Der eigene Tee

Einst produzierten sie für Unilever, seit einem Jahr für sich. Besuch bei den Teerebellen im südfranzösischen Gémenos

Der alte Wärter über­zeugt sich gewis­senhaft, dass die Einlass begeh­rende Gruppe ange­meldet ist und alle ein Besu­cher­for­mular aus­ge­füllt haben. Erst dann öffnet er das Tor. Die Besucher müssen sich weiße Kittel und Über­schuhe anziehen, bevor sie das Gelände der Tee­beu­tel­fabrik Fralib in Gémenos am Rande von Mar­seille betreten dürfen. Seit dort die Beleg­schaft gegen den Mut­ter­konzern Uni­lever gewonnen hat, ist die kleine Fabrik zum Symbol dafür geworden, dass man auch einen Welt­konzern in die Knie zwingen kann.

Im Jahr 2011 wollte Uni­lever die Pro­duk­ti­ons­stätte der bekannten Tee­marke Lipton Ele­phant von Frank­reich nach Polen ver­lagern. Doch er hatte die Rechnung ohne die Arbeiter gemacht. Die besetzten die Fabrik und for­derten die Rück­nahme des Schlie­ßungs­be­schlusses. Zunächst wurden sie vom Management und der fran­zö­si­schen Politik belä­chelt. Doch nach 1336 Tagen waren es die Arbeiter, die lachen konnten. Der Konzern gab nach – und zahlte den Rebellen mehrere Mil­lionen Euro. »Nach fast vier Jahren Kon­flikt musste man einen Ausweg finden, damit beide Seiten ihren Weg unab­hängig von­ein­ander fort­setzen können«, begründete Uni­lever Frank­reich die Einigung. Die Beleg­schaft konnte in Eigen­regie weiter pro­du­zieren und bekam von Uni­lever eine Start­hilfe von 20 Mil­lionen Euro für die Gründung einer Genos­sen­schaft.

Nach den auf­rei­benden Kämpfen und rau­schenden Sie­ges­feiern hat der nicht immer ein­fache Alltag einer selbst­ver­wal­teten Fabrik in einem kapi­ta­lis­ti­schen Umfeld Einzug gehalten. Die Firma, die heute Scop Ti heißt, muss sich auch ohne Chef am Markt behaupten. Für die Beschäf­tigten bedeutet das zuweilen Son­der­schichten. Ein Dutzend Kol­legen stehen um eine Maschine und lassen Kartons mit Tee­beuteln immer wieder über das Fließband laufen. Kon­zen­triert ver­suchen sie, den Fehler zu finden, der dafür sorgt, dass die Ver­pa­ckungen von der Maschine ein­ge­drückt werden. »Solche Pro­bleme haben wir häufig und wir müssen die selber lösen«, sagt Henri Soler mit Stolz in der Stimme. Der End­vier­ziger hält auch nach dem Ende der Besetzung an seinen ega­li­tären Idealen fest. Gern hätte er einen Ein­heitslohn für alle Beschäf­tigten ein­ge­führt, doch der Antrag wurde von der Mehrheit der knapp 80köpfigen Beleg­schaft abge­lehnt. Es könne nicht sein, so das Gegen­ar­gument, dass ein junger Kollege, der gerade erst in der Fabrik ange­fangen hat und sich wenig für die Selbst­ver­waltung enga­giert, genau so viel ver­dient wie ein Beschäf­tigter mit jah­re­langer Erfahrung, der sich in ver­schie­denen Kom­mis­sionen an der Selbst­ver­waltung der Fabrik beteiligt. Soler bedauert die Ent­scheidung, doch sein Enga­gement ist unge­brochen. Schließlich hängt davon der Erfolg der gesamten Firma ab.

Scop Ti will euro­paweit Groß­märkte mit Tee beliefern, auch in Deutschland. Dafür mussten die Arbeiter Abstriche an ihren Vor­stel­lungen machen. Eigentlich sollten die Tees ohne Aro­ma­stoffe aus­kommen, weil sie bei Uni­lever erlebt hatten, wie die Qua­lität dar­unter leidet. Doch schnell merkten sie, dass sie vor allem im Bereich der Super­märkte Kunden ver­lieren würden. Daher wird ein Teil des Sor­ti­ments weiter mit Zusatz­stoffen geliefert.

Auf dem Fabrik­ge­lände sind die Jahre der Besetzung heute noch gegen­wärtig. Che Guevara prangt an der Wand gegenüber dem Eingang, eine Aus­stellung am Eingang des Betriebs infor­miert über die Geschichte des Arbeits­kampfes. Dort sind auch einige Tee­kartons mit den Auf­drucken aus den Beset­zungs­tagen zu sehen, die Kunden darüber auf­klärten, dass die Tee­beutel in einer selbst­ver­wal­teten Fabrik her­ge­stellt werden.

Die Zukunft sieht nicht schlecht aus für die wider­stän­digen Arbeiter. Der fran­zö­sische Prä­sident stattete der Koope­rative im Sommer einen Besuch ab, seit wenigen Monaten ist ihre eigene Marke auf dem Markt. Der Name: 1336.

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Peter Nowak