Allein auf hoher See


See­leute haben erfolg­reich Arbeits­rechte erkämpft – doch wer sich beschwert, landet oft auf schwarzer Liste

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In diesem Jahr jährt sich der Beginn der Kam­pagne der Inter­na­tio­nalen Trans­port­ar­beiter Föde­ration (ITF) gegen Sozi­al­dumping auf hoher See zum 70. Mal. 1948 begann die Kam­pagne gegen die Praxis des Bil­lig­flaggens. Sie soll ver­hindern, dass Schiffe von den Ree­de­reien in Ländern ange­meldet werden, wo es um die Rechte der Beschäf­tigten schlecht bestellt ist. Ist die Kam­pagne ein Bei­spiel für einen erfolg­reichen Kampf um globale Rechte? Ein wich­tiger Schritt war der zwi­schen der ITF und dem inter­na­tio­nalen Arbeit­ge­ber­verband der Schiff­fahrt (IMEC) geschlossene Tarif­vertrag, der im Jahr 2000 in Kraft trat und dem sich rund 12 000 Schiffe ange­schlossen haben. Aus Sicht des Publi­zisten Jörn Böwe, der sich seit Jahren mit Arbeits­kämpfen befasst, ist der Vertrag ein Erfolg, denn er bedeute für die Beschäf­tigten reale Ver­bes­se­rungen. Böwe gibt aber auch zu Bedenken, dass für den größten Teil der See­leute kein Tarif­vertrag gilt und die Praxis des Bil­lig­flaggens nicht gestoppt werden konnte.

Auch die eme­ri­tierte Poli­tik­wis­sen­schaft­lerin Heide Gers­ten­berger, die zur See­fahrt in Zeiten der Glo­ba­li­sierung geforscht hat, ist skep­tisch. Jeder Tarif­vertrag sei besser als keiner, betont sie. Doch die Schiffseigner*innen hätten die Krise in der Schiff­fahrt seit den 1960er Jahren zum völ­ligen Umbau im Sinne der Kapi­tal­stra­tegien genutzt. Die Kern­be­leg­schaften wurden massiv ver­kleinert. Klas­sische Ree­de­reien exis­tieren heute nicht mehr. Die Schiffseigner*innen hätte nichts mit dem Schiffs­be­trieb zu tun – für sie sei der maximale Profit die Leit­linie. Die Mög­lich­keiten der Beschäf­tigten sich zu wehren, hält Gers­ten­berger für gering. Wer sich beschwert, könne schnell auf einer schwarzen Liste landen und bekommt dann keine Arbeit mehr.

Hamani Amadou, der als Arbeits­kon­trolleur des ITF im Ros­tocker Hafen die Ein­haltung der Tarif­ver­träge über­prüft, betont die Erfolge. Mitt­ler­weile könnten sich See­leute aus aller Welt an die ITF wenden, wenn sie Pro­bleme mit dem Lohn oder den Arbeits­be­din­gungen haben. In der Regel seien die Kapitäne bei den Kon­trollen koope­rativ, weil sie keine zeit­auf­wen­digen Kon­flikte ris­kieren wollen. In den wenigen Fällen, wo es bei der Kon­trolle Pro­bleme gab, haben sich die Hafenarbeiter*innen mit den See­leuten soli­da­risch gezeigt, indem sie sich wei­gerten, das Schiff zu ent­laden, solange die Über­prüfung ver­weigert wird. Diese Koope­ration zwi­schen den Hafenarbeiter*innen, die eine stärkere Durch­set­zungs­macht haben, und den See­leuten exis­tiert bereits seit Jahr­zehnten – ein gutes Bei­spiel für inter­na­tionale Soli­da­rität.

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Peter Nowak