Mit ‘Gesetz zu Zahlbarmachung von Renten aus Beschäftigung in einem Ghetto’ getaggte Artikel

Gibt’s nicht gibt’s

Mittwoch, 09. Januar 2019

Die deutsche Bürokratie erkennt die Rentenansprüche von Ghetto-Kinderarbeit nicht an.

Das deutsche Arbeitsschutzrecht kennt keine Kinderarbeit. Was eigentliche eine zivilisatorische Selbstverständigkeit sein sollte, wird von der deutschen Rentenversicherungsgesellschaft genutzt, um Kindern, die von den Nationalsozialisten in Ghettos gepfercht wurden und dort für einen Teller Suppe am Tag schuften mussten, um ihre Renten zu prellen. Betroffen sind zigtausende jüdische Ghetto-Überlebende und Roma aus Polen, die jetzt hochbetagt sind. Sie müssen nun erfahren, dass ihnen nach dem deutschen ZRBG, dem „Gesetz zu Zahlbarmachung von Renten aus Beschäftigung in einem Ghetto“ keine Leistungen zustehen. Bei den Gründen der Rentenverweigerung ist die deutsche Bürokratie sehr kreativ. Da wurde den Überlebenden der Ghettos vorgehalten, dass sie nicht 5 Jahre am Stück geschuftet haben, wie es das deutsche Sozialgesetz vorsieht.

„Nach dem Ghetto-Rentengesetz müssen die Menschen, die Anspruch erheben wollen, 60 Beitragsmonate nachweisen. Das ist für Kinder, die im Ghetto gearbeitet haben, schlicht unmöglich. Kein Ghetto hat so lange bestanden überhaupt“, brachte der wissenschaftlicher Leiter des Zentralrates der Sinti und Roma in Deutschland Herbert Heuß in einem Interviewe mit dem Deutschlandfunk die Perfide des deutschen Sozialrechts zum Ausdruck. 800 heute hochbetagte deutsche Sinti und Roma, die als Kinder in osteuropäische Ghettos deportiert wurden und die Vernichtungslager überlebten, werden so von Rentenzahlungen ausgeschlossen, schätzt Heuß. Damit setzt die deutsche Bürokratie das jahrzehntelange Spiel fort, möglich vielen Ghettoarbeitern ihre Rentenansprüche zu verweigern (siehe Konkret 6/2011). Der Sozialrichter Jan-Robert von Renesse, der ehemalige Ghettorentner bei ihren Ansprüchen unterstützte, wurde mit Anzeigen überzogen und riskierte seine Karriere. So viel hat sich nicht geändert seit den 1960er Jahren, als Fritz Bauer im Feindesland, das vor seinem Büro begann, die Naziverbrecher anklagte. 2 014 hatten die Rentenversicherungen 90 Prozent der Anträge der Ghettoarbeiter abgelehnt. Nun leben nur noch die ehemaligen Kinderarbeiter. Und die sind ja im deutschen Sozialrecht nicht vorgesehen. Angehörige der 3. Generation aus ganz Europa, deren Vorfahren NS-Verfolgungen ausgesetzt waren, haben die Initiative „Ghettorenten jetzt“ gegründet. Eine Rente für jeden Ghettoarbeiter und gegebenfalls seinen Erben. Dieser Forderung des langjährigen Grünen Politikers Volker Beck in der Jüdischen Allgemeinen kann man sich nur anschließen. Doch woher soll der Druck im wiedergutgemachten Deutschland kommen, um diese Forderung durchzusetzen?

aus: Monatsmagazin Konkret 1/2019

https://www.konkret-magazin.de/hefte/heftarchiv/id-2019/heft-12019.html

Peter Nowak