strecke der Nazi­route wurde von der Polizei gewaltsam geräumt. Dennoch ver­zö­gerte sich durch diesen Protest der Ablauf der rechten Aktion erheblich. An meh­reren wei­teren Punkten der Route konnten Antifas laut­stark stören. Das ›Nazis raus!‹ über­tönte oftmals die Hetz­pa­rolen der Rechten.«

Bei der Auf­lösung der Blo­ckade durch die Polizei wurde auch eine Fahne der VVN-BdA beschlag­nahmt. Unter den Blo­ckierern befand sich Hans Coppi, dessen Eltern Hans und Hilde 1942 bezie­hungs­weise 1943 als Mit­glieder der Wider­stands­gruppe »Rote Kapelle« von den Faschisten hin­ge­richtet worden sind. Seine Per­so­nalien wurden auf­ge­nommen, was die Grundlage des Ver­fahrens ist. Dass im Zusam­menhang mit den anti­fa­schis­ti­schen Pro­testen in Königs Wus­ter­hausen nur gegen ihn ein Straf­ver­fahren eröffnet wurde, begründet Coppi mit der Ver­mutung, dass ein Sün­denbock gesucht werden musste, weil die Polizei von der Blo­ckade genervt war.

Markus Ter­vooren vom Vor­stand der Ber­liner VVN-BdA sagt, die Blo­ckade von Königs Wus­ter­hausen habe danach in vielen Städten in Bran­denburg Schule gemacht. »Ob in Ebers­walde, Bernau, oder Strausberg – in den ver­gan­genen Wochen blo­ckierten Anti­fa­schis­tinnen und Anti­fa­schisten immer wieder die Auf­marsch­ver­suche von Bran­den­burger und Ber­liner Neo­nazis.«

Das soll auch in den nächsten Wochen wei­ter­gehen. Für den Sonn­abend der kom­menden Woche kün­digte die NPD kurz­fristig einen Auf­marsch in Fins­ter­walde an. Anti­fa­schis­tische Gegen­ak­tionen werden vor­be­reitet. Schon seit Monaten geplant ist ein Auf­marsch der rechts­ex­tremen Kame­rad­schaft Mär­kisch Oder Barnim in Man­schnow im Oder­bruch am 10. Juli. Auch in diesem Fall mobi­li­sieren Anti­fa­gruppen zu Gegen­ak­tionen.

»Nazi­auf­märsche blo­ckieren ist unser Recht«, betont Ter­vooren selbst­be­wusst. Die VVN-BdA ruft dazu auf, Hans Coppi bei seinem Prozess zu unter­stützen.

Ver­fahren gegen Hans Coppi am 28. Juni, 11.45 Uhr, Amts­ge­richt Königs Wus­ter­hausen, Schloss­platz 4, Saal 2003 (Schöf­fensaal)

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​7​3​9​4​5​.​a​n​t​i​f​a​s​c​h​i​s​t​-​h​a​n​s​-​c​o​p​p​i​-​v​o​r​-​g​e​r​i​c​h​t​.html

Peter Nowak