Beiderseits der Barrikade

Revo­lution in Bayern

Es gibt wohl nur wenige his­to­rische Groß­ereig­nisse, die im Nach­hinein von einer der­ar­tigen poli­ti­schen Ver­zerrung und Ent­stellung gekenn­zeichnet sind wie die Baye­rische Räte­re­publik, urteilt Rudolf Stum­berger. Er kon­zen­triert sich in seinem neuen Buch auf Akteure, die vor 100 Jahren auf unter­schied­lichen Seiten der Bar­rikade standen.

Aus­führlich schildert er die poli­tische Vita des ersten Minis­ter­prä­si­denten der baye­ri­schen Republik, Kurt Eisner. In seiner kurzen Regie­rungszeit ver­suchte Eisner die unter­schied­lichen Par­tei­flügel zu ver­söhnen. Es war ihm nicht ver­gönnt. Von den Rechten von Anbeginn an mit anti­se­mi­ti­scher Hetze ver­folgt, wurde er am 21. Februar 1919 von einem Mit­glied der völ­ki­schen Thule-Gesell­schaft erschossen. Stum­berger erwähnt, dass sich Eisners Frau Else 1940 in Frank­reich das Leben nahm, als die deutsche Wehr­macht ein­mar­schierte. Sein Sohn aus erster Ehe wurde 1942 im KZ Buchenwald ermordet. Auch an Eisners Pri­vat­se­kretär Felix Fechenbach, der dessen Ver­mächtnis zu wahren suchte, rächten sich die Nazis: Er wurde 1933 von SA-Männern ermordet.

Stum­berger stellt auch Eisners Freund, den Anar­chisten Gustav Landauer, vor. Dabei spart er nicht mit Kritik am seiner Meinung nach »rück­wärts­ge­wandten Anar­chismus«. Er würdigt Landauer als Bil­dungs­re­former und Erneuerer der Künste. Der Schrift­steller wurde nach der Zer­schlagung der Baye­ri­schen Räte­re­publik im Mün­chener Zuchthaus Sta­delheim schwer miss­handelt und am 2. Mai 1919 erschossen. Ver­ant­wortung dafür trug der rechte Sozi­al­de­mokrat Johannes Hoffmann, der als »Noske von Bayern« berüchtigt war. Nachdem er auch die Voll­stre­ckung des Todes­ur­teils gegen den Kom­mu­nisten Eugen Leviné am 5. Juni 1919 nicht ver­hin­derte, hatte er selbst in seiner Partei kaum noch Freunde. Hoffmann zog sich aus der Politik zurück, ein Bür­ger­block übernahm die Macht und baute Bayern zur rechten Ord­nungs­zelle aus. Mit Oswald Spengler prä­sen­tiert Stum­berger einen Expo­nenten der Rechten.

Das letzte Kapitel ist dem titel­ge­benden »roten Matrosen« Rudolf Egel­hofer gewidmet. Der Kom­mandeur der baye­ri­schen Roten Armee wurde nach Ver­haftung und eben­falls schweren Miss­hand­lungen am 3. Mai 1919 erschossen. Der Sohn aus einer Arbei­ter­fa­milie zählt zu den »Ver­ges­senen der Geschichte«, zitiert der Autor Walter Ben­jamin. Über Egel­hofer ist wenig bekannt, in Poli­zei­be­richten und Artikeln der bour­geoisen Presse sind nur Ver­leum­dungen zu lesen. »Er galt als Bestie in Men­schen­ge­stalt.« In der DDR waren Straßen und ein Rake­ten­schnellboot nach Egel­hofer benannt. Doch auch dessen Name ver­schwand nach 1990. In der Bun­des­re­publik hatte man das von völ­ki­schen Kreisen und den Nazis geprägte Nega­tivbild von ihm tra­diert. Stum­bergers Buch leistet hier einen Beitrag zur dringend not­wen­digen Kor­rektur.

Rudolf Stum­berger: Das Raubtier und der rote Matrose. Fake News, Orte und Ideo­logien der Revo­lution und Räte­re­publik in München 1918/19. Alibri, 163 S., br., 15 €.

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Peter Nowak

Revolutionärer Wille

Wie standen Anar­chis­tInnen zur Okto­ber­re­vo­lution in Russland vor hundert Jahren? Einen guten Über­blick über die Debatte liefert der von Philippe Kel­lermann her­aus­ge­gebene Sam­melband «Anar­chismus und Rus­sische Revo­lution».

Anar­chis­tInnen und Bol­schewiki sind feind­liche Brüder. Diese Vor­stellung ist in allen Teilen der Linken weit ver­breitet. Daher war es für viele über­ra­schend, dass bekannte Anar­chis­tInnen aus aller Welt die Okto­ber­re­vo­lution begrüssten und sich am Aufbau der neuen Gesell­schaft in der Sowjet­union betei­ligten.
In 11 Auf­sätzen werden im Sam­melband «Anar­chismus und Rus­sische Revo­lution» die Reak­tionen von Anar­chis­tInnen und Anar­cho­syn­di­ka­lis­tInnen ver­schie­dener Länder auf die Okto­ber­re­vo­lution nach­ge­zeichnet. Die Dif­fe­ren­zierung, der im Titel des Buches nicht Rechnung getragen wird, ist wichtig. Denn die syn­di­ka­lis­tische Bewegung stand in vielen Ländern schon vor 1917 der mar­xis­ti­schen Theorie näher als der anar­chis­ti­schen. Innerhalb der anar­chis­ti­schen Bewegung gab es unter­schied­lichen Strö­mungen. Kel­lermann weist darauf hin, dass viele Anar­chis­tInnen positiv über­rascht waren, dass die Bol­schewiki 1917 den revo­lu­tio­nären Umsturz auf die Tages­ordnung setzten und mit den Eta­tismus der Zweiten Inter­na­tionale brachen. Zudem gehörten die Bol­schewiki zu den Kräften, die den Ersten Welt­krieg von Anfang ablehnten. Dagegen haben nicht nur fast alle Sozi­al­de­mo­kra­tInnen, sondern auch füh­rende Anar­chis­tInnen dar­unter Kro­potkin den Krieg auf der Seite «ihrer» Bour­geoisie begrüsst. Auch in Frank­reich hatten sich erklärte Anar­chis­tInnen 1914 zu natio­na­lis­ti­schen Kriegs­be­für­wor­te­rInnen gemausert. Da ging für viele Anar­chis­tInnen mit der Okto­ber­re­vo­lution die Sonne im Osten auf, wie Franco Ber­tu­locci seinen Aufsatz über die ita­lie­ni­schen Anar­chis­tInnen betitelt. Dabei muss natürlich auch berück­sichtigt werden, dass die Nach­richten über das, was sich im nach­re­vo­lu­tio­nären Russland konkret abspielte, vor 100 Jahren nur sehr spärlich ein­trafen.
Mit diesen Argument begründen mehrere Buch­au­toren, es sind aus­schliesslich Männer, dass viele Anar­chis­tInnen mit den Umbrüchen in Russland sym­pa­thi­sierten. Als Beleg für diese man­gelnden Infor­ma­tionen wird ange­führt, dass viele Anar­chis­tInnen annahmen, die Bol­schewiki hätten ihr Pro­gramm über­nommen. Umge­kehrt haben 1917 die Men­schewiki und andere Geg­ne­rInnen der Okto­ber­re­vo­lution Lenin des Anar­chismus bezichtigt. Bei manchen der Anar­chis­tInnen, wie Rudolf Rocker oder Enrico Mala­testa, die nur kurze Zeit hofften, die Bol­schewiki wären zu Anar­chis­tInnen geworden, lag es an man­gelnden Infor­ma­tionen. Sie wurden auch sehr schnell zu deren vehe­menten Kri­ti­ke­rInnen. Bei anderen hin­gegen, überwog die Hoffnung, dass mit der Okto­ber­re­vo­lution ein neues Kapitel in der revo­lu­tio­nären Bewegung auf­ge­schlagen würde und die alten Gräben von vor 1914 über­wunden werden müssten.
Diese Hoffnung wird am Bei­spiel von Victor Serge gut geschildert. Der US-His­to­riker Mit­chell Abidor beginnt seinen infor­ma­tiven Aufsatz mit dem Satz: «Victor Serge hat immer darauf hin­ge­wiesen, dass er 1919 als Anar­chist nach Sowjet­russland gegangen und als Anar­chist den Bol­schewiki bei­getreten ist.» In dem Aufsatz wird deutlich, dass Serge schon früh Kritik an bestimmten auto­ri­tären Ent­wick­lungen in der Sowjet­union hatte, aber aus Gründen der Soli­da­rität die Sowjet­union ver­tei­digte. So geriet er auch nicht als Anar­chist, sondern als ver­meint­licher Anhänger Trotzkis ins Visier der sowje­ti­schen Staats­organe. Nachdem er schliesslich aus­reisen konnte, wurde er in seinem anar­chis­ti­schen Milieu als Ver­räter betrachtet. Dass er auch nach seinem Bruch mit der KPdSU zu Kron­stadt dif­fe­ren­zierte Ansichten äus­serte, war für viele Anar­chis­tInnen untragbar. Abidor urteilt dif­fe­ren­zierter, in dem er über Serge schreibt: «Dabei machte er deutlich, dass es ver­schie­denste Inter­pre­ta­tionen zum Kron­stadt­auf­stand geben würde.» Serge hatte auch als kla­rerer Gegner der Bol­schewiki seit Ende der 1920er Jahre nicht ver­gessen, dass an den Häu­ser­wänden des dama­ligen Petersburg «Tötet die Juden» stand, um gegen die Bol­schewiki zu mobi­li­sieren. Mit solchen Anti­bol­sche­wis­tInnen wollte sich Serge nie gemein machen und das spricht für ihn.

Keine Ver­ein­nahmung
In den Buch wird deutlich, dass viele über­zeugte Kom­mu­nis­tInnen der ersten Stunde vorher Teil der syn­di­ka­lis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Bewegung waren. Das wird am Bei­spiel von Spanien, den USA, Frank­reich, aber auch der Schweiz im Detail nach­ge­zeichnet. So beschreibt Werner Portmann die für vor­wärts-Lese­rInnen sicher inter­es­santen Anfänge der kom­mu­nis­ti­schen Bewegung in der Schweiz und zitiert dabei aus den Erin­ne­rungen des Zürcher Arztes Fritz Brup­bacher, der sich dort selbst als Sozialist mit anar­chis­ti­schen Adern beschreibt. «Man merkte sehr gut, dass das meiste, was unter dem Titel Anar­chismus gegangen, einfach revo­lu­tio­närer Wille war, und als im Bol­sche­wismus eine Lehre auf­tauchte, die das revo­lu­tionäre Element ent­hielt, dass in der Sozi­al­de­mo­kratie nicht ent­halten war, so wurden die schein­baren Anar­chisten und Syn­di­ka­listen mit Leib und Seele Bol­sche­wisten.» Das schreib der Mit­be­gründer und lang­jährige Aktivist der Kom­mu­nis­ti­schen Partei der Schweiz noch nach dem Bruch mit der Sowjet­union Anfang der 1930er Jahre. Anders als der Schweizer Anar­chist Werner Portmann spricht Brup­bacher auch 1935 nicht davon, dass sich die Anar­chis­tInnen haben «vom Bol­sche­wismus ver­ein­nahmen lassen».
Das ist nicht das einzige Bei­spiel, wo in dem Buch die über­wiegend anar­chis­ti­schen Autoren einen Ton in den Text bringen, der den Anar­chis­tInnen und Syn­di­ka­lis­tInnen von vor 100 Jahren nicht gerecht wird. Sie hätten sich wegen fal­scher Infor­ma­tionen oder aus fehl­ge­lei­teten Idea­lismus für ein poli­ti­sches Projekt ver­ein­nahmt lassen, das ihren ursprüng­lichen Inten­tionen von Anfang an ent­ge­gen­ge­standen habe. Der Zeit­zeuge Brup­bacher schreibt dem­ge­genüber noch seinen Bruch mit den Bol­schewiki über die Monate nach der Okto­ber­re­vo­lution in der Schweiz: «Es war die Zeit, wo sogar die paar Anar­chisten, die der Krieg noch übrig gelassen hatte, sich dem totalen Bol­sche­wismus zuwandten.» Es war auch die Zeit, als der Anar­cho­kom­munist Erich Mühsam seine Akti­vi­täten in der Baye­ri­schen Räte­re­publik als Rechen­schafts­be­richt an den Genossen Lenin adres­sierte. Er war damals in Bayern selber am Aufbau einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft beteiligt und stand wie viele Linke, seien es Kom­mu­nis­tInnen, Anar­chis­tInnen oder Syn­di­ka­lis­tInnen vor ähn­lichen Pro­blemen.

Neue Gesell­schaft
In dem leider nur noch anti­qua­risch erhält­lichen Stan­dardwerk «Auf­stand der Räte» beschreibt der His­to­riker Michael Seligmann wie die Anhänger-Innen der baye­ri­schen Räte­re­publik mit dem Hass der alten Mächte kon­fron­tiert waren, die mit Mord­hetze und Anti­se­mi­tismus den Verlust ihrer Pri­vi­legien ver­hindern wollten. In dieser Situation sprach sich sogar der Libertäre Gustav Landauer, zeit­lebens ein scharfer Kri­tiker des Mar­xismus, für eine Zensur der kon­ter­re­vo­lu­tionäre Presse aus. Der strikte Gegner von Gewalt wurde nach der Zer­schlagung der baye­ri­schen Räte­re­publik von einer ent­fes­selten Sol­da­teska ebenso erschlagen, wie viele andere Ver­tei­di­ge­rInnen der neuen Gesell­schaft, egal ob sie sich Anar­chis­tInnen, Kom­mu­nis­tInnen oder einfach Arbei­te­rInnen nannten, die nicht länger schlimmer als Tiere behandelt werden wollten. Ist es da ver­ständlich, dass viele Anar­chis­tInnen und Syn­di­ka­lis­tInnen die Räte­re­publik ver­tei­digten, die den Kräften der Reaktion stand gehalten haben?

Philippe Kel­lermann (Hrsg.): Anar­chismus und Rus­sische Revo­lution. Dietz-Verlag, Berlin 2017, 416 Seiten, 29.90 Euro.

aus: Vor­wärts, 18.5.2018

Revo­lu­tio­närer Wille


Peter Nowak


Artikel doku­men­tiert in Schat­ten­blick:


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Landauer ist wieder da

»Die Zeit Gustav Land­auers ist noch nicht da«, schrieb der anar­chis­tische Publizist und poli­tische Aktivist Erich Mühsam zum 10. Jah­restag der Ermordung seines Freundes, der am 2. Mai 1919 nach der Zer­schlagung der Münchner Räte­re­publik von Frei­korps­sol­daten schwer miss­handelt und dann erschossen worden war. Bestraft wurden seine Mörder nicht. Lediglich einige Sol­daten erhielten Geld­strafen, weil sie den Leichnam noch aus­ge­raubt hatten.

Die Täter sym­pa­thi­sierten später mit den Nazis, die bereits 1933 den Gedenk­stein zer­stören ließen, den Land­auers Freunde 1925 an seinem Grab auf dem Münchner Wald­friedhof errichtet hatten. Seit Mitte Juli dieses Jahres erinnert dort ein Denkmal an den »Schrift­steller, Poli­tiker, Theo­re­tiker und Akti­visten des anar­chis­ti­schen Sozia­lismus, Gegner des Mili­ta­rismus und Mit­glied der Münchner Räte­re­gierung«, wie die Inschrift auf dem schwarzen Obelisk infor­miert. Doch nicht nur in München soll an ihn erinnert werden.

»Anfang Mai 2019 soll in Berlin zum hun­dertsten Todestag Gustav Land­auers ein mög­lichst zentral gele­genes und gut sicht­bares Landauer-Denkmal ein­ge­weiht und so eine dau­er­hafte Mar­kierung in der Erin­ne­rungs­to­po­graphie dieser Stadt rea­li­siert werden«, erklärt der Kul­tur­wis­sen­schaftler Jan Rol­let­schek. Er pro­mo­viert nicht nur über die Spinoza-Rezeption von Landauer, sondern hält auch dessen poli­ti­sches Erbe noch immer für aktuell. »Land­auers phi­lo­so­phi­sches Denken geht von der Frage aus, wie die per­sön­liche Freiheit mit der gesell­schaft­lichen Inte­gration in Ein­klang gebracht werden kann«, betont Rol­let­schek. Eine Frage, die sich für die For­mu­lierung linker Politik immer wieder stelle.

Des­wegen ver­steht die Initiative ein Gustav-Landauer-Denkmal in der deut­schen Haupt­stadt kei­neswegs nur als ein Erin­ne­rungsmal. Sie gibt Bro­schüren heraus, in denen Texte und Flug­blätter von Landauer nach­ge­druckt werden, die sich mit linker Stra­tegie und Taktik befassen. Eine kri­tische Aus­ein­an­der­setzung mit dem theo­re­ti­schen und prak­ti­schen Wirken von Landauer ist Ziel der Initiative.

Darüber hinaus will sie die weit­gehend ver­gessene Geschichte der anar­chis­ti­schen und anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Arbei­ter­be­wegung in Berlin wieder neu ent­decken. Auf Stadt­teil­spa­zier­gängen in Kreuzberg und Wedding wird an his­to­ri­schen Orten, wo sich bei­spiels­weise Zei­tungs­dru­cke­reien oder auch Ver­samm­lungs­lokale befanden und Demons­tra­tionen statt­fanden, daran gemahnt, wofür diese Bewegung stand und noch stehen könnte.

Auch His­to­riker und Poli­to­logen wandten sich in den ver­gan­genen Jahren ver­stärkt Landauer zu. Es erschienen mehrere Bücher, Brief- und Tage­buch­edi­tionen sowie aus­ge­wählte Schriften. Ist Gustav Land­auers Zeit viel­leicht doch endlich gekommen? Es scheint so.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1066789.landauer-ist-wieder-da.html?sstr=peter|nowak

Peter Nowak

Die Technik ist nicht neutral

Die neuen Tech­no­logien könnten einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft helfen, belas­tende Arbeit zu ver­ringern. Doch das wird nicht auto­ma­tisch geschehen. Auch in der durch­di­gi­ta­li­sierten Gesell­schaft bleiben Arbeits­kämpfe zur Über­windung des Kapi­ta­lismus uner­lässlich.

»Der Mann, der in Deutschland zum ersten Mal die Asso­ziation der Kon­su­menten zur Aus­schaltung des Kapi­ta­lismus und zur Begründung der Eigen­pro­duktion wieder sys­te­ma­tisch gelehrt hat, war ein ein­facher Arbeiter, der seine Intel­ligenz aus eigener Kraft geübt hatte: der Bau­an­schläger Wilhelm Wiese.«

Mit Emphase beschwor Gustav Landauer in seinem Aufsatz »Sozia­lismus und Genos­sen­schaft« im Jahr 1910, dass nicht Klas­sen­kampf und Revo­lution, sondern die För­derung der Kon­sum­ge­nos­sen­schaften den Weg zum Sozia­lismus weisen würde. Landauer pole­mi­sierte gegen die Kräfte in der dama­ligen Arbei­ter­be­wegung, die nicht davon über­zeugt waren, dass man mit den Genos­sen­schaften den Weg zum Sozia­lismus abkürzen und auf einen revo­lu­tio­nären Bruch ver­zichten könne. Er erkannte vor 105 Jahren sehr genau, dass der Ein­fluss der Mar­xisten in der deut­schen und inter­na­tio­nalen Arbei­ter­be­wegung am Schwinden war. Aber im Gegensatz zu Rosa Luxemburg und anderen Linken war das für ihn, der sich selber einen Ver­wirk­li­chungs­so­zia­listen nannte, ein Grund zur Freude. So schrieb er im gleichen Aufsatz: »Die Situation ist also jetzt die: in allen Ländern findet sich unter den Genos­sen­schaftern und den Sozia­listen eine sehr große Zahl solcher, die ein­ge­sehen haben, dass die Ver­wirk­li­chung des Sozia­lismus mit dem Aus­tritt aus der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft tat­sächlich beginnt, dass es den mar­xis­ti­schen Strich zwi­schen der ›jet­zigen‹ und der ›künf­tigen‹ Gesell­schaft nur für solche gibt, deren Theorie ein Instrument der Untä­tigkeit und des Auf­schiebens ist, und dass der Zusam­men­schluss des Konsums ein solches Beginnen ist, wenn er den Zweck hat, dass die orga­ni­sierten Kon­su­menten für sich selbst pro­du­zieren.«

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Mehr als 100 Jahre später wird kaum noch jemand die Genos­sen­schaften als Beginn des Sozia­lismus sehen. Doch die Hoffnung, ohne poli­tische Aus­einandersetzungen und Kämpfe in den Sozia­lismus hin­ein­zu­wachsen, hält sich unge­brochen. Deshalb finden Bücher wie »Post­ka­pi­ta­lismus« von Paul Mason eine solch große Resonanz und sorgen für aus­ver­kaufte Ver­an­stal­tungen.

Die Men­schen, die diese Bücher lesen, gehören oft zum aka­de­mi­schen Pre­kariat und sind auf­ge­schlossen für eine Alter­native zum Kapi­ta­lismus. Da es heute wenig kon­krete Erfah­rungen mit Pro­zessen der Selbst­or­ga­ni­sation gibt und auch die Beschäf­tigung mit mar­xis­ti­scher Theorie mar­ginal ist, ver­wundert es nicht, dass sich der Ver­wirk­li­chungs­so­zia­lismus wieder großer Beliebtheit erfreut, wenn er auch nicht mehr so genannt wird. Nur ist es jetzt nicht mehr die Genos­sen­schafts­be­wegung, sondern die Infor­ma­ti­ons­tech­no­logie, die nach Mason den Weg zum Sozia­lismus ebnen soll. Beschäf­tigung mit linker Theorie wäre dann ebenso über­flüssig wie die Orga­ni­sierung von Klas­sen­kämpfen. Daher findet Mason durchaus auch Zustimmung bei auf­ge­schlos­senen Kapi­tal­kreisen, wie Georg Diez auf Spiegel Online bemerkt: »Da ist einfach jemand, der sich die Wider­sprüche unserer heu­tigen Welt anschaut – und erst mal das Positive sieht. Deshalb konnte auch die Financial Times über ›Post­ka­pi­ta­lismus‹ sagen, dass dieses Buch viele Leser ver­dient, ›auf der Linken wie auf der Rechten‹«.

Nun wäre es aber völlig falsch, den Post­ideo­logen Mason einfach rechts liegen zu lassen. Im Gegensatz zu den Main­stream-Linken stellt er einen Zusam­menhang zwi­schen dem Stand der Pro­duk­tiv­kräfte und der Eman­zi­pation einer Gesell­schaft her. Mason skiz­ziert eine Welt, in der die Lohn­arbeit einen immer gerin­geren Stel­lenwert ein­nehmen könnte, weil intel­li­gente Maschinen viele dieser Tätig­keiten über­nehmen könnten.

Wenn Mason schreibt, dass die Tech­no­logie, die heute viele Men­schen fürchten, dazu bei­tragen könnte, die Lohn­arbeit über­flüssig zu machen, dann sind das Sätze, die für eine linke Stra­tegie im 21. Jahr­hundert eine zen­trale Rolle spielen müssen. Oft wird in linken Gruppen die For­derung vom Kampf gegen die Arbeit erhoben, besonders gerne dann, wenn Lohn­ab­hängige sich gegen Betriebs­schlie­ßungen und den Verlust von Arbeits­plätzen zu Wehr setzen. In diesem Kontext aber ist der Slogan vom Kampf gegen die Arbeit lediglich ein inhalts­leeres Pos­tulat. Es wird dabei nicht berück­sichtigt, dass der Verlust von Arbeits­plätzen im Kapi­ta­lismus eben nicht das Reich der Freiheit bedeutet, sondern den Fall ins Hartz-IV-System, in staat­liche Kon­trolle und Ver­armung. Daher hat es in den ver­gan­genen Jahren auch immer wieder Kämpfe gegen Ent­las­sungen und Betriebs­schlie­ßungen gegeben.

Das sind natürlich reine Abwehr­kämpfe. Doch es ist ein Wider­stand gegen die Ver­schlech­terung von Arbeits- und Lebens­be­din­gungen der betrof­fenen Men­schen. Die linke Antwort darauf kannn nicht eine all­gemein gehaltene Parole vom Kampf gegen die Arbeit sein.

Sehr wohl aber ist es wichtig, deutlich zu machen, dass in der nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft der Einsatz von moderner Tech­no­logie seinen Schrecken ver­lieren würde. Maschinen können viele der Tätig­keiten über­nehmen, die die Men­schen krank machen und psy­chisch und phy­sisch belasten. Hier würde eine Parole Anwendung finden, die häu­figer auf Demons­tra­tionen gerufen wurde: »Endlich geht die Arbeit aus, und der Staat, der macht nichts draus«.

Eine solche Position könnte tat­sächlich eine Linke aus einer stän­digen Defen­siv­haltung her­aus­bringen und die Brücke schlagen zu den vielen Beschäf­tigten in unter­schied­lichen Branchen, deren Arbeits­plätze durch den Einsatz von neuen Tech­no­logien ent­weder weniger werden oder ganz weg­fallen könnten. In dieser Hin­sicht sind die Thesen von Mason also durchaus hilf­reich für eine linke Debatte. Doch die muss eben auch deutlich machen, dass die neuen Tech­no­logien mit Abstrichen in einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft ihren Schrecken ver­lieren und im Gegenteil mit­helfen können, die not­wendige Arbeit zu ver­ringern. Doch die Technik ist nicht neutral. Das heißt auch, dass in einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft nicht einfach die vorhan­denen Pro­duk­tions- und Dis­tri­bu­ti­ons­mittel weiter ver­wendet werden können.

Als die Bol­schewiki nach der Okto­ber­re­vo­lution ebenso wie Anar­cho­syn­di­ka­listen während der Spa­ni­schen Revo­lution die vorher von beiden Gruppen bekämpfte Tay­lo­ri­sierung der Arbeit über­nahmen, war das schon ein Schritt auf dem Weg zur Kon­ter­re­vo­lution. Trotzdem dürfen die objek­tiven Zwänge bei diesem Schritt nicht über­sehen werden. Im Com­pu­ter­zeit­alter ist eine Erkenntnis noch wich­tiger. »Keine Revo­lution, die diesen Namen ver­dient, kann auf die Algo­rithmen des World Wide Web einfach zurück­greifen, denn sie sind die neo­li­be­ralen Pro­duk­tions- und Dis­tri­bu­ti­ons­mittel par excel­lence«, schreibt Johannes Neitzke in der Zeitung der stu­den­ti­schen Selbst­ver­waltung an der Ber­liner Humboldt­universität HUch sehr richtig.

Ein revo­lu­tio­närer Bruch ist not­wendig

Damit kommen wir wieder zur eigent­lichen Frage, der des revo­lu­tio­nären Bruchs, den Mason heute ebenso für obsolet erklärt wie vor über 100 Jahren Landauer. Ohne ihn wird sich der Kapi­ta­lismus die neuen Tech­no­logien genau so zunutze machen, wie er es mit der Genos­sen­schafts­be­wegung tat.

Es gibt derzeit genügend Bei­spiele dafür, wie mit Hilfe der neuen Tech­no­logien Tätig­keiten kapi­ta­lis­tisch in Wert gesetzt werden, die bisher außerhalb des Ver­wer­tungs­zwanges standen. Diese Ent­wicklung kann in vielen Bereichen der Share-Öko­nomie beob­achtet werden. Spä­testens hier aber kann Mason kein Rat­geber mehr sein.

Wenn es um Orga­ni­sie­rungs­pro­zesse im Kapi­ta­lismus und Wege heraus geht, müssen wir Streiks orga­ni­sieren, Komitees gründen und zur theo­re­ti­schen Wei­ter­bildung zu Marx und anderen Theo­re­ti­ke­rinnen und Theore­tikern der Arbei­ter­be­wegung greifen.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​2​0​/​5​4​0​3​8​.html

Peter Nowak