Ein Anarchist im Kreuzberger Rathaus

Heute wieder hoch aktuell

Eine Aus­stellung in Kreuz­berger Rathaus zeigt, welche Spuren Gustav Landauer hin­ter­lassen hat

Das ver­ab­redete Treffen von zivilen Beamten der poli­ti­schen Polizei mit dem Redakteur einer anar­chis­ti­schen Zeitung wurde jäh beendet, als Männer mit fal­schen Bärten in das Lokal kamen und ihre Umgebung von dem Ren­dezvous infor­mierten. Dar­aufhin traten die Spitzel die Flucht an. Über diese lustige Bege­benheit von 1896 wird in der…

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Am Beginn der Weimarer Republik standen Staatsmassaker

In diesen Tagen jähren sich Ereig­nisse, die zeigen, wie schmal die Trennung zwi­schen bür­ger­lichem Staat und Faschismus ist

Paul Brandt, Ernst Bursian, Werner Weber: Das sind nur drei von 29 Namen, die am Mon­tag­vor­mittag vor dem Gebäude der Fran­zö­si­schen Straße 32 in Mitte in die Höhe gehalten wurden. Dort waren diese Männer am 11. März 1919 erschossen worden.

Etwas mehr als 100 Jahre später trafen sich nun etwa 50 Men­schen zu einer Gedenk­ver­an­staltung. Initiiert wurde sie vom Regisseur und Buch­autor Klaus Gie­tinger. Er hat in den letzten Jahren über die Gewalt geforscht, mit der im Frühjahr 1919 rechte Frei­korps gegen auf­stän­dische Arbeiter und sie unter­stüt­zende Sol­daten vor­ge­gangen sind.

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Beiderseits der Barrikade

Revo­lution
in Bayern

Es gibt wohl nur wenige his­to­rische Groß­ereig­nisse, die im Nach­hinein von einer der­ar­tigen poli­ti­schen Ver­zerrung und Ent­stellung gekenn­zeichnet sind wie die Baye­rische Räte­re­publik, urteilt Rudolf Stum­berger. Er kon­zen­triert sich in seinem neuen Buch auf Akteure, die vor 100 Jahren auf unter­schied­lichen Seiten der Bar­rikade standen.

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Revolutionärer Wille

Wie standen Anar­chis­tInnen zur Okto­ber­re­vo­lution in Russland vor hundert Jahren? Einen guten Über­blick über die Debatte liefert der von Philippe Kel­lermann her­aus­ge­gebene Sam­melband «Anar­chismus und Rus­sische Revo­lution».

Anar­chis­tInnen und Bol­schewiki sind feind­liche Brüder. Diese Vor­stellung ist in allen Teilen der Linken weit ver­breitet. Daher war es für viele über­ra­schend, dass bekannte Anar­chis­tInnen aus aller Welt die Okto­ber­re­vo­lution begrüssten und sich am Aufbau der neuen Gesell­schaft in der Sowjet­union betei­ligten.
In 11 Auf­sätzen werden im Sam­melband «Anar­chismus und Rus­sische Revo­lution» die Reak­tionen von Anar­chis­tInnen und Anar­cho­syn­di­ka­lis­tInnen ver­schie­dener Länder auf die Okto­ber­re­vo­lution nach­ge­zeichnet. Die Dif­fe­ren­zierung, der im Titel des Buches nicht Rechnung getragen wird, ist wichtig. Denn die syn­di­ka­lis­tische Bewegung stand in vielen Ländern schon vor 1917 der mar­xis­ti­schen Theorie näher als der anar­chis­ti­schen. Innerhalb der anar­chis­ti­schen Bewegung gab es unter­schied­lichen Strö­mungen. Kel­lermann weist darauf hin, dass viele Anar­chis­tInnen positiv über­rascht waren, dass die Bol­schewiki 1917 den revo­lu­tio­nären Umsturz auf die Tages­ordnung setzten und mit den Eta­tismus der Zweiten Inter­na­tionale brachen. Zudem gehörten die Bol­schewiki zu den Kräften, die den Ersten Welt­krieg von Anfang ablehnten. Dagegen haben nicht nur fast alle Sozi­al­de­mo­kra­tInnen, sondern auch füh­rende Anar­chis­tInnen dar­unter Kro­potkin den Krieg auf der Seite «ihrer» Bour­geoisie begrüsst. Auch in Frank­reich hatten sich erklärte Anar­chis­tInnen 1914 zu natio­na­lis­ti­schen Kriegs­be­für­wor­te­rInnen gemausert. Da ging für viele Anar­chis­tInnen mit der Okto­ber­re­vo­lution die Sonne im Osten auf, wie Franco Ber­tu­locci seinen Aufsatz über die ita­lie­ni­schen Anar­chis­tInnen betitelt. Dabei muss natürlich auch berück­sichtigt werden, dass die Nach­richten über das, was sich im nach­re­vo­lu­tio­nären Russland konkret abspielte, vor 100 Jahren nur sehr spärlich ein­trafen.
Mit diesen Argument begründen mehrere Buch­au­toren, es sind aus­schliesslich Männer, dass viele Anar­chis­tInnen mit den Umbrüchen in Russland sym­pa­thi­sierten. Als Beleg für diese man­gelnden Infor­ma­tionen wird ange­führt, dass viele Anar­chis­tInnen annahmen, die Bol­schewiki hätten ihr Pro­gramm über­nommen. Umge­kehrt haben 1917 die Men­schewiki und andere Geg­ne­rInnen der Okto­ber­re­vo­lution Lenin des Anar­chismus bezichtigt. Bei manchen der Anar­chis­tInnen, wie Rudolf Rocker oder Enrico Mala­testa, die nur kurze Zeit hofften, die Bol­schewiki wären zu Anar­chis­tInnen geworden, lag es an man­gelnden Infor­ma­tionen. Sie wurden auch sehr schnell zu deren vehe­menten Kri­ti­ke­rInnen. Bei anderen hin­gegen, überwog die Hoffnung, dass mit der Okto­ber­re­vo­lution ein neues Kapitel in der revo­lu­tio­nären Bewegung auf­ge­schlagen würde und die alten Gräben von vor 1914 über­wunden werden müssten.
Diese Hoffnung wird am Bei­spiel von Victor Serge gut geschildert. Der US-His­to­riker Mit­chell Abidor beginnt seinen infor­ma­tiven Aufsatz mit dem Satz: «Victor Serge hat immer darauf hin­ge­wiesen, dass er 1919 als Anar­chist nach Sowjet­russland gegangen und als Anar­chist den Bol­schewiki bei­getreten ist.» In dem Aufsatz wird deutlich, dass Serge schon früh Kritik an bestimmten auto­ri­tären Ent­wick­lungen in der Sowjet­union hatte, aber aus Gründen der Soli­da­rität die Sowjet­union ver­tei­digte. So geriet er auch nicht als Anar­chist, sondern als ver­meint­licher Anhänger Trotzkis ins Visier der sowje­ti­schen Staats­organe. Nachdem er schliesslich aus­reisen konnte, wurde er in seinem anar­chis­ti­schen Milieu als Ver­räter betrachtet. Dass er auch nach seinem Bruch mit der KPdSU zu Kron­stadt dif­fe­ren­zierte Ansichten äus­serte, war für viele Anar­chis­tInnen untragbar. Abidor urteilt dif­fe­ren­zierter, in dem er über Serge schreibt: «Dabei machte er deutlich, dass es ver­schie­denste Inter­pre­ta­tionen zum Kron­stadt­auf­stand geben würde.» Serge hatte auch als kla­rerer Gegner der Bol­schewiki seit Ende der 1920er Jahre nicht ver­gessen, dass an den Häu­ser­wänden des dama­ligen Petersburg «Tötet die Juden» stand, um gegen die Bol­schewiki zu mobi­li­sieren. Mit solchen Anti­bol­sche­wis­tInnen wollte sich Serge nie gemein machen und das spricht für ihn.

Keine Ver­ein­nahmung
In den Buch wird deutlich, dass viele über­zeugte Kom­mu­nis­tInnen der ersten Stunde vorher Teil der syn­di­ka­lis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Bewegung waren. Das wird am Bei­spiel von Spanien, den USA, Frank­reich, aber auch der Schweiz im Detail nach­ge­zeichnet. So beschreibt Werner Portmann die für vor­wärts-Lese­rInnen sicher inter­es­santen Anfänge der kom­mu­nis­ti­schen Bewegung in der Schweiz und zitiert dabei aus den Erin­ne­rungen des Zürcher Arztes Fritz Brup­bacher, der sich dort selbst als Sozialist mit anar­chis­ti­schen Adern beschreibt. «Man merkte sehr gut, dass das meiste, was unter dem Titel Anar­chismus gegangen, einfach revo­lu­tio­närer Wille war, und als im Bol­sche­wismus eine Lehre auf­tauchte, die das revo­lu­tionäre Element ent­hielt, dass in der Sozi­al­de­mo­kratie nicht ent­halten war, so wurden die schein­baren Anar­chisten und Syn­di­ka­listen mit Leib und Seele Bol­sche­wisten.» Das schreib der Mit­be­gründer und lang­jährige Aktivist der Kom­mu­nis­ti­schen Partei der Schweiz noch nach dem Bruch mit der Sowjet­union Anfang der 1930er Jahre. Anders als der Schweizer Anar­chist Werner Portmann spricht Brup­bacher auch 1935 nicht davon, dass sich die Anar­chis­tInnen haben «vom Bol­sche­wismus ver­ein­nahmen lassen».
Das ist nicht das einzige Bei­spiel, wo in dem Buch die über­wiegend anar­chis­ti­schen Autoren einen Ton in den Text bringen, der den Anar­chis­tInnen und Syn­di­ka­lis­tInnen von vor 100 Jahren nicht gerecht wird. Sie hätten sich wegen fal­scher Infor­ma­tionen oder aus fehl­ge­lei­teten Idea­lismus für ein poli­ti­sches Projekt ver­ein­nahmt lassen, das ihren ursprüng­lichen Inten­tionen von Anfang an ent­ge­gen­ge­standen habe. Der Zeit­zeuge Brup­bacher schreibt dem­ge­genüber noch seinen Bruch mit den Bol­schewiki über die Monate nach der Okto­ber­re­vo­lution in der Schweiz: «Es war die Zeit, wo sogar die paar Anar­chisten, die der Krieg noch übrig gelassen hatte, sich dem totalen Bol­sche­wismus zuwandten.» Es war auch die Zeit, als der Anar­cho­kom­munist Erich Mühsam seine Akti­vi­täten in der Baye­ri­schen Räte­re­publik als Rechen­schafts­be­richt an den Genossen Lenin adres­sierte. Er war damals in Bayern selber am Aufbau einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft beteiligt und stand wie viele Linke, seien es Kom­mu­nis­tInnen, Anar­chis­tInnen oder Syn­di­ka­lis­tInnen vor ähn­lichen Pro­blemen.

Neue Gesell­schaft
In dem leider nur noch anti­qua­risch erhält­lichen Stan­dardwerk «Auf­stand der Räte» beschreibt der His­to­riker Michael Seligmann wie die Anhänger-Innen der baye­ri­schen Räte­re­publik mit dem Hass der alten Mächte kon­fron­tiert waren, die mit Mord­hetze und Anti­se­mi­tismus den Verlust ihrer Pri­vi­legien ver­hindern wollten. In dieser Situation sprach sich sogar der Libertäre Gustav Landauer, zeit­lebens ein scharfer Kri­tiker des Mar­xismus, für eine Zensur der kon­ter­re­vo­lu­tionäre Presse aus. Der strikte Gegner von Gewalt wurde nach der Zer­schlagung der baye­ri­schen Räte­re­publik von einer ent­fes­selten Sol­da­teska ebenso erschlagen, wie viele andere Ver­tei­di­ge­rInnen der neuen Gesell­schaft, egal ob sie sich Anar­chis­tInnen, Kom­mu­nis­tInnen oder einfach Arbei­te­rInnen nannten, die nicht länger schlimmer als Tiere behandelt werden wollten. Ist es da ver­ständlich, dass viele Anar­chis­tInnen und Syn­di­ka­lis­tInnen die Räte­re­publik ver­tei­digten, die den Kräften der Reaktion stand gehalten haben?

Philippe Kel­lermann (Hrsg.): Anar­chismus und Rus­sische Revo­lution. Dietz-Verlag, Berlin 2017, 416 Seiten, 29.90 Euro.

aus: Vor­wärts, 18.5.2018

Revo­lu­tio­närer Wille


Peter Nowak


Artikel doku­men­tiert in Schat­ten­blick:


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Landauer ist wieder da

»Die Zeit Gustav Land­auers ist noch nicht da«, schrieb der anar­chis­tische Publizist und poli­tische Aktivist Erich Mühsam zum 10. Jah­restag der Ermordung seines Freundes, der am 2. Mai 1919 nach der Zer­schlagung der Münchner Räte­re­publik von Frei­korps­sol­daten schwer miss­handelt und dann erschossen worden war. Bestraft wurden seine Mörder nicht. Lediglich einige Sol­daten erhielten Geld­strafen, weil sie den Leichnam noch aus­ge­raubt hatten.

Die Täter sym­pa­thi­sierten später mit den Nazis, die bereits 1933 den Gedenk­stein zer­stören ließen, den Land­auers Freunde 1925 an seinem Grab auf dem Münchner Wald­friedhof errichtet hatten. Seit Mitte Juli dieses Jahres erinnert dort ein Denkmal an den »Schrift­steller, Poli­tiker, Theo­re­tiker und Akti­visten des anar­chis­ti­schen Sozia­lismus, Gegner des Mili­ta­rismus und Mit­glied der Münchner Räte­re­gierung«, wie die Inschrift auf dem schwarzen Obelisk infor­miert. Doch nicht nur in München soll an ihn erinnert werden.

»Anfang Mai 2019 soll in Berlin zum hun­dertsten Todestag Gustav Land­auers ein mög­lichst zentral gele­genes und gut sicht­bares Landauer-Denkmal ein­ge­weiht und so eine dau­er­hafte Mar­kierung in der Erin­ne­rungs­to­po­graphie dieser Stadt rea­li­siert werden«, erklärt der Kul­tur­wis­sen­schaftler Jan Rol­let­schek. Er pro­mo­viert nicht nur über die Spinoza-Rezeption von Landauer, sondern hält auch dessen poli­ti­sches Erbe noch immer für aktuell. »Land­auers phi­lo­so­phi­sches Denken geht von der Frage aus, wie die per­sön­liche Freiheit mit der gesell­schaft­lichen Inte­gration in Ein­klang gebracht werden kann«, betont Rol­let­schek. Eine Frage, die sich für die For­mu­lierung linker Politik immer wieder stelle.

Des­wegen ver­steht die Initiative ein Gustav-Landauer-Denkmal in der deut­schen Haupt­stadt kei­neswegs nur als ein Erin­ne­rungsmal. Sie gibt Bro­schüren heraus, in denen Texte und Flug­blätter von Landauer nach­ge­druckt werden, die sich mit linker Stra­tegie und Taktik befassen. Eine kri­tische Aus­ein­an­der­setzung mit dem theo­re­ti­schen und prak­ti­schen Wirken von Landauer ist Ziel der Initiative.

Darüber hinaus will sie die weit­gehend ver­gessene Geschichte der anar­chis­ti­schen und anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Arbei­ter­be­wegung in Berlin wieder neu ent­decken. Auf Stadt­teil­spa­zier­gängen in Kreuzberg und Wedding wird an his­to­ri­schen Orten, wo sich bei­spiels­weise Zei­tungs­dru­cke­reien oder auch Ver­samm­lungs­lokale befanden und Demons­tra­tionen statt­fanden, daran gemahnt, wofür diese Bewegung stand und noch stehen könnte.

Auch His­to­riker und Poli­to­logen wandten sich in den ver­gan­genen Jahren ver­stärkt Landauer zu. Es erschienen mehrere Bücher, Brief- und Tage­buch­edi­tionen sowie aus­ge­wählte Schriften. Ist Gustav Land­auers Zeit viel­leicht doch endlich gekommen? Es scheint so.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1066789.landauer-ist-wieder-da.html?sstr=peter|nowak

Peter Nowak

Die Technik ist nicht neutral

Die neuen Tech­no­logien könnten einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft helfen, belas­tende Arbeit zu ver­ringern. Doch das wird nicht auto­ma­tisch geschehen. Auch in der durch­di­gi­ta­li­sierten Gesell­schaft bleiben Arbeits­kämpfe zur Über­windung des Kapi­ta­lismus uner­lässlich.

»Der Mann, der in Deutschland zum ersten Mal die Asso­ziation der Kon­su­menten zur Aus­schaltung des Kapi­ta­lismus und zur Begründung der Eigen­pro­duktion wieder sys­te­ma­tisch gelehrt hat, war ein ein­facher Arbeiter, der seine Intel­ligenz aus eigener Kraft geübt hatte: der Bau­an­schläger Wilhelm Wiese.«

Mit Emphase beschwor Gustav Landauer in seinem Aufsatz »Sozia­lismus und Genos­sen­schaft« im Jahr 1910, dass nicht Klas­sen­kampf und Revo­lution, sondern die För­derung der Kon­sum­ge­nos­sen­schaften den Weg zum Sozia­lismus weisen würde. Landauer pole­mi­sierte gegen die Kräfte in der dama­ligen Arbei­ter­be­wegung, die nicht davon über­zeugt waren, dass man mit den Genos­sen­schaften den Weg zum Sozia­lismus abkürzen und auf einen revo­lu­tio­nären Bruch ver­zichten könne. Er erkannte vor 105 Jahren sehr genau, dass der Ein­fluss der Mar­xisten in der deut­schen und inter­na­tio­nalen Arbei­ter­be­wegung am Schwinden war. Aber im Gegensatz zu Rosa Luxemburg und anderen Linken war das für ihn, der sich selber einen Ver­wirk­li­chungs­so­zia­listen nannte, ein Grund zur Freude. So schrieb er im gleichen Aufsatz: »Die Situation ist also jetzt die: in allen Ländern findet sich unter den Genos­sen­schaftern und den Sozia­listen eine sehr große Zahl solcher, die ein­ge­sehen haben, dass die Ver­wirk­li­chung des Sozia­lismus mit dem Aus­tritt aus der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft tat­sächlich beginnt, dass es den mar­xis­ti­schen Strich zwi­schen der ›jet­zigen‹ und der ›künf­tigen‹ Gesell­schaft nur für solche gibt, deren Theorie ein Instrument der Untä­tigkeit und des Auf­schiebens ist, und dass der Zusam­men­schluss des Konsums ein solches Beginnen ist, wenn er den Zweck hat, dass die orga­ni­sierten Kon­su­menten für sich selbst pro­du­zieren.«

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Mehr als 100 Jahre später wird kaum noch jemand die Genos­sen­schaften als Beginn des Sozia­lismus sehen. Doch die Hoffnung, ohne poli­tische Aus­einandersetzungen und Kämpfe in den Sozia­lismus hin­ein­zu­wachsen, hält sich unge­brochen. Deshalb finden Bücher wie »Post­ka­pi­ta­lismus« von Paul Mason eine solch große Resonanz und sorgen für aus­ver­kaufte Ver­an­stal­tungen.

Die Men­schen, die diese Bücher lesen, gehören oft zum aka­de­mi­schen Pre­kariat und sind auf­ge­schlossen für eine Alter­native zum Kapi­ta­lismus. Da es heute wenig kon­krete Erfah­rungen mit Pro­zessen der Selbst­or­ga­ni­sation gibt und auch die Beschäf­tigung mit mar­xis­ti­scher Theorie mar­ginal ist, ver­wundert es nicht, dass sich der Ver­wirk­li­chungs­so­zia­lismus wieder großer Beliebtheit erfreut, wenn er auch nicht mehr so genannt wird. Nur ist es jetzt nicht mehr die Genos­sen­schafts­be­wegung, sondern die Infor­ma­ti­ons­tech­no­logie, die nach Mason den Weg zum Sozia­lismus ebnen soll. Beschäf­tigung mit linker Theorie wäre dann ebenso über­flüssig wie die Orga­ni­sierung von Klas­sen­kämpfen. Daher findet Mason durchaus auch Zustimmung bei auf­ge­schlos­senen Kapi­tal­kreisen, wie Georg Diez auf Spiegel Online bemerkt: »Da ist einfach jemand, der sich die Wider­sprüche unserer heu­tigen Welt anschaut – und erst mal das Positive sieht. Deshalb konnte auch die Financial Times über ›Post­ka­pi­ta­lismus‹ sagen, dass dieses Buch viele Leser ver­dient, ›auf der Linken wie auf der Rechten‹«.

Nun wäre es aber völlig falsch, den Post­ideo­logen Mason einfach rechts liegen zu lassen. Im Gegensatz zu den Main­stream-Linken stellt er einen Zusam­menhang zwi­schen dem Stand der Pro­duk­tiv­kräfte und der Eman­zi­pation einer Gesell­schaft her. Mason skiz­ziert eine Welt, in der die Lohn­arbeit einen immer gerin­geren Stel­lenwert ein­nehmen könnte, weil intel­li­gente Maschinen viele dieser Tätig­keiten über­nehmen könnten.

Wenn Mason schreibt, dass die Tech­no­logie, die heute viele Men­schen fürchten, dazu bei­tragen könnte, die Lohn­arbeit über­flüssig zu machen, dann sind das Sätze, die für eine linke Stra­tegie im 21. Jahr­hundert eine zen­trale Rolle spielen müssen. Oft wird in linken Gruppen die For­derung vom Kampf gegen die Arbeit erhoben, besonders gerne dann, wenn Lohn­ab­hängige sich gegen Betriebs­schlie­ßungen und den Verlust von Arbeits­plätzen zu Wehr setzen. In diesem Kontext aber ist der Slogan vom Kampf gegen die Arbeit lediglich ein inhalts­leeres Pos­tulat. Es wird dabei nicht berück­sichtigt, dass der Verlust von Arbeits­plätzen im Kapi­ta­lismus eben nicht das Reich der Freiheit bedeutet, sondern den Fall ins Hartz-IV-System, in staat­liche Kon­trolle und Ver­armung. Daher hat es in den ver­gan­genen Jahren auch immer wieder Kämpfe gegen Ent­las­sungen und Betriebs­schlie­ßungen gegeben.

Das sind natürlich reine Abwehr­kämpfe. Doch es ist ein Wider­stand gegen die Ver­schlech­terung von Arbeits- und Lebens­be­din­gungen der betrof­fenen Men­schen. Die linke Antwort darauf kannn nicht eine all­gemein gehaltene Parole vom Kampf gegen die Arbeit sein.

Sehr wohl aber ist es wichtig, deutlich zu machen, dass in der nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft der Einsatz von moderner Tech­no­logie seinen Schrecken ver­lieren würde. Maschinen können viele der Tätig­keiten über­nehmen, die die Men­schen krank machen und psy­chisch und phy­sisch belasten. Hier würde eine Parole Anwendung finden, die häu­figer auf Demons­tra­tionen gerufen wurde: »Endlich geht die Arbeit aus, und der Staat, der macht nichts draus«.

Eine solche Position könnte tat­sächlich eine Linke aus einer stän­digen Defen­siv­haltung her­aus­bringen und die Brücke schlagen zu den vielen Beschäf­tigten in unter­schied­lichen Branchen, deren Arbeits­plätze durch den Einsatz von neuen Tech­no­logien ent­weder weniger werden oder ganz weg­fallen könnten. In dieser Hin­sicht sind die Thesen von Mason also durchaus hilf­reich für eine linke Debatte. Doch die muss eben auch deutlich machen, dass die neuen Tech­no­logien mit Abstrichen in einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft ihren Schrecken ver­lieren und im Gegenteil mit­helfen können, die not­wendige Arbeit zu ver­ringern. Doch die Technik ist nicht neutral. Das heißt auch, dass in einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft nicht einfach die vorhan­denen Pro­duk­tions- und Dis­tri­bu­ti­ons­mittel weiter ver­wendet werden können.

Als die Bol­schewiki nach der Okto­ber­re­vo­lution ebenso wie Anar­cho­syn­di­ka­listen während der Spa­ni­schen Revo­lution die vorher von beiden Gruppen bekämpfte Tay­lo­ri­sierung der Arbeit über­nahmen, war das schon ein Schritt auf dem Weg zur Kon­ter­re­vo­lution. Trotzdem dürfen die objek­tiven Zwänge bei diesem Schritt nicht über­sehen werden. Im Com­pu­ter­zeit­alter ist eine Erkenntnis noch wich­tiger. »Keine Revo­lution, die diesen Namen ver­dient, kann auf die Algo­rithmen des World Wide Web einfach zurück­greifen, denn sie sind die neo­li­be­ralen Pro­duk­tions- und Dis­tri­bu­ti­ons­mittel par excel­lence«, schreibt Johannes Neitzke in der Zeitung der stu­den­ti­schen Selbst­ver­waltung an der Ber­liner Humboldt­universität HUch sehr richtig.

Ein revo­lu­tio­närer Bruch ist not­wendig

Damit kommen wir wieder zur eigent­lichen Frage, der des revo­lu­tio­nären Bruchs, den Mason heute ebenso für obsolet erklärt wie vor über 100 Jahren Landauer. Ohne ihn wird sich der Kapi­ta­lismus die neuen Tech­no­logien genau so zunutze machen, wie er es mit der Genos­sen­schafts­be­wegung tat.

Es gibt derzeit genügend Bei­spiele dafür, wie mit Hilfe der neuen Tech­no­logien Tätig­keiten kapi­ta­lis­tisch in Wert gesetzt werden, die bisher außerhalb des Ver­wer­tungs­zwanges standen. Diese Ent­wicklung kann in vielen Bereichen der Share-Öko­nomie beob­achtet werden. Spä­testens hier aber kann Mason kein Rat­geber mehr sein.

Wenn es um Orga­ni­sie­rungs­pro­zesse im Kapi­ta­lismus und Wege heraus geht, müssen wir Streiks orga­ni­sieren, Komitees gründen und zur theo­re­ti­schen Wei­ter­bildung zu Marx und anderen Theo­re­ti­ke­rinnen und Theore­tikern der Arbei­ter­be­wegung greifen.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​2​0​/​5​4​0​3​8​.html

Peter Nowak