Gute Taten für die Propaganda

Rechte Gruppen sammeln für Obdachlose und hetzen gegen Flücht­linge

Der Verein »Dresdner Bürger helfen Dresdner Obdach­losen e.V.« trägt nicht zufällig gleich zweimal den Namen der säch­si­schen Stadt in seinem Namen. Wer ein »Dresdner Obdach­loser« ist – davon hat man offenbar ras­sis­tische Vor­stel­lungen, auch wenn man das gegenüber Medien nicht zugeben will.

In der Satzung des Vereins heißt es: »Der Verein Dresdner Bürger helfen Dresdner Obdach­losen und Bedürf­tigen e.V. unter­stützt Dresdner Obdachlose und Bedürftige.« Auf Nach­frage stellt Ver­eins­gründer Ingo Knajder klar, dass dar­unter auch Dresdner mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund fallen. Doch als ein Reporter der Wochen­zeitung »Die Zeit« wissen will, ob auch in Dresden lebende Geflüchtete von seinem Verein Unter­stützung bekommen, will sich Knajder nicht fest­legen. Das über­rascht nicht. Denn nach Recherchen der »Zeit« sind die Gründer des Vereins fest in der rechten Szene und bei Pegida ver­ankert. Knajder selbst sei Admi­nis­trator einer Facebook-Seite, die Dresden vor »Islam-Toleranz-Roman­tikern, Gut­men­schen-Spinnern und Deutschland-Hassern« schützen will.

Hilfe für woh­nungs- und obdachlose Men­schen ist gerade in der kalten Jah­reszeit dringend not­wendig. Doch zunehmend drängen Rechte in die Obdach­lo­sen­hilfe, um ver­meint­liche Wohl­taten für ihre Pro­pa­ganda zu ver­werten. Auf rechten Inter­net­seiten werden dann Bilder von bet­telnden Men­schen gepostet, um die Frage zu stellen, warum für sie kein Geld da sei, während es für Flücht­linge aus­ge­geben werde.

Es ist genauso wie mit Frau­en­rechten. Die ent­decken Rechte auch immer dann, wenn sie tat­sächlich oder ver­meintlich von Männern aus ara­bi­schen und afri­ka­ni­schen Ländern ver­letzt werden. Dann gerieren sie sich als Vor­kämp­fe­rInnen gegen den angeblich aus diesen Regionen expor­tierten Sexismus. Obdach- und Woh­nungslose haben Rechte auch nur ent­deckt, um sie gegen Geflüchtete und Migran­tInnen aus­zu­spielen.

Frieder Kraus von der Ber­liner Obdach­lo­sen­hilfe e.V. beob­achtet in Berlin seit Jahren Ver­suche von Rechten, sich als Helfer für deutsche Bedürftige auf­zu­spielen. Dazu gehörte die Initiative »Salz und Licht«, die sich den Zusatz »Obdach­lo­sen­hilfe Mau­erpark« gab.

Auf ihrer Facebook-Seite wurde im Oktober 2015 ein Foto mit einer klaren Posi­tio­nierung gepostet: »Dieses Haus pflegt die deutsche Kultur. Heute ist Refor­ma­ti­onstag und kein Hal­loween«. Solche Töne würde man bei­spiels­weise auf der Online­präsenz der Initiative Brot für Berlin e.V. nicht finden. Sie ver­meidet poli­tische Stel­lung­nahmen.

Der für Brot für Berlin e.V. im Register ein­ge­tragene Kevin Eichelbaum hat noch 2016 für die mitt­ler­weile auf­ge­löste rechts­po­pu­lis­tische Bür­ger­be­wegung Pro Deutschland bei den Wahlen zum Ber­liner Abge­ord­ne­tenhaus kan­di­diert. Laut einer Schrift der Linken Medi­en­aka­demie (LiMA) fun­gierte Eichelbaum zeit­weilig sogar als Bun­des­ge­schäfts­führer von Pro Deutschland.

Der Publizist und Autor Lucius Tei­delbaum pro­gnos­ti­ziert, dass sich das Interesse der rechten Szene an Woh­nungs- und Obdach­losen bald wieder legen wird. Er hat sich mit dem Hass auf Obdachlose in der rechten Szene befasst und darüber im Unrast-Verlag ein Buch mit dem Titel »Obdach­lo­senhass und Sozi­al­dar­wi­nismus« ver­öf­fent­licht.

Tei­delbaum betreut das »Ber­berinfo«, ein Blog für Straße und Leben. Dort werden Bet­tel­verbote ebenso kri­ti­siert wie andere Formen der Dis­kri­mi­nierung von Woh­nungs- und Obdach­losen. Auch an von rechten Tätern ermordete Obdachlose wird auf »Ber­berinfo« erinnert. Etwa Dieter Eich, den Neo­nazis im Mai 2000 in Berlin-Buch erst brutal ver­prü­gelten und dann erstachen. Oder Günther Schwan­necke, der in Berlin-Char­lot­tenburg von Rechten erschlagen wurde, als er zwei zuvor von ihnen ange­griffene Stu­die­rende ver­tei­digte.

Ein Grund mehr, Rechten nicht zu erlauben, die Obdach­lo­sen­hilfe für sich zu instru­men­ta­li­sieren. Erst Ende Dezember hatte die Ber­liner Obdach­lo­sen­hilfe eine Spende von Kla­motten ablehnen müssen – auf den Kleidern befanden sich rechte Symbole und Sprüche.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​7​5​8​4​9​.​g​u​t​e​-​t​a​t​e​n​-​f​u​e​r​-​d​i​e​-​p​r​o​p​a​g​a​n​d​a​.html

Peter Nowak

Ist die Zahl der Morde mit Neonazi-Hintergrund wesentlich höher?

Polizei: eine Aktenrevision offenbart neue Zahlen rechter Gewalttaten. Wie blind war man zuvor, wie blind ist man noch?

Vor einigen Tagen ging eine Meldung durch die Medien, die auf­horchen lässt. Danach kann die Zahl der Tötungs­de­likte mit neo­na­zis­ti­schem Hin­ter­grund wesentlich größer sein, als bisher in der Öffent­lichkeit behauptet wurde. Nachdem die NSU-Morde bekannt geworden sind, durch­forstete die Polizei in Bund und Ländern die Archive nach unauf­ge­klärten Fällen, bei denen es keine Tat­ver­däch­tigen gibt. 3.300 Tötungs­de­likte und Tötungs­ver­suche von 1990 bis 2011 wurden noch einmal unter die Lupe genommen. Als Zwi­schen­er­gebnis wurde bekannt, dass es in 746 Fällen Anhalts­punkte für ein mög­liches rechtes Tat­motiv gibt.

Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass in so vielen Fällen die rechten Motive nicht erkannt wurden. Ist das nicht ein Beweis dafür, dass die Polizei und die Justiz auf dem rechten Auge blind waren? Die Kritik am Ver­schweigen der rechten Hin­ter­gründe bei Kri­mi­nal­fällen wird von zivil­ge­sell­schaft­lichen Initia­tiven seit Jahr­zehnten moniert. Dazu gehören die Macher der Inter­net­plattform »Mut gegen rechte Gewalt«.

Sie haben nach genauen Nach­for­schungen 184 Tote durch Neo­nazis von 1990 bis 2011 in Deutschland auf­ge­listet. Die Sicher­heits­be­hörden gehen noch immer von 63 Todes­opfern aus. Es waren vor allem enga­gierte Jour­na­listen wie Heike Kleffner und Frank Jansen, die bereits vor 10 Jahren in einer akri­bisch recher­chieren Doku­men­tation nach­ge­wiesen haben, wie staat­liche Stellen den rechten Hin­ter­grund zahl­reicher Morde igno­rierten.

Nazimord im Altersheim?

In der Liste der Initiative »Mut gegen rechte Gewalt« werden die staatlich aner­kannten Neo­na­zi­morde gesondert ver­merkt. Der Tod des deutsch-ägyp­ti­schen Schau­spielers Jeff Dominiak, der von einem rechten Skinhead auf einem gestoh­lenen Motorrad über­fahren und tödlich ver­letzt wurde, gehört nicht dazu. Vor Gericht wurde der Täter wegen fahr­läs­siger Tötung zu einer Jugend­strafe von zwei Jahren und neun Monaten ver­ur­teilt.

Auch der Tod des 92-jäh­rigen Alfred Salomon ist nicht offi­ziell als von einem Nazi ver­ur­sacht aner­kannt. Der Holo­caust-Über­le­bende traf in einem Altenheim in Wülfrath auf einen ehe­ma­ligen Ober­sturm­führer der Orga­ni­sation Todt. Er beschimpfte und schlug Solomon wegen seiner jüdi­schen Her­kunft. Der starb dar­aufhin an einem Herz­in­farkt.

Seit einigen Monaten wird der Tod des Künstlers Günther Schwan­necke auch offi­ziell in ein mah­nendes und den Mann wür­di­gendes Licht gestellt. Der Spiel­platz, auf dem er von einem Neonazi mit einem Base­ball­schläger so schwer ver­letzt wurde, dass er wenige Stunden später starb, trägt seinen Namen. Das ist den Mühen eines Bünd­nisses ver­schie­dener anti­fa­schis­ti­scher und zivil­ge­sell­schaft­licher Gruppen zu ver­danken.

Nach dem Vorbild dieser Geden­kinitiative bemüht sich seit einigen Monaten auch in Berlin-Pankow ein Bündnis um die Errichtung eines Gedenk­steins für den am 23. Mai 2000 in seiner Wohnung von Rechten ermor­deten Dieter Eich. Bei Schwan­necke und Eich han­delte es sich um Men­schen, die schon zu Leb­zeiten an den Rand der Gesell­schaft gedrückt wurden. Solchen Men­schen wird auch nach ihren Tod, wenn sie Opfer rechter Gewalt werden, ein wür­diges Gedenken ver­weigert.

Zwei­erlei Zivil­courage

Das wird bei Günther Schwan­necke besonders deutlich. Er wurde von dem Neonazi ange­griffen, nachdem er einen Angriff auf aus­län­dische Stu­die­rende durch eine Gruppe betrun­kener Rechter ver­hindert hatte. Die Amnesie im Fall Schwan­necke wird offen­sichtlich, wenn man den Fall mit der Reaktion auf den Tod von Dominik Brunner ver­gleicht .

Brunner wurde am 12. Sep­tember 2009 in der Münchner S-Bahn Zeuge, wie Schüler von drei betrun­kenen Jugend­lichen belästigt wurden. Sie ver­langten von ihnen die Her­ausgabe ihrer Handys und Geld. Brunner stellte sich vor die bedrohten Schüler und wollte die Jugend­lichen der Polizei über­geben. Nachdem er einem von ihnen ins Gesicht geschlagen hatte, kam es zu einer kör­per­lichen Aus­ein­an­der­setzung, bei der Brunner zusam­men­brach und starb.

Obwohl sich bald her­aus­stellte, dass die Todes­ur­sache ein Herz­in­farkt war und kein Base­ball­schläger benutzt wurde, war er für einen großen Teil der Öffent­lichkeit und der Bou­le­vard­medien ein Held. »Nach dem Mord an einem cou­ra­gierten Bürger ist das Land berührt und fragt, wie die Täter derart ver­rohen konnten«, schrieb der Tages­spiegel.

Zum Zeit­punkt von Brunners Beer­digung standen die S- und U-Bahnen in München für eine Gedenk­minute still. Brunner wurde posthum mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz, dem Baye­ri­schen Ver­dienst­orden und dem XY-Preis für Zivil­courage aus­ge­zeichnet. Die Zivil­courage des Günther Schwan­necke aber wurde erst vor einigen Monaten durch eine zivil­ge­sell­schaft­liche Initiative gewürdigt.

Auch wenn nun die Polizei jetzt damit begonnen hat, ihre Akten nach den braunen Hin­ter­gründen mancher unauf­ge­klärter Ver­brechen zu durch­forsten, so dürfte auch damit die ganze Dimension der rechten Gewalt nicht auf­ge­klärt werden. Das wird schon durch die Beschränkung auf die Tötungs­ver­brechen ohne bekannte Täter deutlich.

Denn es gibt auch Ver­brechen mit bekannten und oft auch zu geringen Strafen ver­ur­teilten Tätern, die nicht als Tat von Neo­nazis aner­kannt wurden. Die Todes­fälle Jeff Dominiak und Alfred Solomon sind da keine Ein­zel­fälle. Auch Dorit Botts würde wei­terhin nicht als Opfer rechter Gewalt aner­kannt, wenn die Kri­terien der Akten­durch­forstung durch die Polizei nicht ver­ändert worden wären.

Der Mörder der Laden­in­ha­berin eines Military Shops in der Fuldaer Innen­stadt ist bekannt und ver­ur­teilt worden. Nach der Recherche von Jour­na­listen war der Mord an der Geschäftsfrau ein Auf­nah­me­ritual in eine neo­na­zis­tische heid­nische Orga­ni­sation. Zivil­ge­sell­schaft­liche Initia­tiven in Fulda wollen nun immer an Botts Todestag dafür ein­treten, dass der Nazi­hin­ter­grund ihrer Ermordung auch offi­ziell aner­kannt wird.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​8​/​1​55456

Peter Nowak

Links

[1]

https://​www​.mut​-gegen​-rechte​-gewalt​.de/​n​e​w​s​/​c​h​r​o​n​i​k​-​d​e​r​-​g​e​w​a​l​t​/​t​o​d​e​s​o​p​f​e​r​-​r​e​c​h​t​s​e​x​t​r​e​m​e​r​-​u​n​d​-​r​a​s​s​i​s​t​i​s​c​h​e​r​-​g​e​w​a​l​t​-​s​e​i​t​-1990

[2]

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010–09/todesopfer-rechte-gewalt

[3]

http://​www​.opfer​fonds​-cura​.de/​z​a​h​l​e​n​-​u​n​d​-​f​a​k​t​e​n​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​e​n​/​m​a​i​/​j​e​f​f​-​d​o​m​iniak

[4]

http://​www​.opfer​fonds​-cura​.de/​z​a​h​l​e​n​-​u​n​d​-​f​a​k​t​e​n​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​e​n​/​n​o​v​e​m​b​e​r​/​a​l​f​r​e​d​-​s​a​lomon

[5]

http://​www​.opfer​fonds​-cura​.de/​z​a​h​l​e​n​-​u​n​d​-​f​a​k​t​e​n​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​e​n​/​a​u​g​u​s​t​/​g​u​e​n​t​e​r​-​s​c​h​w​a​n​n​ecke/

[6]

http://​guen​ter​schwan​necke​.blog​sport​.eu/

[7]

http://​nie​man​distver​gessen​.blog​sport​.eu/

[8]

http://​www​.tages​spiegel​.de/​b​e​r​l​i​n​/​g​e​d​e​n​k​e​n​-​v​o​r​-​z​e​h​n​-​j​a​h​r​e​n​-​v​o​n​-​r​e​c​h​t​s​r​a​d​i​k​a​l​e​n​-​e​r​m​o​r​d​e​t​-​d​i​e​t​e​r​-​e​i​c​h​/​1​8​4​4​1​9​8​.html

[9]

http://​www​.tages​spiegel​.de/​m​e​i​n​u​n​g​/​h​e​r​z​v​e​r​s​a​g​e​n​-​d​o​m​i​n​i​k​-​b​r​u​n​n​e​r​-​d​e​r​-​p​r​o​v​o​z​i​e​r​t​e​-​h​e​l​d​/​1​8​8​7​5​9​8​.html

[10]

http://​www​.tages​spiegel​.de/​m​e​i​n​u​n​g​/​h​e​r​z​v​e​r​s​a​g​e​n​-​d​o​m​i​n​i​k​-​b​r​u​n​n​e​r​-​d​e​r​-​p​r​o​v​o​z​i​e​r​t​e​-​h​e​l​d​/​1​8​8​7​5​9​8​.html

[11]

http://​www​.dominik​-brunner​-stiftung​.de/

[12]

http://​www​.opfer​fonds​-cura​.de/​z​a​h​l​e​n​-​u​n​d​-​f​a​k​t​e​n​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​e​n​/​a​u​g​u​s​t​/​d​o​r​i​t​-​b​otts/

[13]

http://​ful​dawiki​.de/​f​d​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​t​i​t​l​e​=​N​a​z​i​a​u​f​m​arsch

Peter Nowak 

Kein Held für den Mainstream

Vor 21 Jahren schützte Günter Schwann­ecke in Berlin eine Gruppe Stu­die­render vor einem ras­sis­ti­schen Angriff. Anschließend wurde er von Neo­nazis ermordet.

Seit wenigen Wochen ist im Ber­liner Stra­ßen­ver­zeichnis ein neuer Name an einem unge­wöhn­lichen Ort zu finden. Ende August wurde ein Spiel­platz im Stadtteil Char­lot­tenburg nach Günter Schwan­necke benannt. Auf einer Tafel gibt es Infor­ma­tionen über den Namens­geber: »Auf diesem Platz wurde der Ber­liner Kunst­maler Günter Schwan­necke am 29.08.1992 Opfer eines töd­lichen Angriffs durch Neo­nazis. Er starb, weil er Zivil­courage bewiesen hat. Er steht in einer Reihe unge­zählter Opfer von neo­na­zis­ti­schem Terror. Wir werden sie niemals ver­gessen.«

Einem großen Teil der Öffent­lichkeit war Schwann­ecke bisher völlig unbe­kannt. In den Sta­tis­tiken über die Opfer rechter Gewalt in Deutschland tauchte er nicht auf, die Polizei wollte keinen poli­ti­schen Hin­ter­grund erkennen. Auch beim Prozess, der vor dem Ber­liner Land­ge­richt stattfand, spielte das poli­tische Umfeld des Täters keine Rolle. Im Februar 1993 wurde der Täter wegen schwerer Kör­per­ver­letzung mit Todes­folge zu einer sechs­jäh­rigen Haft­strafe ver­ur­teilt. Dabei war er bereits kurz nach der Tat ver­haftet worden und der Hin­ter­grund des Mordes war schnell geklärt.

Schwan­necke saß am Abend des 29. August 1992 mit seinem Freund Hagen Knuth auf dem Spiel­platz auf einer Bank, als zwei Neo­nazis eine Gruppe Stu­die­render aus Sri Lanka, die Tisch­tennis spielten, anpö­belten. Sie seien Aus­länder und sollten ver­schwinden, riefen die Neo­nazis. Schwann­ecke und sein Freund ver­tei­digten die Ange­grif­fenen, die dar­aufhin fliehen konnten. Anschließend schlug einer der rechten Skin­heads mit einem Base­ball­schläger auf die beiden Männer ein. Knuth über­lebte die schweren Ver­let­zungen, die ihm bei dem Angriff zugefügt wurden. Schwan­necke starb am 5. Sep­tember 1992 an den Folgen eines Schä­del­bruchs und Hirn­blu­tungen.

Zu dieser Zeit orga­ni­sierten Anti­fa­schisten aus ganz Deutschland vor allem im Osten der Republik zum Schutz von Asyl­be­werbern Wachen vor Flücht­lings­un­ter­künften. Nur fünf Tage vor dem Mord auf dem Spiel­platz in Char­lot­tenburg hatten Neo­nazis und ein Bür­germob ein Flücht­lingsheim in Rostock-Lich­ten­hagen in Brand gesetzt, nachdem sie es tagelang belagert hatten. Die Bilder der ver­ängs­tigten Men­schen, die sich in letzter Minute vor den Flammen auf das Dach retten konnten, waren tagelang im Fern­sehen zu sehen.

Im Prozess stellte sich heraus, dass die beiden rechten Skin­heads davon ani­miert wurden, sie wollten in Char­lot­tenburg ihren spe­zi­ellen Beitrag für ein aus­län­der­freies Deutschland leisten. Nachdem die Stu­die­renden aus Sri Lanka hatten fliehen können, schlugen die Neo­nazis auf die beiden Männer ein, die sich schützend vor sie gestellt hatten. »Die Wut der Skin­heads hatte sich weiter gesteigert, weil ihre ursprüng­lichen Opfer fort waren. Sie suchten sich sofort neue«, schrieb die Günter-Schwan­necke-Geden­kinitiative in einem Beitrag. Diesem Bündnis aus Anti­fa­schisten und linken Jugend­gruppen ist es zu ver­danken, dass nach 21 Jahren doch noch an Günter Schwan­necke erinnert wird.

Zum 20. Jah­restag seines Todes ver­öf­fent­lichte das Bündnis eine Pres­se­mit­teilung mit dem Titel »Das war Mord! Was heute vor 20 Jahren geschah«, in der das Geschehen beschrieben wird. An einer von der Initiative orga­ni­sierten Tat­ort­be­sich­tigung im November 2012 betei­ligte sich auch Marc Schulte (SPD), der Bezirks­bau­stadtrat von Char­lot­tenburg-Wil­mersdorf. Er hielt bei der Ein­weihung des Günter-Schwan­necke-Spiel­platzes eine Rede. Im Gespräch mit der Jungle World betonte er, dass er es erfreulich finde, dass sämt­liche in der Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­sammlung Char­lot­tenburg-Wil­mersdorf ver­tre­tenen Par­teien von der CDU bis zur Links­partei für die Namens­gebung stimmten.

Schulte sprach auch den Grund an, warum der Ermordete 21 Jahre beinahe unbe­kannt geblieben ist. »Das lag sicher daran, dass Schwan­necke keine bür­ger­liche Main­stream-Bio­graphie hatte. Er war zeit­weise ein bekannter Künstler. In den letzten Jahren seines Lebens aber war er obdachlos.«

Tat­sächlich ist das Schweigen über den Tod Schwan­neckes auch dann unver­ständlich, wenn man die durch Polizei und Justiz voll­zogene Aus­blendung der rechten Gesinnung des Täters in Rechnung stellt. Denn eigentlich hätten sich Schwann­ecke und dessen Freund Knuth als Men­schen, die sich gewalt­be­reiten Jugend­lichen ent­ge­gen­stellten und dabei selbst zu Opfern wurden, der Sym­pathie der deut­schen Öffent­lichkeit und ihrer Leit­medien sicher sein können.

Die Amnesie im Fall Schwan­necke wird besonders offen­sichtlich, wenn man den Fall mit der Reaktion auf den Tod von Dominik Brunner ver­gleicht. Brunner wurde am 12. Sep­tember 2009 in der Münchner S-Bahn Zeuge, wie Schüler von drei betrun­kenen Jugend­lichen belästigt wurden. Sie ver­langten von ihnen die Her­ausgabe ihrer Handys und Geld. Brunner stellte sich vor die bedrohten Schüler und wollte die Jugend­lichen der Polizei über­geben. Nachdem er einem von ihnen ins Gesicht geschlagen hatte, kam es zu einer kör­per­lichen Aus­ein­an­der­setzung, bei der Brunner zusam­men­brach und starb. Obwohl sich bald her­aus­stellte, dass die Todes­ur­sache ein Herz­in­farkt war und kein Base­ball­schläger benutzt wurde, war er für einen großen Teil der Öffent­lichkeit und der Bou­le­vard­medien ein Held. »Nach dem Mord an einem cou­ra­gierten Bürger ist das Land berührt und fragt, wie die Täter derart ver­rohen konnten«, schrieb der Tages­spiegel.

Zum Zeit­punkt von Brunners Beer­digung standen die S- und U-Bahnen in München für eine Gedenk­minute still. Brunner wurde posthum mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz, dem Baye­ri­schen Ver­dienst­orden und dem XY-Preis für Zivil­courage aus­ge­zeichnet. Eine Stiftung trägt seinen Namen. Der Haupt­täter wurde wegen Mordes ver­ur­teilt, die Ent­scheidung wurde vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bestätigt. In der nach seinem Tod geführten Law-and-Order-Debatte wurde Brunner zum Helden, der starb, weil er gewalt­tätige Jugend­liche in die Schranken weisen wollte. In kaum einen Artikel fehlte der Hinweis, dass Brunner Manager eines mit­tel­stän­di­schen Unter­nehmens war, während die Jugend­lichen keine Aus­bildung hatten. Manche wollten die in Deutschland gebo­renen jungen Männer am liebsten in die Hei­mat­länder ihrer Eltern abschieben.

Dagegen wurde die Zivil­courage von zwei obdach­losen Männern, die sich Ras­sisten ent­ge­gen­stellten, von Polizei, Justiz und den Medien igno­riert. Dass sozial aus­ge­grenzte Men­schen häufig Opfer rechter Gewalt werden, belegt auch der Fall des im Mai 2000 von vier Neo­nazis in seiner Wohnung in Berlin-Buch ermor­deten Erwerbs­losen Dieter Eich. Die Täter brüs­teten sich später damit, einen »Assi abge­stochen« zu haben. Die Arbeit eines anti­fa­schis­ti­schen Bünd­nisses ver­hin­derte, dass Eich ver­gessen wurde. Es orga­ni­siert jährlich zum Todestag eine Demons­tration zum Gedenken. Bei Ver­an­stal­tungen und in Bro­schüren weist das Bündnis darauf hin, dass es in der Gesell­schaft weit ver­breitet ist, den Wert des Men­schen an seiner Lohn­arbeit zu messen, in der Gesell­schaft weit ver­breitet ist. Die Initiative »Niemand ist ver­gessen« plant die Errichtung eines »Buchs der sozialen Aus­grenzung« in der Nähe des Tatorts. Damit soll an Dieter Eich erinnert werden, aber auch auf die tief ver­wur­zelte Ablehnung von Armen in der Gesell­schaft hin­ge­wiesen werden, die für seinen Tod ver­ant­wortlich war.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​3​/​3​8​/​4​8​4​9​8​.html

Peter Nowak

Nach 21 Jahren anerkannt?

Marc Schulte ist SPD-Bezirks­bau­stadtrat von Char­lot­tenburg-Wil­mersdorf

nd: Warum haben Sie in Berlin einen Spiel­platz in Char­lot­tenburg nach Günter Schwan­necke benannt?

Schulte: An diesem Ort wurde Herr Schwan­necke am 29. August 1992 von zwei rechten Skin­heads so schwer ver­letzt wurde, dass er wenige Tage später im Kran­kenhaus starb. Wir haben ihm an seinem 21. Todestag in einer sehr wür­de­vollen Weise gedacht. Ein guter Bekannter von ihm hat eine alte Zeichnung von Schwan­necke mit­ge­bracht, die an dem Gedenk­stein ange­bracht wurde. Sehr wichtig finde ich auch, dass sämt­liche im Bezirks­par­lament ver­tre­tenen Par­teien von der CDU bis zur Linken an dem Gedenken teil­ge­nommen haben.

nd: Wie hat sich das Ver­brechen zuge­tragen?
Schulte: Günter Schwan­necke saß mit seinem Freund Hagen Knuth auf dem Spiel­platz auf einer Bank, als die beiden Neo­nazis Migranten anpö­belten und ver­treiben wollte. Sie griffen ein und ver­tei­digten die Migranten, die darauf hin fliehen konnten. Danach schlugen einer der Rechten mit einem Base­ball­schläger auf die beiden ein. Hagen Knuth über­lebte, doch Günter Schwan­necke starb am 5. Sep­tember 1992 an den Folgen von Schä­del­bruch und Hirn­blu­tungen. Er musste sterben, weil er Zivil­courage gezeigt hatte.
nd: Warum dauerte es 21 Jahre, bis die Ehrung erfolgte?
Schulte: Herr Schwan­necke wurde nicht als Opfer rechter Gewalt aner­kannt, weil bei der Tat keine rechten Parolen gerufen und kein Hit­lergruß gezeigt wurde. Der Täter wurde wegen Kör­per­ver­letzung mit Todes­folge zu einer sechs­jäh­rigen Haft­strafe ver­ur­teilt. Dabei wurde während des Pro­zesses das neo­na­zis­tische Umfeld des Täters bekannt. Nur fünf Tage vor dem Angriff auf Schwan­necke fanden in Rostock-Lich­ten­hagen die mehr­tä­gigen Angriffe auf Flücht­lings­heime statt.
nd: Warum wurde über den Tod von Schwan­necke kaum bekannt, während Dominik Brunner, der bei wegen seines Ein­schreitens gegen gewalt­tätige Jugend­liche ohne poli­ti­schem Hin­ter­grund in München ums Leben kam, bun­desweit geehrt wurde?
Schulte: Das lag sicher daran, dass Schwan­necke keine bür­ger­liche Main­stream-Bio­graphie hatte. Er war zeit­weise ein bekannter Künstler. In den letzten Jahren seines Lebens aber war er obdachlos.
nd: Wer hat sich für das Gedenken ein­ge­setzt?
Schulte: Es hat sich die Günther Schwan­necke-Initiative gegründet, in der anti­fa­schis­tische Initia­tiven, Jugend­gruppen, die SPD, die Piraten und die Linke mit­ar­beiten. Die Initiative hat unter unter schwan​necke​.blog​sport​.eu einen Inter­net­auf­tritt gestaltet, auf dem über das Leben von Schwan­necke infor­miert wird. Er soll nicht nur als Nazi­opfer sondern auch seine Bio­graphie gewürdigt werden. Dabei sollen auch die Brüche in seinem Lebenslauf deutlich werden.
nd: Sind nach der Gedenk­ver­an­staltung weitere Aktionen geplant?
Schulte.: Mit der Namens­gebung und dem Auf­stellen des Gedenk­steines ist ein wich­tiger Schritt gemacht. Aber es wird auch in Zukunft weitere Aktionen geben, um an Schwan­necke zu erinnern. So gibt es in der Geden­kinitiative die Über­legung, im nächsten Jahr einen Apfelbaum auf dem Spiel­platz anzu­pflanzen. Damit soll der Gedenkort wür­diger gestaltet werden.
nd: Hat für Sie die Ehrung auch eine aktuelle poli­tische Bedeutung?
Schulte: Natürlich. Wenn ich sehe, wie in den letzten Wochen wieder rechte Sprüche gegen die Errichtung von Flücht­lings­un­ter­künften geschwungen werden, finde ich sehr wichtig, hier einen Mann zu gedenken, der Zivil­courage gegen rechts gezeigt hat.
https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​8​3​1​8​8​2​.​n​a​c​h​-​2​1​-​j​a​h​r​e​n​-​a​n​e​r​k​a​n​n​t​.html
Interview: Peter Nowak