Wer von Glyphosat redet, darf von Kapitalismus nicht schweigen

Ein CSU-Minister als Ver­treter der Land­wirt­schafts­in­dustrie gegen eine Öko­ka­pi­ta­listin mit SPD-Par­teibuch. So stellte sich Ende November die Aus­ein­an­der­setzung zur Ver­län­gerung der Gly­phosat-Zulassung in der EU da. Doch diese Per­so­ni­fi­zierung ver­stellt den Blick darauf, dass in einer Gesell­schaft, in der der Profit das Maß aller Dinge ist, eben nicht die Frage der Gesundheit an erster Stelle steht. Davon berichtet sehr kennt­nis­reich der Leiter der For­schungs­stelle Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen Wolfgang Hien in seinen im VSA-Verlag erschie­nenen Buch „Kranke Arbeitswelt“.
Hien erinnert noch einmal an die Asbest-Kata­strophe, die eigent­lichen besser als Kri­mi­nalfall bezeichnet wird. Motiv: Pro­fit­stei­gerung, Täter: Ver­treter aus Wirt­schaft, Politik und Arbeits­me­dizin, gedeckt wurden sie von DGB-Vor­ständen und jenen Teil der Lohn­ab­hän­gigen, die für einen Arbeits­platz über Leichen gehen.
„Leider muss zugleich fest­ge­halten werden, dass auch füh­rende Gewerk­schaftler und viele Betriebsräte sich damals der Meinung anschlossen, ganz einfach auch deshalb, weil sie um ihre Arbeits­plätze fürch­teten“, schreibt Hien. Er zeigt auch, mit welch harten Ban­dagen im wahrsten Sinne des Wortes auch unter Lohn­ab­hän­gigen für die Arbeit mit gesund­heits­schäd­lichen Mate­rialen gekämpft wurde. Da wurde schon mal einen oppo­si­tio­neller Betriebsrat nicht nur verbal sondern auch kör­perlich atta­ckiert. Hien erinnert aber auch daran, wie in Italien Lohn­ab­hängige gemeinsam mit Akti­vis­tInnen der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken gegen gesund­heits­ge­fähr­dende Arbeits­be­din­gungen aktiv geworden sind. Und er erinnert an oppo­si­tio­nelle Gewerk­schaf­te­rInnen wie die Echolot-Gruppe in der deut­schen Che­mie­in­dustrie, die auch von den DGB-Gewerk­schaften nicht unter­stützt wurde.

Dabei geht es nicht um mora­lische Kritik. Das Klein­bür­gertum in ihren Öko­stadt­teilen hat nun wahrlich keine Ver­an­lassung, sich über Lohn­ab­hängige zu mokieren, die angeblich zu dumm seien, um sich vor gesund­heits­schäd­lichen Arbeits­be­din­gungen. Nein, es ist die kapi­ta­lis­tische Pro­fit­ge­sell­schaft, die Men­schen so zurichtet, dass sie für einen Arbeits­platz ihre Gesundheit zu rui­nieren bereit sind. Hien jeden­falls stellt das in seinem Buch ganz klar.
Er macht nicht die Opfer dafür ver­ant­wortlich. Seine Kritik richtet sich an die Wis­sen­schaft­le­rInnen, dar­unter viele Arbeits­me­di­zi­ne­rInnen, und die Wirt­schafts­ver­bände, die jah­relang gegen alle wis­sen­schaft­liche Evidenz bestritten, dass Asbest gesund­heits­schädlich ist. Hien spricht sogar davon, dass sich füh­rende Wis­sen­schaft­le­rInnen des Bun­des­ge­sund­heits­amtes von der Asbest­in­dustrie haben kaufen lassen. Eternit und andere Unter­nehmen und eben auch viele gekaufte Wis­sen­schaftler behaup­teten bis zuletzt, Asbest sei nicht oder nur gele­gentlich gesund­heits­schädlich.
Wenn man das Kapitel über den Kri­mi­nalfall Asbest und den langen Kampf liest, bis
auch die Wirt­schafts­ver­bände nicht mehr ver­hindern konnten, dass Asbest als gesund­heits­ge­fähr­dendes Material aner­kannt wurde, erinnert man sich an das Diktum von Karl Marx Für 100 Prozent Profit geht das Kapital über Leichen. Während der Kri­mi­nalfall Asbest doch noch in Erin­nerung geblieben ist, ist es Hien zu ver­danken, noch einmal auf die Arsen­ka­ta­strophe an der Mosel erinnert zu haben. Dass von BASF pro­du­ziert Insek­ten­ver­nich­tungs­mittel Arsen­trioxid ver­ur­sachte viele töd­liche Erkran­kungen. Hien zeigt auf, wie Arbeits­me­di­zi­ne­rInnen noch ver­suchten, den Opfern nach­träglich die Ent­schä­di­gungs­zah­lungen zu ver­weigern.

Heute werden die Gesund­heits­ge­fahren expor­tiert

Hien ist auch weit davon ent­fernt, diese Pro­bleme als nicht mehr aktuell dar­zu­stellen. Im Gegenteil wird heute das Gesund­heits­problem aus­ge­lagert. Leih­ar­bei­te­rInnen aus Ost­europa oder dem glo­balen Süden sterben in ihren Hei­mat­ländern an den Krank­heiten, die sie sich bei gesund­heits­ge­fähr­denden Arbeiten im glo­balen Norden zuge­zogen haben. Oder das Gift­ma­terial wird gleich in den glo­balen Süden expor­tiert, was Hien am Bei­spiel der Demontage von Schiffen in Asien zeigt. Wenn aber in Indien oder Afrika Men­schen an den Wohl­standsmüll aus dem glo­balen Norden sterben, erregt das längst nicht so sehr, als wenn nun das viel­leicht gele­gentlich gesund­heits­schäd­liche Gly­phosat im EU-Raum zum Einsatz kommt. Gerade das öko­ka­pi­ta­lis­tische Klein­bür­gertum empört sich nur gele­gentlich, wenn im glo­balen Süden Men­schen krank werden für den Wohl­stand im Norden. In der Debatte um das mög­li­cher­weise „gele­gentlich gesund­heits­schäd­liche“ Gly­phosat ist aber nur glaub­würdig, wer die hohe Mess­latte für mög­liche Gesund­heits­ge­fähr­dungen global anlegt. Und wer das Problem beim Namen nennt, das Kapi­ta­lismus heißt.

aus Gras­wur­zel­re­vo­lution Januar 2018

http://​www​.gras​wurzel​.net/425/
Peter Nowak

Hien Wolfgang, Kranke Arbeitswelt, VSA-Verlag, 200 Seiten, EUR 16.80 , ISBN 978–3-89965–703-6

Glyphosat: Deutsche Retourkutsche für den VW-Skandal?

Warum soll das Prinzip »im Zweifel für die Gesundheit« nicht auch bei anderen Che­mi­kalien, Medi­ka­menten und auch beim Auto­verkehr gelten?

Na also, die SPD kann sogar mal in die Politik ein­greifen und deutlich machen, dass sie nicht immer als Merkels Bett­vor­leger landet. Weil die SPD-Minister allen Druck von Wirt­schafts­lob­by­isten und Koali­ti­ons­partner wider­standen haben, musste sich Deutschland bei der Abstimmung in der EU über die erneute Zulassung des Pes­tizids Gly­phosat ent­halten. Wahr­scheinlich wird es trotzdem nicht vom Markt genommen.

Jetzt muss erst einmal ein Ver­mitt­lungs­aus­schuss einen Kom­promiss finden. Kommt es nicht dazu, kann die EU-Kom­mission immer noch in eigener Regie die Zulassung geneh­migen. Nur kann die SPD dann im Wahl­kampf sagen, es liegt an der EU, wenn das Pes­tizid wei­terhin Ver­wendung findet. Lob bekommt die SPD für ihre Haltung aus grü­nen­nahen Kreisen. So schrieb[1] der für die Land­schaft zuständige Taz-Redakteur Jost Maurin:

Dieses Mal haben sie uns nicht ver­raten, die Sozi­al­de­mo­kraten. Dank ihres Vetos ent­hielt sich Deutschland am Montag bei der EU-Abstimmung über eine neue Zulassung für das unter Krebs­ver­dacht ste­hende Pes­tizid Gly­phosat. Da nicht die nötige Mehrheit für den Unkraut­ver­nichter zustande kam, steigt die Wahr­schein­lichkeit, dass die Erlaubnis Ende Juni aus­läuft. Und das ist gut so.

Dabei fällt zunächst auf, dass Maurin gar nicht erwähnt, dass die EU-Kom­mission eine Erlaubnis für das Pes­tizid erlassen kann.

Keine ein­deu­tigen wis­sen­schaft­lichen Urteile

Für einen wis­sen­schaft­lichen Laien ist es nicht einfach, sich ein Urteil darüber zu bilden, wie gesund­heits­schädlich das inkri­mi­nierte Pes­tizid nun tat­sächlich ist. Es gibt darüber in der Wis­sen­schaft selber auch noch keine abschlie­ßenden Urteile[2]. Es kann also nicht aus­ge­schlossen werden, dass Gly­phosat in bestimmten Fällen tat­sächlich krebs­er­regend ist.

Der Grundsatz »im Zweifel für die Gesundheit« ist auch grund­sätzlich gut. Doch dann wäre zu fragen, warum wird in der Debatte gleich in meh­rerlei Hin­sicht mit zwei­erlei Maß gemessen?

So wurde Gly­phosat jah­relang bei der Bekämpfung des Coca­anbaus in Kolumbien ein­ge­setzt[3]. Obwohl viele Dorf­be­wohner in den mit dem Pes­tizid besprühten Gebieten jah­relang über Gesund­heits­schäden klagten, wurde das Problem lange Zeit igno­riert. Im letzten Jahr wurde die Ver­wendung von Gly­phosat mit Verweis auf die Berichte über die Krebs­gefahr auch in Kolumbien untersagt[4].

Müssten nicht die­je­nigen, die von der Gesund­heits­schäd­lichkeit des Pes­tizids über­zeugt sind, fordern, dass die Men­schen, die mit dem Stoff in Ver­bindung gekommen sind, medi­zi­nisch unter­sucht werden? Schließlich gibt es keinen Grund anzu­nehmen, dass Gly­phosat nur für Europäer krebs­er­regend ist.

Müsste nicht das Auto­fahren massiv ein­ge­schränkt werden?

Es gibt aber auch die Dop­pel­stan­dards im Inland. Müssten nicht eine Menge wei­terer Pes­tizide und anderer che­mi­scher Pro­dukte vom Markt genommen werden, wenn bei ihnen die gleichen Maß­stäbe angelegt würden, wie es jetzt von den Kri­tikern bei Gly­phosat getan wird? Und noch wich­tiger: Wenn das Prinzip »im Zweifel für die Gesundheit«, das die SPD jetzt im Fall von Gly­phosat anwenden will, auch für die Beur­teilung des Auto­ver­kehres gelten würde, würden die Straßen und Auto­bahnen wieder zu Zonen des Lebens.

Die Gesund­heits­schäd­lichkeit von erhöhten Fein­staub­werten ist, anders als beim Gly­phosat, ein­deutig erwiesen[5]. Wie­derholt hat die EU-Kom­mission die deutsche Politik gerügt[6], weil sie zu wenig zur Ver­min­derung des Fein­staubs unter­nimmt.

Da stellt sich doch die Frage, warum beschäftigt Gly­phosat seit Wochen die deutsche Politik und die SPD bleibt sogar standhaft bei ihrem Nein? Warum aber gibt es von keiner Partei einen ähn­lichen Wider­stand gegen den gesund­heitlich viel gefähr­li­cheren Fein­staub? Geht es bei der großen Aversion gegen Gly­phosat in Deutschland also nicht um andere Gründe als die Angst vor den Gesund­heits­schäden? Ist Gly­phosat deshalb so unbe­liebt, weil es kein Produkt »Made in Germany« ist, sondern von Mon­santo pro­du­ziert wird, das meistens in kri­ti­scher Absicht mit dem Adjektiv berüch­tigter Gentech-Konzern[7] belegt wird?

Nun gibt es sicher viele Gründe für Kritik an Mon­santo. Warum wird dann aber der Bayer-Konzern in den Medien nicht eben­falls immer mit dem Adjektiv »berüchtigt« belegt? Die Dis­kus­sionen um die geplante Über­nahme von Bayer durch Mon­santo in Deutschland machten deutlich, dass mehr­heitlich nicht über die Fusion von zwei kri­tik­wür­digen Kon­zernen geredet wurde, deren Pro­dukte unter gesell­schaft­licher Kon­trolle auf ihre Gesund­heits­schäd­lichkeit und Nütz­lichkeit unter­sucht werden müssen.

Die Über­nahme-Dis­kussion wurde häufig so dar­ge­stellt, als würde das »berüch­tigte Mon­santo« das deutsche Tra­di­ti­ons­un­ter­nehmen Bayer über­nehmen wollen. Es blieb Initia­tiven wie der Coör­di­nation gegen Bayer-Gefahren[8] über­lassen, auch an die spe­zi­fi­schen deut­schen Tra­di­tionen des Bayer-Kon­zerns zu erinnern, die bei Über­le­benden des NS-Regimes noch sehr lebendig sind[9].

So wird man den Ver­dacht nicht los, dass die Gly­phosat-Debatte eine deutsche Retour­kutsche auf den VW-Skandal in den USA ist. Schließlich haben die US-Behörden damit all jene bla­miert, die die USA immer als Wüste in Sachen Umwelt­schutz brand­marken wollen. Als nun VW als großer Umwelt­sünder mit kri­mi­neller Energie bloß­ge­stellt wurde, spielten bei den US-Behörden sicherlich ebenso Stand­ort­in­ter­essen eine Rolle wie jetzt bei der Aversion gegen Gly­phosat in Deutschland.

So wurde wohl in beiden Fällen aus frag­wür­digen Gründen Ent­schei­dungen getroffen, die an sich begrü­ßenswert sind. Denn die Welt wäre sicher in öko­lo­gi­scher und gesund­heit­licher Hin­sicht ohne Gly­phosat und mani­pu­lierten VWs eine bessere.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​8​/​4​8​4​5​9​/​1​.html

Anhang

Links

[1]

http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2016–06/37605354-taz-taz-kommentar-von-jost-maurin-zu-glyphosat-abstimmung-spd-ist-ausnahmsweise-standhaft-007.htm

[2]

http://​www​.bfr​.bund​.de/​c​m​/​3​4​3​/​b​f​r​-​z​u​a​r​b​e​i​t​-​i​m​-​e​u​-​g​e​n​e​h​m​i​g​u​n​g​s​v​e​r​f​a​h​r​e​n​-​v​o​n​-​g​l​y​p​h​o​s​a​t​-​a​b​g​e​s​c​h​l​o​s​s​e​n.pdf

[3]

http://​www​.alja​zeera​.com/​n​e​w​s​/​a​m​e​r​i​c​a​s​/​2​0​1​3​/​1​0​/​c​o​l​o​m​b​i​a​-​c​h​e​m​i​c​a​l​-​s​p​r​a​y​i​n​g​-​f​u​r​o​r​-​c​o​n​t​i​n​u​e​s​-​2​0​1​3​1​0​2​9​1​0​2​7​4​1​1​1​3​2​.html

[4]

http://​www​.bbc​.com/​n​e​w​s​/​w​o​r​l​d​-​l​a​t​i​n​-​a​m​e​r​i​c​a​-​3​2​6​77411

[5]

http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2015–09/luftverschmutzung-feinstaub-tote-weltweit

[6]

http://​www​.euractiv​.de/​s​e​c​t​i​o​n​/​e​n​e​r​g​i​e​-​u​n​d​-​u​m​w​e​l​t​/​n​e​w​s​/​e​u​-​k​o​m​m​i​s​s​i​o​n​-​r​u​g​t​-​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​w​e​g​e​n​-​z​u​-​h​o​h​e​r​-​f​e​i​n​s​t​a​u​b​-​b​e​l​a​s​tung/

[7]

http://​www​.zentrum​-der​-gesundheit​.de/​m​o​n​s​a​n​t​o​-​g​l​y​p​h​o​s​a​t​-​k​r​e​b​s​e​r​r​e​g​e​n​d​-​i​a​.html

[8]

http://​www​.cbgnetwork​.org/

[9]

http://www.berliner-zeitung.de/eva-mozes-kor-war-im-vernichtungslager-testperson-des-ss-arztes-josef-mengele—jetzt-verklagt-sie-die-deutsche-bayer-ag-was-hat-bayer-mit-auschwitz-zu-tun–16342110

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​8​/​4​8​4​5​9​/​1​.html

Peter Nowak