Von der Erziehung der Erzieher

Was ist sozia­lis­tische, linke, kri­tische Bildung?
Wer sich mit eman­zi­pa­to­ri­scher Bildung beschäftigt, kommt an der Geschichte der Arbei­ter­be­wegung des 20. Jahr­hun­derts nicht vorbei. Eine Bro­schüre der Rosa-Luxemburg-Stiftung widmet sich diesem Kapitel der Geschichte.

»Die Lehre von der Ver­än­derung der Umstände und der Erziehung ver­gisst, dass die Umstände von den Men­schen ver­ändert und der Erzieher selbst erzogen werden muss.« Diese berühmte Feu­er­bach­these von Karl Marx ist die Leit­linie des Gesprächs­kreises »Poli­tische Bildung der Rosa-Luxemburg-Stiftung«, der sich in einer Bro­schüre einer weit­gehend ver­ges­senen Geschichte widmet. Erinnert wird an den linken Päd­agogen Heinz-Joachim Heydorn, der als NS-Wider­stands­kämpfer in Abwe­senheit zum Tode ver­ur­teilt, in den 60er Jahren wegen seiner Ver­tei­digung des Sozia­lis­ti­schen Stu­den­ten­bundes (SDS) aus der SPD aus­ge­schlossen wurde und eine wichtige Rolle für die Bil­dungs­de­batte der Außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewegung spielte. Nicht wenige ließen sich von seinem Leit­spruch »Der Lehrer ist kein Berufs­re­vo­lu­tionär sondern revo­lu­tionär im Beruf« in ihrer Berufswahl leiten. Der Diplom­päd­agoge Torsten Feltes kommt zu dem ernüch­ternden Schluss, dass die Wirkung, die Heydorn sich mit seiner Bil­dungs­arbeit erhofft hatte, nicht erreicht wurde.

Ein ähn­liches Fazit zieht die Poli­tik­wis­sen­schaft­lerin Julika Bürgin, die sich mit der Rolle Oskar Negts in der gewerk­schaft­lichen Bil­dungs­arbeit beschäf­tigte. Mit seinem Konzept des »exem­pla­ri­schen Lernens« wollte Negt Bildung mit kon­kreten Erfah­rungen in Klas­sen­aus­ein­an­der­set­zungen ver­binden und damit eine Trans­for­mation der Gesell­schaft erreichen. »Arbei­ter­bildung wurde als Beitrag eines his­to­ri­schen Kampfes zur Ent­wicklung von Gegen­macht zur Über­windung der bestehenden Herr­schafts- und Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse kon­zi­piert«, schreibt Bürgin. Für sie ist Negts Konzept ange­sichts der grund­le­genden Ver­än­derung in der Arbeits- und Lebenswelt vieler Men­schen nach wie vor aktuell.

Auch die KPD hatte sich in der Wei­marer Republik mit Bil­dungs­kon­zepten beschäftigt, die Carsten Krinn einer kri­ti­schen aber dif­fe­ren­zierten Bewertung unter­zieht. Dass dabei das Marxsche Pos­tulat von der Erziehung der Erzieher oft zu kurz kam, lag am zen­tra­lis­ti­schen Par­tei­konzept aber auch an den schwie­rigen Bedin­gungen, unter der diese Bil­dungs­arbeit geleistet werden musste. Als einen Höhe­punkt der KPD-Bil­dungs­arbeit sieht Krinn in der Mar­xis­ti­schen Arbei­ter­schule (MASCH). Leider geht er nicht auf die Rolle ein, die Päd­agogen der frühen Sowjet­union auf die KPD-Bil­dungs­arbeit hatten. David Salomon schließlich ver­teidigt in seinem klugen Essay Bert­holds Brechts Lehr­stücke, die in vielen Feuil­letons zu Unrecht ver­rissen werden.

Janek Nig­gemann (Hrsg.): Eman­zi­pa­to­risch, sozia­lis­tisch, kri­tisch, links? Zum Ver­hältnis von (poli­ti­scher) Bildung und Befreiung, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Juni 2012, Download unter www​.rosalux​.de
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